Ich weiss es doch nicht

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Ich bin schon im Flur, als ich die Mail lese und nach dem ersten Satz laufen die Tränen. Das Telefon klingelt. Die Schwester, der Wasserschaden, die Versicherung, solche Sachen, die mir trocken im Kopf sind, wie alter Streuselkuchen. Ich weiss das doch nicht, weiss das alles nicht, und mir platzt der Kopf, der leere hallende Kopf, übervoll mit Pein, wie auch mein Herz und meine Seele. Alles tut weh, sitzt an der falschen Stelle, die Haut auf links gegen das rohe Fleisch getackert, bricht der Krater auf und es ergießt sich und ich antworte so gut ich kann. Höre ihre Verärgerung, von weitem, ihren Verdruss und denke an Dich, wenn ihr doch alle nur schweigen würdet, einmal, in dieser Wüste, in der kein Gras sich rührt und kein Zuhause ist.
Ja, sage ich, ich weiss es nicht. Kannst du vielleicht, und wir legen auf, den Hund neben mir verlasse ich die Wohnung und weiss nicht wie ich dorthin gekommen bin, noch wo ich war. Schien die Sonne?
Sie muss geschienen haben, die Sonne, denn sie hört niemals auf damit. Es kümmert sie nicht wer gekommen oder wer gegangen ist. Dieses Mal sind Wir es, die gestorben sind und der Ort an dem wir lebten existiert noch, doch wir sind nicht mehr dort.
Eingesperrt die Liebe in einem toten Raum, verlassen am Tisch, ohne Dich und mich, vor dem leeren Teller, allein in der Nacht, bleibt das Kissen leer, auch am Morgen und am Nachmittag, wenn die späten Sonnenstrahlen goldene Punkte malen und jeder für sich ist in seinem eigenen Leben voller Erinnerung, Verlust und einer neuen Einsamkeit, die anders klingt als jede andere zuvor.
Verloren haben wir uns, ob Schicksal oder Dummheit. Ich weiss es doch nicht. Ich weiss das alles nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wie konnten wir so achtlos mit einem so großen Geschenk umgehen.
Ich weine.

 

 

 

 

zu zweit

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Ich möchte auch mal wieder jemanden haben, sagt die Freundin, als wir gemeinsam durch den Ringpark gehen, er vorneweg, große Stöcke für den Hund werfend, sie und ich im leichten Sommerkleid hinter ihm her schlendernd und das Muskelspiel seiner Waden und seiner Arme beobachtend, mein Körper getragen und beschwingt von den Tagen und den Nächten mit ihm. Das verstehe ich, sage ich.
Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.
Auch das kann ich gut verstehen und ich nicke, wenngleich mein Begehren gezielter ist als ihres.

Nachdem wir eine ganze Weile spaziert sind, und ich im Vorbeigehen immer wieder die botanischen Besonderheiten des Parks bewundert habe, kommen wir an den Sommer-Volieren im Schatten der Hofgarten-Mauer vorbei, und während Mann und Hund auf dem Rasen weiter toben, bleibe ich vor einem der großen Käfige mit zwei Graupapageien darin stehen und betrachte sie in ihrem kargen Gefängnis. Ich weiss nicht warum, aber ich muss unwillkürlich an meinen verstorbenen Großvater denken, und ich sehe ihn vor mir, wie er in seinem Arbeitszimmer sitzt und eine Predigt vorbereitet, derweil wir Enkelkinder im Garten spielen und die Großmutter in der Küche mit einem Sparschäler Kartoffeln schält. Die Erinnerung stimmt mich traurig und so versuche ich, sie beiseite zu schieben.

Mein Sohn hat mich von der Balkonbrüstung geholt, neulich nachts, erzählt die Freundin auf einmal, so schlecht ging es mir.

Und so breit warst du, denke ich mir im Stillen dazu und ich merke, wie Widerwillen  in mir aufsteigt.

Der war ganz schön schockiert, fährt sie fort, und nimmt, mit zusammen gekniffenen Augen, einen tiefen Zug von ihrer Selbstgedrehten, auch wegen seines Vaters. Er weiss ja, dass der C. auf Heroin ist und da macht es ihm Angst, wenn ich die Kontrolle verliere. Wenn ich jemanden hätte, der bei mir ist und mich unterstützt, dann würde so eine Scheiße nicht passieren, sagt sie, und nach einer kurzen Pause, zum Glück ist der Klenne da und passt auf mich auf.

