Berserkern

640px-Zellengefängnis_Moabit_Lageplan_1896640px-Tierschutzverein_Bln-Falkenberg

Der Kater stiefelt schnurstracks in die geöffnete Spülmaschine, die Katze ihm hinterher. Er scharrt, sie starrt, ich freue mich.
Frisch geduscht im Galahemd und kurz vor dem Zubettgehen fahre ich noch einmal richtig hoch. Der Hund vom Feuerwehrmann ist gestorben, schreibt er. Er ist traurig und ich überlege mir, wie ich dem Lebensretter etwas Gutes tun könnte. Kuchen! Mir fällt immer zuerst Kuchen ein, wenn ich Männer aufheitern möchte, aber ich kann leider nicht einmal backen. Der erste Versuch, vor vielen Jahren, fiel so jämmerlich aus, dass ich es sofort wieder aufgegeben habe. Sitzengeblieben ist er damals, der Kuchen und die mitfühlenden Blicke der Geburtstagsgesellschaft, angesichts meiner stümperhaften Dekorationsversuche, sehe ich noch heute vor mir. Kuchen wird es also nicht werden, oder wenn, dann gleich wieder vom Franzosen. Wenn schon stillos, dann stilvoll.

Was bin ich dankbar, denke ich voller Dankbarkeit, weil ich in diesem Zusammenhang gar nicht oft genug dankbar schreiben kann, weil ich so überaus dankbar bin, was bin ich also so dankbar, dass das kleine Tölchen noch bei mir bleiben durfte und ihr Körper sich wieder beruhigt hat. Danke!
5 Mal täglich bekommt sie Seelachs mit Hokkaido und es geht ihr gut, solange sie abends brav ihre Tablette nimmt. Ein echter Luxushund ist aus dem spanischen Straßenköter geworden, aus der Müllfresserin und Dreckwälzerin. Die Ausschlussdiät füttere ich seit 5 Wochen. Damit ist sie über den Berg, sagt die Ärztin, die Bauchspeicheldrüse sollte jetzt nicht mehr mucken.

Statt mucken wollte ich eigentlich`ausflippen´ schreiben, ein Verb, inzwischen beinahe so ungebräuchlich wie etwa die Redewendung `im Dreieck springen´. Diese, so verrät der Duden-Newsletter, hat ihren Ursprung in Berlin Moabit, genau genommen in dem dortigen preußischen Mustergefängnis, das Wilhelm IV. (bei römisch IV blinkt sofort das Hartz-Lämpchen in meinem Kopf) Mitte des 19. Jahrhunderts errichten ließ. Der Freigang, der in Isolationshaft sitzenden, Gefangenen, hatte eine Größe von nur 10 qm, in der Form eines Kuchenstückes (Dreiecks), welches durch hohe Mauern von den weiteren 19 Kuchenstücken getrennt war, die zusammen einen Kreis, einen der so genannten Spazierhöfe, bildeten. Bei soviel Enge, Einsamkeit und Bewegungsmangel flippte der Eine oder Andere schon mal aus und sprang in seinem Dreieck umher.

Interessant ist, dass der Berliner Tierschutzverien in Falkenberg die Idee der Spazierhöfe, sowie der Zellen für die einsitzenden Hunde scheinbar aufgegriffen, und das Tierheim nach dem gleichen Prinzip gestaltet hat: voneinander getrennte Kuchenstücke, die zusammen einen Kreis ergeben. Als Betonfan bin ich schwer begeistert von diesem ungewöhnlichen Bau.

Alternativ, bzw. synonym, zu dem Verb ausflippen (to flip out), bietet der Duden, unter anderem, `sich aus den Fesseln befreien´ und `sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm stellen´ an. Im Zusammenhang mit den rasenden, schnaubenden, tobenden, durchdrehenden, explodierenden, berserkernden, austickenden Outlaws, die unter ihrem kleinen Himmelsdreieck lamentierend und lärmend nach Leben lechzten, scheinen mir diese Bilder sehr passend.

Fabelhafte Sprache.

