Glockenspiel

5620354278_16c39cac87_z
Der Wind trägt die schwebenden Klänge des Carillons von der Uferseite zu uns herüber. Verzaubert liegt der große Tiergarten in der Nachmittagssonne. Die Beine in die Luft gestreckt schubbert der Hund seinen Rücken im Gras und schnaubt. Mein Blick geht über die Wiese zu den Sträuchern und dem kleinen Hain dahinter und wie in jedem Jahr staune ich, wie grün das Grün ist, wenn es nach dem Winter die silbriggraue Rinde der kahlen Äste durchstößt.

Ich muss an den Obdachlosen denken, der hier im vergangenen Jahr sein Lager zwischen den Bäumen aufgeschlagen hatte. Den Sommer über lag er manchmal mit geschlossenen Augen auf der Wiese, neben ihm ein altes Fahrrad. Seine anderen Besitztümer waren irgendwo im Gebüsch versteckt. Im Spätherbst, als der Nebel sich auf die Wiesen senkte, sah ich ihn einmal ein Feuer dort im Unterholz machen. Es dunkelte schon, der Park war ausgestorben und er schien sich allein zu wähnen. Auf unerklärliche Weise muss er meinen Blick, vielleicht auch meine Besorgnis, wegen der offenen Flammen gespürt haben, denn plötzlich drehte er sich um, sah mich an und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Ich nickte.
Ich hoffe, dass sich das Blatt für ihn gewendet hat.

Im Rasen vor mir entdecke ich die tiefe Narbe im Gras wieder. Die Wunde, die Widmung, das Herz. Geschnitten von Unbekannt im vorletzten Sommer, als die Liebe noch blutete.
Auch damals saß ich hier, ließ den Hund seine Runden drehen und bangte mit klopfendem Herzen. Ich wusste nicht wie wir uns waren, als das Abendkonzert begann und eine kühle Stimme mir ins zitternde Ohr sprach. Die Glockentöne beruhigten mich, beinahe wie eine Heimat. Wer hätte geglaubt, dass selbst dieses Jetzt sich zu einem Gestern wandeln würde.

Alles vergeht und bleibt als Bild.

Auf der Wiese sitze ich und erinnere mich. Ein leichter Schmerz ziept an meiner Seele. Wind kommt auf, mich fröstelt. Fast menschenleer liegt der Park zu dieser Stunde, nur ein paar Radfahrer kreuzen ihn entlang der großen Alleen. Zeit für mich aufzubrechen.

Im Flora-Rondell reitet die Amazone noch immer in Richtung Osten, die Streitaxt in der Hand sitzt sie zu Pferd, das klare Gesicht zuversichtlich nach vorne gerichtet, die tiefstehende Sonne im Rücken. Gemeinsam mit ihr mache ich mich auf den Heimweg, denn es will Abend werden und lange Schatten legen sich auf den ausklingenden Tag.

Als ich auf den 17. Juni hinaustrete drehe ich mich um und werfe einen Blick in Richtung Westen, wo die Siegesgöttin auf ihrer Säule im goldenen Licht triumphiert, dahinter mirabellengelb der Himmelssaum unter sterbendem Blau.
Vorbei gehe ich an der riesigen Bronze des Rotarmisten im langen Mantel und mit geschultertem Gewehr. In seinem Rücken die Gräber abertausender gefallener Soldaten.

Die Quadriga ist nicht mehr weit.

Hinter dem Tor treffe ich dich. Du lächelst. Ein Ausdruck, der abhanden gekommen schien über den Winter. Ein seltener Gast.

Ich reiche Dir noch einmal die Hand.

 

 

 

 

 

 

Bild: sczscz, Tiergarten Berlin
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Elektrik

360px-Stork_nest_on_power_mast
Und wenn dann die Ärztin überraschend anruft und eindringlich nach dem Befinden fragt, auf eine Weise, dass mir das Herz bis zum Halse schlägt, dabei war´s doch nur eine Routine-Untersuchung, das 7-Tage-EKG, (die Haut juckt immer noch an den Klebestellen) die bestätigen sollte, dass ich pumperlgesund und das Herz schon gerade, die Ablation im vergangenen Jahr erfolgreich usw.

Wie war das denn gestern Abend, ist Ihnen da etwas aufgefallen, wie haben Sie sich gefühlt?

Naja, wie hab ich mich gefühlt. So, wie die ganze Zeit schon, nach dem Herzstillstand. Immer mal wieder so halbwegs bis gar nicht.

Da muss ein Elektriker ran, sagt die tiefenentspannte Schwester, sagt der befreundete Kardio-Kollege, und ich erinnere mich an den letzten Handwerker vergangenen Herbst, dem ich auf dem Monitor beim Herumfuhrwerken da drinnen zugeschaut habe, halbvernebelt und ohne Furcht (der erste Mann, der mein Herz betreten hat und ich kenne nicht einmal seinen Namen).
Hat gar nicht weh getan. Nur hinterher ein bisschen. Pleuralerguss halt, gell? Kennt man ja.

