Piratinnen

 

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Vollkommen bezuglos stelle ich dieses Bild hier ein, dass mir gestern zufällig in die Hände fiel und das mich in der Zeit zeigt, als mein rechtes Auge gerade anfing sehen zu lernen. Später malte meine Mutter mir kleine Bildchen auf meine Pflaster, damit ich im Kindergarten weniger gehänselt wurde.
Als dann aber auch meine beste Freundin mit einem Pflaster vor dem Auge dort auftauchte, waren wir auf einmal eine Gang, Piratinnen, und alle anderen nur schnöde, langweilige Kinder.
(Ob meine Eltern mir tatsächlich Henninger-Bier zu trinken gaben, wie das Foto nahelegt, weiss ich nicht mehr. Es würde meinen seeligen Gesichtsausdruck erklären).

Carol

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Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hämoglobin

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Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

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Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

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Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

over me

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Am Morgen erwache ich mit einer Textzeile im Ohr und sehe mich am Frankfurter Ostbahnhof unweit meiner Schule mit A. auf einem Mäuerchen sitzen. Er pafft. Ich schaue ihm zu und denke an meine Mutter, wie sie mit tiefausgeschnittenem Negligé am Frühstückstisch sitzt, eine Zigarette in der linken Hand, vor ihr eine halbvolle Tasse Filterkaffee.

Ich bin 12 Jahre alt und habe vor wenigen Wochen meine erste LP gekauft. Einzelne Liedfetzen gehen mir im Kopf herum. Hey, hey, you, you, get off of my cloud.
Als er ferig geraucht hat, steht A. auf, greift in seine Hosentasche und holt ein plattgesessenes Lederportemonnaie heraus, das an den Rändern rundgebogen ist. Er klappt es auf, zieht aus einem der Fächer einen Zeitungsausschnitt und reicht ihn mir mit einem Kopfnicken herüber. Liebe ist… steht da über einer Zeichnung mit zwei Figuren, einem Mann und einer Frau, die nebeneinander im Bett liegen, und darunter steht … jeden Tag mit Sonntagslaune zu erwachen. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage nichts.

Ein paar Wochen später sitzen wir auf der Mauer hinter der Post und rauchen, A.s Oberschenkel berührt meinen. Er legt den Arm um mich und sagt: Meine Eltern sind nicht Zuhause. Meine Füße brennen, als wir von der Mauer herunter auf den harten Boden springen. A. greift nach meiner Hand. Ich ziehe sie weg und binde, wie zur Erklärung, meine Schuhe. Wir gehen nebeneinander her in Richtung Röderbergweg, A. redet über Fußball und über die Mädchen in unserer Schule. Über Anke, die schon einen BH trägt.

Vor einem der graubraunen, grob verputzten Häuser bleibt A. stehen und holt einen Schlüssel heraus. Fast alle in meiner Schule tragen einen Wohnungsschlüssel bei sich. Ich nicht. Bei uns ist immer jemand Zuhause und falls nicht warte ich im Hof oder im Garten. Einmal saß ich mehrere Stunden am Fuße des Mammutbaums und schaute nach oben zu unserem Turm, in dem eine Leiche eingemauert ist und auf dessen Spitze eine Kugel aus Zinkblech steckt. Irgendwann kam meine Mutter vom Friseur zurück. Ich erkannte sie von weitem am Klang ihrer Absätze.

A. wohnt mit seinen Eltern in einer Genossenschaftssiedlung. In der Diele liegt graue Auslegware. Die Türen zu den Räumen sind geschlossen. Der Vorraum ist auf eine Weise aufgeräumt, wie ich es von Zuhause nicht kenne. Unsere Ordnung ist eher eine zufällige, hingeworfene. Diese hier ist grundlegend und sie riecht nach Putzmitteln und Seife.
A. zieht seine Schuhe aus, ich folge seinem Beispiel. Dann öffnet er die Türe zu einem der Zimmer. Es liegt im Halbdunkeln, die Rolläden sind herunter gelassen und an der Stirnseite befindet sich ein breites Bett mit einem regalartigen Aufbau am Kopfende. Ein Dutzend Bücher, alle etwa gleich hoch und dick, stehen darin, daneben ein schwarzer Radiowecker mit roten Leuchtziffern. A. macht eine kleine Lampe an und nun sehe ich, dass der Bettrahmen und der Aufbau komplett mit pfirsichfarbenen Samt bezogen sind. Ein glänzender Steppüberwurf in der gleichen Farbe liegt auf der Matratze, die Volants reichen hinunter bis zum Boden und erinnern an die Toilettenpapierumhäkelung in der Gestalt einer Flamencotänzerin, die man auf manchen Autoablagen sehen kann.

