Sterbendes Blau

Das Laub raschelt unter den Füßen, bitter-modriger Herbstgeruch hängt feucht in der Luft.

Wir spazieren durch den herbstlichen Tiergarten.
Der Hund läuft im Zickzack über die Wiese, die Nase dicht am Boden.
Dann und wann nagt er einen Hasenköttel aus der Erde und verschlingt ihn hastig.
An derselben Stelle wie immer, wirft er sich suhlend auf den Rücken
Als er plötzlich bellend aufspringt, drehe ich mich um, und sehe eine Frau, Ende vierzig, die mit zwei großen Hunden auf uns zukommt.

Einer der beiden ist schwarz.
Mit der Anmut eines Turnierpferdchens, und der zurückhaltenden Freundlichkeit eines schüchternen Kindes, bewegt er sich vorsichtig auf uns zu. Die großen Ohren aufgestellt.
Als Töle auf ihn zuläuft, stellen sich seine Nackenhaare auf, er wedelt mit dem Schwanz und lässt sich beschnuppern.

Der zweite Rüde ist massiger, hat braun-gestromtes Fell und einen kräftigen, breiten Schädel. Die Schnauze ist ergraut.
Mit lahmen Hüften, gesenktem Kopf und milchigen Augen, zuckelt er, in einigem Abstand, der Frau hinterher, ohne nach links und rechts zu schauen.

Obwohl die beiden bereits hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden sind, steht das schwarze Reh noch bei uns und riecht an meiner Hand. Dann blickt es, Jede Muskelfaser in Bereitschaft, auf eine Spielverbeugung. wartend, zu Töle. Doch nichts geschieht.
Nach einer ganzen Weile, in der die Hunde sich nur anschauen, trabt es schließlich los. Zunächst zögernd, dann mit immer größer werdenden Sätzen.
Ich schaue ihm hinterher, wie es im gestreckten Galopp Richtung Wasserlauf prescht, die Hinterbeine beim Ausholen elastisch an den Vorderläufen vorbeiziehen und der ganze Körper vor Freude an sich selbst und der eigenen Existenz bebt.

“I do not care what comes after; I have seen t...

Der Anblick der drei, die ihr Leben miteinander teilen, hat mich melancholisch gestimmt.
Dieser alte Hund, der vermutlich seinen letzten Herbst erlebt, in Gesellschaft des jungen, eleganten Rüden, der noch alles vor sich hat, zusammen mit der Frau, deren Kinder vielleicht schon aus dem Haus sind, und die nun ihre mütterliche Fürsorge den beiden Hunden widmet.
Jeder an einem ganz anderen Punkt. Zusammen auf dem Weg.
Und bald nur noch zu zweit.

Da ist er wieder, der Gedanke an den Tod. Das Sterben.
Wie auch nicht, im Herbst, wenn alles Grün in einer letzten Anstrengung noch einmal bunt auflodert, flammt, und schließlich wie ein Traum heruntersegelt, auf die feuchte Erde?

Ein letzter Tag-: spätglühend, weite Räume

Nachdenklich schlendere ich weiter. Die Dämmerung bricht herein.
Entlang des Wasserlaufes, bei den Sträuchern mit den überreifen Beeren, ist er besonders köstlich, der brackig-süße Duft der Vergänglichkeit.
Ich sehe d
ie Frau, ganz in Schwarz gekleidet, ein paar Meter weiter am gusseisernen Geländer eines kleinen Brückenbogens stehen,  und hinunter schauen ins dunkle Nass. Neben ihr das schwarze Pferdchen mit den großen aufgestellten Ohren.
Jetzt weiß ich es: der Hund erinnert mich an Anubis.
Den Seelengeleiter.
Geheimnisvoll.
Furchtlos.

Töle läuft mir voraus in ihre Richtung, und steigt rasch die kurze Uferböschung herab.
Im Schatten der steinernen Brücke läuft sie beinahe in den alten Rüden hinein, dessen Fell dem Boden gleicht. Erschrocken zuckt sie zurück, bellt, und ist mit zwei, drei Sätzen bei mir.

Jetzt dreht die Frau sich zu uns um und lacht mich offen an.
Der alte Hund klettert bedächtig den kleinen Hang hinauf.
Neben ihren Beinen setzt er sich hin, und drückt den großen müden Schädel gegen ihr Knie.
Anubis beginnt zu tänzeln.

Zusammen stehen wir auf der Brücke.

11 Kommentare zu “Sterbendes Blau

    • Danke!
      Es war so berührend, die drei zu treffen.
      Wir kamen noch ins Gespräch.
      Anubis heisst im richtigen Leben Kolja, der alte Hund Paul.
      Als wir auf dem Heimweg ein Stück zusammen spazierten, trafen wir immer wieder Menschen, die die Hunde kannten, und sich mit großer Liebe regelrecht auf Paul stürzten.
      Ich hatte den Eindruck, dass jeder hofft, ihn nach dem Winter wieder zu treffen.
      Ich auch.

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  1. In meiner direkten Nachbarschaft lebt auch ein sehr alter Hund, ein Collie, dessen Fell schon fast komplett ergraut ist und der seinem sicher auch bereits 80jährigen „Herrchen“ (irgendwie gefällt mir bei diesen beiden der Ausdruck „menschlicher Freund“ besser) in gewissem Abstand folgt, zeitgleich machen beide alle 30 Meter eine Pause, atmen durch, dann dreht der alte Herr sich um, schaut nach seinem Hund und sie setzen ihren Weg fort.

    Jedes Mal, wenn ich die beiden sehe, bleibe ich einen Moment stehen, ob auf der Straße oder oben am Fenster. Dann schaue ich den beiden zu bei ihrem Ritual.

    Wenn ich irgendwann den alten Herren alleine sehe oder gar beide nicht mehr durch meine Straße laufen, dann wird sich das anfühlen, wie ein Schlag in die Magengrube.

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