Galapagos

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Ich bin indisponiert. Seelisch. Mir geht es nicht gut, um nicht zu sagen: mir geht es nicht gut. Alles ist mir fremd und das meiste zuviel. Nicht, weil ich besonders empfindlich wäre, sondern weil es einfach zuviel ist. Viel zuviel und das beständig. Kummercanyons.
Manchmal denke ich: Jedem da draußen in der großen weiten Welt wäre das zuviel; und um mich herum sagt schon kaum jemand mehr etwas anderes als: das hört wohl nie auf bei dir.

(Wer hier bereits länger mitliest, kann an dieser Stelle getrost zu lesen aufhören und gleich zur letzten Zeile springen.
Was davor steht ist hinreichend bekannt und lässt sich subsummieren unter:  Katastrophenchronik & saisonale Verstimmung & lästige Larmoyanz).

 

Tut es nicht (aufhören), niemals. Darauf ist Verlass.
Schon als Kind besaß ich analytische, wie auch seherische Fähigkeiten und malte beinahe täglich einen schwarzen Berg mit einem schwarzen Wimpel darauf, schwarze Wolken drüber.

Zugegeben, es ist Winter und die Tage sind kurz. Dazu dieses nahende Weihnachten und die wiederkehrende Frage, was ich eigentlich am Fest der Liebe zu tun gedenke.

Ich gedenke in die Kirche zu gehen, irgendwo in Mitte (schöner wäre Berkersheim), und mir die Seele aus dem Hals zu berserkern singen. Bei gnadenbringend wird sich meine Stimme hysterisch überschlagen und die bunt geschmückten Mütter werden in die Hocke gehen und ihre Kinder schützend in den Arm nehmen. Einen Rollkragenpullover aus Schurwolle werde ich tragen, einen der am Hals juckt. Zur Selbstkasteiung und zur Feier des Tages.

Nach der Kirche schlurfe ich dann mit hängendem Kopf nach Hause (overacting) um mich im Kreise derer, die um mich sind, alleine zu fühlen. Sie werden, am Rande meines Schlammloches stehend, ihre sauberen Hände nach mir ausstrecken und sagen: das wird schon wieder.
Nicht mal von der Klippe spingen kann man, wenn man schon unten steht bzw liegt, werde ich jammern und innerlich aufstampfen dabei. Besorgt werden sie die Stirn runzeln und mich mit ihrem nächstenliebenden Lächeln beschenken.

Launisch bist du, sagst du zu mir, als ich während eines unerwarteten Euphorieschubs zu singen beginne.
Launisch? frage ich, ich wechsele doch höchstens 3 bis 4 mal am Tag die Stimmung.
Eben
, sagst du.

Ich würd´ sagen: stabiles Tiefdruckgebiet mit gelegentlichen Auflockerungen. They call it winter, Dahlink, und im Winter soll ein Tief ja was Gutes sein. Da fürchtet man das Hoch, und die dadurch drohende russische Kältepeitsche, mehr als alles andere auf der Welt (mehr als der Teufel das Weihwasser/ als Dracula das Kruzifix / als Judas den morgendlichen Hahnenschrei uswusf.).

Der Schlamm ist eine verlässliche Größe. Selbst die Natur-Kitas schwören inzwischen darauf und kippen tonnenweise teuren Urschmutz in ihre Keller, damit die lieben Kleinen sich beizeiten daran gewöhnen. Manche Kitas halten auch non-allergene Fauchschaben als Streicheltiere vor.

 

..

.

(fadeout)

 

 

 

 

 

Bild: pantxorama, Galapagos, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Nicht die Welt

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Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Ludwig Wittgenstein

 

 

Der Stress der letzten Monate lässt jeden weiterführenden Gedanken versanden.
In allem sehe ich mein begrenztes Selbst.
Jedes Auge, jedes Lächeln, besonders das ausbleibende, sind Spiegel.
Oft  bin ich müde von den ständigen Anwerfungen.
Beim Erwachen am Morgen wünschte ich, ich träumte.

Loslassen, denke ich, einfach loslassen. Alles, auch das eigene Leben, sich selbst überlassen. Nicht kämpfen, nicht versuchen (oder suchen). Die klammernden Finger am Gesims entspannen. Dann stürze ich eben, was ist so schlimm daran.