Setz dich zu mir, sagt A. der sich wie selbstverständlich aufs Bett gelegt hat und ich setze mich zu ihm. Die Matratze sinkt ungewohnt stark ein und ich rutsche ein Stück nach hinten um nicht abschüssig zu sitzen. A. streckt einen Arm nach mir aus und legt ihn um meine Taille, den Daumen hängt er in den Bund meiner Jeans ein, unsere Haut berührt sich. Ich fühle mich unwohl. Eine Weile geschieht weiter nichts. Wir schweigen, er liegend, ich sitzend, sein Daumen kreist auf meinem Bauch. Irgendwann richtet A. sich auf und streift zuerst seinen Pullover und dann das T-Shirt darunter ab. Ich ignoriere das so gut ich kann und schaue mir die Buchrücken des Bücherdutzends an. Unbezähmbare Angélique steht dort, oder Angélique und Ihre Liebe, daneben Angélique und die Versuchung und als letztes in der Reihe Angélique triumphiert.
Zieh dich aus,
sagt A. jetzt und guckt mich merkwürdig an. Ich bin unschlüssig was ich tun soll. Als er nicht aufhört mich anzustarren, ziehe ich meinen Pullover aus. Das T-Shirt auch, fordert A. und legt nun eine ganze Hand auf meinen Bauch.
Ich möchte nicht, antworte ich, da greift A. von hinten um mich herum und schiebt mein T-Shirt mit beiden Händen nach oben. Mit einem Ruck hat er mich aus dem Sitzen ins Liegen gerissen und mir mein zwei Handgriffen das Hemd ausgezogen. Wenn ich wie die C. Ohrringe trüge, hätte er mir jetzt das Ohrläppchen eingerissen, denke ich. A. setzt sich auf mich, fährt mit beiden Händen an meinem Körper hoch und runter und stößt mit seinem Becken gegen meines. Seine Augen sind glasig und seine Unterlippe hängt ein wenig. Ich schaue ihn an und spüre weder Angst noch Anspannung. Eher so etwas wie Verwunderung. Auf eine merkwürdige Weise erinnert er mich an unseren Graupapagei, wenn er, auf der Stange sitzend, mit dem  Kopf auf und ab wippt und um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Nach einer Weile, ich weiss nicht wieviele Minuten inzwischen vergangen sind, lässt A. sich auf mich sinken und ich spüre seine dampfige Haut auf meiner. Seine Beckenbewegungen werden härter und meine Hüftknochen schmerzen darunter. Grunzend beisst er in meinen Hals. Der Geruch von Speichel dringt in meine Nase und ich denke an einen Nachmittag mit unserer Nenntante im Günthersburgpark. Wir hatten Brötchen mit Esszettschnitten gegessen und sollten anschließend in ein Stofftaschentuch spucken, damit sie unsere Gesichter abwischen konnte. Mich ekelte davor.
A. sackt zusammen und bleibt regungslos auf mir liegen.  Ich warte einen Moment, bis ich sicher bin, dass es vorbei ist. Dann schiebe ich ihn weg, stehe auf und ziehe mich an.  Vor der Haustüre schlüpfe ich in meine Schuhe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tobi Gaulke, Oerlikon Walk, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

burning like a fire

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Zu dem Wohnungsbrand war es gekommen, weil die Katze mit ihren Pfoten den Herd angeschaltet hatte, wodurch die neben den Kochplatten abgestellte Kerze geschmolzen, das verflüssigte Wachs auf den Herd gelaufen war und sich dort – fusch! – entzündet hatte. Eine riesige Stichflamme, die schnell auf die Holzarbeitsplatte und die Schränke übergriff. Zufällig war ich Zuhause und konnte den Brand nach mehreren Anläufen schließlich mit einer Seidendecke ersticken. Dass ich nicht versucht hatte mit Wasser zu löschen war mein Glück. Ich wusste nicht mal, dass es dabei zu einer extrem gefährlichen Verpuffung gekommen wäre, die mein Gesicht vermutlich für alle Zeiten enstellt hätte, sofern ich überhaupt noch eines gehabt und lebend davon gekommen wäre. Mich wundert, dass mein übervorsichtiger Vater, der in allem und überall Gefahr witterte und so großzügig war, seine Ängste mit uns Kindern zu teilen, mich über diese furchtbare Möglichkeit des Gesichtsverlustes nicht aufgeklärt hatte.

