Unzählbar

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Orgelreis steht auf der Plane des schwarzen LKW, der an uns vorbeifährt, und ich muss lachen. Weil ich immer über ungewöhnliche Namen lache. Eine Schwäche.
Idiot, sagt die Malerin, die neben mir spaziert. Ich hab nicht mitbekommen um wen es geht und frage sie, wie oft sie in ihrem Leben schätzungsweise schon Idiot gesagt hat. Das liegt im hohen sechsstelligen Bereich, ist nach kurzem Überlegen ihre Antwort.
Es gibt soviele Idioten, die kann man gar nicht mehr zählen, sage ich und jetzt ist es an ihr zu nicken.
Uncountable wie Sand sind sie, die Idioten, ergänze ich und sie brummt zustimmend.

Es ist heiß, der Frühling hat von Frost auf Grill umgestellt, Erdbeerhäuschen schießen aus dem Boden und überall flanieren nackte braune Beine. Kann ja nur Solarium, in so kurzer Zeit, denke ich, den hechelnden Hund unter dem Arm. Es ist schon ein mühseliges Geschäft mit bepelzten kranken Tieren in der Glut der Mittagshitze unterwegs zu sein.
Die Malerin und ich haben das Idioten-Thema für´s Erste beendet und uns jetzt auf´s Jammern darüber verlegt, dass nirgends Schatten sich fände und der Scheitel uns glühe und beinahe unerträglich dies sei. In Wahrheit mag ich es sehr gerne, wenn die Kopfhaut mir brennt und die Hitze sich schwer auf meine Schultern legt, doch ich möchte nach dieser anstrengenden Woche nicht unser einträchtiges Gemecker unterbrechen und so wettern wir lustig weiter. Harmonie ist alles.

Hinter den Riegelbauten in der Annenstraße setze ich den Hund endlich und ausnahmsweise ohne Fressschutz ab und lasse sie ein wenig durch´s Gras stiefeln. Keine zwei Minuten bis ein Schulbrot zwischen ihren Zähnen klemmt und ich sie anherrschen muss, damit sie es fallen lässt. Funktioniert tadellos. (Nicht auszudenken!)

Nachdem der Maulkorb wieder am Tier dran ist, passiert das, was immer passiert, nämlich dass jeder zweite Passant, ausnahmslos Männer, sich bemüßigt fühlt, mich auf meinen Hund anzuquatschen. Und sie tun es auf die immergleiche unangenehme Weise. Die Jüngeren sagen: Hö, hö, Hannibal Lecter! und die Älteren schnarren mit unverkennbarem Biertimbre:  Du bist ja´n janz Jefährlicher, wa? Die Witzigsten fügen, generationsübergreifend, noch weitere Bemerkungen hinzu, etwas in der Art wie „dein süßes Frauchen willste verteidijen. Recht haste.“
Und ich denke: Uncountable
.