Mit Glück lande ich in einem Hasenbau.

(…)

Ich bin dabei, einiges in meinem Leben (grundsätzlich) zu ändern, um wieder hinauszukommen über das bloße Trommeln und Sandkuchen backen, über mein Katastrophenmanagement und den dazugehörigen Report.
Winzige Fortschritte zeichnen sich ab, auch in puncto Gelassenheit.

Manches lässt sich nicht lenken. Es lässt sich nur erdulden und der Umgang damit sich üben, wie früher beim Katastrophenalarm in der Schule: den Ernstfall proben.

Sich bei den Händen nehmen und ruhig den Raum verlassen.

(…)

Die Melancholie ist meine Grenze zur Welt.

Schon als kleines Kind lag mir bisweilen das Gewicht meines Lebens wie ein Stein auf der Seele. Nicht einmal weinen konnte ich dann und nur in der Bewegung, im Bewegt-werden, fand ich Trost.
Wenn ich in diesem Zustand war, setzte mein Vater sich mit mir ins Auto, wir fuhren durch die abendliche Stadt und später über die Landstraße auf die schwarzen Berge zu. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich leichter, ganz so als verschlangen wir nicht nur die weiße Fahrbahnmarkierung, sondern spulten zugleich auch ein schweres Seil von meinem Körper herunter und entließen es in den Schutz der Böschung, wie ein Python.

Nebeneinander sitzen wir und blicken nach vorne:
die Katzenaugen der schwarz-weißen Holzbaken am Wegesrand, wie sie dastehen, nur für uns, und allein durch uns glimmen, in der Dunkelheit, in der wir sie einsam zurück lassen, hier am finsteren Waldesrand, während wir weiter dem bebenden Lichtkegel folgen, der bei jeder Unebenheit nach oben ausschlägt.

Mit seiner tiefen Stimme erzählt mein Vater mir von der Welt, früher und heute, und ich schaue aus dem Fenster in die Nacht und sehe sie vor mir, wie sie einmal war, lange vor meiner Geburt: ein dicker  zigarrerauchender Globus mit Hosenträgern, dünnen Beinen und braunen Herrenschuhen.

Ich vermisse meine Unbeschwertheit, die die Kehrseite dieser Traurigkeit ist. Ab und an bricht sie hervor, doch sie verweilt nur kurz und spielt in ihrer Ausgelassenheit mitunter ins Hysterische. Der Tanz nimmt ein schnelleres Tempo an. Aus Leichtigkeit wird Raserei. Die Choreographie gerät zu einem Zucken.

(…)

Nicht länger versuchen sich dem Würgegriff zu widersetzen.
Die Beine auszappeln lassen.

Aufgeben.

 

 

Erleichterung.

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Glockenspiel

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Der Wind trägt die schwebenden Klänge des Carillons von der Uferseite zu uns herüber. Verzaubert liegt der große Tiergarten in der Nachmittagssonne. Die Beine in die Luft gestreckt schubbert der Hund seinen Rücken im Gras und schnaubt. Mein Blick geht über die Wiese zu den Sträuchern und dem kleinen Hain dahinter und wie in jedem Jahr staune ich, wie grün das Grün ist, wenn es nach dem Winter die silbriggraue Rinde der kahlen Äste durchstößt.

Ich muss an den Obdachlosen denken, der hier im vergangenen Jahr sein Lager zwischen den Bäumen aufgeschlagen hatte. Den Sommer über lag er manchmal mit geschlossenen Augen auf der Wiese, neben ihm ein altes Fahrrad. Seine anderen Besitztümer waren irgendwo im Gebüsch versteckt. Im Spätherbst, als der Nebel sich auf die Wiesen senkte, sah ich ihn einmal ein Feuer dort im Unterholz machen. Es dunkelte schon, der Park war ausgestorben und er schien sich allein zu wähnen. Auf unerklärliche Weise muss er meinen Blick, vielleicht auch meine Besorgnis, wegen der offenen Flammen gespürt haben, denn plötzlich drehte er sich um, sah mich an und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Ich nickte.
Ich hoffe, dass sich das Blatt für ihn gewendet hat.