Der nächste Brand, nicht lange danach, betraf den Hausflur, in dem ein paar alte Möbel und anderer Sperrmüll abgestellt waren, den jemand zum Spaß angezündet hatte. Der Sofa, das lichterloh brannte, stand unmittelbar vor den in die Wand eingelassenen Gasleitungen und ich wartete draußen vor dem Haus mit eingezogenem Kopf auf den großen Knall, der nur ausblieb, weil die Feuerwehr beizeiten zur Stelle war.

Nachdem ich Gelegenheit gehabt hatte, mich schrittweise an Feuer zu gewöhnen, war es nur vier Monate später die Zeit für den großen Hausbrand gekommen. In der Wohngemeinschaft über mir hatte Meinungsverschiedenheiten gegeben, die dazu geführt hatten, dass der eine Streithahn dem anderen dringend zeigen wollte wo Bartel den Most holt, zu diesem Zwecke Stunden nach dem Zoff einen Karton in Fetzen riss, daraus eine Lunte zum Zimmer des inzwischen schlafenden Kontrahenten legte und das Ganze anzündete. Die Situation lief schnell aus dem Ruder, aus dem Denkzettel wurde eine veritable Katastrophe, doch glücklicherweise drückte der Brandstifter, ehe er sich aus dem Staub machte, noch den Knopf des Feueralarms im Treppenhaus und hämmerte, als er an meiner Wohnung vorbeikam, mit beiden Fäusten gegen die Türe, um mich zu warnen. Es war 3 Uhr Nachts und ich saß senkrecht im Bett.

Um es kurz zu machen: das einzige Todesopfer dieses Infernos war ein flauschiges Kaninchen, das in seinem Käfig verbrannte. Es befand sich in dem Zimmer des Zündlers, der gar bitterlich weinte, als er später davon erfuhr. Ansonsten gab es noch Rauchvergiftungen sowie Verstauchungen und Bänderdehnungen durch Sprünge aus dem Fenster. Ein Teil der Bewohner rettete sich durch´s Treppenhaus auf die Straße, andere warteten auf den Balkonen auf ihre Rettung und ein paar hatten sich auf dem Dach in Sicherheit gebracht.
(Es war, ganz nebenbei, wirklich erstaunlich, was manche Nachbarn nachts so anhatten).

Nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hatte, wurde die Frage laut, wer eigentlich in der Wohnung unter der Wohngemeinschaft wohnte. Ich, sagte ich vergnügt und drängte mich durch die Menge der Wartenden nach vorne. Es konnte mir, die ich bei eisigen Temperaturen (es war Ende Januar) vier Stunden lang, lediglich in ein dünnes Tuch gewickelt, auf der Straße gewartet hatte, gar nicht schnell genug gehen, wieder in meine warme Wohnung und zu meinen verschreckten Katzen zu kommen. Was ich nicht bedacht hatte: das Wasser sucht sich seinen Weg nach unten. Immer. Und direkt untendrunter wohnte nunmal icke.

Auch hier wieder die gekürzte Version: in meiner Wohnung war so ziemlich alles zerstört. Sowohl das Wasser, als auch die heruntergebrochenen Deckenbalken hatten ganze Arbeit geleistet.
Noch am gleichen Morgen musste ich mir also ein Hotel suchen, in dem ich, gemeinsam mit den Katzen, die nächsten drei Monate auf die Wiederherstellung meiner Wohnräume wartete. Keine Versicherung kam je für diese Kosten auf.
Doch auch im Hotel fand ich keine Ruhe, Bereits eine Woche nach meinem Einzug hörte ich Nachts den Alarm und kurz darauf rückte die Feuerwehr an. In der Etage unter mir hatte ein Gast ein wenig im Papierkorb gezündelt.

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Wahrscheinlich glaubt mir niemand mehr, wenn ich jetzt noch von dem Motorbrand meines alten Golf und dem Feuer in der Bordküche des Flugzeuges nach Kuba berichte. Beides noch im gleichen Jahr.

