Gefangene

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Meine Großeltern lebten in Diedenbergen.
Von Frankfurt aus ein Katzensprung über die A3 in den Vordertaunus.
Ich war Schneewittchen. Meine Mutter tot. Die Stiefmutter ein Dämon.

Ebenholz, Schnee Blut

Zwerge waren Teil meiner Welt.
Freundliche Wesen, die im Wurzelgeflecht der großen Bäume lebten und auf einer Zauberflöte spielten, oder mit Spaten und Eimern unterirdische Gänge anlegten.

An einem Sommerabend saß ich im Filmriss und schaute mir Twin Peaks an.
Ich kann mich nur an die Atmosphäre, nicht an die Handlung des Filmes erinnern. Wohl aber an den tanzenden und rückwärts sprechenden Zwerg im Warteraum der Schwarzen Hütte, in dem sich das ganze Unheil, das dort herauf beschworen wurde zu einem flackernden Alptraum verdichtete.
Ich wollte das Lokal verlassen, doch der Ausgang war von der heruntergelassenen Leinwand blockiert.
Das Feuer einer unachtsam entsorgten Kippe hätte uns alle töten können.
Mein Herz schlug fest. Ich atmete flach, legte das Kinn auf die Brust und blickte nach innen.
So verbrachte ich den Rest der Vorstellung.
Als endlich das Licht im Raum anging, und die ersten sich von ihren Stühlen erhoben, stand eine der beiden Frauen, die mit uns am Tisch gesessen hatten auf, drückte ihre Hände mit weit abgewinkelten Ellbogen gegen die Ohren und brachte aus dem tiefsten Inneren einen markerschütternden, gellenden Schrei hervor.
Ihre Augen waren fest geschlossen, sämtliche Gesichtsmuskeln verkrampft.
Sie schrie und schrie und schrie, während ihre Freundin bleich neben ihr stand, ihr die Hand auf den Rücken legte und merkwürdig unbeteiligt an mir vorbei ins Nichts starrte. Ganz so, als kennte sie diese Art des emotionalen Ausbruchs, und wüsste, dass sie das Ende desselben tatenlos abwarten musste. Möglicherweise war sie von dem dem munch´schen Grauen ebenso überfordert, wie wir alle im Raum, und wusste, sowenig wie wir, wie sie ihrer Geliebten beispringen konnte.
Ich erschrak über die ausweglose Verzweiflung in dem furchtbaren Schrei der Frau, über ihr verzerrtes Gesicht, und über den Stupor, das vollständige Erstarren ihrer Freundin.
Draußen vor der Tür, es war noch immer hell und sehr warm, hörte das innere Zittern, das mich ergriffen hatte nicht auf, und später in der Dunkelheit betrank ich mich bei den Ratten an der Spree, bis der Morgen kam, und ich im staubigen Mon Bijou Park rücklings auf dem Rasen lag, die Arme um den Kopf geschlungen, und weinte.

Bei den Großeltern selbst ging es sachlich und aufgeräumt zu, wie überhaupt meine Familie sich nicht weiter mit übertriebener Herzlichkeit oder Überschwang aufhielt.
Wenn wir bei ihnen zu Gast waren wurde gegessen und verdaut.

Lende, Kartoffeln, Buttererbsen, Windbeutel, Kuchen, Sahne, Eis

In den Pausen zwischen den Mahlzeiten rauchten oder dösten die Erwachsenen auf den Liegestühlen oder in der Hollywoodschaukel, und wir Kinder spielten in dem weitläufigen Garten, mit der großen Rasenfläche und den gepflegten Blumenrabatten.
Am südlichen Ende der Wiese befand sich ein, von hohen Büschen flankierter Zwinger. Drei Meter hoch, 20 qm Bodenfläche.
Dort lebte Blacky, ein deutscher Schäferhund, den meine Großeltern von einem Polizisten hatten abrichten lassen, und der durch das Training so gefährlich geworden war, dass er tagsüber weg gesperrt werden musste, und nachts das Anwesen und seine Anwohner vor möglichen Angreifern schützte. Nur meine Großmutter durfte ihn anfassen, sein Käfig war immer verriegelt.
Wenn wir uns Blackys Zwinger näherten, und dabei versehentlich eine unsichtbare Grenze überschritten, sprang der massige Hund, der stets in Lauerstellung zu sein schien auf, grollte aus tiefster Kehle, und warf sich mit entfesselter Kraft gegen die Gitterstäbe, dass es schepperte und die Scharniere der Käfigtür ächzten. Zu voller Größe aufgerichtet stand er, mit dicht angelegten Ohren auf seinen Hinterbeinen, drückte die Schnauze gegen das Gitter, und zeigte seine mörderischen Zähne unter hochgezogenen Lefzen.
Wir blickten uns in die Augen. In meine Furcht mischte sich Mitgefühl.