Im Rasen vor mir entdecke ich die tiefe Narbe im Gras wieder. Die Wunde, die Widmung, das Herz. Geschnitten von Unbekannt im vorletzten Sommer, als die Liebe noch blutete.
Auch damals saß ich hier, ließ den Hund seine Runden drehen und bangte mit klopfendem Herzen. Ich wusste nicht wie wir uns waren, als das Abendkonzert begann und eine kühle Stimme mir ins zitternde Ohr sprach. Die Glockentöne beruhigten mich, beinahe wie eine Heimat. Wer hätte geglaubt, dass selbst dieses Jetzt sich zu einem Gestern wandeln würde.

Alles vergeht und bleibt als Bild.

Auf der Wiese sitze ich und erinnere mich. Ein leichter Schmerz ziept an meiner Seele. Wind kommt auf, mich fröstelt. Fast menschenleer liegt der Park zu dieser Stunde, nur ein paar Radfahrer kreuzen ihn entlang der großen Alleen. Zeit für mich aufzubrechen.

Im Flora-Rondell reitet die Amazone noch immer in Richtung Osten, die Streitaxt in der Hand sitzt sie zu Pferd, das klare Gesicht zuversichtlich nach vorne gerichtet, die tiefstehende Sonne im Rücken. Gemeinsam mit ihr mache ich mich auf den Heimweg, denn es will Abend werden und lange Schatten legen sich auf den ausklingenden Tag.

Als ich auf den 17. Juni hinaustrete drehe ich mich um und werfe einen Blick in Richtung Westen, wo die Siegesgöttin auf ihrer Säule im goldenen Licht triumphiert, dahinter mirabellengelb der Himmelssaum unter sterbendem Blau.
Vorbei gehe ich an der riesigen Bronze des Rotarmisten im langen Mantel und mit geschultertem Gewehr. In seinem Rücken die Gräber abertausender gefallener Soldaten.

Die Quadriga ist nicht mehr weit.

Hinter dem Tor treffe ich dich. Du lächelst. Ein Ausdruck, der abhanden gekommen schien über den Winter. Ein seltener Gast.

Ich reiche Dir noch einmal die Hand.

 

 

 

 

 

 

Bild: sczscz, Tiergarten Berlin
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Der Trichter

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Ständig fällt alles runter, den ganzen Tag lang. Immer. Das Deo vom Waschbeckenrand, der Füller auf den Fußboden, das große Messer in die Untiefen der Spülmaschine und der Deckel des Espressokännchens auf´s Cerankochfeld. Immer laut, immer scheppernd, immer nervtötend, aber immerhin weiß ich so, dass ich noch lebe und ein Zuhause habe, in dem es klappert und lärmt, während draußen der Ostwind die Wolken über den Winterhimmel jagt und mit kalter Hand an den Zweigen rüttelt.
Die Hölle klingt anders. Einsamer, dumpfer, düster wie ein tiefes Erdloch und gefährlich zischend wie prasselnd brennender Reisig.

Im Flur rutscht mir der Schlüssel aus der Hand, der Kater reisst die Lampe mit dem gusseisernem Fuß zu Boden, der Karabiner der Hundeleine knallt gegen die Wand und beim Einkaufen rollen die 50-Cent-Stücke unwiederbringlich unter die Supermarktkasse. Damit sie nicht ganz verloren gehen, oder das Personal sich nach Feierabend unerlaubterweise daran bereichert, werden sie, über einen im Boden eingelassenen Trichter, nach unten in den Keller geleitet und dort in einem groben Leinensack gesammelt. Bei Einbruch der Dunkelheit sieht man den Filialleiter, wie er den Parkplatz mit einem schweren Sack auf dem Rücken überquert, diesen in den Kofferraum seines Wagens wuchtet und sich verstohlen ins Messingfäustchen lacht.

In einer unbemerkten Ecke des Ostbahnhofs, konnte man eine Zeitlang sein überschüssiges Kleingeld auf interessantere Art loswerden. Der Tierpark Berlin hatte dort einen sogenannten Spendentrichter aufgestellt, bei dem man die Münzen auf eine Startrampe stellte, von der aus sie mit Schwung in den breiten Trichter gelenkt wurden, sofort an Fahrt aufnahmen, sich in die Kurve legten und zügig Runde um Runde drehten, wie beim Sechstagerennen. Enger und enger wurden die Kreise, schneller und immer schneller die Münzen, bis sie schließlich von einem unsichtbaren Strudel ergriffen -rasend- in den dunklen Hals des Trichters gezogen wurden, dort, in der Senkrechte, geradezu hektisch weiterkreiselten und es sie am Ende in die Tiefe, in den schwarzen Krater hinunter riss.

