lebensfroh

27880662631_43a6945857_z(1)

Die netteste Bewerbung seit langem: Ich bin sehr lebensfroh, schreibt eine Frau und die Sonne scheint aus ihren Zeilen. Eine kurze Internetrecherche offenbart einen idealistischen, engagierten und freundlichen Menschen mit einem außergewöhnlich warmen Blick. Ich bin gewillt sie aus dem Stand einzustellen. Lebensfroh! Wo gibt’s denn sowas! Juhu!

Gestern im Plänterwald, wir sind mit den Hunden unterwegs und erfreuen uns des blühenden Bärlauchs mit seinen frisch glänzenden Blättern, sagt die Rothaarige plötzlich: Du bist so liebenswert und herzlich, dass ich dich direkt heiraten würde, wenn ich denn auf Frauen usw.
Herzlich? Icke?
Ja, wer so großzügig und so mitfühlend ist wie du, wer jede Hummel und jeden Käfer rettet, wer soviel Respekt vor dem Leben hat, der hat Herz und ist ein herzlicher Mensch.

Nicht genau meine Definition von Herzlichkeit, doch ich freue mich sehr darüber, auch wenn es mich verlegen macht und ich mir unter herzlich eher jemanden vorstelle, der mit seinem offensten Lächeln allumfassend weltumarmend ist und außerdem irgendeinen herzigen Dialekt spricht. Eine Art innere Vroni. Jedenfalls not me.

Später kommen wir einem halbentwurzelten Baum vorbei, dessen Krone beim Umfallen im Geäst des Nachbarbaumes hängengeblieben ist. Wir bleiben stehen und schauen uns das beeindruckende Wurzelwerk an. Ein sehr schmaler Pfad, kaum zu sehen, führt zu der Höhle die sich darunter aufgetan hat. Es müssen ganz kleine Füßchen gewesen sein, die ihn ausgetreten haben. Wahrscheinlich haben Füchse dort ihren Bau, sage ich und die Rothaarige juchzt kurz auf vor Entzücken. Ich würd sie auch heiraten, wenn ich auf Frauen usw., denke ich. Die unbedingte Freude an allem Lebendigen scheint mir eine gute Grundlage für eine glückliche Beziehung zu sein.

 

 

 

 

Bild: Flies Into The Cloud, Thomas Hawk, Flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

An der Hochbahn

8840834900_f45e394bd1_z(1)

Es ist später Nachmittag und das Apothekenthermometer zeigt 36 ° Grad an. Die Luft ist feucht wie Badewasser und seit Stunden schon steht ein Gewitter über unseren Köpfen. Dunkle Wolken hängen dräuend am schwarzblauen Himmel, in der Entfernung grollt es bedrohlich und ab und an sticht ein gleißender Blitz aus dem nahenden Unwetter.

Vor den Lokalen sitzen tätowierte Männer in Unterhemden und tätowierte Frauen mit kurzen Kleidchen und Flip-flops und schauen im Schatten der Markisen Fußball. Auf den Tischen vor ihnen stehen beschlagene Biergläser, 0,3 nur bei dieser Hitze, die blondierte Kellnerin in kurzer Hose und mit rundem Po schlängelt sich mit dem voll beladenen Tablett zwischen den Gästen hindurch.

Auf einer Bank am Straßenrand lasse ich mich nieder und trinke meinen Cappuccino vom Neuseeländer nebenan. Die Krankheit des Hundes lässt mir viel Zeit für Kiezspaziergänge. Wenigstens das.

Auf der Bank gegenüber nehmen zwei junge Russen in hautengen T-Shirts und mit übertriebener V-Silhouette Platz. Der eine zieht lautstark die Nase hoch und rotzt das Zutagegeförderte mit einem scharfen Geräusch auf den Boden. Charlottenburger nennt der Berliner das, was schließlich auf den Gehwegplatten landet. Ich drehe mich weg.

Der Schlaksigere der beiden fängt an einen Joint zu bauen, während sein Kumpel fortfährt zu schniefen und Schleim zu rotzen, ohne sich um mich oder die ruhenden Menschen auf den umliegenden Bänken zu scheren, die ihn aus ihrem Hitzedelir aufgeschreckt anstarren und überlegen ob sie diese Zumutung aussitzen oder lieber die Flucht ergreifen sollen. Wir entscheiden uns für den längeren Atem.

Inzwischen ist der Joint fertig und entzündet. Der Dreher nimmt einen tiefen Zug bis hinunter in die äußersten Lungenspitzen, steht auf, beugt sich über den Rotzer, stülpt seinen großen fleischigen Mund über dessen geschürzte Lippen und die Nasenlöcher und bläst ihm die volle Ladung in den verschleimten Kopf. Wann habe ich sowas bloß zum letzten Mal gesehen. Es muss damals in Frankfurt gewesen sein, bei einem Schulfest, doch die Männer mir gegenüber sind schätzungsweise Mitte zwanzig.

Den gesamten Joint teilen sie sich auf diese Weise und als sie fertig sind saugt der Rotzer noch einmal lautstark seinen Nasenhöhleninhalt aus den tiefsten Tiefen, sammelt den dicken Batzen im Mund und speit ihn mit orgiastischer Wucht hinaus. Es ist vollbracht.
Die beiden verlassen federnden Schrittes die Bühne und verschwinden in Richtung Hochbahn.

