Heimweh

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Sehnsucht ist die Nabelschnur des höheren Lebens.

Søren Kierkegaard

Die Glasraupe krümmt und streckt sich im Wechsel.
Jede Dehnung bringt sie ein Stückchen vorwärts.
Durch ihren Körper hindurch sehe ich die Schrift, wie durch eine Lupe; in der Mitte groß, zu den Rändern hin kleiner werdend.
Ich kann nicht lesen was dort steht. Es gelingt mir nicht, mehr als nur einen Buchstaben zur gleichen Zeit zu erkennen. Es gelingt mir nicht, die Buchstaben zu Worten zusammen zu setzen.

Die Statik hat sich verändert. Ein wachsendes Haus.
Von der Kehldecke zur Kuppel. Eine Kirche.
Ich bin noch nicht mitgewachsen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf ins Gebälk.
Der alte Kindheitstraum: oben, von der Empore seilt sich eine große graue Spinne ab. Schnell zurrt der Faden aus ihrem Leib, beinahe im freien Fall stürzt sie auf mich zu, ihre Beine greifen ins Leere wie tastende Fühler, ich stehe gelähmt, will schreien, bleibe stumm, öffne Augen und den Mund, spüre, wie sie meinen Rachen berührt, landet, Halt findet auf meiner Zunge. Der Fallschirmspringer. Sie läuft ins Dunkle, ich schlucke.
Dieser unvorstellbare, markerschütternde Ekel. Würgen. Verzweiflung über meine Unachtsamkeit, auch über ihren Tod. Ich bin vergiftet. Jedes Mal aufs Neue.

Mein Großvater im Talar, das dunkle Holz der Kanzel.
Cola und Chips, der Leib und das Blut.
Armer Jesus.
Wieso opfert der Vater seinen Sohn?

Der schwule, junge Pfarrer mit der Beule im Schritt.

Die Schildkröte gräbt einen Fluchttunnel zum Nachbargarten.
Wir finden sie und bringen sie zurück in ihren Käfig.
Am Morgen sehe ich meine Mutter mit verweinten Augen. Während wir schliefen hat sie die kleine Tusnelda mit dem Absatz ihres Stilettos aufgespießt.
Ich hasse sie dafür.

Ende des Monats werde ich sie wiedersehen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren.
Ich fürchte mich nicht mehr davor.
Ich habe eine unerwartete, beinahe ungeduldige Sehnsucht nach ihr. Nach stiller Versöhnung. Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Ein Menschenkind wie ich. Ihre Hand nehmen, die pergamentdünne Haut spüren. Der Rest an Leben, der durch ihre geduldigen Adern fließt.
Sie wird mich nicht erkennen.

Mama, werde ich zu ihr sagen, vielleicht zum letzten Mal.

Töle nehme ich mit. Sie ist so freundlich zu jedem Lebewesen.

Bild: By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

10 Kommentare zu “Heimweh

  1. Alles Liebe für dich.
    Es ist nicht leicht, weder für Mütter noch für Töchter.
    Deine Idee, ihre Hand zu nehmen, Mama zu sagen – ich glaube, das ist schon sehr viel. Ich wünsche dir, dass du es wirklich tun kannst.
    <3

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  2. Ich habe einige Artikel auf Deinem Blog gelesen, die Deine Mutter und Dein, sagen wir mal, komplexes Verhältnis zu ihr thematisieren. Wahrscheinlich nicht alle und auch nicht in der chronologischen Reihenfolge. Wie eigenartig ist es doch, dass Du („man“?) trotz dieser schwierigen Beziehung und einer langen Zeit der Abwsenheit doch noch so eine Bindung fühlt, der man nichts entgegensetzen kann.

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    • Lange Jahre hasste ich sie. Später dann war sie mir egal und ich dachte nur selten, und wenn, dann schulterzuckend an sie.
      Ich glaubte damals es würde mich kalt lassen, wenn sie stirbt.
      Seit kurzem ist das anders. Sie ist eben doch meine Mutter. Das zu spüren erleichtert mich irgendwie sehr.

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