El corazón es agua

14773523263_19b04be71b_z

Neulich hab ich versehentlich etwas geliked, was ich keinesfalls hätte liken wollen und sollen. Als mir retrospektiv dämmerte, dass ich da etwas ganz und gar missverstanden haben musste, schon weil, so glaubte ich mich dunkel zu erinnern, unter den Mitlikern sich einer befunden hatte, der einen martialisch anmutenden Adler als Gravatar verwendete, welchen ich später und andernorts als das Emblem eines Reichbürgers identifizierte, machte ich mich auf die Suche nach dem falschen Like, um es zu eliminieren, doch ich fand es nicht mehr. Nun habe ich einen Fleck auf der Weste und dabei war´s wirklich ein Versehen. Möge Gott verhüten, dass ein Screenshot mich eines Tages überführt.

Gestern hatte der Fersehmoderator Geburtstag und gestern feierte auch Chelsea Manning ihr Wiegenfest, wie die Mutter des Fernsehmoderators dieses Ereignis zu nennen pflegte. 29 ist sie geworden und noch 29 Jahre hat sie als Gefangene vor sich. Wie kann sie das überstehen.

Große Raupen mit bündelweise Papiereinkaufstaschen am Handgelenk, der Umwelt zuliebe, fressen die Auslagen der Geschäfte kahl. Auch heute, am 4. Advent. Läuft.

Wogende Menge, wogendes Gras.
Oben auf dem Gerüst rauchen die Bauarbeiter einen Joint. Der Osteuropäer kostet ein Viertel weniger als der Deutsche. Wenn er runter fällt wird´s aber genauso teuer.

Vieles ist sehr hässlich, von nahem betrachtet.

Der Winter hat die Sättigung aus allem heraus gezogen

Neurotisch oder exzentrisch. Das ist noch unentschieden.

In der Ferne höre ich das Grollen der Artillerie. Feindbilder aufrecht erhalten.

Ich weiß nicht wo ich hingehöre und welche Fragen die richtigen sind.
Die Meinungen gehen mir aus.

Ich sollte einen Boulevardreporter anrufen und meine Lebensbeichte in sein Diktiergerät sprechen. Nur, dass ich nicht berühmt und herunter gekommen bin wie Ben Becker, der sich sogar an der Bibel versuchte und dafür zahlende Zuhörer fand.
Nicht einmal eine berühmte Frau bin ich, Scarlett Johansson zum Beispiel. Deren Lebensbeichte würde man wohl hören wollen, während man ihre Lippen betrachtete.
Alternativ: sich oben im Kirchturm verrammeln und Böller zünden. Damit würde man nationale, wenngleich namenlose Bekanntheit erreichen. Zeitgeistruhm.

Der Hass kommt von allen Seiten und Haubitze ist auf einmal gar kein lustiges Wort mehr, auch wenn es so klingt. Überall ist Krieg und man weiß nicht, ob es wirklich ein siebenjähriges Mädchen gibt, das aus den Trümmern twittert oder nicht.

Es gab Zeiten, da war Propaganda ein schwarzweißes Plakat. Inzwischen durchwebt das Hasslurex alles und glitzert glaubwürdig (verbesserungswürdiges Adjektiv) dazu.

(All that glitters, isn´t that gold)

Der Reichsbürger bezieht Strom und Wasser aus dem Ausland, sagst du, und schickt Fäkalien zurück.
Muss man ein Haus auf eigenem Grund und Boden besitzen, um Reichsbürger zu sein , oder genügt schon eine Mietwohnung?
frage ich mich und dann dich und du zuckst mit den Schultern.

Die Dinge sind kompliziert.

 

Aber: tolle Raben und köstliche Kekse- danke, danke, danke!

 

 

 

Bild: Lua Zemenis, „El corazon es ague“, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Solidarität

Beggars-sleep-near-the-LUKOIL
Vorwärts, und nicht vergessen,

worin uns’re Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts und nicht vergessen
die Solidarität!