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Warum ich seit dem Hausbrand eine ausgeprägte Spinnenphobie habe, erzähle ich auch irgendwann noch. Es hat lange gedauert, bis ich darauf kam, was da geschehen war.

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Nachtrag:

Mein Herd ist inzwischen übrigens durch einen in der Wand eingelassenen Knopf gesichert. Ist dieser eingedrückt und der Herd betriebsbereit leuchtet der Knopf unübersehbar neonschrill auf. Die Katzen haben keine Chance mehr.

 

 

 

 

 

Bild: Wenni, Rabbit, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schmuddellaube

Nach vorne leben und nach hinten verstehen.
Manchmal kommen mir kleine Teile unter, winzige Bruchstücke, Sequenzen, die eine Erinnerung um ein paar Grad drehen, eine neue Perspektive eröffnen, eine Erfahrung von einer anderen Seite beleuchten und ihr damit eine Wendung geben, ein anderes Antlitz. Plötzlich fügt sich etwas in das Gesamte ein, was zuvor solitär und scheinbar ohne Sinn dastand. Oder etwas löst sich aus seiner Ordnung heraus.

Einmal fand ich einen Zettel. Er lag in der Laube, in der wir manchmal herumstöberten, wenn wir von der Schule nach Hause trödelten. Die meisten Lauben in den Schrebergartenkolonien waren verschlossen. Diese aber stand stets offen. Sobald wir das verwilderte Grundstück erreicht hatten, auf dem sie sich befand, schauten wir uns um, um sicher zu gehen, dass niemand uns sah. Dann erst öffneten wir das rostige Tor, das windschief in den Angeln hing, und wateten durch das kniehohe Unkraut, das überall wuchs und das uns an den nackten Beinen kitzelte. Vor dem Häuschen lag schon seit Ewigkeiten ein umgekippter Gartenstuhl. Kleine Schlingpflanzen hatten ihre feinen Tentakel um die Stuhlbeine gelegt und sich durch das eingerissene Plastikgeflecht gefädelt. Es roch nach Sommer.
Die Laube selbst bestand aus einem Raum, der etwa 3 mal 3 Meter groß war. Der Türe gegenüber stand ein Tisch, auf dem sich zahllose Binding-Bierflaschen sammelten. In dem übervollen Aschenbecher gleich daneben, lagen zerdrückte Kippenstummeln, HB stand darauf, und die gepunkteten Filter sahen viel gelber, aus als die der Zigaretten, die meine Mutter rauchte. Der ganze Raum war dreckig, der Tisch klebrig und auf der Eckbank lag ein Stapel mit Zeitschriften, deren Seiten zum Teil wellig waren, als wären sie feucht geworden. Einige Seiten klebten zusammen. Die Hefte waren mit Fotos von nackten Menschen gefüllt, die mal lagen, mal standen, sich hier und da anfassten und sich dabei ernst in die Augen sahen. Ich fand das merkwürdig und irgendwie auch peinlich. Trotzdem oder gerade deshalb schaute ich mir die Hefte immer wieder an. Ich wollte ergründen wozu sie gut waren. Eine Handlung jedenfalls schienen sie nicht zu haben und lustig waren sie auch nicht.

Einnmal, als wir der kleinen Hütte einen Besuch abstatteten, lag plötzlich ein Zettel auf dem Tisch. Nur vier Worte standen darauf. Ich las sie,  zeigte sie meiner Freundin und wir kicherten. Dann steckte ich den Zettel in meine Tasche, wo ich ihn vergaß.
Erst Monate später entdeckte ich ihn beim Aufräumen wieder und weil Sonntag war und ich eine Etage tiefer die Klarinette meines Vaters klagen hörte, stieg ich die Treppe hinunter, öffnete die Türe zu seinem Arbeitszimmer und trat ein. Mein Vater, dessen Haar und Kleidung so schwarz waren, wie das Holz seines Instrumentes, zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als er mich sah und spielte weiter. Es hatte etwas Trauriges, etwas zutiefst und unrettbar Einsames, wenn er so ganz allein in dem zweckmäßig eingerichteten, kalten Raum stand und seiner Klarinette heisere Töne entlockte, während meine Mutter und meine Geschwister nebenan gemeinsam fernsahen. Er tat mir Leid. Um ihn aufzuheitern trat ich vor ihn hin und legte grinsend den Zettel auf den Schreibtisch. Mein Vater, halb in sein Spiel vertieft, schielte mit einem Auge auf das Stück Papier. Doch statt zu lachen, nahm er plötzlich das Instrument von den Lippen und sah mich an. Wo hast du das her? Seine Stimme klang verärgert. Ich spürte, dass ich etwas Dummes getan hatte, doch ich wusste nicht genau was es war. Also zuckte ich mit den Schultern und lachte verlegen.
Das ist nicht lustig, sagte mein Vater streng, griff nach dem  Zettel, riss ihn in viele kleine Teile und warf sie in den Papierkorb. Einen Moment noch blickte er mich an und es schien, als wolle er mich etwas fragen. Doch dann setzte er seine Klarinette an die Lippen und spielte weiter. Für ihn war das Thema erledigt.

