Kokon (*txt.)

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Beim Absenden einer wichtigen Mail schaltet sich plötzlich mein Handy, das mit dem Laptop verbunden ist, aus. Als ich es wieder einschalte ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat eben begonnen und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren habe. Sie möchte wissen ob meine Nummer noch stimmt und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um dort den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefällt mir und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suche und ihn nicht finde, frage ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.

Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Die Witterung glich an einem milden Nachmittag im November: Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben, in Stille und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel.
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon, in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel, kein Feuerwerk erhellte den mitternächtlichen Himmel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausends über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.

Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Dieser Text ist ein überarbeiteter Beitrag von April 2014. Er ist Teil dieses Projektes.

6 Kommentare zu “Kokon (*txt.)

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