Das Koffein treibt selbst mir inzwischen den Schweiß auf die Stirn und ich beschließe die Kühle der Bio Company aufzusuchen und eine Runde durch den Laden zu drehen. Am Eingang neben der Schiebetür hat irgendjemand ein großes Paket abgestellt, eine Postsendung. Unbeachtet steht es vor dem Schwarzen Brett, während gegenüber an der Brottheke kostbares Urgetreide in Gold aufgewogen wird. Ein Kinderspiel hier eine Bombe zu deponieren, denke ich und gehe zur Teeabteilung. Der Mittdreißiger in Dreiviertelhosen und mit schulterlangen fettigen Dreads, beginnender Glatze und hängenden Schultern, der kurz nach mir den Markt betreten hat, ist mir dicht auf den Fersen. Ich kann seine Outdoor-Sandalen über den Boden schlurfen hören; die fleischgewordene Freudlosigkeit. Auf dem Absatz drehe ich um und verlasse die klimaanlagengekühlte Bio Company so schnell ich kann. Als ich an dem Paket vor dem Ausgang vorbeikomme ziehe ich den Kopf ein.

Draußen schlägt mir der Tag einen nassen heißen Lappen ins Gesicht.
Sommer in Berlin.

 

 

 

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, Schlesisches Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Jot-Jot-Eins

Buddy Bear Laube

Buddy Bear  (Photo credit: Wikipedia)

Am Potsdamer Platz trinke ich einen Americano auf Eis. Decaf, versteht sich.
Derart erfrischt überquere ich den Platz und bewege mich Richtung Tiergarten.
Beim Sony-Center gibt es einen schattigen Spielplatz für Kinder.
In dem korallroten Plastiksandkasten sitzt eine Gruppe Spatzen und nimmt ein Bad. Die kleinen Flügel ausgestreckt, schaufeln sie sich den kühlen Sand auf das Gefieder und plustern sich, das Köpfchen ständig umher drehend und nach einem Fressfeind äugend, auf.
Durch die Versiegelung der Böden, durch Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft, sowie durch fehlende Wasserplätze und Sandkuhlen stehen sie inzwischen überall in der Republik auf der Liste der bedrohten Arten. Nur bei uns nicht.
In Berlin hat der Spatz sein Paradies gefunden.
Der Berliner liebt den kleinen Vogel mehr als seine Mitmenschen und füttert ihn durch jede Krise.
Eigentlich sollte der Spatz das Wahrzeichen der Stadt sein, denke ich, und nicht dieser idiotische Bär. Was haben wir hier überhaupt mit Bären zu schaffen?
Im Bärenzwinger dreht noch immer die letzte verbliebene Braunbärin Schnute ihre einsamen Runden, im Zoo lebt Kragenbärin Mausi zusammen mit Katze Muschi auf einem kargen Stein, und einen lebenden Bären in Freiheit würde schnurstracks das gleiche Schicksal ereilen, wie einst Problembär Bruno.
Nur als Gefangene oder Museumsexponate haben wir sie gerne. Oder als Buddy Bear.
Der Spatz hingegen, das harmlose possierliche Tierchen, wird bedingungslos geliebt und wäre als Maskottchen der Stadt allerorten -in vivo- anwesend. Touristen würden sich für die Lieben Zuhause, oder die interessierten Kollegen vor den überall aufgestellten, mannshohen Buddy Birds ablichten lassen, auf deren Schnäbel sie ihre Kinder setzten (die vom Herumtoben auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals müde sind) und zwischen deren Beinen man allerlei Müll entsorgen, oder Leergut abstellen könnte.
Ja, der Spatz. Frech wie Bolle.

Aus dem Schatten des Sony-Centers trete ich nun an die Kreuzung beim Tiergartentunnel. Die Nachmittagshitze ist drückend und die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich krempele die Ärmel herunter.
Die aus Kunststoff gestanzten Blüten einer zerfledderten Deutschlandkette liegen auf dem Gehweg.
Aloha
Auf der Straße noch immer die Markierungen der Spurensicherung von vergangener Woche. Ein Unfall mit Todesfolge.
An einem Laternenpfahl flattern die Reste der rot-weißen Absperrungsbänder im Fahrtwind des gleichgültig vorbei rollenden Verkehrs. Auf dem Boden der Umriss des Radfahrers.
Das Bild der abgedeckten Leiche neben dem Vorderrad des weissen BVB-Busses, dicht dabei das verbogene Rennrad, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben, dieser Ort untrennbar mit ihm verbunden.
Mit Sicherheit ans Ziel
Das Musikinstrumentenmuseum als Vorhof des Todes. Ein paar Meter weiter die Gedenkplatte für die Psychiatrieopfer, dahinter die golden schimmernde Philharmonie.
Sterben an diesem Ort, mitten im Sommer.
So schnell geht das.
Durch eine Sekunde der Unachtsamkeit ist soviel Leid in der Welt.
Ich denke an den Toten. Seine Pläne, sein nächstes Ziel an diesem Julitag. Es war sehr heiß, so wie heute.
Ob ihm der Schweiß in die Augen gelaufen war und dort so brannte, dass er ihn sich weg wischen musste, und dabei den rechts abbiegenden Reisebus übersah? Oder war er in Gedanken noch bei einem Streit, den er kurz vor dem Unglück hatte? Wollte er zu seiner Freundin? Hat er sich bei seinen Eltern verabschiedet, als sie sich das letzte Mal sahen, oder hat er ihnen nur ein kurzes Tschüß zugerufen, während er, auf seinem Smartphone herum wischend, das Haus zum nächsten Date verließ?
Sind sie im Guten auseinander gegangen?
Ich hoffe es.
Wer wird es ihnen beibringen, und wie? Ein Anruf, oder ein alles sagender Hausbesuch zweier Beamter, die mit Mütze in der Hand um Einlass bitten, während der Mutter das Herz in der Brust klopft und ihr die Hitze in den Kopf steigt, doch dieses Mal sind es nicht die Wechseljahre.
Und dann wird sie die Worte hören, die sie schon weiß, noch ehe sie ausgesprochen sind, und sie werden ihr Leben zerstören.
Nichts wird sein, wie es war. Alles wird von nun an der neuen Zeitrechnung unterworfen sein.
Dem Davor und dem Danach des Unvorstellbaren.
Vielleicht stimmt es ja, dass die Menge der Tränen, die in der Welt vergossen werden immer gleich bleibt.
Kaum ist ein Quell, nach langem Schmerz und verzweifeltem Strudeln versiegt, tut ein neuer sich  sprudelnd auf.
Es wird Tränen geben, und sie werden lange nicht mehr aufhören zu fließen.
Tiefe Verzweiflung, trockenes Schluchzen, ein Riss im Universum.
Die verwaiste Freundin. Unglauben bei den Kommilitonen, Erschütterung bei den Freunden, Nachbarn und Bekannten.
Legendenbildung.

