Mirko

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Was dem Winter die Krähen sind dem Frühling die Amseln. Schwarz das Gefieder, gelb der Schnabel sehe ich sie auf einmal überall in der Stadt. Geduckt laufen sie von Strauch zu Strauch, halten inne, drehen den Kopf von links nach rechts, äugen und huschen weiter. Mirko nenne ich sie, jede Einzelne von ihnen. Das knirscht so schön, wie der Kies vor den Bungalows meiner Kindheit, in deren Vorgärten meine ersten Mirkos zuhause waren.

Mit dem Hund gehe ich durch den Tiergarten. Der Rhododendron blüht. Meterhohe Büsche mit ledrigen Blättern und zahllosen Blüten in purpur, weiß und rosa säumen die verschlungenen Wege, dazwischen Azaleen in kräftigem Gelb und Orange. An brackigschwarzen Tümpeln wachsen Mammutbäume, Modergeruch vermischt sich mit dem betörend süßen Blütenduft. Farnwedel stehen zart befiedert in der Sonne und leuchten in frischem Grün. Pappelpollen schweben durch die schwere Luft wie Maischnee und landen geräuschlos auf den vielen Wasserläufen. Eine stille Urwelt, mitten in Berlin.

Auf einer kleinen Brücke bleibe ich stehen. Das Gartenamt hat sämtliche Schlösser vom Geländer entfernen lassen. Janice & Flo und Aliah & Mike hatten sich hier einander für immer versprochen. Ob ihre Liebe den Winter überdauert hat?

Drüben im Wasser liegt der Schildkrötenbaum. Gleich vier große Panzer zähle ich heute, hübsch nebeneinander in der Sonne aufgereiht. Ein Stückchen weiter steht wie immer die wohlgenährte Kanadagans in Ufernähe, als wollte sie sich die Füße kühlen. Ungewohnt aktiv spreizt sie plötzlich einen Flügel, hebt ein Bein, entleert ihren Darm und fälllt anschließend in die gleiche abwartende Starre zurück.

An einer großen Weggabelung treffe ich wieder auf eine Amsel, oder ist es immer die gleiche, so, wie die Stubenfliege meiner Kindertage, die mich über Jahre begleitete und sogar mit uns im Auto in den Urlaub fuhr? Immer wieder riss mein Bruder ihr ein Beinchen aus, doch stets wuchs es über Nacht nach. Susi, so nannten wir sie, erstand jedes Frühjahr für uns wieder auf, ganz wie der erschossene Kukuck.

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Der Gesang der Nachtigall, das erzählte mir kürzlich die Journalistin, habe sich nicht verändert, in hundert Jahren nicht, alte Aufnahmen belegten dies, und wie zu allen Zeiten wählt auch heute noch das Weibchen den Kavalier nach der Qualität seiner Darbietung aus. Ein Sängerwettbewerb im Unterholz.

Anders die Amseln, sie gehen mit der Zeit, greifen Klingeltöne von Weckern oder Handys auf, imitieren diese und bauen sie in ihr Gesangsrepertoire ein, um damit das Weibchen zu bezirzen. Wer die neuesten Ringtones drauf hat steht in der Gunst der Damen ganz vorne. Seine Gene haben gute Chancen, es bis in die immer näher rückende goldene Zukunft schaffen.