Wir stratzen weiter durch die seelenlose Neubausiedlung, die sich von der Alten Jacobstraße bis hin zur Leipziger zieht. Dort angekommen schaffen wir es trotz zügigen Schrittes nur bis in die Mitte der Straße auf die winzige Verkehrsinsel, den schmalen lebensrettenden Betonstreifen, dann zeigt die Ampel schon wieder Rot und wir stehen inmitten der Plattenbauten und der erbarmungslos flimmernden Hitze, während vor und hinter uns der wütende Verkehr auf jeweils vier Spuren vorbeidonnert. Diese Kreuzung ist immer wieder auf´s Neue eine große psychische Herausforderung, die wir nur mit lauthalsem Gezeter über misanthrope ampelschaltungenplanende Idioten unbeschadet überstehen.
Als wir die tosende Leipziger überquert haben, kommen wir auf den ruhigen Hausvogteiplatz. Ein rothaariges Mädchen mit langem, geflochtenen Zopf kreuzt unseren Weg. Sie sieht aus wie ein Engel, trägt ein lindgrünes Kleid auf ihrer Alabasterhaut und ich freue mich an ihrem traumgleichen Anblick und denke: jetzt kann nichts mehr schief gehen.
Die Malerin versucht noch halbherzig mich zu überzeugen, dass das Mädchen sicher nicht freiwillig einen so langen Zopf trägt, dass ganz bestimmt der Zwang ihrer strengen Eltern dahinter steckt, doch ich wehre ihr Geunke ab, überzeugt davon, dass das Mädchen ganz freiwilligerweise so hinreissend aussieht. An der Friedrichstraße flammt unser eben eingeschlafenes Gemecker noch einmal auf, wir schimpfen traditionsgemäß über die Touristen die in Sandalen und mit offenem Mund herum und natürlich immer im Weg stehen, doch sobald wir an der Mall of Berlin vorbei, aus den steinernen Ministergärten herausgetreten und endlich in die Kühle des Großen Tiergartens eingetaucht sind, wo es ruhig und grün ist, vergeht uns das Gezeter. Beinahe schlagartig ist es ruhig geworden, hoch und friedlich stehen die schattenspendenden Bäume, unzählige Blüten säumen die Wegesränder und Wasserläufe und verschwunden sind die Unzählbaren. Nur vereinzelt noch treten sie in Form von rüpelhaften Radfahrern auf. Doch man möchte ihnen nichts mehr hinterher rufen, weil im Schutze des Grüns aller Ärger verflogen und nur noch Freude ist.
Weiter westlich dösen die Schildkröten auf ihrem querliegenden, vermodernden Stamm, Enten ziehen ihre Bahnen über´s Wasser, aus dem Blätterdach zwitschert und tschilpt es und fernab von Lärm und staubiger Hitze spielen die beiden Hunde, toben wie die Welpen am Fuße der fedrigen Mammutbäume, jagen sich im Rhododendronhain durchs Unterholz und quer durch den raschelnden Farn und schließlich springen sie in einen brackigen Tümpel, wo sie sich ekstatisch im kühlenden Schlamm wälzen. Nach einer Weile kommen sie zu uns herüber gerannt und schütteln sich dort erst kräftig, auf dass auch unsere Beine schwarz gesprenkelt seien und wir alle zusammen ein faulig stinkendes Rudel bilden mögen.
Auf dem Nachhauseweg trage ich ein glückliches, dreckiges und sehr erschöpftes Tölchen in meinen besudelten Armen. Mein leichtes Sommerkleid ist voller Flecken und ich bin sehr froh.
Seit ihrer Diagnose habe ich sie und mich nur selten noch so zufrieden und ausgelassen erlebt.

 

P.S.: Soeben erreicht mich eine Mail der Vermieterin, die zumindest nach Waffenstillstand klingt, wenn nicht nach mehr. Y!

 

 

 

 

Bild: Ross, Funnell, The Tiergarten, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Mirko

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Was dem Winter die Krähen sind dem Frühling die Amseln. Schwarz das Gefieder, gelb der Schnabel sehe ich sie auf einmal überall in der Stadt. Geduckt laufen sie von Strauch zu Strauch, halten inne, drehen den Kopf von links nach rechts, äugen und huschen weiter. Mirko nenne ich sie, jede Einzelne von ihnen. Das knirscht so schön, wie der Kies vor den Bungalows meiner Kindheit, in deren Vorgärten meine ersten Mirkos zuhause waren.

Mit dem Hund gehe ich durch den Tiergarten. Der Rhododendron blüht. Meterhohe Büsche mit ledrigen Blättern und zahllosen Blüten in purpur, weiß und rosa säumen die verschlungenen Wege, dazwischen Azaleen in kräftigem Gelb und Orange. An brackigschwarzen Tümpeln wachsen Mammutbäume, Modergeruch vermischt sich mit dem betörend süßen Blütenduft. Farnwedel stehen zart befiedert in der Sonne und leuchten in frischem Grün. Pappelpollen schweben durch die schwere Luft wie Maischnee und landen geräuschlos auf den vielen Wasserläufen. Eine stille Urwelt, mitten in Berlin.

Auf einer kleinen Brücke bleibe ich stehen. Das Gartenamt hat sämtliche Schlösser vom Geländer entfernen lassen. Janice & Flo und Aliah & Mike hatten sich hier einander für immer versprochen. Ob ihre Liebe den Winter überdauert hat?

Drüben im Wasser liegt der Schildkrötenbaum. Gleich vier große Panzer zähle ich heute, hübsch nebeneinander in der Sonne aufgereiht. Ein Stückchen weiter steht wie immer die wohlgenährte Kanadagans in Ufernähe, als wollte sie sich die Füße kühlen. Ungewohnt aktiv spreizt sie plötzlich einen Flügel, hebt ein Bein, entleert ihren Darm und fälllt anschließend in die gleiche abwartende Starre zurück.

