Glockenspiel

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Der Wind trägt die schwebenden Klänge des Carillons von der Uferseite zu uns herüber. Verzaubert liegt der große Tiergarten in der Nachmittagssonne. Die Beine in die Luft gestreckt schubbert der Hund seinen Rücken im Gras und schnaubt. Mein Blick geht über die Wiese zu den Sträuchern und dem kleinen Hain dahinter und wie in jedem Jahr staune ich, wie grün das Grün ist, wenn es nach dem Winter die silbriggraue Rinde der kahlen Äste durchstößt.

Ich muss an den Obdachlosen denken, der hier im vergangenen Jahr sein Lager zwischen den Bäumen aufgeschlagen hatte. Den Sommer über lag er manchmal mit geschlossenen Augen auf der Wiese, neben ihm ein altes Fahrrad. Seine anderen Besitztümer waren irgendwo im Gebüsch versteckt. Im Spätherbst, als der Nebel sich auf die Wiesen senkte, sah ich ihn einmal ein Feuer dort im Unterholz machen. Es dunkelte schon, der Park war ausgestorben und er schien sich allein zu wähnen. Auf unerklärliche Weise muss er meinen Blick, vielleicht auch meine Besorgnis, wegen der offenen Flammen gespürt haben, denn plötzlich drehte er sich um, sah mich an und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Ich nickte.
Ich hoffe, dass sich das Blatt für ihn gewendet hat.

Im Rasen vor mir entdecke ich die tiefe Narbe im Gras wieder. Die Wunde, die Widmung, das Herz. Geschnitten von Unbekannt im vorletzten Sommer, als die Liebe noch blutete.
Auch damals saß ich hier, ließ den Hund seine Runden drehen und bangte mit klopfendem Herzen. Ich wusste nicht wie wir uns waren, als das Abendkonzert begann und eine kühle Stimme mir ins zitternde Ohr sprach. Die Glockentöne beruhigten mich, beinahe wie eine Heimat. Wer hätte geglaubt, dass selbst dieses Jetzt sich zu einem Gestern wandeln würde.

Alles vergeht und bleibt als Bild.

Auf der Wiese sitze ich und erinnere mich. Ein leichter Schmerz ziept an meiner Seele. Wind kommt auf, mich fröstelt. Fast menschenleer liegt der Park zu dieser Stunde, nur ein paar Radfahrer kreuzen ihn entlang der großen Alleen. Zeit für mich aufzubrechen.

Im Flora-Rondell reitet die Amazone noch immer in Richtung Osten, die Streitaxt in der Hand sitzt sie zu Pferd, das klare Gesicht zuversichtlich nach vorne gerichtet, die tiefstehende Sonne im Rücken. Gemeinsam mit ihr mache ich mich auf den Heimweg, denn es will Abend werden und lange Schatten legen sich auf den ausklingenden Tag.

Als ich auf den 17. Juni hinaustrete drehe ich mich um und werfe einen Blick in Richtung Westen, wo die Siegesgöttin auf ihrer Säule im goldenen Licht triumphiert, dahinter mirabellengelb der Himmelssaum unter sterbendem Blau.
Vorbei gehe ich an der riesigen Bronze des Rotarmisten im langen Mantel und mit geschultertem Gewehr. In seinem Rücken die Gräber abertausender gefallener Soldaten.

Die Quadriga ist nicht mehr weit.

Hinter dem Tor treffe ich dich. Du lächelst. Ein Ausdruck, der abhanden gekommen schien über den Winter. Ein seltener Gast.

Ich reiche Dir noch einmal die Hand.

 

 

 

 

 

 

Bild: sczscz, Tiergarten Berlin
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

10 Kommentare zu “Glockenspiel

  1. Die Amazone mitzunehmen, war eine gute Idee. Hätte ich auch gemacht. Von Kriegernaturen lässt sich gut lernen und an gewissen Stellen die Härte entwickeln, die es braucht, um die schmerzlichen und dissonanten Klänge im Leben besser in die Gesamtkomposition der zeitgenössischen Sinfonie, die das Leben ist, interpretieren und einbetten zu können. Amazonen sind unerschrocken und sich loyal ergeben bis in den Tod. Solche Wildheit und Kraft setzt dem Schmerz ein blühendes Trotzzeichen entgegen.
    Einen lieben Sonntagsgruß zu dir…✨

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    • Danke für Deinen schönen Kommentar!
      Mit der Streitbarkeit ist das so eine Sache. Es ist eine Gratwanderung zwischen Selbstverteidigung und Gelassenheit das richtige Maß zu finden.
      Das blühende Trotzzeichen gefällt mir gut. Trotz, der nach vorne blickt und nicht verhärtet oder aufgibt.
      Am Ende steht hoffentlich die Versöhnung, die Hand, die man einander reicht.

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    • Ach, sehr gerne.
      Diese tikerscherk ist eine von vielen. Ich kann´s mir leider gar nicht aussuchen, was da aus mir heraus will. Das hängt von so vielen Faktoren ab, vom Wetter, der Liebe, dem Tagesgeschehen und von den kleinen unkontrollierbaren Blitzen im Kopf.
      Derzeit ist die innere Waschmaschine im Schonwaschgang. Wir waschen Seide und Kaschmir (gestern auch mal Baumwolle). Das klingt dann so wie dieser Text.

      Gefällt 1 Person

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