Gestern war er doch noch. Er war so lebensfroh. Er wollte.  Er wäre bestimmt.
Er war mein bester Freund.

Das Licht springt auf grün. Ich wende den Blick ab.
Hinter der Ampel nimmt mich die schattige Kühle des Parks in sich auf.

Berliner Luft. Ein Kiez-Spaziergang.

English: Berlin, Kreuzberg, Paul-Lincke-Ufer (...

Weltberühmt und viel interpretiert ist Paul Linckes Gassenhauer über die Berliner Luft.
Abgefüllt in bunte Dosen, kann die legendäre Duftmischung der Stadt inzwischen bei ausgewählten Touristenfachgeschäften erworben werden.
Lincke  selbst war insbesondere von  Kreuzberg Südost, der ehemaligen Luisenstadt, inspiriert, denn hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens.
Ein besonders schöner Abschnitt des Landwehrkanals wurde nach ihm benannt.
Der dicht bewachsene, sandige Uferweg vor herrschaftlichen Gründerzeitbauten lädt zum Spazieren oder Verweilen ein. Im Herbst und Winter ist man hier fast für sich, und kann den Schwänen hinterher schauen, die in schweigenden Gruppen zum Urbanhafen gleiten und ihre stolzen Köpfe, mit wachsamen Augen, auf langen, geschwungenen Hälsen durch das dunkle Nass tragen.
Im Frühling dann erglimmt hier das erste zarte Grün der Trauerweiden. Bald blühen auch die Forsythien und der Ranunkelstrauch, derweil im Plänterwald ein würzig riechender Bärlauchteppich den Boden bedeckt.
Der Lenz sorgt zudem für das gewisse Etwas in der Berliner Luft. Den ganz besonderen Duft. Denn kaum schmilzt in der Hauptstadt der Hunde das Eis, da fängt auch das mitaufgetaute Hundekacke-Konvolut barbarisch zu stinken an. Dazu gesellt sich noch das Odeur von Staub, Pisse, verkippten Spirituosen und manchmal auch von Halbverdautem.
Cannabisschwaden wabern durch die Luft, begleitet von Tabakrauch und der Strenge ungewaschener Männerachseln.  Stark geschminkte Teenies, die in verschämt kichernden Grüppchen durch den Kiez streifen, ziehen Wolken billigen Parfums hinter sich her. Viel hilft viel. Zielgruppe der Lockstoffe sind die, ebenfalls stark überdieselten, gegelten und aufgepumpten Jungs,  die o-beinig, mit Rasierklingen unter den Armen um den Block stolzieren, und sich in Scheinkämpfen durch die Gegend schubsen, sobald sie Witterung aufgenommen haben.
Wenn es dann richtig heiß wird, fängt auch noch der bedächtig fließende Landwehrkanal an faulig-brackig zu stinken.
Schlimmer ist es nur im Herbst in der Tabor- und der Großbeerenstraße, in denen vor vielen Jahren Ginkgo Biloba Bäume gepflanzt wurden. Die nuss-ähnlichen Samenanlagen der weiblichen Ginkgos fallen im Oktober zu Boden und verströmen einen widerwärtigen und durchdringend-säuerlichen  Geruch, wie frisch Erbrochenes.
Der Baum des Jahrtausends stinkt zum Steinerweichen.