Bertold Brecht

 

Es ist nicht so, dass ich nichts zu sagen hätte. Ich bin einfach nur unglaublich erschöpft.
Output is gerade nicht viel. Außer bei den und dem Lieblingsmenschen.
Ansonsten hilft nur lesen und ruhen. Nicht soviel quasseln. Zuhören, mir die Weltgeschichte erklären lassen.
Blood, toil, tears, sweat.
Musik: Cello.
Die letzten Monate waren anstrengend genug. Nichts mehr an mich heran lassen was unnötig zehrt oder nervt.
Zum Beispiel dieses Internet. Der alljährliche Verdruss überkommt mich auch heuer.
Kann an der Witterung liegen, an den kurzen Tagen, dem Lichtmangel. Kann aber auch andere Gründe haben.
Jedenfalls habe ich aus meinem Reader mal wieder einige Blogs gelöscht.
Zu banal, zu gehässig, zu kleingeistig, zu antisemitisch, antizionistisch oder israelkritisch, wie sie selbst sich wahrscheinlich nennen würden.
Zuviel warme Luft von zu vielen kaltschnäuzigen oder ignoranten Langweilern.
Kalter Wind von rechts (nein, ich meine nicht Osten, wenn ich rechts sage, oder Süden, wenn ich von unten spreche).
Überhaupt ist es erschreckend, wie sehr die deutsche Bevölkerung, nennen wir sie der Einfachheit halber „das Volk“, das verstehen sie am besten, nach rechts rutscht.
Zack.
HogeSa und Pegida, Seehofer und manche Montagsdemonstranten.
Undsoweiter, undsoweiter.

Schwarzseherisch? Icke? Woher denn!

Aber ich wollte ja eigentlich gar nix schreiben. Nur mal andeuten. Eine Hausnummer nennen, wie ein früherer Vermieter zu sagen pflegte, wenn er über bevorstehende Mieterhöhungen sprach. Die Zahlen waren immer nur eine Hausnummer, nichts Konkretes, zeigten aber schon mal die Richtung an. (Nach oben natürlich, wohin sonst. Hat mal jemand eine Mietsenkung erlebt? Ist irgend jemandem solch  Wunder und Glück widerfahren?)
Was mich direkt zu dem Vermieter führt, dem das Haus gegenüber samt Seitenflügeln und Hinterhaus gehört. Der Mann wurde vor vielen Jahrzehnten in dieses riesige und mächtige Imperium hinein geboren. Als deutscher Fürst lässt er nur Deutsche und auch nur Pärchen in sein Reich einziehen. In jeder Wohnung hat er eine Gegensprechanlage installiert, bei der das Drücken eines bestimmten, mit seinem Namen versehenen, Knopfes direkt in seine Schaltzentrale führt. Auf diese Weise überwacht der greise Souverän seine Untertanen, wenn er nicht gerade dafür Sorge trägt, dass die Pozilei den vor seinem Haus Parkenden ein Knöllchen an den Scheibenwischer klemmt, weil die AU schon 1 Tag überfällig ist. So isser. Und er kann es sich leisten, denn er dealt mit einer der wertvollsten Waren im Kiez: Wohnraum.
In diesem Zusammenhang könnte ich mal wieder über Gentrifizierung schwadronieren. Mal erzählen, wie mich das ankotzt, was hier in Berlin und in meinem schönen Kreuzberg passiert. Aber das spare ich mir heute. Weiß ja eh schon jeder und in absehbarer Zeit wird es auch den Bewohnern der weiter außen gelegenen Bezirken an den Kragen gehen. Denen, die jetzt noch glauben, dass das allein ein Problem von Kreuzberg oder Mitte sei.