VT sind´s, nicht anhaltende.
Hypochondrie gefiel mir besser.
Nagt zwar mehr am Selbstbild dafür aber weniger an der Seele.

Wird schon.

Rotieren

20150114_142533

Man könnte meinen ich eilte immer weiter ohne nach links und rechts zu schauen und kreiselte und spränge von Thema zu Thema, was im Übrigen die reine Wahrheit ist und eine meiner hervorstechendsten Eigenschaften, wenn ich emotional aufgewühlt bin, wie ich es zu Beginn des Kennenlernens mit dem Einen war.
Man könne es nicht schaffen mir zu folgen, sagte er damals und der Versuch meinen Tanz zu tanzen sähe bei jedem, außer mir selbst, lächerlich aus. Am besten bliebe man stehen und warte darauf bis ich wieder zurückgekreiselt käme.
Das klappt.
Jemanden da abholen wo er steht, könnte in diesem Zusammenhang passen, noch mehr aber das Gefühl angenommen zu sein und ein erwachsenes Gegenüber zu haben. Jemanden der nicht herum hampelt, sich biegt, zu gefallen versucht. Der einfach er ist und dadurch so anziehend.
Ich glaube es gibt nichts, was ich attraktiver finde als selbstvergessenes Selbstbewusstsein.
Und dann die ernste Anteilnahme an den Themen, die mich so fahrig werden lassen. Die immer spürbare Liebe, wenn ich mich beschwere über diese Scheiß-SVES und VES, die seit der Ablation in mir herum holpern und mich schwindlig werden lassen. Dazu Vokabeln wie plötzlicher Herztod, die ich aus der Ärztin heraus gekitzelt habe.
Kann das Herz denn einfach ganz stehen bleiben?
Ja, es kann.
Halb so wild, beruhigt mich die liebe Schwester, Du stirbst nicht.
Na dann.
Vertrauen ist eine Vokabel, die ich in diesem Zusammenhang erst wieder buchstabieren lernen muss.
(Waren das Zeiten, als ich glaubte eine Hypochondrin zu sein)

All that glitters

Allgäu Bad Hindelang

Allgäu Bad Hindelang (Photo credit: svenmakesphotos)

Ja, ja so geht’s!“ schlossen zwei Bekannte mit einem deutschen, vielsagenden Händedruck ein Gespräch, in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewusst. – „Schlechte Zeiten!“ -“Wenn nur der Friede bleibt!“ – „Meinen Sie,- ja, ja – wer weiß!“ – „Hab ich´s Ihnen nicht immer gesagt, es geht, oder es geht nicht.“ „Ja, wenn nicht der Bonaparte wäre!“ – „’ne sappermente Wirtschaft!“ – „Na, man wird ja sehen.“ – „Und das Bier auch immer schlechter.“ – „Sauregurkenzeit, Herr Gevatter!“

Willibald Alexis


Die Tage vor der Erholung.
Innere Sauregurkenzeit.
Am Freitag endlich geht es Richtung Süden.
Den Staub der Stadt aus der Seele klopfen. Das Herz lüften.

Die Weisheiten des heutigen inneren Abreißkalenders:

Da wird man alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu

All that glitters isn´t that gold

Was da weh tut ist nur der Schmerz

Auf Regen folgt Sonnenschein

Täuschkörper/ Flare

Traum:

Nur Flare

(Photo credit: Luminis Kanto)

ich lasse mein Blut untersuchen, die Lunge röntgen, Leber und Herz schallen. Einfach so, ohne Anlass. Nur auf Anraten meiner Schwester.

Weisst du, warum ich dich so lieb habe?
fragt sie mich nach der Untersuchung, und nimmt mich plötzlich in den Arm. Ihre Wange ist kühl und  zart. Ehe ich etwas sagen kann, beantwortet sie die Frage selbst.

Weil du bald sterben wirst.

Erschrocken versuche ich mich aus ihrer Umarmung zu lösen, doch sie hält mich fest  und spricht leise weiter.

Das Herz! Dein Herz. Es ist schwach.
Das Cholesterin hat die Gefäßwände verklebt und verengt. Deine Leberwerte sind katastrophal. Die Bauchspeicheldrüse versagt. Um die anderen Organe steht es auch nicht besser. Nur die Nieren, die arbeiten noch ein bisschen.

Sie flüstert und drückt mich an sich. Dabei wiegt sie mich hin und her, wie ein Kind. Ich werde sehr traurig. Das kann doch nicht alles vorbei sein. So plötzlich. Ich bin noch viel zu jung!

Wie ist das möglich?  frage ich sie unter Tränen.

Das ist die Summe deines Lebens. Die Quittung mithin.

Weiterer Erläuterungen bedarf es nicht. Sie kennt meine Biografie. Wir sind Schwestern. Und schließlich ist sie Ärztin. Sie muss es wissen. Worüber ich mich  allerdings wundere ist, dass sie das Wort mithin gebraucht.