Es ist Sonntagmittag. Der Fisch für die kommende Woche ist fertig gekocht und entgrätet, Töle wedelt seit Stunden im Takt dazu, den Kater habe ich mit Huhn bestochen und die Sonne kitzelt mir während meiner fürsorglichen Verrichtungen verführerisch in der Nase. Gleich werde ich zur großen Runde aufbrechen, in den wunderbaren weiten Himmel über Berlin blicken und dezembral chillen.
Früher, bei den Dinosauriern, hieß chillen übrigens noch entspannen. Dazu mehr ein andermal, in meiner noch zu launchenden Rubrik Aus grauer Vorzeit (coming soon!).

 

 

 

 

 

Farbbild: „Tierschutzverein Bln-Falkenberg“ by Tilman Kluge. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tierschutzverein_Bln-Falkenberg.jpg#/media/File:Tierschutzverein_Bln-Falkenberg.jpg

Verweilen

Foto 5 Kopie 8Ich sitze am Potsdamer Platz und trinke einen Cappucino. Dazu eine Butterbrezel, wie beinahe jeden Tag. Auf etwas anderes habe ich keinen Hunger, und so ist dies im Augenblick oft das Einzige, was ich esse. Gegen die Unterzuckerung zur Not auch einen Riegel dunkle Nussschokolade.
Inzwischen trage ich wieder die Klamotten, die mir mit 14 Jahren schon gepasst haben, und ich stelle fest, dass mein Gesicht zu schmal wird.
Manchmal ist das Leben zu anstrengend um sich gut zu ernähren.

Über die Gabriele-Tergit-Promenade rollt ein hupender Auto-Corso von Kreuzberg kommend Richtung Tiergarten. Blumengeschmückte schwarze Luxuskarrossen. Eine türkische Hochzeit.

Der Lärm füllt die Luft und übertönt die Querflötenmelodien des bärtigen Mannes, der am Sockel des, seit Jahrzehnten geplanten, Karl-Liebknecht-Denkmals sitzt und auf ein paar Cent wartet, die ihm die S-Bahn-Reisenden in den Hut werfen, ohne ihn dabei anzusehen. Sein Gesicht ist gerötet, der Bart strohigblond.
Der Rollator-Mann, der hier üblicherweise den Straßenfeger verkauft ist heute nicht da.
Neulich hat er mich tatsächlich wieder erkannt.

Auf dem Vorplatz zur S-Bahn springt die Nachbildung der ersten Ampel Berlins auf grün.

Der Boden unter meinen Füßen bebt. Töle schläft auf der Seite liegend.
Auch ich bin müde und schließe die Augen hinter den Gläsern meiner Sonnenbrille.
Zuwenig Schlaf. Seit Wochen.
Die Waschmaschine in meinem Kopf springt von schleudern auf pumpen.
Das Handy ist ausgeschaltet.

Geplant war ein Besuch der Staatsoper für alle.
Barenboim unter freiem Himmel.
Wegen der Sternfahrt des ADFC ist die Stadt noch voller als ohnehin schon.
150 000 Radfahrer werden erwartet. Zu viel für mich und den Hund. Wir dösen weiter.

In den NDR- Lokalnachrichten haben sie ein brennendes Altersheim in Hamburg gezeigt. Traurig.
Im WDR hingegen war die Welt in Ordnung und der Kölner Dom noch so gewaltig wie vor hundert Jahren.
Alles besser als dieser piefige rbb, mit Notizen aus der Provinz Berlin und vom Rüdersdorfer Schnepfentreffen.

Eine Frau im gelben Etuikleid stöckelt an mir vorbei. Ich hebe ein Lid.
Sie sieht gut aus, und sie weiss es. Der Mann an ihrer Seite führt sie zufrieden an der Hand spazieren.

Augen wieder zu. Ich bin so erschöpft. Benommen.
Fortlaufend webt sich der Katastrophenteppich.
Mitte Juni werde ich versuchen dem etwas entgegen zu setzen.
Entweder geht es mir dann besser oder schlechter. Gleich wird es nicht bleiben.
So wie nichts.
Keine Burg, kein Hafen.
Immer nur Verweilen.
Ein tiefer Atemzug. Ich werde wehleidig.

Ojemine, ojemine.

Mein nächster Weg führt mich in die Stille des Tiergartens.
So einfach.