An einer großen Weggabelung treffe ich wieder auf eine Amsel, oder ist es immer die gleiche, so, wie die Stubenfliege meiner Kindertage, die mich über Jahre begleitete und sogar mit uns im Auto in den Urlaub fuhr? Immer wieder riss mein Bruder ihr ein Beinchen aus, doch stets wuchs es über Nacht nach. Susi, so nannten wir sie, erstand jedes Frühjahr für uns wieder auf, ganz wie der erschossene Kukuck.

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Der Gesang der Nachtigall, das erzählte mir kürzlich die Journalistin, habe sich nicht verändert, in hundert Jahren nicht, alte Aufnahmen belegten dies, und wie zu allen Zeiten wählt auch heute noch das Weibchen den Kavalier nach der Qualität seiner Darbietung aus. Ein Sängerwettbewerb im Unterholz.

Anders die Amseln, sie gehen mit der Zeit, greifen Klingeltöne von Weckern oder Handys auf, imitieren diese und bauen sie in ihr Gesangsrepertoire ein, um damit das Weibchen zu bezirzen. Wer die neuesten Ringtones drauf hat steht in der Gunst der Damen ganz vorne. Seine Gene haben gute Chancen, es bis in die immer näher rückende goldene Zukunft schaffen.

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Die Amsel an der Weggabelung duckt sich und rennt los. „Mirko!“ rufe ich ihr hinterher, da bleibt sie stehen.
Der Mann, der eben im noch Vorbeigehen den Papierkorb durchsucht hat, dreht sich um und schaut mich erstaunt an. Einen großen Rucksack auf dem Rücken, das Gesicht rot und aufgedunsen, die Haare weizenblond, steht er ein wenig unberaten da. Ob auch er Mirko heisst?
Rauchen Sie?, frage ich ihn, weil mir nichts anderes einfällt und ich mich plötzlich erinnere noch ein Päckchen in der Tasche zu haben. Eigentlich wollte ich es dem Flüchtling schenken, der mich kürzlich im Krankenhaus um Zigaretten bat, doch das Personal erlaubte es nicht, er habe genug zu rauchen, und so trage ich die Schachtel seit Tagen mit mir herum.
Mirko nickt auf meine Frage und lächelt verlegen. Darf ich Ihnen vielleicht die Luckys geben? Ich kann sie nicht mehr gebrauchen, hab leider aufgehört zu rauchen, plappere ich übertrieben heiter weiter und reiche sie ihm, ohne eine Antwort abzuwarten. Er nimmt sie vorsichtig entgegen. Seine Hände sind trocken und rot.
Leider habe ich kein Feuer, setze ich meine Rede fort, ich rauche ja nicht mehr. (Wieso quassele ich bloß so viel?)
Mirko schweigt immer noch und schaut mich freundlich an.
Einen Moment lang stehen wir uns ratlos gegenüber, dann nicken wir uns zu und gehen, jeder in eine andere Richtung, davon. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn von hinten, wie er mit seinem schweren Rucksack gen Süden stapft.
Der schwarze Mirko ist längst irgendwo im Gebüsch verschwunden.

 

 

 

 

 

Bild: Last Hero, Amsel
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Glockenspiel

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Der Wind trägt die schwebenden Klänge des Carillons von der Uferseite zu uns herüber. Verzaubert liegt der große Tiergarten in der Nachmittagssonne. Die Beine in die Luft gestreckt schubbert der Hund seinen Rücken im Gras und schnaubt. Mein Blick geht über die Wiese zu den Sträuchern und dem kleinen Hain dahinter und wie in jedem Jahr staune ich, wie grün das Grün ist, wenn es nach dem Winter die silbriggraue Rinde der kahlen Äste durchstößt.