Während des Sprechens steigt ihr ununterbrochen eine schmale Rauchfahne aus Nase und Mund und ich staune über das Lungenvolumen der zierlichen Frau.

Mir fällt nicht ein, was ich sagen könnte, ohne mich in einer ausufernden Diskussion wieder zu finden, und so wende ich mich den beiden Graupapageien in ihrem Verlies zu.

Na, ihr Grauchen, sage ich, und sie schauen mich interessiert an.

Scheiße hier drin, oder? mischt sich die Freundin ein, aber immerhin seid ihr zu zweit.

Ob das wenigstens ein Männle und ein Weible ist?, fragt sie mich oder sich selbst.

Keine Ahnung, ich zucke mit den Schultern und merke, dass ich genervter klinge, als ich möchte.

Sie schaut mich prüfend von der Seite an und ich versuche ein unbefangenes Lächeln. An ihrem strengen Gesichtsausdruck sehe ich, dass es mir nicht besonders gut gelungen ist.

Lass uns in den Biergarten gehen, auf ein Getränk, schlage ich vor und drehe mich zu dem Mann um, der ein Stück entfernt auf einer Bank Platz genommen hat und raucht, den müden Hund zu seinen Füßen. Er lächelt.

Du hast es gut, sagt sie, und blickt zu ihm herüber, du bist nicht allein.

Ja, das stimmt, sage ich und winke ihm zu.

Zu dritt gehen wir hinüber in den Hofgarten und trinken schweigend ein Bier. Der Mann legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Noch am gleichen Abend fahren er und ich mit dem Wohnmobil weiter in den Odenwald.

 

 

 

 

 

 

Bild: Stefan Eising, Duett (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

1000 Jahre

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Am Nachmittag. Oben der Löwe und unten das Licht und die langen Schatten und wir.

Vor der Bank der Mann, mit dem Rücken zum See. Die Arme ausgebreitet, bespricht und beschwört er die Gruppe der Sitzenden mit den Gesichtern zum Wasser. Hin und her, in die Knie, ein Torwart, sie zu fangen mit seinen Worten in einer unbekannten Sprache redet er und lacht beklommen mit dunklem Auge.

Am Kiosk im Schatten beginnt die Saison. Ein Bier und noch ein Bierchen. Unter Schirmen stehen sie, einen Fuß auf dem Ring des Stehtisches, rauchen und reden und lachen und berühren sich an der Schulter, von Zeit zu Zeit. Vorbei ist der Winter.
Die Mittsechzigerin, überschminkt in marineblauer Daunenweste und hohen Absätzen, eine Zigarette zwischen den lackierten Fingern. Ihre fahle Verlorenheit am Abend im Haus.

Hell ist die Sonne und lang sind die Schatten der Kiefern mit rotem Stamm und den Füßen im Sand. Ein lichter Wald, ein Uferweg, Enten, Schilf. Der See.

Eine Hummel, ein plüschiges Kätzchen, landet und vibriert und kriecht in die Wärme des Muffs. Kantig ihre Bewegungen und steif, wie die eines parkenden Flugzeuges.

Das Grundstück am Wasser. Nur ein Klingeltableau erinnert an jene, die hier lebten, in der Straße der Misteln und des Lorbeers. Ein Baugrund. Maschendraht, vertrocknetes Gras und sandiger Boden, bespiegelt von den Augen der Villen ringsum mit Blick auf den See und der Stille des Schilfs.

Der Schmerz einer ausbleibenden Berührung.

Wir sitzen und länger noch werden die Schatten. Das Gleißen des Lichtes in den Augen. Rauch steigt auf, an einem Faden brummt die Hummel davon. Oben der große Löwenkopf und unten der Torwart und 1000 Jahre Geschichte, und die Pommes tragen noch ihre Winterhaut, fettig und blass.

 

Am Abend die Villen im Rückspiegel.

 

 

 

 

 

Foto: Jacqueline Poggi, Wannsee Villa
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Prärie

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Tinca tinca, die Schleie, einzige ihrer Gattung, the doctor fish mit dem heilsamen Schleim. Auch den Huflattich, Tussilago farfara, gibt es nur als sich selbst und gegen Hustenschleim (Tussamag). Pica pica die schäckernde Elster. Icke dicke als icke.