Erschrocken über seine Schroffheit und die ungewohnte Strenge ging ich zurück auf mein Zimmer, hockte mich unter meinen Tisch und dachte nach. Ohne Ergebnis.

Viel später erst wurde mir klar, dass  der Zettel im Zusammenhang mit den Heftchen zu sehen und wahrscheinlich ein Code zwischen den Schmuddellaubenbewohnern war. Bestimmt nannten sie sich gegenseitig Mama und Papa, wie manche Paare das nach Jahren zu tun pflegten. Der Rest erklärte sich dann von selbst. Die Schrift auf dem Papier, daran gab es keinen Zweifel, war die eines erwachsenen Menschen gewesen.

Das keimende Verständnis allerdings warf eine neue Frage in mir auf: wie kam es, dass mein Vater nicht versuchte der Sache auf den Grund zu gehen? War man damals, in einer Zeit, als man im Auto selbst dann noch ungeniert paffte, wenn ein Kleinkind mifuhr, so arg- und sorglos? Hielt er mich für unverwundbar und gegen jede Unbill gefeit? Was dachte er sich, als ich ihm dieses Stück Papier auf den Tisch legte?

Man weiß es nicht. Doch um die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen und diese für Außenstehende sicher nur mittelmäßig interessante Anekdote endlich zu ihrem Ende zu bringen –

so in etwa sah der Zettel aus:

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Before it ends just tell me where to begin

Mit dem Finger deute ich auf ein Gericht in der Speisekarte und frage den Kellner ob es vegetarisch ist. Er nickt. Nach einer Weile kommt er aus der Küche zurück, beugt sich diskret zu mir herunter und raunt: Excuse me, what exactly do you mean by vegetarian?
Die drei Männer, die sich mit ihren breitkrempigen Strohhüten neben uns aufgestellt haben, unterbrechen ihr Geigenspiel. Ich schaue auf die rot-weiß gewürfelte Tischdecke und denke: Lettuce und Lompoc, so heißen die Dinge und Orte hier. Ringsum Wüste. Niemand weiß wo wir sind.
Die Aubergine erklärt dem Mann, dass ich keine Tiere esse.

Ich ess nix was ne Muddä hat, wird Moses Jahre später auf die gleiche Frage antworten und gemeinsam werden wir im Garten der Großherzogin einen Grand Cru Superieur zwitschern, der unsere Zähne blau einfärbt, bis der Morgen graut. Am nächsten Mittag werde ich mit dir am Main liegen und du sagst: schöne Schuhe, statt meine hautenge Hochzeitshose zu bewundern, die dort sitzt, wo sie sitzen soll und wo du deine Hände hast.
Wir werden diesen Nachmittag am Ufer verbringen in der ersten und letzten Hitze des Sommers und du wirst mir von deinem Job erzählen, von deiner Ehe, deiner Odyssee und dem Königsweg. Königswege haben es dir schon immer angetan. Wenn mir jemand den Kopf abbisse liebtest du mich noch mehr, denke ich und habe keine Ahnung was du mit Königsweg meinst.

Der Kellner bringt das Essen und stellt es mit feierlichem Ernst auf den Tisch. Nach der ersten Gabel nicke ich ihm zu und lächle. Er verbeugt sich und geht. Wie auf Kommando treten jetzt die Geiger, die sich seit der Bestellung im Hintergrund gehalten hatten, wieder an uns heran, legen das Kinn auf ihre Instrumente und fiedeln mit langsamem Bogenstrich liebliche Töne, süß wie Honig, in den überdekorierten, niedrigen  Raum. Wir sind ihre einzigen Zuhörer.