Eines Tages stehe ich wieder vor dem Trichter und schaue zu, wie mein gesamtes Kupfergeld im Orkus verschwindet, während neben mir eine Familie an der Vitrine der  „American Sportsbar“ aus zwei Dutzend, kunstvoll zu Bergen modellierten, Eissorten ihre Auswahl trifft. Die Schuhe der vier spiegeln sich in dem breiten Chromband wider, das den unteren Rand der Vitrine einfasst, und ich sehe, aus dem Augenwinkel, die Füße der beiden Kinder unruhig vor der gefrorenen Vielfalt hin- und hertippeln.
Aber da ist noch etwas, eine wiederkehrende Bewegung, die ich unbestimmt am Rande meines Gesichtsfeldes wahrnehme. Ich kann den Blick nicht von der trudelnden Münze lassen, die kurz vor dem Abgrund ihre verzweifelten Pirouetten dreht und deren Reise schon bald zuende sein wird. (Metaphern, überall Metaphern), doch die Bewegung neben mir hält an, scheint sich nach und nach zu steigern, hochzuschrauben, schneller zu werden. Ich halte es nicht länger aus und drehe mich schnell um.

Dort, an der Seite der Vitrine, sehe ich ein aufgeplustertes Taubenmännchen, das sich, in vertrauter Weise, kopfruckend um die eigene Achse dreht, sich dabei rhythmisch verbeugt und neugierig sein Spiegelbild beäugt.

Ich vergesse meine Münze und wende mich ganz dem tanzenden Täuberich zu.

Wie ist er hierher gekommen? Hat er sich irgendwann, so wie die wärmesuchenden Obdachlosen, unter den Strom der Reisenden gemischt und ist durch den Haupteingang hereingeschlichen, oder ist er bereits in zweiter oder dritter Generation, als Nachkomme der ersten Einwanderer, irgendwo dort oben in der Dachkonstruktion geboren?

Hat er eben gerade, in diesem Augenblick, sein Spiegelbild entdeckt, sieht sich zum ersten Mal im Leben und ist davon so gefangen, dass er sich immer und immer wieder anschauen muss, von allen Seiten? Sich betrachten, seine Wirkung erkunden, seine Choreographie überprüfen, seiner selbst gewahr werden? Wer bin ich?

Oder kommt er regelmäßig zu der Vitrine, weil er in der bahnhofsinternen Taubenkolonie noch nicht die richtige Partnerin gefunden hat und sich mithilfe des Spiegels eine Begegnung simuliert, die ihn über seine Einsamkeit hinwegtröstet.
Vielleicht ist er auch homosexuell und balzt sein eigenes Bild an, weil er es als schwule Taube noch schwerer hat jemanden zu finden, der zu ihm passt. Oder ist es ganz anders und er ist einfach nur eitel, ein Narziss im Taubengewand, der hier ganz selbstverliebt die Chromleiste der Eisvitrine nutzt, um sich an seiner Schönheit zu berauschen und der sich schier nicht satt sehen kann an der eigenen stattlichen Erscheinung.

Und während ich so über ihn nachdenke, über sein Leben, über seine Beweggründe ganz alleine neben einer Vitrine zu tanzen, hält er plötzlich inne und schaut mich an. Wir schauen uns an. Aug in Aug. Mit schräggestelltem Kopf und angelegtem Gefieder sieht er zu mir herüber, in der Bewegung erstarrt. Er blinzelt und schaut.

Zwei Sekunden nur. Dann dreht er sich um und stolziert durch die Bahnhofshalle davon.

Ich blicke ihm hinterher, wie er sich unter die Reisenden mischt und dabei geschickt ihren achtlosen Schritten ausweicht. Beim Dunkin Donuts– Pavillon verliere ich ihn schließlich aus den Augen. Ich wende mich wieder dem Trichter zu. Die Münze ist längst verschwunden.