Ich muss an den Obdachlosen denken, der hier im vergangenen Jahr sein Lager zwischen den Bäumen aufgeschlagen hatte. Den Sommer über lag er manchmal mit geschlossenen Augen auf der Wiese, neben ihm ein altes Fahrrad. Seine anderen Besitztümer waren irgendwo im Gebüsch versteckt. Im Spätherbst, als der Nebel sich auf die Wiesen senkte, sah ich ihn einmal ein Feuer dort im Unterholz machen. Es dunkelte schon, der Park war ausgestorben und er schien sich allein zu wähnen. Auf unerklärliche Weise muss er meinen Blick, vielleicht auch meine Besorgnis, wegen der offenen Flammen gespürt haben, denn plötzlich drehte er sich um, sah mich an und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Ich nickte.
Ich hoffe, dass sich das Blatt für ihn gewendet hat.

Im Rasen vor mir entdecke ich die tiefe Narbe im Gras wieder. Die Wunde, die Widmung, das Herz. Geschnitten von Unbekannt im vorletzten Sommer, als die Liebe noch blutete.
Auch damals saß ich hier, ließ den Hund seine Runden drehen und bangte mit klopfendem Herzen. Ich wusste nicht wie wir uns waren, als das Abendkonzert begann und eine kühle Stimme mir ins zitternde Ohr sprach. Die Glockentöne beruhigten mich, beinahe wie eine Heimat. Wer hätte geglaubt, dass selbst dieses Jetzt sich zu einem Gestern wandeln würde.

Alles vergeht und bleibt als Bild.

Auf der Wiese sitze ich und erinnere mich. Ein leichter Schmerz ziept an meiner Seele. Wind kommt auf, mich fröstelt. Fast menschenleer liegt der Park zu dieser Stunde, nur ein paar Radfahrer kreuzen ihn entlang der großen Alleen. Zeit für mich aufzubrechen.

Im Flora-Rondell reitet die Amazone noch immer in Richtung Osten, die Streitaxt in der Hand sitzt sie zu Pferd, das klare Gesicht zuversichtlich nach vorne gerichtet, die tiefstehende Sonne im Rücken. Gemeinsam mit ihr mache ich mich auf den Heimweg, denn es will Abend werden und lange Schatten legen sich auf den ausklingenden Tag.

Als ich auf den 17. Juni hinaustrete drehe ich mich um und werfe einen Blick in Richtung Westen, wo die Siegesgöttin auf ihrer Säule im goldenen Licht triumphiert, dahinter mirabellengelb der Himmelssaum unter sterbendem Blau.
Vorbei gehe ich an der riesigen Bronze des Rotarmisten im langen Mantel und mit geschultertem Gewehr. In seinem Rücken die Gräber abertausender gefallener Soldaten.

Die Quadriga ist nicht mehr weit.

Hinter dem Tor treffe ich dich. Du lächelst. Ein Ausdruck, der abhanden gekommen schien über den Winter. Ein seltener Gast.

Ich reiche Dir noch einmal die Hand.

 

 

 

 

 

 

Bild: sczscz, Tiergarten Berlin
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Jot-Jot-Eins

Buddy Bear Laube

Buddy Bear  (Photo credit: Wikipedia)

Am Potsdamer Platz trinke ich einen Americano auf Eis. Decaf, versteht sich.
Derart erfrischt überquere ich den Platz und bewege mich Richtung Tiergarten.
Beim Sony-Center gibt es einen schattigen Spielplatz für Kinder.
In dem korallroten Plastiksandkasten sitzt eine Gruppe Spatzen und nimmt ein Bad. Die kleinen Flügel ausgestreckt, schaufeln sie sich den kühlen Sand auf das Gefieder und plustern sich, das Köpfchen ständig umher drehend und nach einem Fressfeind äugend, auf.
Durch die Versiegelung der Böden, durch Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft, sowie durch fehlende Wasserplätze und Sandkuhlen stehen sie inzwischen überall in der Republik auf der Liste der bedrohten Arten. Nur bei uns nicht.
In Berlin hat der Spatz sein Paradies gefunden.
Der Berliner liebt den kleinen Vogel mehr als seine Mitmenschen und füttert ihn durch jede Krise.
Eigentlich sollte der Spatz das Wahrzeichen der Stadt sein, denke ich, und nicht dieser idiotische Bär. Was haben wir hier überhaupt mit Bären zu schaffen?
Im Bärenzwinger dreht noch immer die letzte verbliebene Braunbärin Schnute ihre einsamen Runden, im Zoo lebt Kragenbärin Mausi zusammen mit Katze Muschi auf einem kargen Stein, und einen lebenden Bären in Freiheit würde schnurstracks das gleiche Schicksal ereilen, wie einst Problembär Bruno.
Nur als Gefangene oder Museumsexponate haben wir sie gerne. Oder als Buddy Bear.
Der Spatz hingegen, das harmlose possierliche Tierchen, wird bedingungslos geliebt und wäre als Maskottchen der Stadt allerorten -in vivo- anwesend. Touristen würden sich für die Lieben Zuhause, oder die interessierten Kollegen vor den überall aufgestellten, mannshohen Buddy Birds ablichten lassen, auf deren Schnäbel sie ihre Kinder setzten (die vom Herumtoben auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals müde sind) und zwischen deren Beinen man allerlei Müll entsorgen, oder Leergut abstellen könnte.
Ja, der Spatz. Frech wie Bolle.