Dann wäre da noch Weihnachten. Auch darüber mag ich nix lesen oder hören und schon gar nicht schreiben. Reicht schon, wenn es überall blinkt.
Statt darüber nachzudenken, wie man sich zum Fest der Liebe am besten mit weiterem Luxus belastet, könnte man sich ja mal daran erinnern, dass es da draußen viele Menschen gibt, die den lieben langen Tag Hunger haben und frieren, die auf der Straße leben und verzweifelt sind, weil sie wissen, dass sie nie wieder aus der Misere rauskommen werden. Menschen ohne Perspektive und ohne Ansehen.
Gebt denen doch bitte Eure Kohle, die Ihr ansonsten sinnlos für Weihnachtskitsch oder nutzloses Zeug verpulvern würdet, sie brauchen es, sie freuen sich darüber und es ist allemal besser, als das Geld für überflüssigen Krempel aus dem Fenster zu schmeißen! Es fühlt sich auch besser an, glaubt mir.
Oder wenn Ihr schon nichts abgeben wollt, dann tut wenigstens nicht so, als würdet ihr den Geburtstag von Jesus Christus begehen. Dem stünden nämlich sämtliche Haare zu Berge, wenn er mitansehen müsste wie ausgerechnet in seinem Namen und vorgeblich zu seinem Gedenken die Armen in der Welt alleine gelassen werden, während die Wohlhabenden sich gegenseitig noch mehr Pralinen in den Rachen schieben und Milliarden verjubeln, ohne sich auch nur eine Sekunde daran zu erinnern, auf wessen Kosten sie eigentlich leben, geschweige denn diese Menschen, das Fundament ihres unverdienten Reichtums, an ebendiesem teilhaben lassen.

Und hier noch eine kleine Erinnerung für die, die es vergessen haben: Jesus´ Eltern, die heilige Maria und ihr angetrauter Gatte Josef, waren auch obdachlos. Und ihnen wurde Unterschlupf gewährt. Das lernt man bereits als Kind, denn diese ergreifende Szene wird alljährlich vor der großen Beschenkung im Familiengottesdienst beim Krippenspiel zum Besten gegeben. Danach wischt sich die ganze Familie die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln und freut sich bei der Rückkehr in die festlich geschmückte Wohnung gleich doppelt an der Wärme, den bunten Päckchen unterm Weihnachtsbaum und dem Duft der Zimtsterne.

Freue dich, freue dich, oh Christenheit

Wenn ich mir etwas wünschen durfte, dann wäre das Folgendes: drücken Sie bitte  ihrem Kind einen Geldschein in die Hand und gehen Sie zusammen an einen Ort von dem Sie wissen, dass dort Obdachlose übernachten oder tagsüber Zuflucht suchen. Wenn es keine Obdachlosen in Ihrem Ort gibt, dann beschenken Sie das Tierheim oder gehen Sie zur Sparkasse und zahlen Sie Geld für die Welthungerhilfe ein.
Zeigen Sie Ihrem Kind, wie man es richtig macht.
Lehren Sie Ihr Kind Nächstenliebe und Solidarität.

Herzlichen Dank!

 

(Photo credit: Obdachloser in Russland, Wikipedia)

Armut, Jesus und ein Sexshop

Bald ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere also. Jedenfalls für Obdachlose.
Vielleicht nicht ganz wie jeder andere: deprimierender.

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlos...

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlose vor dem städtischen Asyl (Photo credit: Wikipedia)

Wer nicht das Glück hat, wie hier in Berlin, am Weihnachtsschmaus von Frank Zander teilnehmen zu können, oder in einer Wärmestube unterzukommen, um eventuell ein Stück Stollen zwischen die Kiemen zu kriegen, für den ist der Tag noch etwas beschissener und trostloser als der Rest des Jahres.
Beim Fest der Liebe auf der Straße zu sitzen und zu frieren, niemanden zu haben, der einen beschenkt, und für einen da ist, muss sich besonders schlimm anfühlen.
Nicht, dass mich jemand beschenken würde, aber das nur deshalb nicht, weil ich es nicht möchte.
Weil mir Weihnachten nichts bedeutet. Genauer: weil mir das ganze Gedöns, Geblinke und Geheuchel zuwider ist, und weil es den Leuten um mich herum genau so geht.
Weihnachten, das war doch immer der Tag, an dem alle enttäuscht waren, und an dem die Mutter derartig überfordert war vom Einpacken, Putzen, Backen, Schmücken und Kochen, dass spätestens am Heiligen Abend die Fetzen flogen. Aber wie.