 

 

 

Musik zum Text: Nexther List, Can´t Take My Eyes Off You

(youtube- Direktlink)

 

where are we now

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Im Garten schreit und trillert ein Vogel mit sich überschlagender Stimme. Die Katze trägt ihn mit raschen Schritten davon. Ich ertrage seine vergeblichen Rufe nicht, stelle den Lautsprecher laut und öffne das erstbeste Video: Heroes.

We can beat them forever and ever

/

 

`Ich hatte angenommen, David Bowie würde mir allein gehören.
Ich sehe nun ein, das war ein Irrtum. ,

schreibt Frau Montez.
Mir ging es nicht anders. David Bowie war meine Ikone, seit ich mir eine wählen konnte. Ich glaubte –  ich war gewiss – ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, er sei unsterblich. Ein Mensch ohne Verdauung, ohne Drüsen, ohne Blut und Fleisch und Leid. Erhaben, unvergänglich, nicht von dieser Welt. Ehern und flüchtig zugleich.

Überirdisch.

/

Heute Mittag mit der Malerin in Schöneberg.
Die Blüten der weißen Lilien, die ich nehmen möchte, sind noch geschlossen.
Wir legen eine rote und eine weiße Rose ab.
Menschen stehen und machen Fotos.
Eine Frau weint. Ich auch.

An der Haustür Ziggy Stardust. Where are we now?

Ich liebte diesen unbekannten, mir so vertrauten Menschen.

 

 

 

 

 

Allein

 

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Us could not be
the earth could not stand it

Seit frühen Tagen beunruhigen mich Hochspannungsmasten. Die stoische Anmut. Schwebend, gewaltig und drohend ihre manifeste Einsamkeit. Erhabener, als jene des bleischweren vollgesogenen Kieses unter den Füßen. Knirschende Verlorenheit, zum Sterben irdisch. Ein verwaister Biergarten, ein schnurgerader Friedhofsweg.

Eine sich öffnende Aufzugtür, die beinahe lautlos hinter mir schließt. Zwei schneeweisse Arme schieben sich durch  die metallene Kabinenwand. Zarte Hände halten die Waffe, wie ein Instrument. Eine Geisha im seidigen Kimono schießt mir mit einer Armbrust in den Rücken. Es splittert. Unbewegt ihr Gesicht im stummen Gehorsam. Unentrinnbarkeit. Ich falle.

Ich bin allein.

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/okinawa-soba/4408376406/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Fels

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In meinem Traum sehe ich das Haus zwischen zwei Felsen auf eine Nehrung gebaut. Ein schwarzer Ozeandampfer steht mit Schlagseite in der Bucht, sein Schornstein ein stummer Zylinder. Bald wird er sinken.

 

 

 

 

 

Bild: flickr kevbreiz https://www.flickr.com/photos/kevbreiz-photo/4211510832/in/photostream/Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Die Antilope

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Als wir am Lokdepot vorbei, hinunter in den Flaschenhalspark gehen läuft neben uns eine hochgewachsene Frau. Sie mag Mitte vierzig sein, vielleicht auch etwas jünger, schwer zu sagen. Sie ist hager und ihre Wangenknochen treten aus dem blassen Gesicht hervor. Die dünnen Beine stecken in einer zu kurzen Jeans, die ihre kantigen Knöchel freigibt und ihre Hüften erinnern an das kastige Gestell indischer Kühe.
In der rechten Hand hält sie eine abgewetzte Alditüte und ich sehe, dass die Haut an ihren Fingern rissig und spröde ist.

Während ich versuche mich auf die Ausführungen des Unterfranken zu konzentrieren, betrachte ich die Frau aus den Augenwinkeln und fühle mich dabei unwillkürlich an die Äpfel erinnert, die wir früher den Winter über im Keller lagerten und deren Haut davon so weich und schrumpelig wurde, dass ich sie mit dem Daumen verschieben konnte.

Ich sehe also diese Frau an, sehe ihre eingefallenen Wangen, die müde Haut, die die Schädelknochen umspannt, sehe den Schmutzfilm auf ihrer Hose, den ausgefransten Saum, die nicht ganz frisch gewaschenen Haare, mattglänzend und fein wie Seide, ihr ausgesprochen schönes Profil mit den ebenmäßigen Zügen, die braunen und warmen Augen.

Sehe ihre Armut und ihre Einsamkeit.