Aus dem Schatten des Sony-Centers trete ich nun an die Kreuzung beim Tiergartentunnel. Die Nachmittagshitze ist drückend und die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich krempele die Ärmel herunter.
Die aus Kunststoff gestanzten Blüten einer zerfledderten Deutschlandkette liegen auf dem Gehweg.
Aloha
Auf der Straße noch immer die Markierungen der Spurensicherung von vergangener Woche. Ein Unfall mit Todesfolge.
An einem Laternenpfahl flattern die Reste der rot-weißen Absperrungsbänder im Fahrtwind des gleichgültig vorbei rollenden Verkehrs. Auf dem Boden der Umriss des Radfahrers.
Das Bild der abgedeckten Leiche neben dem Vorderrad des weissen BVB-Busses, dicht dabei das verbogene Rennrad, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben, dieser Ort untrennbar mit ihm verbunden.
Mit Sicherheit ans Ziel
Das Musikinstrumentenmuseum als Vorhof des Todes. Ein paar Meter weiter die Gedenkplatte für die Psychiatrieopfer, dahinter die golden schimmernde Philharmonie.
Sterben an diesem Ort, mitten im Sommer.
So schnell geht das.
Durch eine Sekunde der Unachtsamkeit ist soviel Leid in der Welt.
Ich denke an den Toten. Seine Pläne, sein nächstes Ziel an diesem Julitag. Es war sehr heiß, so wie heute.
Ob ihm der Schweiß in die Augen gelaufen war und dort so brannte, dass er ihn sich weg wischen musste, und dabei den rechts abbiegenden Reisebus übersah? Oder war er in Gedanken noch bei einem Streit, den er kurz vor dem Unglück hatte? Wollte er zu seiner Freundin? Hat er sich bei seinen Eltern verabschiedet, als sie sich das letzte Mal sahen, oder hat er ihnen nur ein kurzes Tschüß zugerufen, während er, auf seinem Smartphone herum wischend, das Haus zum nächsten Date verließ?
Sind sie im Guten auseinander gegangen?
Ich hoffe es.
Wer wird es ihnen beibringen, und wie? Ein Anruf, oder ein alles sagender Hausbesuch zweier Beamter, die mit Mütze in der Hand um Einlass bitten, während der Mutter das Herz in der Brust klopft und ihr die Hitze in den Kopf steigt, doch dieses Mal sind es nicht die Wechseljahre.
Und dann wird sie die Worte hören, die sie schon weiß, noch ehe sie ausgesprochen sind, und sie werden ihr Leben zerstören.
Nichts wird sein, wie es war. Alles wird von nun an der neuen Zeitrechnung unterworfen sein.
Dem Davor und dem Danach des Unvorstellbaren.
Vielleicht stimmt es ja, dass die Menge der Tränen, die in der Welt vergossen werden immer gleich bleibt.
Kaum ist ein Quell, nach langem Schmerz und verzweifeltem Strudeln versiegt, tut ein neuer sich  sprudelnd auf.
Es wird Tränen geben, und sie werden lange nicht mehr aufhören zu fließen.
Tiefe Verzweiflung, trockenes Schluchzen, ein Riss im Universum.
Die verwaiste Freundin. Unglauben bei den Kommilitonen, Erschütterung bei den Freunden, Nachbarn und Bekannten.
Legendenbildung.

Gestern war er doch noch. Er war so lebensfroh. Er wollte.  Er wäre bestimmt.
Er war mein bester Freund.