Ganz anders die Linde.
Mein erster Sommer in Berlin ist, in verklärter Erinnerung, durchdrungen von ihrem betörendem Duft. Eines Tages, Christo hatte den Reichstag verhüllt und die Love-Parade-Trucks durften zum letzten Mal über den Ku´damm rollen, sind wir irgendwo an der Spree unterwegs. Die Uferwiesen voller Menschen. Es ist sehr heiß. Drückende Schwüle hängt über der Stadt.
Wir trinken, aus Frankfurt importierten,  Apfelwein und haben bald derartig einen sitzen, dass ich, ohne auf nahende Boote zu achten, beherzt von einer Brücke springe um mich im Strom meiner Wahlheimat  zu erfrischen. In voller Montur lande ich in die Spree. Der Fluss stinkt, ist warm und dreckig. Ein Schiffshorn mahnt von weitem und ich schwimme ans Ufer, wo wir in der Nachmittagsglut albern und dösen.
Am Abend, auf dem Heimweg, spazieren wir durch das Brandenburger Tor. Alles juckt. Kleid und Chucks sind schmutzig. Zugerichtet sehe ich aus. Ein leichtes Lüftchen kommt auf, und kühlt die sonnengerötete Haut.

Da rieche ich ihn zum ersten Mal. Den Duft der Lindenblüten. Frisch,  ein wenig wie Waldmeister, zugleich blumigschwer und honigmild. Ich
befinde mich  Unter den Linden.

Lesser Ury: Unter den Linden mit Blick auf das...

Lesser Ury: Unter den Linden mit Blick auf das Brandenburger Tor, 1920er Jahre. Pastell auf Pappe. 49,5 x 35,3 cm (Photo credit: Wikipedia)

Dieses überwältigende, jubelnde Geruchserlebnis ist für mich untrennbar mit Berlin verbunden. Und es stimmte nicht nur mich euphorisch an diesem Juli-Abend und in ungezählten Sommernächten, die noch folgen sollten. Auch Andere hat der Duft der Linde schon zum Schwärmen gebracht.

Gegenüber dem Paul-Lincke-Ufer liegt das Maybachufer.  Und hier, in direkter Nachbarschaft zur Ankerklause, einem szene- und touristenbeliebten, stilvollen Trinkschuppen, befindet sich eine Anlegestelle der Reederei Riedel.
Sie
sorgt dafür, dass im Sommer, wenn de Ausflugsschiffe  ihre Touren starten, ein öliger Geruch unter dem Blätterdach der Platanen und Ahornbäume hängt.
Aus einem großen Gitter, das in den Gehweg eingelassen ist, riecht es stoßweise nach Gummi, Tunnel, verbrauchter Luft, nach Dunkelheit und Geschichte. Nach der Berliner U-Bahn eben. Ich liebe auch diese Duftsinfonie, obgleich die Frankfurter U-Bahn noch besser und fast ein bißchen wie frisches Bohnerwachs duftet.

Zweimal die Woche ist türkischer Markt am Maybachufer. Dann gesellt sich zur U-Bahn-Note noch die Vielfalt an Gerüchen die so ein Markt hervorbringt.
Vorherrschend riecht es nach reifem Obst, Zitrusfrüchten und türkischer Küche. Nach Gewürzen und nach Gartentomaten. Nach Diesel, Nikotin, Schweiß, Deo, Frittierfett und Schawarma-Buden, ebenso wie nach Mottenkugeln und Stoffballen. Auch das ist Berlin.

Ich besitze ungezählte Parfüms, die ich sammle wie Geschichten, und mir deren Hilfe ich mir die Zeit zu der sie gehören ins Gedächtnis  zurück holen kann. Wenn ich die kostbaren Düfte in den Raum sprühe und mein Gesicht in den langsam herab fallenden Nebel tauche, holt dies vergrabene Erinnerungen zurück. So intensiv, dass ich sie noch einmal durchleben kann.
Nach mehreren solcher Duftschauer allerdings gibt die Nase auf. Nichts geht mehr, alles riecht nun ähnlich. Die Erinnerung verschwimmt in der Gegenwart, deren olfaktorischer Klang Ton für Ton zurückkehrt, eingebettet in all die anderen Geräusche der Großstadt.

Nun verlasse ich das gut besuchte Ufer und gehe mit Töle Richtung Volkspark Hasenheide, wo sie sich die Füße vertreten und Fährte aufnehmen kann. Über den Südstern gelangen wir schließlich zur Markthalle XI am Marheinekeplatz, die neben zahlreichen Lebensmittelständen, auch eine private Kaffeerösterei beherbergt. Hier kaufe ich den besten aller Düfte: frisch geröstete und gemahlene Kaffeebohnen. Ich lasse mir ein Pfund südamerikanischer Bohnen fertig machen, öffne die Tüte und nehme einen tiefen Zug. Aaaahhh!

Life is a gate, a way, a path to Paradise

Die Nase ist wieder offen für das Leben da draußen. Eine Weile noch sitze ich im Schatten der Bäume auf einer Bank vor der Markthalle, lausche den aufgeregten Spatzen und  betrachte die vorbei hastenden oder schlendernden Menschen. Bis die Dunkelheit von Westen violett herein bricht.
Der Hund und ich treten den Heimweg an. Durch die beginnende Nacht. Durch Erinnerungen. Durch Kreuzberg. Über die Admiralbrücke mit dem  romantisch veranlagten Partyvolk. Über den Kotti.
Alle Läden bereits geschlossen. Nur ein paar ausgemergelte Junkies harren noch mit leerem Blick dem nächsten Schuss. Die ersten Nachtschwärmer zieht es zur Oranienstraße, in der einst Konrad Zuse die Z4 erfand.Wir folgen der Hochbahn. 800px-Berlin-kreuzberg_u-bhf-goerlitzer-bahnhof_20051019_324