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Die Amsel an der Weggabelung duckt sich und rennt los. „Mirko!“ rufe ich ihr hinterher, da bleibt sie stehen.
Der Mann, der eben im noch Vorbeigehen den Papierkorb durchsucht hat, dreht sich um und schaut mich erstaunt an. Einen großen Rucksack auf dem Rücken, das Gesicht rot und aufgedunsen, die Haare weizenblond, steht er ein wenig unberaten da. Ob auch er Mirko heisst?
Rauchen Sie?, frage ich ihn, weil mir nichts anderes einfällt und ich mich plötzlich erinnere noch ein Päckchen in der Tasche zu haben. Eigentlich wollte ich es dem Flüchtling schenken, der mich kürzlich im Krankenhaus um Zigaretten bat, doch das Personal erlaubte es nicht, er habe genug zu rauchen, und so trage ich die Schachtel seit Tagen mit mir herum.
Mirko nickt auf meine Frage und lächelt verlegen. Darf ich Ihnen vielleicht die Luckys geben? Ich kann sie nicht mehr gebrauchen, hab leider aufgehört zu rauchen, plappere ich übertrieben heiter weiter und reiche sie ihm, ohne eine Antwort abzuwarten. Er nimmt sie vorsichtig entgegen. Seine Hände sind trocken und rot.
Leider habe ich kein Feuer, setze ich meine Rede fort, ich rauche ja nicht mehr. (Wieso quassele ich bloß so viel?)
Mirko schweigt immer noch und schaut mich freundlich an.
Einen Moment lang stehen wir uns ratlos gegenüber, dann nicken wir uns zu und gehen, jeder in eine andere Richtung, davon. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn von hinten, wie er mit seinem schweren Rucksack gen Süden stapft.
Der schwarze Mirko ist längst irgendwo im Gebüsch verschwunden.

 

 

 

 

 

Bild: Last Hero, Amsel
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

steady state

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Der Augenblick ist jenes Zweideutige, darin Zeit und Ewigkeit einander berühren.

Søren Kierkegaard

Und wieder Frühling.
Das rostig-schräge Lied der Meise – wie die Schaukel in unserem Garten, damals. Nebenan der modrigsüße Duft der hauseigenen Kelterei. Bergeweise Äpfel im schattigen Hinterhof. Der alte Herr W. im Feinripp winkt mir von drüben zu und nickt dabei.
Sein Neffe lebt noch. Wir treffen ihn auf der Straße. Zur Begrüßung zieht er ein kleines Album aus der Jackentasche und zeigt uns die gelbstichigen Fotos seiner verstorbenen Schäferhunde.
Vergeblich suche ich in seinem Gesicht nach den Zügen des Onkels.

Ich schaue aus dem Fenster in den klaren Tag. Weisse Mittagssonne, raschelnder Bambus, kühle Luft. Das Schilf am Ufer, der See in Neuruppin.

Ausgebleicht der Waldboden. Vertrocknetes Laub, tonfarbene Blattfraktale. Waldmeistergrün schiebt der Bärlauch sich aus der Erde.
Umgestürzte Buchen, klaffende Stümpfe. Neue Lichtungen.
Irgendwann im Winter.

Ein dünner Zweig biegt sich unter meiner Bananenschale. Der Hund springt aus dem Stand.
Ganz langsam dreht das stillgelegte Riesenrad sich im Wind.
Die Waldschule.
Krokusse, Schneeglöckchen, Winterlinge. Vorbei der milchige Schlaf.

Für einen kurzen Moment denke ich über die Zeit nach, die unaufhaltsame.
Die Unmöglichkeit ihr etwas entgegen zu setzen.
Ich sehe mich Buster-Keaton-artig gegen eine Tür gestemmt, sie nicht herein zu lassen und auch diese kostbaren Wochen und Monate mit sich zu nehmen.
Und draußen, im hellen Jetzt steht Kater Ludwig Aug in Aug mit der getigerten Nachbarskatz. Der Schwanz buschig, voller Leben, mitten in der vergehenden Zeit.

Würde sie nicht vergehen, sagst du, dann könnten wir sie nicht zusammen erleben. Der Moment, der bliebe, wäre tot; das Lächeln, das nicht gesehen, nicht im Herzen ankommen kann. Nur was vergeht kann Schönheit besitzen.

Und sterben.

Wie ein Wellenkreis breitet  sie sich aus. Zeitringe.
Unsere Einschläge dicht nebeneinander.

 

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