Im Auto lege ich die CD ein, nehme beide Hände vom Lenkrad und trete das Gaspedal durch. Hinter uns steigt Staub auf. Im Westen verbrennt die untergehende Sonne den Himmel.

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Musiik zum Text: Fiona Apple, Slow Like Honey

(youtube-Direktlink)

Inspiriert von: Dame.Von.Welt. (Danke!)

Bild: Death Valley, flickr,  Allie Caulfield
Lizent: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Wundersame Wendung, oder Die Irre an der Scheibe

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Manchmal, wenn wir zusammen auf dem Bett liegen und die Hunde gemütlich auf ihren Schlafplätzen schnarchen, zieht der Unterfranke seine Strümpfe aus, greift dann mit den Zehen nach meinen Socken und zuppelt auch diese mit viel Geschick herunter. Im Anschluss klemmt er der Reihe nach meine Zehen zwischen seine und zieht sie lang, einen nach dem anderen, bis es ganz leicht und wohlig in den Gelenken knurpselt. Dieses kleine intime kuschelige Ritual bereitet mir immer wieder ein solches Wohlgefühl und ich mag es so gerne, wenn seine warmen Zehen meine eiskalten Füße bearbeiten und kraulen, dass ich anfange zu kichern und zu lachen bis das Grinsen meinen ganzen Körper erfasst und zu einem inneren Juchzen und Jauchzen wird. Dabei bin ich gar nicht kitzlig, zumindest nicht dort. Wenn ich dann so vor behaglicher Zufriedenheit leuchte, freut sich auch der Unterfranke, der diesen Effekt natürlich gut kennt, und schon haben wir die schönste Harmonie, und der Unterfranke, der immer gerne so tut, als wäre er ein harter Brocken, in Wahrheit aber ein äußerst lieber und sensibler Mensch ist, wird ganz weich und kommt ins Erzählen.

Eine der Lieblingsgeschichten des Unterfranken ist, wie er mich zum ersten Mal gesehen hat, in der Wrangelstraße, gleich um´s Eck. Damals war er mit einem Kollegen im Auto unterwegs als dieser ihn plötzlich aufgeregt von der Seite anrempelte: Haste das geseh´n! Guck mal was die Frau da macht! Nicht zu glauben! Eine Irre!

Richtig kennengelernt haben wir uns aber erst ein paar Jahre später, als er auf Empfehlung einer Bekannten mein Dogwalker und Hundetrainer wurde.
Diesen Teil der Geschichte finde ich immer am Lustigsten, denn, wie ich natürlich sehr schnell herausfand, hatte der Hundetrainer zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens null, wirklich null, Ahnung von Hundeerziehung, war also in Wahrheit eher ein ambitionierter Canidenfreund. Den Umgang mit Hunden habe ich ihm später erst nahegebracht, nachdem ich mich, angespornt durch anfängliche Fehlschläge, mit Verve in das Thema eingearbeitet und bei meinem Hund große Erfolge damit erzielt hatte. Inzwischen habe ich eine äußerst gut erzogene Hündin an meiner Seite und er einen sehr liebenswerten Rüpel, der immerhin Pfötchen gibt, manchmal sogar Sitz macht und ansonsten vor Lebensfreude wie ein Springbock durch die Gegend tollt und jedes Mal, wenn der Unterfranke mich freundschaftlich in den Arm nimmt eifersüchtig losbellt.

Ich werde nie vergessen, sagt der Unterfranke jetzt, wie du damals vor diesem Schaufenster gehockt hast und ich nicht fassen konnte, was ich da sah.
Jetzt lachen wir beide, der Unterfranke nimmt mich in den Arm und Rüpel bellt dazu.