Am Lausitzer Platz thront die Emmauskirche. Das Glasmosaik über dem Portal zeigt Jesus mit  den beiden Emmaus-Jüngern. Darunter der Spruch

Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

…und der Tag hat sich geneiget, zitiere ich im Geiste dazu.
Als ich den Platz überquere, denke ich an Herrn Lehmanns  legendäre Begegnung mit einem Hund an dessen Westseite. Mit Töle nehme ich nun Kurs auf den Mariannenplatz.
Es duftet verführerisch nach blühendem Jasmin, Geißblatt und geschmortem Lamm, als wir langsam nach Hause trotten. Im Hintergrund höre ich, wie sich am Schlesischen Tor die U1 quietschend in die Kurve des stählernen Viaduktes legt.

Irgendwann in der Zukunft werde ich den Geruch dieses Tages mit all seinen Klängen und Bildern  erinnern.

————–

(Ich bin froh, dass Kreuzberg noch keine Lush-Filiale hat).

Berlin im Frühling

5. Mai

SAMSUNGSAMSUNG

So sah es heute in Berlin aus.

Nach einem sehr ausgedehnten Spaziergang von Kreuzberg in den Tiergarten, über den Alexanderplatz zurück, bin ich schlagkaputt und zufrieden. Töle auch. Nächste Woche werden wohl auch die purpurnen Rhododendron anfangen zu blühen.

Ich freue mich schon auf den Taschentuchbaum. Alles etwas später dran dieses Jahr.

Berlin,  im Frühling und Sommer kriegste mich immer noch mal rum.

SAMSUNGSAMSUNG

 

Dealer im Park

Bild

Der Görlitzer Park ist ein Ort, dem ich mich auf eine besondere, fast familiäre Art zugehörig fühle.
Ungezählte Sommer war er für mich das Herz der Luisenstadt, und noch immer zieht es mich hierher.
Viel seltener allerdings, denn es ist voll und anstrengend geworden.
Laue Nächte sind lauten Massen-Besäufnissen gewichen. Tempo statt Romantik.
Und doch ist der Görli ein besonderer Ort, weil es gelungen ist, Reste eines alten Bahnhofes zu erhalten, und das unwirtliche, schlauchartige Gelände in einen, wenn nicht schönen, so doch ungewöhnlichen Park zu integrieren.

Seine Geschichte:
Vor 150 Jahren schütteten Arbeiter tonnenweise Sand auf den Ackerboden des Köpenicker Feldes und verlegten anschließend Schienen.
Es entstand der Görlitzer Bahnhof, über den bis zum Mauerbau am 13. August 1961 der Personen- wie auch Güterverkehr mit den süd-östlichen Gebieten Brandenburgs und Sachsens abgewickelt wurde.
Danach war der Görlitzer Bahnhof nur noch vom nahegelegenen Güterbahnhof Treptow (im Ostteil der Stadt) zu erreichen.
Bis 1985 pendelten hier noch Güterzüge (über einen kleinen Grenzübergang an der Landwehrkanalbrücke) zu einer ansässigen Spedition, einem Schrottplatz und Kieslager.
Der Rest des Geländes wurde zum Niemandsland zwischen Ost und West.
Ungepflegt und unbeaufsichtigt verkam das 14 Hektar große Areal nach und nach zu einer Brache mit Autowracks, Chemieabfällen und anderem Großstadtmüll.
Nachdem die im Krieg beschädigten Gebäude abgerissen waren, wurde 1980 mit der Freiräumung begonnen, bis man im Grundwasser große Mengen Öl fand.
Eine Anwohner-Initiative hatte die sowohl die gewerbliche Bebauung des Geländes, als auch eine geplante Schnellstraße verhindert, und 1984 begann man, nach bodenverbessernden Maßnahmen, die Brache mit anspruchslosen, heimischen Gewächsen zu bepflanzen, Hügel aufzuschütten, einen kleinen See anzulegen, Spielgeräte aufzustellen, ein Fußballfeld zu schaffen und eine Wassertreppe zu bauen.
So entstand der Görlitzer Park, der zusammen mit Schlesischem Busch, Treptower Park, Königsheide und Plänterwald einen grünen Keil bildet, und ausgedehnte Spaziergänge von Kreuzberg nach Treptow erlaubt.
Vom ehemaligen Bahnhof sind heute nur zwei Güterschuppen übrig, in denen sich das Café Edelweiss und eine bunt beleuchtete Minigolfbahn befinden.
Außerdem existiert noch ein kurzes Gleisstück östlich der Kanalbrücke, sowie Reste des, inzwischen verschlossenen, 180m langen Fußgängertunnels (der „Harnröhre“). Die Mauer an der Längsseite des Parks, ist ebenso ein Relikt. Dort wo der Tunnel war, befindet sich heute die große Mulde, das Kernstück der Anlage.
Der Blick von hier Richtung Norden ist umwerfend: im Vordergrund die Skulptur „Schreitender Mensch“ von Rüdiger Preisler, dahinter die Emmaus-Kirche auf dem Lausitzer Platz, und in der Ferne der Ostberliner Fernsehturm.