Das Licht springt auf grün. Ich wende den Blick ab.
Hinter der Ampel nimmt mich die schattige Kühle des Parks in sich auf.

Verweilen

Foto 5 Kopie 8Ich sitze am Potsdamer Platz und trinke einen Cappucino. Dazu eine Butterbrezel, wie beinahe jeden Tag. Auf etwas anderes habe ich keinen Hunger, und so ist dies im Augenblick oft das Einzige, was ich esse. Gegen die Unterzuckerung zur Not auch einen Riegel dunkle Nussschokolade.
Inzwischen trage ich wieder die Klamotten, die mir mit 14 Jahren schon gepasst haben, und ich stelle fest, dass mein Gesicht zu schmal wird.
Manchmal ist das Leben zu anstrengend um sich gut zu ernähren.

Über die Gabriele-Tergit-Promenade rollt ein hupender Auto-Corso von Kreuzberg kommend Richtung Tiergarten. Blumengeschmückte schwarze Luxuskarrossen. Eine türkische Hochzeit.

Der Lärm füllt die Luft und übertönt die Querflötenmelodien des bärtigen Mannes, der am Sockel des, seit Jahrzehnten geplanten, Karl-Liebknecht-Denkmals sitzt und auf ein paar Cent wartet, die ihm die S-Bahn-Reisenden in den Hut werfen, ohne ihn dabei anzusehen. Sein Gesicht ist gerötet, der Bart strohigblond.
Der Rollator-Mann, der hier üblicherweise den Straßenfeger verkauft ist heute nicht da.
Neulich hat er mich tatsächlich wieder erkannt.

Auf dem Vorplatz zur S-Bahn springt die Nachbildung der ersten Ampel Berlins auf grün.

Der Boden unter meinen Füßen bebt. Töle schläft auf der Seite liegend.
Auch ich bin müde und schließe die Augen hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille.
Zuwenig Schlaf. Seit Wochen.
Die Waschmaschine in meinem Kopf springt von schleudern auf pumpen.
Das Handy ist ausgeschaltet.

Geplant war ein Besuch der Staatsoper für alle.
Barenboim unter freiem Himmel.
Wegen der Sternfahrt des ADFC ist die Stadt noch voller als ohnehin schon.
150 000 Radfahrer werden erwartet. Zu viel für mich und den Hund. Wir dösen weiter.

In den NDR- Lokalnachrichten haben sie ein brennendes Altersheim in Hamburg gezeigt. Traurig.
Im WDR hingegen war die Welt in Ordnung und der Kölner Dom noch so gewaltig wie vor hundert Jahren.
Alles besser als dieser piefige rbb, mit Notizen aus der Provinz Berlin und vom Rüdersdorfer Schnepfentreffen.

Eine Frau im gelben Etuikleid stöckelt an mir vorbei. Ich hebe ein Lid.
Sie sieht gut aus, und sie weiss es. Der Mann an ihrer Seite führt sie zufrieden an der Hand spazieren.

Augen wieder zu. Ich bin so erschöpft. Benommen.
Fortlaufend webt sich der Katastrophenteppich.
Mitte Juni werde ich versuchen dem etwas entgegen zu setzen.
Entweder geht es mir dann besser oder schlechter. Gleich wird es nicht bleiben.
So wie nichts.
Keine Burg, kein Hafen.
Immer nur Verweilen.
Ein tiefer Atemzug. Ich werde wehleidig.

Ojemine, ojemine.

Mein nächster Weg führt mich in die Stille des Tiergartens.
So einfach.

Sterbendes Blau

Das Laub raschelt unter den Füßen, bitter-modriger Herbstgeruch hängt feucht in der Luft.

Wir spazieren durch den herbstlichen Tiergarten.
Der Hund läuft im Zickzack über die Wiese, die Nase dicht am Boden.
Dann und wann nagt er einen Hasenköttel aus der Erde und verschlingt ihn hastig.
An derselben Stelle wie immer, wirft er sich suhlend auf den Rücken
Als er plötzlich bellend aufspringt, drehe ich mich um, und sehe eine Frau, Ende vierzig, die mit zwei großen Hunden auf uns zukommt.