Die Geschichte ging so: in der Wrangelstraße hatte mal wieder irgendeine Kaschemme dicht gemacht. Wahrscheinlich wegen einer Schießerei. Jedenfalls war sie eines Tages geschlossen, und in der Fensterscheibe fanden sich mehrere Einschusslöcher. Zu dieser Zeit führten meine Aktivitäten mich täglich an dem Laden vorbei und jedes Mal warf ich einen bedauernden Blick auf die dort verdurstenden Pflanzen.
Der Sommer verging, es kam der Herbst und dann der Winter, ich vergaß die Kneipe und das Siechtum darin und erging mich in den alljährlichen, düsteren Winterverstimmungen. Erst im darauffolgenden Mai führte mich mein Weg wieder an dem geschlossenen Lokal vorbei. Eher zufällig schaute ich in das vollkommen verdreckte und von Kugeln durchschlagene Schaufenster und blieb abrupt stehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Die gesamte Fensterbank lag voll mit vertrockneten Blättern und in den Töpfen steckten traurige, tote Strünke. Doch eine Pflanze, eine einzige trug nach Monaten, die sie inzwischen ungegossen und unbeachtet herumstand und einstaubte, tatsächlich noch immer grüne Blätter. Zweieinhalb genau. Der Anblick dieses kleinen lebenshungrigen Mitgeschöpfes bewegte mich derart, dass ich noch eine Weile dort stehen blieb und es mit zärtlichem Blick betrachtete. Ein Wunder der Natur!
Dich rette ich, sagte ich schließlich mehr zu mir selbst, machte auf dem Absatz kehrt und ging schnurstracks nach Hause. Dort telefonierte ich solange herum, bis ich die Hausverwaltung ermittelt hatte, die für das Objekt zuständig war, und rief diese an. Rasch skizzierte ich die Situation: geschlossene Kneipe, sterbende Pflanze, monatelanger Todeskampf und unerschütterlicher Lebenswille.

-Und wat wollnse da jetzt von mir? fragt mich die Frau am anderen Ende der Leitung.
-Ich hätte gerne die Pflanze, um sie gesund zu pflegen.
-Dit jeht nüsch. Die jehört uns ja nüsch. Dit kann nur der Besitza bestümm, wat damit passiern soll.
-Der Besitzer ist aber doch verschwunden und außerdem kann er nicht einmal ahnen, dass da überhaupt noch irgendwas lebt, und wenn doch, dann ist ihm das offenbar vollkommen gleichgültig und die Pflanze stirbt!
sage ich und registriere, wie mein Ton haarscharf an klinisch manifester Hysterie vorbeischrappt.
-Ick kann Ihn´ die Pflanze nüsch jehm, wiederholt die Frau und ist inzwischen hörbar genervt.
-Bitte!
-Nein!
-Ich gebe Ihnen 50 Euro.
-Nein.
-Hundert!
-Nein!
-200!
rufe ich siegessicher.
-Nein!
beharrt sie.
-Bitte!
-Nein!
-Sie sind so gemein und herzlos
, rufe ich schließlich in den Hörer und lege wütend und enttäuscht auf. Leider werde ich mein Erlösungsversprechen nicht halten können, aber ich habe es zumindest versucht, denke ich, mehr geht eben nicht.
Doch halt! Natürlich geht mehr! Na klar!
Schnell schnappe ich, was ich für meinen Plan benötige und verlasse das Haus. In der nächstgelegenen Apotheke besorge ich mir das fehlende Zubehör und mache mich damit auf den Weg zu dem Lokal. Dort angekommen treffe ich die letzten Vorbereitungen, gehe in die Hocke, stecke die gefüllte Katheterspritze in eines der Einschusslöcher, versuche zu zielen und drücke durch. Das Wasser spritzt in das Innere des Ladens, verfehlt die Pflanze jedoch knapp und läuft auf die Fensterbank. Oh nein!

Es muss just dieser Moment gewesen sein, in dem der Unterfranke mit seinem Kollegen vorbeifuhr und die beiden eine knieende Frau sahen, die sich gegen ein Schaufenster lehnt, mit einer überdimensionalen Spritze herumhantiert und eine unbekannte Flüssigkeit durch ein Loch in der Scheibe drückt.

Ich war gescheitert, die Rettungsaktion missglückt, denn auch die nächsten Versuche führten lediglich dazu, dass das Wasser auf der Fensterbank landete und nicht in meinem Pflänzchen.
Nach weiteren fruchtlosen Versuchen gab ich es auf und fügte mich traurig in unser Schicksal. Dann war das eben so, dann sollte das wohl so sein. Nothing left to do. Mit hängenden Schultern ging ich nach Hause. Ich würde das kleine Leben nicht retten können.