Die Frau spürt meinen Blick, zieht die Schultern zurück und läuft noch ein wenig aufrechter als zuvor den langen schmalen Weg neben den Gleisen entlang.
Ich weiss nicht was mich reitet und weshalb ich sie weiter mit Blicken bedrängen muss, doch ich kann nicht anders. Sie nimmt mich derart gefangen mit dieser Mischung aus Schönheit und Unglück, dass ich sie immer wieder anschauen, sie mit meinen Augen betasten muss, wie etwas Seltenes, Kostbares, etwas, das man nur wenige Male im Leben zu sehen bekommt und sich deshalb genau einprägen möchte, ehe es verschwindet.
Ist es die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir, die mich dazu treibt? Die Suche nach den Überbleibseln einer goldenen Zeit, einer Epoche des Überflusses und Begehrens, der sprudelnden Fülle?
Wen hat diese Frau in ihrem Schoß empfangen? Wieviele Männer und Frauen? Wer hat sie geliebt und wen davon liebte sie zurück? Welche Hoffnungen verknüpften ihre Eltern mit ihrer Geburt, welche sie selbst mit ihrem Leben, als Kind und auch später, als die Welt noch ihr gehörte? Wie wurde aus dem reissenden Strom der leise plätschernde Bach? Wohin ist all das Wasser geflossen, wohin spülte es ihre Träume, die unerfüllten, wie die erfüllten?

Wann fing das an, dass sie Stück für Stück den Boden unter den Füßen verlor? Was hat sie aus der Kurve getragen?
War es der Tod eines geliebten Menschen, eine Krankheit? Eine Trennung, der verlorene Job? Oder brauchte es gar nicht die großen Unglücke des Lebens und es reichten schon die kleinen Erschütterungen, die tägliche Erosion, der fortwährende Bruch, das Nagen der Zeit?

Krank sieht sie nicht aus, auch nicht besonders geschwächt. Eher gebeutelt, beansprucht von den Zumutungen des Seins. Von den Unwegsamkeiten, für deren Überwindung ihr inzwischen die Kraft fehlt.
Ihr Gesicht wirkt noch jung und lässt den Schwung erahnen, mit dem sie sich einmal durch das Leben bewegt hat, ihr Körper indes scheint bereits den Punkt ohne Wiederkehr überschritten zu haben.

Ich sehe sie, wie sie vor zehn Jahren, auf einer Tanzfläche bei einem Ball oder einer Hochzeitsfeier lachend umher gewirbelt wird, ihre Taille umfassen lässt und sich in den Arm des Anderen hineinlegt. Ich sehe sie lächelnd an einem Glas Champagner nippen und vieldeutig über dessen Rand hinweg blicken, herausfordernd, einladend und zugleich Distanz schaffend, wie jemand, der weiß, dass man ihn nicht einholen kann. Niemals. Eine Antilope unter Schafen.

Und heute sehe ich sie an den Gleisen entlang gehen und ich frage mich, was in der Zwischenzeit geschehen sein mag.
Hat sie die Zuversicht, es noch ein Mal zu schaffen? Zurück zu kehren in ihr altes Leben? Möchte sie das überhaupt und würde sie die Kraft dafür aufbringen? Gibt es einen Glauben, eine Hoffnung, die sie immer weiter tragen?
Was führt sie dort in dieser schlaff herunter hängenden Tüte spazieren? Ist es alles, was sie besitzt, was ihr geblieben ist, was es wert war aufzubewahren?
Hat sie überhaupt noch ein Zuhause? Lebt sie allein? Wie lebt sie?

Ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden, obwohl ich spüre wie aufdringlich ich bin, wie meine ungehörige Distanzlosigkeit sie bedrängt, wie mein rücksichtsloses Interesse ihren Raum beschneidet, ja regelrecht durchstößt.  Am liebsten würde ich ihr sagen: Es ist ganz anders. ich finde dich schön, ich bewundere dich, nur deshalb muss ich dich immer weiter anschauen, doch mit eben diesen Worten würde ich erst recht eine Grenze überschreiten, die zu übertreten mir nicht zusteht und vermutlich würde ich sie damit eher verletzen als ihr zu schmeicheln oder gar sie zu trösten, denn diese Worte verrieten doch zugleich die Wahrnehmung ihres Verfalls, ihres langsamen Verblühens und das wohlwollende Lächeln des gnädig gestimmten Zuschauers würde sie sich nur noch einsamer fühlen lassen.
So bin ich erleichtert, als der Unterfranke, der die ganze Zeit munter weiter geplappert hat, mich aus meinen Gedanken reisst und vorschlägt eine kurze Pause zu machen, um noch einmal  in die tiefstehende Sonne zu blinzeln, die warm in unserem Rücken steht.
Ich stimme zu und wir setzen uns auf die nächste Bank, die neben den Gleisen steht. Die Frau aber läuft weiter Richtung Norden, geht ohne sich umzudrehen, und ich schaue ihr hinterher, wie sie mit aufrechtem Gang dem Weg folgt und die Tüte in ihrer Hand bei jedem ihrer Schritte sachte mitwippt.
Die Luft ist kühl, ich nehme einen tiefen Atemzug und wende meinen Blick den gelb und rot lodernden Baumwipfeln zu, die in goldenes Sonnenlicht getaucht sind.
Schon bald werden sie ihr letztes Laub abgeworfen haben und die kahlen Äste in den nebligen Himmel strecken.

 

 

 

Bild: „Springbok Antelope Sossusvlei Namib Desert Namibia Luca Galuzzi 2004“ von I, Luca Galuzzi. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG#/media/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG

 

 

 

 

 

Warten

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Pas de bruit avec mes adieux
Pas pour nous les moments perdus
En attendant un uncertain au-revoir

 

 

Plötzlich war da dieses Loch unter dem Teppich in das Du und alles andere hinein gerutscht ist.
Und ich steh oben, alleine. Oder unten. Schwer zu sagen.
Was andere Fernbeziehung nennen ist unsere Art zu sein.
Getrennt zusammen. Erfrischend schmerzhaft.
(was wollte ich mit soviel Nähe/ wie könnte ich/ könnte ich?/
peux-tu: veux tu me recevoir sans trop te deranger?)
Erneuerung durch Abstand.  Zurücktreten um sich anschauen zu können.
Vorfreude.

_

Was andere Herbst nennen, nenne ich Hölle.

_

In meiner Straße haben Bauarbeiter ein Gerüst aufgestellt. Dacharbeiten bis Dezember.
Vier Tage Aufbau, drei Tage Ruhen und jetzt der Abbau.
Unverrichteter Dinge.

_

Wie sehr mir der Hund ans Herz gewachsen ist merke ich, wenn ich sie nicht um mich habe.
Mein Tagesablauf ist ganz und gar auf sie abgestimmt. Vier Spaziergänge und zwei Mahlzeiten (in Zukunft sollen es 5 täglich sein, falls sie überhaupt eine Zukunft hat) geben einen Rahmen, der mir jetzt fehlt.

Für morgen erwarte ich den entscheidenden Blutwert. Ist es nur akut oder bereits chronisch?
Gerade ist sie wieder bei der Infusion, das liebeliebe Schätzchen.

_

Draußen im Flur spricht die Nachbarin mit dem Tischler. Früher hat sie im Treppenhaus Tonleitern gesungen.
Jetzt sehe ich sie jeden Tag im tropfnassen Garten mit einem Stecken im Erdreich herumstochern.
Wie der Mann, der im Tiergarten auf den ordnungsgemäßen Abfluss des Wassers durch ein Brückengitter achtet und mit einem Stock jede Verstopfung und jeden Stau durch Laub und Unrat gewissenhaft beseitigt.
Wenn er nicht den Wasserlauf hegt, dann raucht er.

Die Nachbarin hatte Unterleibskrebs, sagt der Nachbar. Jetzt ist sie unglaublich dünn, trägt Turban und ansonsten nur noch Neonkleidung. Ganz so als müsste sie etwas tun um sich wieder sichtbar zu machen, ihr Leben zu beschreien.
Es beschwören, damit es bleibt.
Die erdbraunen Kleider ablegen um sich nicht gleich zu machen, nicht versehentlich verschluckt zu werden. Den Tod blenden.
Ich schließe sie in meine guten Gedanken mit ein.

_

Draußen ist es trübe und das Laub zerfällt.
Der Herbst hat alle Farben und alle Freude weg gewischt.