Einer der beiden ist schwarz.
Mit der Anmut eines Turnierpferdchens, und der zurückhaltenden Freundlichkeit eines schüchternen Kindes, bewegt er sich vorsichtig auf uns zu. Die großen Ohren aufgestellt.
Als Töle auf ihn zuläuft, stellen sich seine Nackenhaare auf, er wedelt mit dem Schwanz und lässt sich beschnuppern.

Der zweite Rüde ist massiger, hat braun-gestromtes Fell und einen kräftigen, breiten Schädel. Die Schnauze ist ergraut.
Mit lahmen Hüften, gesenktem Kopf und milchigen Augen, zuckelt er, in einigem Abstand, der Frau hinterher, ohne nach links und rechts zu schauen.

Obwohl die beiden bereits hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden sind, steht das schwarze Reh noch bei uns und riecht an meiner Hand. Dann blickt es, Jede Muskelfaser in Bereitschaft, auf eine Spielverbeugung. wartend, zu Töle. Doch nichts geschieht.
Nach einer ganzen Weile, in der die Hunde sich nur anschauen, trabt es schließlich los. Zunächst zögernd, dann mit immer größer werdenden Sätzen.
Ich schaue ihm hinterher, wie es im gestreckten Galopp Richtung Wasserlauf prescht, die Hinterbeine beim Ausholen elastisch an den Vorderläufen vorbeiziehen und der ganze Körper vor Freude an sich selbst und der eigenen Existenz bebt.

“I do not care what comes after; I have seen t...

Der Anblick der drei, die ihr Leben miteinander teilen, hat mich melancholisch gestimmt.
Dieser alte Hund, der vermutlich seinen letzten Herbst erlebt, in Gesellschaft des jungen, eleganten Rüden, der noch alles vor sich hat, zusammen mit der Frau, deren Kinder vielleicht schon aus dem Haus sind, und die nun ihre mütterliche Fürsorge den beiden Hunden widmet.
Jeder an einem ganz anderen Punkt. Zusammen auf dem Weg.
Und bald nur noch zu zweit.

Da ist er wieder, der Gedanke an den Tod. Das Sterben.
Wie auch nicht, im Herbst, wenn alles Grün in einer letzten Anstrengung noch einmal bunt auflodert, flammt, und schließlich wie ein Traum heruntersegelt, auf die feuchte Erde?

Ein letzter Tag-: spätglühend, weite Räume

Nachdenklich schlendere ich weiter. Die Dämmerung bricht herein.
Entlang des Wasserlaufes, bei den Sträuchern mit den überreifen Beeren, ist er besonders köstlich, der brackig-süße Duft der Vergänglichkeit.
Ich sehe d
ie Frau, ganz in Schwarz gekleidet, ein paar Meter weiter am gusseisernen Geländer eines kleinen Brückenbogens stehen,  und hinunter schauen ins dunkle Nass. Neben ihr das schwarze Pferdchen mit den großen aufgestellten Ohren.
Jetzt weiß ich es: der Hund erinnert mich an Anubis.
Den Seelengeleiter.
Geheimnisvoll.
Furchtlos.

Töle läuft mir voraus in ihre Richtung, und steigt rasch die kurze Uferböschung herab.
Im Schatten der steinernen Brücke läuft sie beinahe in den alten Rüden hinein, dessen Fell dem Boden gleicht. Erschrocken zuckt sie zurück, bellt, und ist mit zwei, drei Sätzen bei mir.

Jetzt dreht die Frau sich zu uns um und lacht mich offen an.
Der alte Hund klettert bedächtig den kleinen Hang hinauf.
Neben ihren Beinen setzt er sich hin, und drückt den großen müden Schädel gegen ihr Knie.
Anubis beginnt zu tänzeln.

Zusammen stehen wir auf der Brücke.

Hyperboreale Tropen

Berlin im Frühling

5. Mai

SAMSUNGSAMSUNG

So sah es heute in Berlin aus.

Nach einem sehr ausgedehnten Spaziergang von Kreuzberg in den Tiergarten, über den Alexanderplatz zurück, bin ich schlagkaputt und zufrieden. Töle auch. Nächste Woche werden wohl auch die purpurnen Rhododendron anfangen zu blühen.

Ich freue mich schon auf den Taschentuchbaum. Alles etwas später dran dieses Jahr.

Berlin,  im Frühling und Sommer kriegste mich immer noch mal rum.

SAMSUNGSAMSUNG