Seit ich weiß, dass es Löcher macht, löse ich die Dinge nicht mehr so sorglos aus ihrem Zusammenhang/ Kontext wie zuvor (die Textorstraße in Frankfurt, der Geliebte, der dort im Souterrain hauste. Seine Haut, die sauer nach Cognac riecht, als ich in jener Nacht unter seine Decke schlüpfe) es sei denn sie sind perforiert und wollen das so, wie die Indianer und Cowboys aus den Bastelbüchern der Kindheit. (Sogar Papppuppen – Petra-  bekleideten wir mit Papierklamotten, die wir zuvor mühselig mit Nagelscheren ausgeschnitten hatten. Nicht über die Linie. Bärenmarke. Mit gefalzten Papierstreifen knifften und zwackten (Verben, Verben, verliebt in Verben!) wir Hemd und Hose an sie heran, die Frauen trugen Röcke und Kleider, wie auf den Verkehrsschildern, bis heute. (Der Bauarbeiter mit dem Spaten neben dem Schutthaufen. Hoffentlich erschlägt er niemanden, oder hattaschon und hebt soeben das Grab aus?)
Hinter der Pappbühne bewegten wir die Western-Figuren hin und her und langweilten uns quälend und zäh ins Unermessliche hinein, über uns der Himmel, der graue, feuchte Deckel zwischen den Mittelgebirgen.

Indianer zu Pferd. Wie toskanische Zypressen stehen sie nebeneinander auf dem Hügel. Eine Hand lässig auf dem Sattelknauf abgelegt (hatten sie Sättel oder war das John Wayne?), die andere darauf in einer Art Gebet. Der Zügel liegt locker in der Nehrung zwischen Daumen und Zeigefinger. Warten auf ein Signal, das der Wind ihnen geben wird. Mit fliegenden Federn.

Ist es immer Provokation, Heraus-Forderung, weshalb eins das andere vernichtet? Etwas, ein Wort eine Geste, oder auch nur ein Blick, das dazu führt, weil es sich aus dem Ganzen gelöst hat, sich gezeigt hat, geschlüpft ist.
Unauffällig bleiben oder gefällig.
Nicht aus der Menge hervorstechen (spitz), sich lösen, in Erscheinung treten, auftauchen.
Sich den Umweg sparen. (Von Ewigkeit zu Ewigkeit).

Splash!

Das Kind mit dem Schiefhals, durch das der Ultraschall hindurchrauschte, jeden Tag, wie ein Schnellzug, im dunklen Kabuff. Schau mal wie es sich bewegt, ein Junge! Zwei Menschen, nicht einer, und dann ist er da, hier die Mutter, dort der Sohn, inzwischen einen Kopf größer als sie. Sichtbar gemacht auf dem dunklen Bildschirm, herausgerissen aus der stillen Versenkung, der Vorbereitung für den Weg. Pre-retreat. In sich gehen und aus sich heraus.

Die U-Bahn, die das Haus in Schöneberg durchstößt.

Sieben Jahre spricht man nicht darüber, dann erst öffnet man den Mund und erzählt, obwohl es viel zu frisch noch ist, zu feucht, zu empfänglich, dass der Schmutz daran haften bleibt. Mit gespreizter Seele, einen Finger zwischen den Lippen, entblösst man sich, dass es eine Wonne ist für niemanden.

Keiner ist in den Brunnen gefallen und niemand hat es gesehen

Eins hat den Anstoß gegeben, dann hat alles Fahrt aufgenommen und jetzt ist kein Halten mehr (All´arme! Hände in die Speichen!) Ain´t no way. Und man weiß nicht, ob man sich einen Abgrund oder eine Wand wünschen soll, damit es aufhört oder keins von beidem, nicht einmal Watte. Bloß nicht stehen bleiben, weiter, immer weiter.

Ein Loch für alles was geliebt und ungeliebt war. Verbannung oder Heimkehr, eine Frage der Perspektive und am Ende doch wieder nur dasselbe.

 

 

 

 

Bild: diadà, come abitante della terra dovevo credere a tutto quello che dicevano gli orologi..e i calendari
Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Allein

 

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Seit frühen Tagen beunruhigen mich Hochspannungsmasten. Die stoische Anmut. Schwebend, gewaltig und drohend ihre manifeste Einsamkeit. Erhabener, als jene des bleischweren vollgesogenen Kieses unter den Füßen. Knirschende Verlorenheit, zum Sterben irdisch. Ein verwaister Biergarten, ein schnurgerader Friedhofsweg.

Eine sich öffnende Aufzugtür, die beinahe lautlos hinter mir schließt. Zwei schneeweiße Arme schieben sich durch  die metallene Kabinenwand. Zarte Hände halten die Waffe wie ein Instrument. Eine Geisha im seidigen Kimono schießt mir mit einer Armbrust in den Rücken. Es splittert. Unbewegt ihr Gesicht im stummen Gehorsam.
Unentrinnbarkeit. Ich falle.

