Jot-Jot-Eins

Buddy Bear Laube

Buddy Bear  (Photo credit: Wikipedia)

Am Potsdamer Platz trinke ich einen Americano auf Eis. Decaf, versteht sich.
Derart erfrischt überquere ich den Platz und bewege mich Richtung Tiergarten.
Beim Sony-Center gibt es einen schattigen Spielplatz für Kinder.
In dem korallroten Plastiksandkasten sitzt eine Gruppe Spatzen und nimmt ein Bad. Die kleinen Flügel ausgestreckt, schaufeln sie sich den kühlen Sand auf das Gefieder und plustern sich, das Köpfchen ständig umher drehend und nach einem Fressfeind äugend, auf.
Durch die Versiegelung der Böden, durch Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft, sowie durch fehlende Wasserplätze und Sandkuhlen stehen sie inzwischen überall in der Republik auf der Liste der bedrohten Arten. Nur bei uns nicht.
In Berlin hat der Spatz sein Paradies gefunden.
Der Berliner liebt den kleinen Vogel mehr als seine Mitmenschen und füttert ihn durch jede Krise.
Eigentlich sollte der Spatz das Wahrzeichen der Stadt sein, denke ich, und nicht dieser idiotische Bär. Was haben wir hier überhaupt mit Bären zu schaffen?
Im Bärenzwinger dreht noch immer die letzte verbliebene Braunbärin Schnute ihre einsamen Runden, im Zoo lebt Kragenbärin Mausi zusammen mit Katze Muschi auf einem kargen Stein, und einen lebenden Bären in Freiheit würde schnurstracks das gleiche Schicksal ereilen, wie einst Problembär Bruno.
Nur als Gefangene oder Museumsexponate haben wir sie gerne. Oder als Buddy Bear.
Der Spatz hingegen, das harmlose possierliche Tierchen, wird bedingungslos geliebt und wäre als Maskottchen der Stadt allerorten -in vivo- anwesend. Touristen würden sich für die Lieben Zuhause, oder die interessierten Kollegen vor den überall aufgestellten, mannshohen Buddy Birds ablichten lassen, auf deren Schnäbel sie ihre Kinder setzten (die vom Herumtoben auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals müde sind) und zwischen deren Beinen man allerlei Müll entsorgen, oder Leergut abstellen könnte.
Ja, der Spatz. Frech wie Bolle.

Aus dem Schatten des Sony-Centers trete ich nun an die Kreuzung beim Tiergartentunnel. Die Nachmittagshitze ist drückend und die Sonne brennt auf meiner Haut. Ich krempele die Ärmel herunter.
Die aus Kunststoff gestanzten Blüten einer zerfledderten Deutschlandkette liegen auf dem Gehweg.
Aloha
Auf der Straße noch immer die Markierungen der Spurensicherung von vergangener Woche. Ein Unfall mit Todesfolge.
An einem Laternenpfahl flattern die Reste der rot-weißen Absperrungsbänder im Fahrtwind des gleichgültig vorbei rollenden Verkehrs. Auf dem Boden der Umriss des Radfahrers.
Das Bild der abgedeckten Leiche neben dem Vorderrad des weissen BVB-Busses, dicht dabei das verbogene Rennrad, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben, dieser Ort untrennbar mit ihm verbunden.
Mit Sicherheit ans Ziel
Das Musikinstrumentenmuseum als Vorhof des Todes. Ein paar Meter weiter die Gedenkplatte für die Psychiatrieopfer, dahinter die golden schimmernde Philharmonie.
Sterben an diesem Ort, mitten im Sommer.
So schnell geht das.
Durch eine Sekunde der Unachtsamkeit ist soviel Leid in der Welt.
Ich denke an den Toten. Seine Pläne, sein nächstes Ziel an diesem Julitag. Es war sehr heiß, so wie heute.
Ob ihm der Schweiß in die Augen gelaufen war und dort so brannte, dass er ihn sich weg wischen musste, und dabei den rechts abbiegenden Reisebus übersah? Oder war er in Gedanken noch bei einem Streit, den er kurz vor dem Unglück hatte? Wollte er zu seiner Freundin? Hat er sich bei seinen Eltern verabschiedet, als sie sich das letzte Mal sahen, oder hat er ihnen nur ein kurzes Tschüß zugerufen, während er, auf seinem Smartphone herum wischend, das Haus zum nächsten Date verließ?
Sind sie im Guten auseinander gegangen?
Ich hoffe es.
Wer wird es ihnen beibringen, und wie? Ein Anruf, oder ein alles sagender Hausbesuch zweier Beamter, die mit Mütze in der Hand um Einlass bitten, während der Mutter das Herz in der Brust klopft und ihr die Hitze in den Kopf steigt, doch dieses Mal sind es nicht die Wechseljahre.
Und dann wird sie die Worte hören, die sie schon weiß, noch ehe sie ausgesprochen sind, und sie werden ihr Leben zerstören.
Nichts wird sein, wie es war. Alles wird von nun an der neuen Zeitrechnung unterworfen sein.
Dem Davor und dem Danach des Unvorstellbaren.
Vielleicht stimmt es ja, dass die Menge der Tränen, die in der Welt vergossen werden immer gleich bleibt.
Kaum ist ein Quell, nach langem Schmerz und verzweifeltem Strudeln versiegt, tut ein neuer sich  sprudelnd auf.
Es wird Tränen geben, und sie werden lange nicht mehr aufhören zu fließen.
Tiefe Verzweiflung, trockenes Schluchzen, ein Riss im Universum.
Die verwaiste Freundin. Unglauben bei den Kommilitonen, Erschütterung bei den Freunden, Nachbarn und Bekannten.
Legendenbildung.

Gestern war er doch noch. Er war so lebensfroh. Er wollte.  Er wäre bestimmt.
Er war mein bester Freund.

Das Licht springt auf grün. Ich wende den Blick ab.
Hinter der Ampel nimmt mich die schattige Kühle des Parks in sich auf.

8 Kommentare zu “Jot-Jot-Eins

    • Als Kind wunderte ich mich oft, dass wir nicht viel früher „kaputt gehen“, wo doch die Haut schon so leicht zerreisst.
      Manchmal denke ich das immer noch.
      Die Membran ist sehr dünn. Da hast Du Recht.

      Gefällt mir

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