Stille Feiung

Manchmal besuche ich Saturn am Alex nur, um kurz vor Sonnenuntergang mit dem Aufzug ganz nach oben zu fahren und durch die Panoramafenster einen Blick auf den Platz zu werfen, ehe die glühende Kugel hinter der Kuppel der St. Hedwig Kathedrale verschwindet und dabei die Welt in einen fulminanten goldenen Glast taucht.

Schmerzjubel

Bald ist sie ganz verschwunden, und von Osten schiebt sich blauviolett der Teppich der Dunkelheit über die Stadt.
Ich fühle mich benommen, als hätte ich bei einem Kirchenkonzert direkt vor der Orgel gesessen und in ohrenbetäubender Lautstärke Toccata und Fuge in d-Moll von Bach gehört, deren volle Akkorde auch nach Verklingen des letzten Tones noch im Kopf nachhallen.
Die eintretende Stille ist wie ein Vakuum, das beinahe schmerzt und in dessen Sog ich mich ferngesteuert durch das Neonlicht des Elektronik-Kaufhauses bewege.
Ohne es zu wollen, greife ich nach einer elektrischen Zahnbürste. Philips Sonicare. Zwei Handteile, nur ein Bürstenkopf. Ersatzbürsten kaufen.
FlexCare, ProResults oder Diamond Clean.
Der Kunde, der neben mir steht, empfiehlt FlexCare Bürsten.
Ohne eine Erklärung abzuwarten ziehe ich die Packung von der Schiene und bedanke mich.
Ich blicke in bernsteinbraune Augen. Das Gesicht ist hager, die dunklen Locken an den Schläfen leicht ergraut.
Ein kurzes Lächeln belebt seine müden Gesichtszüge und er sieht auf einmal ganz jung aus.
Woher nur kenne ich ihn?
Aus dem Fernsehen, von der Arbeit, von einer Party?
Ohne mich umzudrehen verlasse ich Saturn.
Die Dunkelheit, die mich empfängt, gibt mir ein geborgenes Gefühl.

Tage später, beim morgendlichen Zähneputzen, fällt mit plötzlich sein Name ein.
Wir waren auf der gleichen Schule, er vier Klassen über mir.
Ein paar Mal fuhr er mich mit dem Motorrad nach Hause.
Das war alles.
Jahre später, ich war schon lange weg gezogen, hörte ich, dass er Kameramann geworden war.

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal an ihn gedacht habe, oder besser wann ich ganz und gar aufgehört habe an ihn zu denken.
Das Vergessen vollzieht sich so unmerklich und geheimnisvoll, wie das Einschlafen. Unmöglich den Moment zu benennen, in dem es geschieht.

Dass wir überhaupt jemanden vergessen können, für den unser Herz schlug.

Was wäre, wenn für jeden Verlust im Leben eine Glocke zu läuten begänne und in den Chor der anderen einstimmte, bis wir am Ende in dem Schwingen und Dröhnen unseren Verstand verlieren würden.

So ist das Vergessen keine Lieblosigkeit, sondern ein Schutz.
Der Einzige.

Als Begleitmusik: Toccata und Fuge in d-moll und Junimond von Rio Reiser