 

 

 

 

(Ursprüngliches Bild nicht mehr verfügbar)
Bild: Oliver Groß, Gartenzwerg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

17 Kommentare zu “Gefangene

  1. Ich muss mich zuerst von einem Bild befreien, das einen Zwerg im Fenster zeigt. Das sehe ich hier auch, aber das ist jetzt ganz und gar unwichtig.

    Das Bild und die Szenen verbindet etwas Rätselhaftes, fast wie ein barockes Emblem. Die Gefangenen lassen sich nur schwer zählen. Vielleicht sind es auch nicht die Gefangenen, sondern die Arten der Gefangenschaft. Wobei die Gefangenschaft selbstverständlich Gefangene schafft. Einige aber sind gleich mehrfach gefangen, andere nur einmal. Einige spüren die Gefangenschaft, andere nicht.
    Existiert in den verschiedenen Szenen überhaupt Freiheit? Als Moment der Erschöpfung am Ende des Schmerzes. Bleibt das ein Moment?
    Und dann auch als klare Grenzbestimmung. Kann Mitleid – so betont wie Sie es platziert haben – hier ein Freiheitsgewinn sein? Ein Mitleid von Trennung und Distanz. Dies Mitleid wirkt wenig miterlebend, sondern hält den Inhalt auf Abstand. Es entsteht geradezu aus dem Abstand, das nicht selbst Mitfühlende ist seine Voraussetzung. Wird dadurch das Mitleid nicht in seinem Sinn verkehrt? Und sogar zu einer Form der Verachtung, mindestens aber der Erleichterung.

    Ich wünsche Ihnen einen Tag, der auch Gelassenheit bietet , ein wenig zumindest.

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    • An den Zwerg im Fenster musste ich auch denken.
      Das barocke Emblem verstehe/ sehe ich nicht

      Existiert in den verschiedenen Szenen überhaupt Freiheit? Als Moment der Erschöpfung am Ende des Schmerzes. Bleibt das ein Moment?

      Nein, auch im Moment der Erschöpfung nicht. Das Weinen ist nur beruhigend, erleichternd, lindernd.
      Und es bleibt ein Moment, in der großen schwarzen Waschmaschine.

      Mitleid. Ich habe es durch Mitgefühl ersetzt, und es ist doch nicht richtig, ich weiss, und ich habe geahnt, dass Sie es gleich bemerken werden.
      Als ich den Text beendete, wusste ich, dass das Wort nicht richtig ist, denn das Leid ist sowohl miterlebend, also solidarisch, wie auch distanziert, bzw. betrachtend.
      Solidarität, Komplizenschaft, der Blick des Opfers, das den Täter als Opfer seiner Umstände sieht, als Leidensgenossen (Mitinsassen) mithin. Wie nennt man das? Gibt es ein Wort dafür?
      Ich werde weiter darüber nachdenken, vielleicht fällt Ihnen etwas ein.
      Eine Umkehrung von Mitleid jedenfalls, ist es nicht. Schon gar keine Verachtung, auf keinen Fall.

      Und Erleichterung? Worüber?

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      • „Fast“ wie gesagt: Überschrift, Bild und verrätselter, verbilderter Text. „Fast“, weil die Charakteristik hier wohl offener ist. Ich weiß auch gar nicht genau, ob Barock stimmt, wahrscheinlich etwas früher. Ist aber nicht besonders wichtig.

        Ihre Änderung und Ihre Erklärung verschieben meine Sichtweise. Meine ganz handfeste Erklärung für die Erleichterung ist die pure Existenz des Zauns. In der beschriebenen Lage wäre ich sehr erleichtert oder beruhigt, dass es diesen gibt. Wenn man dem folgt, dann ließe sich das Toben des Gefangenen in seiner aggressiven Sinnlosigkeit eben erst sicher und dann abschätzig – Verachtung ist wahrscheinlich zu stark – beobachten. „Mitgefühl“ kommt dem noch mehr entgegen, wie mir scheint, da war die Irritation durch „Mitleid“ anregender.

        Hier ist wieder das Phänomen, dass Gefangenschaft nicht dieselben Gefangenen schafft. Gut, das wollten Sie nicht hineinlegen, ich sehe es trotzdem.
        Das macht es schwierig, Ihnen ein Wort vorzuschlagen. Wir haben hier einen Unterschied im Verstehen von Sein, da können wir nur schwer ein gemeinsames Wort finden. Ich ahne, was Sie ausdrücken wollen, aber in meiner Interpretation verfehlen Sie in der solidarischen Grundsätzlichkeit von Gefangenschaft die Differenzen ihrer Art und die Differenzen ihres Bewusstseins. Sie behandeln dann ungleiches gleich. Das kann man so sehen, keine Frage. Man kann die Form so universal setzen, dass die Varianten konkreter Existenz unwichtig werden oder mindestens nicht wesentlich sind, überbrückbar. Daran glaube ich – fast bin ich geneigt zu sagen: besonders hier – nicht.
        Vielleicht gibt es deshalb kein Wort, weil es das Wesen nicht gibt? Es gibt das „Stockholm-Syndrom“, das, wie der Name schon sagt, pathologisch ist. Die Existenz als Diagnose ist vielleicht ein weiterer Hinweis darauf, dass Sie hier aus der Sprachvernunft rauswollen.