 

Trotzdem würde ich diesen Tag nicht auf der kalten Straße verbringen wollen, wenn die meisten Kneipen geschlossen haben, und von unten in die hellerleuchteten Räume schauen, wo im Schein der Lichterketten Elektrogeräte und Kaschmirschals von Tchibo hin- und hergereicht werden, und die Weihnachtsgans verdrückt wird, während mir selbst der Magen knurrt, und die Bundespolizei mich  aus der heimeligen Wärme des Ostbahnhofes jagt.

Obdachlose gehören inzwischen so sehr zu unserem Alltag, dass man sie wenigstens an Jesus Geburtstag in die gute Stube holen sollte.
Das kann jetzt jeder, denn die Firma Preiser hat ihrem Modellbausortiment nun auch die Minifiguren Obdachloser, Obdachlose und Bettler hinzugefügt.

Der Obdachlose sitzt in schäbigem Mantel auf einer Bank, seine Habseligkeiten in drei Beuteln neben ihm.
Für 3,25 € ist dieses Idyll zu haben, über das eine Kundin und Mutter begeistert schreibt:

Mich beeindruckt der starke innere Ausdruck, der in diese kleinen Körperlein gelegt ist!-„pädagogisch wertvoll: Ja!Empathie im Spiel“
Aber, ich finde die Darstellung dann doch „schöner“, weil das Original wirklich soo klitzeklein und filigran ist!“Haltbarkeit:erfordert Geschick“
Mein 11jähriger bekommt einen Adventkalender (jeden Tag eine Figur) und ich freu mich schon so beim Vorbereiten, (obwohl ich meine Märklin-Begeisterung sonst gut zügeln kann!)“Spaßfaktor“-JA!in dem Fall der der Mutter.

Hach, so macht Empathie Spaß, und riechen tut man auch nichts!

Die Obdachlose ist mit 6,38 € etwas teurer, aber sie ist schließlich eine Frau, und da kostet allein der Haarschnitt das Doppelte. Zudem ist der Einkaufswagen mit ihren Besitztümern, den sie vor sich herschiebt, besonders liebevoll gestaltet, und sie trägt, als lebensnahes Detail, zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Auch zu dieser Darstellung von Armut äußert sich die Kundschaft zufrieden.

Die Obdachlose ist ein nettes Detail für die Modelleisenbahn–Ein Muß in den heutigen Zeiten.
Hartz IV jetzt auch in H0.

Herrlich!

Der Dritte im Bunde ist ein Bettler, vor dessen Füßen ein Hut liegt.
Damit wird das wichtige, christliche Thema Almosen angesprochen und wunderbar in Szene gesetzt. Welcher Christ würde nicht gerne diesen Bettler, neben Maria und Josef, den berühmtesten Obdachlosen aller Zeiten, in die heimische Krippe stellen, und auf diese Art den lieben Kleinen (pädagogisch wertvoll) zeigen, dass Bettler Menschen aus unserer Mitte sind, denen wir helfen müssen.

Kunden, die dieses Trio kauften, kauften übrigens auch die Gruppe fröhliche Zecher, die Frau mit Staubsauger, den Mann auf Krücken und den Busch (!) 1004 Sex-Shop.
Mir letzteren im regen Verkehr einer Modellbaueisenbahn vorzustellen, erwärmt mein Herz.
Sex und Uniform.

Das ist fast noch geiler als Bettler, Obdachlose und Mann auf Krücken zusammen.

