Verweilen

Foto 5 Kopie 8Ich sitze am Potsdamer Platz und trinke einen Cappucino. Dazu eine Butterbrezel, wie beinahe jeden Tag. Auf etwas anderes habe ich keinen Hunger, und so ist dies im Augenblick oft das Einzige, was ich esse. Gegen die Unterzuckerung zur Not auch einen Riegel dunkle Nussschokolade.
Inzwischen trage ich wieder die Klamotten, die mir mit 14 Jahren schon gepasst haben, und ich stelle fest, dass mein Gesicht zu schmal wird.
Manchmal ist das Leben zu anstrengend um sich gut zu ernähren.

Über die Gabriele-Tergit-Promenade rollt ein hupender Auto-Corso von Kreuzberg kommend Richtung Tiergarten. Blumengeschmückte schwarze Luxuskarrossen. Eine türkische Hochzeit.

Der Lärm füllt die Luft und übertönt die Querflötenmelodien des bärtigen Mannes, der am Sockel des, seit Jahrzehnten geplanten, Karl-Liebknecht-Denkmals sitzt und auf ein paar Cent wartet, die ihm die S-Bahn-Reisenden in den Hut werfen, ohne ihn dabei anzusehen. Sein Gesicht ist gerötet, der Bart strohigblond.
Der Rollator-Mann, der hier üblicherweise den Straßenfeger verkauft ist heute nicht da.
Neulich hat er mich tatsächlich wieder erkannt.

Auf dem Vorplatz zur S-Bahn springt die Nachbildung der ersten Ampel Berlins auf grün.

Der Boden unter meinen Füßen bebt. Töle schläft auf der Seite liegend.
Auch ich bin müde und schließe die Augen hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille.
Zuwenig Schlaf. Seit Wochen.
Die Waschmaschine in meinem Kopf springt von schleudern auf pumpen.
Das Handy ist ausgeschaltet.

Geplant war ein Besuch der Staatsoper für alle.
Barenboim unter freiem Himmel.
Wegen der Sternfahrt des ADFC ist die Stadt noch voller als ohnehin schon.
150 000 Radfahrer werden erwartet. Zu viel für mich und den Hund. Wir dösen weiter.

In den NDR- Lokalnachrichten haben sie ein brennendes Altersheim in Hamburg gezeigt. Traurig.
Im WDR hingegen war die Welt in Ordnung und der Kölner Dom noch so gewaltig wie vor hundert Jahren.
Alles besser als dieser piefige rbb, mit Notizen aus der Provinz Berlin und vom Rüdersdorfer Schnepfentreffen.

Eine Frau im gelben Etuikleid stöckelt an mir vorbei. Ich hebe ein Lid.
Sie sieht gut aus, und sie weiss es. Der Mann an ihrer Seite führt sie zufrieden an der Hand spazieren.

Augen wieder zu. Ich bin so erschöpft. Benommen.
Fortlaufend webt sich der Katastrophenteppich.
Mitte Juni werde ich versuchen dem etwas entgegen zu setzen.
Entweder geht es mir dann besser oder schlechter. Gleich wird es nicht bleiben.
So wie nichts.
Keine Burg, kein Hafen.
Immer nur Verweilen.
Ein tiefer Atemzug. Ich werde wehleidig.

Ojemine, ojemine.

Mein nächster Weg führt mich in die Stille des Tiergartens.
So einfach.

15 Kommentare zu “Verweilen

    • @kormoranflug

      ich trinke immer nur entkoffeiniert. Bin von Natur aus auf Speed und brauche keinen zusätzlichen Kick.
      Die Butterbrezeln gibt es bei Balzac. Stresemann- Ecke Gabriele-Tergit-Promenade.
      Sind ganz passabel. Der Cappucino ist sogar als decaf gut.
      Und danach oder davor geht es immer mit Hund in den Tiergarten.

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    • @Pagophila

      Klingt schlimmer als es ist.
      Einmal ausschlafen und mir geht es wieder besser.
      Neben meiner Brezel hatte ich heute sogar schon Spiegeleier.

      Der Schwan ist ein mausetotes Exponat einer Galerie auf der Leipziger Straße in Berlin Mitte.
      Hier im Blog sollte er aber nur meine extreme Erschöpfung illustrieren.

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  1. Ich hoffe wirklich, dass es schlimmer klingt, als es ist. Tut es das? Wie schlimm ist es? Bist du allein?
    Ich wollte auch zur „Staatsoper für alle“, ich saß dann den ganzen Tag am Computer und habe gearbeitet. Und war ganz traurig… weil ich eigentlich jedes Jahr hingehe. Und erschöpft…. weil ich merke, dass ich was anderes tun muss. Schreiben. Wir haben wenigstens das Schreiben!

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    • Mach Dir bitte keine Sorgen!
      Das hier klingt anscheinend ganz furchtbar schlimm, und ist doch nur eine extreme Erschöpfung, ein bisschen Melancholie, dadurch Appetitlosigkeit und ein wenig Hadern mit der Endlichkeit.
      Das Bedürfnis grundlegendes zu ändern.

      Es passieren durchaus auch schöne Dinge in meinem Leben.

      „Staatsoper für alle“ wäre sicher toll gewesen, aber eben auch sehr voll.
      Und das Schreiben ist in der Tat etwas, das mich erfrischt und mir gut tut.
      Fast drei Uhr schon wieder- schlafen!

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        • Tut mir leid, wenn sich hier alle Sorgen machen.
          Es ist wie meist bei mir: ich schreibe darüber, wenn der Zenith des Kummers schon überschritten ist.
          Mitte Juni habe ich einen größeren chirurgischen Eingriff, der jetzt schon seine Schatten vorauswirft.
          Wenn man dann so erschöpft ist, wird die Haut schnell zu dünn.

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          • Ach was, vielleicht kannst Du ein wenig daraus schöpfen, DASS sich Leute Sorgen machen. Wozu hat man denn ein persönliches Blog, wenn man nur die Uralt-Katastrophen oder die derzeitigen sonnigen Seiten aufschreiben darf?
            Nee, das ist schon okay so, aber es ist eben auch gut, zu lesen, daß es wieder etwas besser geht.
            Mitte Juni ist ja schon bald, da kann ich schonmal im Vorfeld gute Wünsche schicken!! *schick*

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        • Oh, doch!
          Mir widerfahren wunderbare Dinge. ich treffe tolle Menschen, werde geliebt, lache viel, und sogar der Rollatormann am Potsdamer Platz freut sich, wenn ich vorbeikomme.
          Heute hat er meine Hand gehalten.
          Das sind Erlebnisse, die mich richtig zufrieden machen.

          Ihr fliegt nach Costa Rica? Wie toll!
          Würde ja gerne, hab aber noch diese Op, dann Rekonvaleszenz, und schließlich selbst Urlaub.
          Wann geht es los?

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  2. Schön beschreibst Du mir den Potsdamer Platz. Hätte mich gerne neben Dir gesetzt. Das treiben der Großstadt ist doch interessant anzusehen. Das Deine Gesundheit Dir Sorgen bereitet besorgt auch mich.

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