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        • „Ich ahne, was Sie ausdrücken wollen, aber in meiner Interpretation verfehlen Sie in der solidarischen Grundsätzlichkeit von Gefangenschaft die Differenzen ihrer Art und die Differenzen ihres Bewusstseins. Sie behandeln dann ungleiches gleich.“
          Ich glaube, ich sehe ganz gut die Differenzen. Meine Solidarität kann dennoch übergreifend sein.
          Wo ich Ungleiches gleich behandle kann ich hier nicht erkennen. Ich „behandele“ doch in dem Sinne gar nicht. Ich fühle.
          Die Existenz als Diagnose? Irgendwie stehe ich heute auf dem Schlauch.
          An das Stockholm-Syndrom dachte ich übrigens auch. Ich habe die Gefühle der Opfer gegenüber ihren Tätern immer gut nachvollziehen können. Früher.

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      • Ich weiß nicht, worauf Sie heute stehen, doch wenn es ein Schlauch ist, hatte ich ihn wohl so ungeschickt hingelegt, dass Sie drauftreten mussten.
        Die „Existenz als Diagnose“ ist zwar schön dahergesagt, aber leider ziemlich unverständlich. „Ich kenne das, was Sie beschreiben, als das Stockholm-Syndrom, welches die Diagnose einer psychischen Störung ist.“ So oder ähnlich hätte ich es wohl schreiben sollen, um verstanden zu werden. Egal, für notwendige Selbsterklärungen gibt diesen Austausch ja unter anderem auch.
        Sie haben auch an diesen Vergleich gedacht und können oder konnten dieses Syndrom nachvollziehen? Die Solidarisierung des Opfers mit dem Täter? Wenn ich darüber nachdenke, dann würde ich daraus eine Verbindung zu „Borderline“ und verwandten Erzählungen ziehen. Meinen Sie diese Richtung?
        Richtig, Sie behandeln nicht, der Text stellt dar. Ich habe diese Darstellung falsch bewertet, indem ich nach einem realen und allgemein anerkannten Bezugspunkt suchte. Jetzt komme ich Ihnen auf die Spur. Bleibt noch die Frage, ob es ein einzelnes Wort gibt, das diese Darstellung in sich fassen könnte und dabei auch in Ihrem Sinn verstanden würde. Sind sie da schon weiter? Mir fällt keines ein.

        Einen sonnigen, aber nicht zu heißen Tag wünsche ich Ihnen.

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        • Ja. genau diese Richtung meinte ich.
          Verständnis für, oder sogar Zuneigung zu Tätern in einer Situation extremer Abhängigkeit.

          Inzwischen glaube ich fast, dass es kein einzelnes Wort dafür gibt. Wir hätten es länsgt finden müssen.
          Möglicherweise müsste ich den Text um ein oder zwei Sätze ergänzen, ohne zu erklärend zu werden, was ich ja genau nicht will.
          Ihnen auch einen sonnigen Tag.
          Hier ist es mit 22° C sehr angenehm.

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  2. Da ich nicht annehme, dass ich zum kleinen Kreis gehöre – wie auch, da ich erst vor 2 Wochen (ca.) über den Kiezneurotiker hierhergekommen bin und seither still mitlese- ist der Blog wieder für alle lesbar? Oder klappt was mit der security nicht? Freue mich jedenfalls doch hier wieder was lesen zu können!

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  3. Es gibt wieder was zu lesen, sehr schön. Danke! Dr.Schmitt meinte gestern angesichts einer Oberstdorfer Kuh übrigens zum Blogproblem: Das sei wie beim Kuhzaun, also ein Blog quasi wie eine Kuhwiese. Aus der Tatsache, dass da jeder hingucken kann, folgt noch nicht, dass jeder seinen Scheiss sein Butterbrotpapier über den Zaun werden darf. Oder die Wiese auch nur betreten. Oder unangemessenerweise oberschlaue Bemerkungen über die Kühe und deren Haltung abgeben. Und so weiter. Unarten. Also quasi im weitesten Sinne (kann das hier nicht näher ausführen, weil ich jetzt – danke für die Inspiration – ein wenig Twin Peaks schauen werde) quasi etwa so, ist zumindest ein schönes Schild:

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