Geh doch zu Hause

640px-Berlin_1990_75560012(1)
Dass ich schon eine Weile nicht mehr über Gentrifizierung geschrieben habe, heisst nicht, dass sie nicht mehr stattfindet oder mir scheissegal ist. Ich habe, und jetzt kommt ein Satz, von dem ich niemals geglaubt hätte, dass ich ihn irgendwann in meinem ganzen Leben schreiben und auch noch ernst meinen würde: ich habe die Hoffnung aufgegeben.
Das wird nix mehr. Nichts wird sich ändern.Die Reichen werden die Armen fressen, sie vertreiben und sic h dabei auch noch wohl und im Recht fühlen. Die Armen werden sich in ihr Schicksal fügen, oder versuchen mit den großen Tieren zu brüllen. Niemand wird damit ein Problem haben, solange es nicht ihn selbst betrifft. Und ihn selbst betrifft es erst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht und er an den Stadtrand ziehen muss. Ausgebeutete werden weiter konservativ wählen, Arbeiter werden der Presse mit den großen Buchstaben Glauben schenken, der Heilige Geist wird mit Sausen und Brausen die Erde heimsuchen. Und dem Geldadel ein Wohlgefallen.
So ist es. Natürlich auch hier in Berlin.

Ich kann mich nicht in Kämpfen verausgaben, die von Anfang an verloren sind. Da s macht mich bitter und niemanden sonst.Jedenfalls nicht die, deren Politik dafür verantwortlich ist, dass es so läuft. Denn deren Sorgen heissen Machterhalt, Geld und Handy.
Nicht nur bitter macht es mich, sondern auch krank. Im Kopf. Und um mir weitere Einttäuschungen zu ersparen, lasse ich vorbeugend alle Hoffnung fahren.

Ja, ich komme am Taut-Haus am Engelbecken vorbei, und registriere den Lieferwagen des Spezialisten für Intarsien- und Terrazzoböden, der den eben
eingezogenen Eigentümern der millionenteuren Wohnungen die Welt zu Füßen legt.
Ich sehe die Luxuslimousinen die dort parken, die geklonten Labelhäschen im Metrolook, die sich vor dem Haus (in dem ironischerweise früher einmal die IG-Metall ihren Sitz hatte) gegenseitig beeindrucken und Ureinwohner mit keinem oder erstauntem Blick bedenken. (Du? Noch hier?)
Die eitlen Mediengockel hinter den Glasscheiben des modernen Großraumbüros, die mit Bart, transparenter Nerdbrille und gelangweiltem Gesichtsausdruck auf ihren Macs herumtippen. Die Meister der Belanglosigkeit.
Nur wenige Meter davon entfernt, sehe ich die jungen Spanier, die aus der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat nach Deutschland geflohen sind und nun in alten Lieferwagen am Straßenrand campieren, wo sie das Kleingeld versaufen, das sie tagsüber beim Jonglieren oder Feuerspucken auf großen Kreuzungen während der Rotphase verdient haben
Ich sehe auch die Bewohner des neu gebauten Eigentumklotzes auf dem Engeldamm, wie sie von ihrem teakholz-bemöbelten Balkon herunterblicken auf ihr neues Reich. Der kleine Adel.
Und fast jedes Mal lasse ich mich dazu hinreißen irgendeine abfällige Bemerkung zu dem grauenhaft hässlichen Kasten zu machen, und dann freue ich mich, wenn sie sich ärgern.

Schon schöner im Gründerzeit-Altbau zu leben, und nicht in fantasieloser Krisenarchitektur mit niedrigen Decken und glatter Fassade.

Das wirkt. Aber eben auch bei mir, denn genau das ist doch Bitterkeit.
Gegen meinen Willen werde ich zu einer verkniffenen, verhärmten, hassverrammelten Zitrone. Runtergezogene Mundwinkel, Dumdum-Geschosse in den Augen. Und während ich mein Gift versprühe,  weiss ich ja auch, dass die Freude endlich ist. Dass das Blatt sich auch für mich wenden wird und ich in einer Platte am Stadtrand werde vegetieren müssen. Und sie werden ihre Fahne auch auf meinem Haus hissen. Und der Gedanke  macht mich fertig.

