Am P-Platz

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Nach dem Spaziergang sitzen wir gegenüber dem Weinhaus Huth am P-Platz, trinken einen Kaffee und schweigen. Die Hunde dösen auf dem warmen Asphalt. Neben dem Maulwurfshügel der S-Bahn wurde eine hölzerne Pagode aufgestellt. Grün und rot und gold. Wie ein Pfahlhaus steht sie in der Abendsonne. Über allem tanzt glücklicher Staub.
Auf youtube sah ich ein Video über die M-Bahn, jene Magnetbahn, die für nur zwei kurze Jahre zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz verkehrte und dabei über eine Stadt hinwegglitt, die es nicht mehr gibt. Brachen so weit das Auge reichte, Weite und Stille. Die wenigen Autos wirkten verloren wie Ameisen auf einer Landebahn, das Weinhaus Huth stand einsam wie der letzte verfaulende Zahn. Ich mochte diese verschwundene Stadt.

Heute ist Flohmarkt auf dem Platz, Antikmarkt, oldthings werden dort im Schatten des leuchtend weissen Beisheim-Centers verkauft.

Ich habe Heimweh.

 

 

 

 

 

Bild: Volker Schlecht, Kulturforum am Potsdamer Platz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Verweilen

Foto 5 Kopie 8Ich sitze am Potsdamer Platz und trinke einen Cappucino. Dazu eine Butterbrezel, wie beinahe jeden Tag. Auf etwas anderes habe ich keinen Hunger, und so ist dies im Augenblick oft das Einzige, was ich esse. Gegen die Unterzuckerung zur Not auch einen Riegel dunkle Nussschokolade.
Inzwischen trage ich wieder die Klamotten, die mir mit 14 Jahren schon gepasst haben, und ich stelle fest, dass mein Gesicht zu schmal wird.
Manchmal ist das Leben zu anstrengend um sich gut zu ernähren.

Über die Gabriele-Tergit-Promenade rollt ein hupender Auto-Corso von Kreuzberg kommend Richtung Tiergarten. Blumengeschmückte schwarze Luxuskarrossen. Eine türkische Hochzeit.

Der Lärm füllt die Luft und übertönt die Querflötenmelodien des bärtigen Mannes, der am Sockel des, seit Jahrzehnten geplanten, Karl-Liebknecht-Denkmals sitzt und auf ein paar Cent wartet, die ihm die S-Bahn-Reisenden in den Hut werfen, ohne ihn dabei anzusehen. Sein Gesicht ist gerötet, der Bart strohigblond.
Der Rollator-Mann, der hier üblicherweise den Straßenfeger verkauft ist heute nicht da.
Neulich hat er mich tatsächlich wieder erkannt.

Auf dem Vorplatz zur S-Bahn springt die Nachbildung der ersten Ampel Berlins auf grün.

Der Boden unter meinen Füßen bebt. Töle schläft auf der Seite liegend.
Auch ich bin müde und schließe die Augen hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille.
Zuwenig Schlaf. Seit Wochen.
Die Waschmaschine in meinem Kopf springt von schleudern auf pumpen.
Das Handy ist ausgeschaltet.

Geplant war ein Besuch der Staatsoper für alle.
Barenboim unter freiem Himmel.
Wegen der Sternfahrt des ADFC ist die Stadt noch voller als ohnehin schon.
150 000 Radfahrer werden erwartet. Zu viel für mich und den Hund. Wir dösen weiter.

In den NDR- Lokalnachrichten haben sie ein brennendes Altersheim in Hamburg gezeigt. Traurig.
Im WDR hingegen war die Welt in Ordnung und der Kölner Dom noch so gewaltig wie vor hundert Jahren.
Alles besser als dieser piefige rbb, mit Notizen aus der Provinz Berlin und vom Rüdersdorfer Schnepfentreffen.

Eine Frau im gelben Etuikleid stöckelt an mir vorbei. Ich hebe ein Lid.
Sie sieht gut aus, und sie weiss es. Der Mann an ihrer Seite führt sie zufrieden an der Hand spazieren.

Augen wieder zu. Ich bin so erschöpft. Benommen.
Fortlaufend webt sich der Katastrophenteppich.
Mitte Juni werde ich versuchen dem etwas entgegen zu setzen.
Entweder geht es mir dann besser oder schlechter. Gleich wird es nicht bleiben.
So wie nichts.
Keine Burg, kein Hafen.
Immer nur Verweilen.
Ein tiefer Atemzug. Ich werde wehleidig.

Ojemine, ojemine.

Mein nächster Weg führt mich in die Stille des Tiergartens.
So einfach.

Vor dem Regen

SAMSUNGHier wohnt die Ödnis.SAMSUNGIn den pinken Rohren hausen  Gespenster fließt das Grundwasser. SAMSUNGHier liebt dich Berlin.SAMSUNGHier hat sich Michelle Obama einen Überblick verschafft.SAMSUNGHier hat jemand was gegen Graffiti unternommen.SAMSUNGHier, unweit des Axel-Springer-Verlages,

SAMSUNGwird eine weitere Brache zugebaut.
Büros oder Luxus-Eigentumswohnungen?

Und hier wohne ich

Auf die letzten Meter haben uns doch noch ein paar dicke Tropfen erwischt.
Macht nix.
War schön.