Seit einigen Jahren gesellen sich zu den grillenden türkischen Großfamilien, den Kiezgrößen vom Trinkergewerbe, den Alteingesessenen, Hundebesitzern und den Dealern auch noch Unmengen an Karawanenfolgern, die den Park von März bis Ende September zu einem oktoberfestartigen Moloch werden lassen.
Im Herbst wird es dann wieder ruhig und vertraut hier. Mit Ende der Grillsaison reduziert sich auch der Müll erheblich.
Die Dealer bleiben. An Spitzentagen sind ein Dutzend Verkaufs-Offerten Teil des routinierten Vergnügens. Man kennt sich, ein kurzes Lächeln und Nicken genügen.Töle rangepfiffen, weiterspaziert.

Wenn der Görli erst einmal so aufgeräumt sein wird, dass süddeutsche Besserverdiener, selbstgestrickte und -gefilzte Prenzlmütter, erfolgreiche Kosmopoliten, aerodynamische Künstler und anders Arrivierte sich hier heimelig, sicher und sauber fühlen:
wenn die Händler weg bleiben, weil das Neue Berlin einschreitet, dann werden viele, die sich eben noch die Mieten hier leisten können, zusammen mit den Unerwünschten an den Stadtrand ziehen müssen, um das Feld ganz und gar dem Kleinen Adel zu überlassen.
Die Karawane wird weiter ziehen, und die zerstörerische Spur einer Nacktschnecke hinterlassen.

Der Name der Dinge

Ich schaue aus dem Fenster. Die Regentropfen haben die Oberfläche der Pfützen blasig aufgeworfen.
Allein die Augen des Hundes, und die Einsicht in seine Bedürfnisse, bringen mich dazu, mich dem Außen zu stellen.
Draußen ist es milder als erwartet.
Die Silvesterböller sind durch den Regen, der seit Tagen herunterkommt, bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht. Unmöglich sie von dem zerlaufenden Hundekot zu unterscheiden.
Ich versuche es erst gar nicht und stelle den Blick weit.
Der Gehweg ist menschenleer, in den Wohnungen brennt Licht.
Wir nehmen die Manteuffelstraße und bewegen uns Richtung Süden. Wie immer wundere ich mich darüber, dass sich gleich zwei Schuhmacher in so kurzer räumlicher Distanz zueinander halten können und hadere mit mir, wem ich meine Sympathie im Bedarfsfalle einmal schenken würde.
Töle erledigt was zu tun war. Tüte raus, aufgesammelt, weiter.
Die Milchbar hat noch geschlossen. Ob der Name von Anfang an als Witz gemeint war, oder sich durch die trinkfeste Stammkundschaft erst dazu entwickelt hat?

Hinter der Hochbahn Intertank und Bierkombinat.
Da bleiben keine Fragen offen.
Am Ende der Straße hat vor ein paar Monaten die Hebammerie eröffnet.
Im Prinzip klar, was da geboten wird. Im Detail aber nicht.
Der Name erzeugt Assoziationen, die sich zu Bildern verdichten, von denen ich wünschte sie wären niemals entstanden.
Hebammerie, Patisserie, Boucherie.
Routinierte Massengeburten mit Mutterkuchen frei Haus?

Während wir das Paul-Lincke-Ufer entlang gehen, schäme ich mich für meine verrohten Fantasien und versuche die massakerartigen, blutgetränkten Bilder wieder los zu werden.

Ich denke an die Zeiten, als wir eine Punkrock-Band gründen wollten, und uns ständig neue Namen dafür einfielen.
Abgründig und schockierend sollten sie sein um unsere nihilistische Lebenshaltung mit Nachdruck nach außen zu transportieren.
.
Bück-dich-und-die-Gichtkröten war besetzt. Crux Ansata auch.
Hämoroid, Schanker und Primitief noch frei aber zu gewollt.

Jetzt passieren wir das Wohnzimmer, ein Geschäft mit allerlei teuren, unnützen Kreativ-Niedlichkeiten.
Die Schuhtanten nebenan bieten käuflichen Individualismus für die Füße.

In der Zwischenzeit bin ich bis auf die Haut durchnässt.
Wir treten aus der Ruhe in den Tumult des Kottbusser Damms.
Dort ist es laut, voll und dreckig, wie immer.
Nicht nach links und rechts schauen.
Die elende und niederschmetternde Ramsch-Meile möglichst schnell hinter sich lassen.
In den Markisen der zahllosen Billig-Geschäfte hat sich das Wasser gesammelt und stürzt an den Rändern schwallartig auf die Passanten herab, die sich nach vorne gebeugt durch die Menge kämpfen.
Kein Platz um auszuweichen.
Vor dem Matratzen-Discounter kauert im strömenden Regen eine süd-osteuropäisch aussehende Frau mit ihrem kleinen Sohn.
Ihre ausgestreckten Hände sind nass, die dunklen Haare kleben strähnig im Gesicht.

Am Hermannplatz angekommen, hole ich rasch ein paar Pansensticks (geiler Name für ne Punkband), und spaziere über die Urbanstraße Richtung Bergmannkiez weiter.

Neben vielen Trödelläden, gibt es hier auch Ficken 3000 und Triebwerk, die allerdings erst abends ihre Pforten öffnen.
Verstehe ich.
Klingt wie ideale Treffpunkte, nachdem man beim Datingportal Fuckbook (it was never easier to get laid) Kontakt geknüpft hat.
Existiert nicht auch einen Laden namens Stahlrohr am Prenzlauer Berg?

Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass die beiden Anwälte der Zwickauer Rechtsterroristin Beate Zschäpe Heer und Stahl heißen.
Das erscheint mir doch sehr bemerkenswert.

Es regnet unaufhörlich weiter.
In der Körtestraße kommen wir an Rent-a-Rita, einem Cocktailservice vorbei.
Kurz dahinter die Lokalität Mädchen ohne Abitur.
Verweist das auf die Menschen vor oder hinter dem Tresen, und wie auch immer, was soll damit zum Ausdruck gebracht werden?

Mir geht diese ganze Witzigmeierei, das bemühte Getue um Originalität, auf den Zeiger.
Chez Gino für ein schwäbisches Restaurant, Chez Dang für den Vietnamesen und Chez Icke für die (durch web-cam netzpräsente) Theaterkneipe vom Hebbel am Ufer.
Mein Sprachscanner reagiert ebenso auf Lokale, die mit Fräulein anfangen:
Fräulein Smillas, Fräulein Frost, Fräulein Fiona, Fräulein Wild, Fräulein Schneider, Fräulein Dickes.

Ich mache einen Bogen um Salons, Studios und andere kunst- und Lebens“art“ durchdrungene Einrichtungen. Früher firmierte sowas unter der Bezeichnung Wirtschaft oder Kneipe.
Dieses platte Buhlen um den Originalitäts-Orden stößt mich ab.

Ob Hund, Töle oder Köter. Das Vieh frisst, pinkelt, wedelt und schnarcht immer gleich.

Bei Menschen sieht das anders aus: eine befreundete Lehramtanwärterin erzählte, dass der Name eines Kindes mitentscheidend ist, für die Einschätzung und Bewertung durch Lehrkräfte.
Maximilian bekommt bei gleicher Leistung bessere Noten als Kevin.
Charlotte stößt auf weniger Widerstände als Mandy.

Die Verpackung eines Geschenkes soll in Japan sogar bedeutsamer sein als der Inhalt.

Am Ziel angekommen kehre ich bei Barcomi´s ein und trinke einen Kaffee.
In der Zeitung lese ich von den Plänen des Euroretter-Duos Merkel und Sarkozy, europaweit eine Abgabe einzuführen, die „im Grundsatz“ beim gesamten Handel an den Finanzmärkten fällig werden soll. Dies beträfe dann Aktien, Anleihen, Devisen.
Denn Sarkozy ist der Überzeugung, dass die, die uns das alles eingebrockt haben, jetzt auch ihr Scherflein dazu beizutragen haben, das Ruder noch einmal herumzureißen.
Als Wert für den Steuersatz werden zwischen 0,01% und 0,1% des Kurswertes jeder Transaktion diskutiert.
Diese Finanztransaktionssteuer soll unseren Kontinent vor dem Untergang retten.

Gib dem Elend einen großen Namen.

(Text vom 10.01.2012)

3 Farben Kreuzberg

Beim Verlassen des Hauses werfe ich einen Blick auf den Mariannenplatz. Unter grauem Winterhimmel erhebt sich dort das ehemalige Bethanien-Krankenhaus mit seinen beiden spitzen Türmen. Alte Platanen strecken ihre kahlen, gefleckten Äste in die nebligkalte Luft. Der Platz ist öd und leer. Keine Menschenseele unterwegs. Nicht einmal die Hunde von der Wagenburg.

Berlin-kreuzberg bethanien 20050420 p1020601

Mich schaudert. Ich stelle den Kragen hoch, wende mich ab und nehme mit Töle zügig Kurs Richtung Görlitzer Bahnhof.
Es ist 7 Tage vor Weihnachten. Ich bin planlos, ziellos, angespannt.
Wir gehen durch die Manteuffelstraße (mandevil). Rechterhand ein Block 80er-Jahre- Neubauten. Gesichtslos, düster, drückend.
Auf der Ecke zur Skalitzer Straße verursacht die vorgelagerte und eingezäunte Terrasse des Que Pasa einen Fußgängerstau auf dem Gehweg.
Früher befand sich in den gleichen Räumlichkeiten die
Linie 1. Ein verranzter Schuppen aus dessen klappernden Belüftungslamellen es stets nach altem Frittierfett, jauchigem Bier und kaltem Rauch stank und der nach einer Schießerei mit Todesfolge schließen musste.
Unser Weg führt, unter der taubenverdreckten Hochbahn an den hoffnungslosen Junkies und Alkis vorbei, die dort am Treppenaufgang herumlungern und sich gegenseitig anpöbeln oder versuchen den hastenden Passanten entwertete U-Bahntickets anzudrehen.
Jetzt sind wir auf der Wiener Straße. Töle hat verstanden. Direkt neben dem öden Hannibal hat anstelle des erfolglosen kleinen Reisebüros ein neuer, neonheller Imbiß eröffnet. Zum einfacheren Verständnis, und um erst gar keine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen, zeigt eine Leuchttafel hinter dem Tresen aus Glas und Chrom, Abbildungen der dort erhältlichen veganen und vegetarischen Leibspeisen an. Auf dem Gehweg, zur Fahrbahn hin, befindet sich ein lang gezogenes, nacktes Beet. Früher wuchsen hier ein paar der üblichen zähen, stadtresistenten Sträucher und Koniferen. Ob sie an der Hundepisse, oder dem Lärm der ausfahrenden Leiterwagen von der Feuerwache nebenan zugrunde gegangen sind?
Mein Blick bleibt an einem seidigschimmernden, braunen Brokatkissen hängen, das dort plüschigprall auf der dunkelbraunen, nassen Erde liegt. Inmitten von großen, sich zersetzenden Hundehaufen. Ich bleibe stehen. Wenige Meter weiter befindet sich die Feuerwache aus den 70er Jahren, deren Außenfassade ebenso in braun gehalten ist. Und natürlich kommt mir Heino, mit seinem Lied der Deutschen in den Sinn:
„Schwarz-braun ist die Haselnuss“
Schwarz-braun bin auch ich.“ Was soll das bloß heißen? Geht es nicht weiter mit: „Schwarz-braun muss mein Mädel sein, gerade so wie ich“?
Ist das die Hymne zum Kameradentreffen?