Und ich sehe die Farbbeutelflecken auf den polierten Fassaden. Die eingeschossenen Scheiben des Inneneinrichtungsgeschäftes mit Möbeln für die neuen Herrschaften.
Die Mediengockel die jetzt hinter einer Sperrholzplatte sitzen, weil auch hier die Scheiben in einer nächtlichen Aktion zertrümmert wurden. Und ich freue mich. Schadenfreude. Häme. Kein schöner Zug. Aber wenigstens meiner. Den kann mir keiner mehr nehmen. Und nicht nur das: da wird sogar tagtäglich noch ein Waggon angekoppelt, an den unschönen Zug.
Wie aber könnte ich nicht bitter sein und so tun, als würde mir das alles nichts ausmachen, wo es mich doch so sehr aufwühlt und innerlich fast zerreisst? Jeden Tag.
Ich kann es eben nicht. Sonst würde ich nicht schon wieder hier sitzen und darüber schreiben und den geneigten Leserinnen und Lesern verzweifelte Meldung machen, dass hier in Kreuzberg die Gentrifizierung immer noch lodert und alles frisst, was ihr schmeckt. Und dass der Umzugswagen immer häufiger von hier in die Randbezirke fährt und mit ihm Menschen, die Jahrzehnte lang hier gelebt haben oder die sogar hier geboren wurden. Dass ich kaum noch Nachbarn habe, die ich kenne. Dass immer mehr Geschäfte und Lokale eröffnen, deren Sortiment nur für Besserverdienende erschwinglich ist. Dass jeder Funke Originalität und alles, was ich an Berlin schätze, warum ich immer hier leben wollte, und nur hier,  glatt gebügelt wird  zugunsten einer Lebensweise deren Ziel und Inhalt der Konsum ist.
Genau so möchte man den Bürger haben: gleichgeschaltete, willige Konsumenten.
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Gentrifizierung du skrupelloses Monster!, möchte ich ihr wütend zurufen.
Aber sie kann es gar nicht hören, weil sie nichts von sich selbst weiß.
Auch andere wissen nichts von ihr oder wollen nichts von ihr wissen.
Zum Beispiel im Wedding, oder in Moabit, wo es gerade so richtig los geht mit der Aufwertung, der Vorbotin der Vertreibung.
Die freuen sich sogar drauf und glauben tatsächlich noch, sie würden upgegradet.
Und genau das ist auch ein wesentlicher Zug der Gentrifizierung: sie kommt mit einem Latte macchiato in der Hand um die Ecke geschlendert, bietet dir einen American Cheesecake, einen Brownie, Muffin oder Cupcake an, eine Fritz-Cola, erschwinglichen Luxus, ein bisschen Chi chi. Holzspielzeug, Bioläden, eine Patisserie, süße Cafés im putzigen Landhausstil. Shabby, vintage, Designkaufhäuser(!).
Kreativen Einheitsbrei, über den sich all die Langweiler freuen, die zwangsgekitzelt werden wollen um lachen zu können.
Und wenn sie sich so richtig wohl fühlen, dann dauert es nicht mehr lang, bis auch der Adel davon Wind bekommt, sich das Wunderland unter den Nagel reisst, Kameras installiert und sich beschützen lässt. Vor dem Pöbel.
Ein bisschen Platz brauchen die aber auch, und schon erleidet der eben Aufgestiegene einen empfindlichen Rückschlag. Auch er muss jetzt sein Stück vom Kuchen abgeben.
Doch keine Sorge: in den Randgebieten gibt es genügend  Platz für alle, so ein Rand ist schließlich fast beliebig nach außen erweiterbar und die Verantwortlichen für die Misere kriegt man dann auch gleich dran. Die sitzen, wie immer, in den Asylbewerber-Unterkünften.

 

(Nur zur Sicherheit, und weil Dummheit keine Grenzen kennt: das ist Ironie)!

Und gestern lese ich dann noch diese beiden Meldungen in der Presse,

  • Immer mehr Menschen müssen in Deutschland von Sozialhilfe leben

  • Die privaten Vermögen in Deutschland steigen auf ein Rekordhoch von über 5 Billionen Euro

und denke: über die Auswirkung dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, können sie ja dann mal Feldforschung in meinem Kiez betreiben.
Solange noch ein paar von uns hier sind.

 

Musik zum Text:

 

(youtube-Direktlink)

 

Bild: „Berlin 1990 75560012“ von Jochims – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_1990_75560012.jpg#/media/File:Berlin_1990_75560012.jpg