Als ich am nächsten Tag erneut an dem Ort des Sterbens vorbeigehe, und schuldbewusst in den Laden schaue, ist die Pflanze verschwunden. Weg! Verdutzt bleibe ich stehen und weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein soll. Was mag bloß mit ihr geschehen sein? Wahrscheinlich haben sie sie, aufmerksam geworden durch meinen Anruf, entsorgt, um so einem weiteren Gespräch mit der Irren vorzubeugen. So muss es gewesen sein, denn alle anderen Pflanzenleichen stehen noch da, nur mein Zögling fehlt. Möglicherweise, so überlege ich weiter, hat es der Frau aber auch leid getan, sie hat unverhofft ihre innere Florence Nightingale entdeckt, das Büro abgeschlossen und ist in die Wrangelstraße geeilt, um das tapfere Pflänzchen zu befreien, es mit nach Hause zu nehmen und dort gesund zu pflegen.
Bestimmt war es so, versuche ich mir einzureden, doch ich kann mich selbst nicht so recht überzeugen von dieser Variante. Nachdenklich gehe ich weiter die Straße entlang in Richtung Hochbahn und denke über das Leben nach, über Schicksalswendungen und über die Verrohung der Menschheit. Wie ich so vor mich hinsinniere, die Augen fest auf den Boden geheftet um kreuzende Hundehaufen rechtzeitig wahrnehmen zu können, bleibt mein Blick plötzlich an der Eingangsstufe des nächsten Hauses hängen und mir fällt vor Überraschung der Schlüssel aus der Hand. Da steht sie! Sie ist es, ich erkenne sie wieder! Die zweieinhalb Blätter. Mein Pflänzchen!
Glücklich stürze ch zu ihr hin, und betrachte sie von allen Seiten. Verändert sieht sie aus, denn irgendjemand hat sämtliche vertrocknete Blätter entfernt, die Pflanze aus dem Topf heraus gelöst und die Erde vom Wurzelballen beseitigt, so dass dieser nackt daliegt wie ein Knäuel dicker, bleicher Würmer.
Wahrscheinlich, so wird mir schlagartig klar, dachte die Frau am Telefon, dass sich in der Pflanze ein Schatz verbergen müsse, wenn ich bereit war derart viel Geld für die Rettung von zwei (einhalb) Blättern auf den Tisch zu legen. Deswegen hat sie das arme Geschöpf regelrecht auseinander genommen.
Mit beiden Händen greife ich jetzt meinen Schützling, hebe ihn auf, eile zurück nach Hause und stelle ihn auf die Terrasse, wo ich den Topf mit Erde befülle und ihn gründlich wässere.
Nach getaner Arbeit stiefele ich leichten Herzens los und stoße vor der Bar auf der Skalitzer Straße mit einem Glas gutem Barbera auf das wundersame Leben an.

Epilog:

Die Pflanze wuchs und gedieh, und wie ich irgendwann heraus fand handelte es sich um eine Klivie, die äußerst giftig für Katzen ist. Um etwaigen Unfällen vorzubeugen stellte ich sie an einen unzugänglichen, aber leider auch dunklen Ort, wo es ihr dennoch gut zu gehen schien. Jedes neue Blatt entlockte mir kleine Jublerufe. Sie hatte es geschafft!

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Jahre später lerne ich den Unterfranken kennen, dem ich eines Tages, wir liegen auf dem Bett und er zuppelt an meinen Zehen herum, die Geschichte der wundersamen Pflanzenrettung erzähle, was zu einem, mir unerklärlichen, Lachanfall  bei ihm führt.
Du warst das, prustet er los und lässt von meinen Füßen ab, du bist die Verrückte, die ich vor Jahren gesehen habe. Na klar!
Dann erzählt er mir, wie die Szene sich ihm damals dargeboten hatte und wie lange dieser seltsame Anblick der knieenden Frau mit der riesigen Spritze ihn noch beschäftigt hatte.
Und heute, so schließt er die Geschichte, bist du mein Schnuckilein.

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Inzwischen lebt die Klivie lange schon beim Unterfranken, der sie durch konsequente Nichtachtung und seltene Wassergaben immer und immer wieder zum Blühen bringt, was mir, vor lauter überbehütender Sorge, niemals gelungen war.

In die Räume der stillgelegten Kneipe haben nun auch die Medienmenschen Einzug gehalten, die seit ein paar Jahren den Kiez mit ihrem Geld und ihrer sprudelnden Kreativität fluten.

Time goes by.

 

 

 

 

 

 

Bild: Rotational – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7085668