Töle wittert den nahe gelegenen Park und drängt, derweil ich versuche das Volks-Lied wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wieso fressen sich Textzeilen von besonders schlimmen Musikstücken, säureartig für immer, und immer tiefer ins Gehirn, um sich dann in einer Endlosschleife abzuspulen, sobald versehentlich der Auslöseknopf gedrückt wurde?
Mir gruselt vor meiner eigenen zukünftigen Demenz, wenn ich nur noch in Lage sein werde die Belanglosigkeiten aus dem Langzeitspeicher (Säurekammer) meines Hirnstüberls abzurufen, und damit meinen Lieben viel Scham und Verdruß zu bereiten. Um die unwillkommenen Phrasen loszuwerden, muss man ganz ähnlich wie bei Schluckauf vorgehen: mit konzentriertem inneren Tunnelblick entschlossen an etwas anderes denken.
Dieses Mal gelingt es und führt zu einer weiteren Textzeile, die mich bis in die Nacht verfolgen wird:

 „.. and though you hate this song. you’ll be humming it for weeks…“ *

Durch einen der Seiteneingänge zur Wiener Straße betreten wir jetzt lustlos den Park.
Im vergangenen Jahr wurde ein Teil der alten Wege asphaltiert. Dort wo noch ein Erde-Sand-Gemisch und Kopfsteinpflaster den Grund bedecken, haben sich tiefe, matschig- graubraune Pfützen gebildet, die die Passage unbenutzbar machen.
Im Slalom geht es über die lehmigen Rasenreste Richtung Senke. Ein grau-gestromter Windhund-Mischling kommt uns entgegen. Die beiden Hunde begrüßen sich mit Spielverbeugung, jagen über den abschüssigen Rasen, verlieren dann aber schnell das Interesse und wir setzen unseren Weg Richtung Treptow fort. Weiter durch den Park, auf der Trasse des alten Eisenbahndamms.
Es dämmert und die Temperatur zieht deutlich an, so dass ich davon absehe einen Abstecher ins freudlose Treptower Parkcenter zu machen. Es will einfach keine Stimmung aufkommen, an einem der kürzesten Tage des Jahres. Wir kehren um und marschieren schnellen Schrittes zurück.
Das Hühnerhaus am Ausgang zum Lausitzer Platz ist schon von weitem zu riechen. Wegen der herumliegenden Knochenreste muss Töle an die Leine.
Der penetrante, süßlich-würzige Geruch der goldbraunen Broiler lockt Mensch und Tier.  Ja, selbst die Kreuzberger Polizei kann dem nicht widerstehen und hält mit Mannschaftswagenverkehrswidrig in zweiter Reihe. Weil der Rubel rollt, hat das Hühnerhaus letzten Winter expandiert und zusätzlich zum Straßenverkauf die ehemaligen Räume des Restaurant Kattelbach, schräg gegenüber bezogen. Vor dem Eingang des Lokales, hängen die gleichen Trauben roter und gelber Luftballons, wie man sie sonst vor Matratzendiscountern und Döner-Buden findet. Nicht gerade einladend, aber wenigstens ein bisschen bunt, ohne dabei gleich weihnachtlich sein zu müssen.
Ich blicke zu Töle. Nase-auf-dem-Boden, völlig verdreckt, grauer Hund auf grauem Grund, trottet sie gleichmütig neben mir her, an diesem monochromen Wintertag in Kreuzberg Süd-Ost. Zuhause wird sie sich niesend auf dem Boden wälzen, ihre Schnauze am Mobiliar reiben und in Ermangelung eines anderen Hundes sich selbst genügen. Wie beispielhaft und tröstlich.

der hund wischt sich am hund den mund gern ab
nämlich am hund der er nicht selber ist
wenn aber er allein und hund nur selber ist
wischt gern an sich den mund er selber ab

so hält auch gelb sich lieber auf bei blau grau grün rot lila-
steht jedoch nur gelbes
korn vorn vor gelber villa, gelben himmel drüber
ist auch das gelb sich selbst am liebsten lieber.“
(ernst jandl. der gelbe hund)

ich liebe dieses gedicht, und es geht mir seit urzeiten nicht aus dem kopf.
hoffentlich befindet es sich in meiner säurekammer.

* *„Chicken Song“ der Band „Spitting Image“ aus den 80ern