Ich bin allein.

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/okinawa-soba/4408376406/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

burn before reading

ajobilovetohate

I am the heroine of this story,
I don’t need to be saved.
I don’t need feedback from anybody.
Go fuck yourself, cunt.

 

Ich bin die Heldin dieses Blogs.
Ich will nicht erlöst werden.
(- die Stute verweigert das Hindernis).

/

Stück für Stück wird das Land weg gespült von einem bleifarbenen Meer ohne Brandung. Ein sachtes, stetiges Schwappen, friedlich und still. Kein Sturm, nicht einmal das. Alles wird zu Sand und erst die Beben der Zukunft werden neue Berge errichten. Perspektiven.

Eingeschlafen am frühen Morgen, bin ich schon bald mit wundem Hals und Fieber erwacht. Rückenschmerzen, nicht allein von der nächtlichen Mail und den Fragen, die sie aufwirft, auch von all den anderen Dingen, die zu tragen sind, obwohl und gerade weil sie nicht existieren oder sichtbar sind.
Sie drohen nur.

Ich zurre alles was lose ist fest und beruhige mich mit Märchen.

Die Ziege, die kein Blatt gefunden haben will und keinen Mucks macht, als der Vater ihre Lügen aufdeckt und sie mit Peitschenhieben davonjagt.
Stumm auch die kleine Meerjungfrau, die ihren Prinzen so sehr liebt, dass sie über Scherben geht, schweigend jeden Schmerz erduldet um bei ihm sein zu können und schließlich in Meeresschaum aufgeht.
(So tapfer werde ich nie sein).

Die Geschichte von Frau Holle habe ich gleich mehrmals hintereinander angehört. Nicht wegen der Werksgerechtigkeit, die der Wahren, Schönen, Guten widerfährt, und noch weniger wegen des Schicksals der faulen Pechmarie.

Das Märchen macht mich auf eine unbestimmte Art froh und gibt mir Hoffnung:

dass es hell sein wird, auf der anderen Seite des Brunnens,
dass das um Hilfe rufende Brot aus dem Ofen geholt werden wird, ehe es verbrennt,
dass auch der Apfelbaum von seiner schweren Last befreit werden wird,
und
dass Frau Holle jeden Tag aufs Neue ihre Betten aufschütteln und Schnee herab rieseln lassen wird, auf die stille Erde.

Für heute erwarten wir die ersten Flocken hier in Berlin.

Das Obst ist längst geerntet.
Ich möchte nicht verbrennen.

I am the heroine of this story.
Cover me.
Please.

 

Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

 

Warten

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Pas de bruit avec mes adieux
Pas pour nous les moments perdus
En attendant un uncertain au-revoir

 

 

Plötzlich war da dieses Loch unter dem Teppich in das Du und alles andere hinein gerutscht ist.
Und ich steh oben, alleine. Oder unten. Schwer zu sagen.
Was andere Fernbeziehung nennen ist unsere Art zu sein.
Getrennt zusammen. Erfrischend schmerzhaft.
(was wollte ich mit soviel Nähe/ wie könnte ich/ könnte ich?/
peux-tu: veux tu me recevoir sans trop te deranger?)
Erneuerung durch Abstand.  Zurücktreten um sich anschauen zu können.
Vorfreude.

_

Was andere Herbst nennen, nenne ich Hölle.

_

In meiner Straße haben Bauarbeiter ein Gerüst aufgestellt. Dacharbeiten bis Dezember.
Vier Tage Aufbau, drei Tage Ruhen und jetzt der Abbau.
Unverrichteter Dinge.

_

Wie sehr mir der Hund ans Herz gewachsen ist merke ich, wenn ich sie nicht um mich habe.
Mein Tagesablauf ist ganz und gar auf sie abgestimmt. Vier Spaziergänge und zwei Mahlzeiten (in Zukunft sollen es 5 täglich sein, falls sie überhaupt eine Zukunft hat) geben einen Rahmen, der mir jetzt fehlt.

Für morgen erwarte ich den entscheidenden Blutwert. Ist es nur akut oder bereits chronisch?
Gerade ist sie wieder bei der Infusion, das liebeliebe Schätzchen.

_

Draußen im Flur spricht die Nachbarin mit dem Tischler. Früher hat sie im Treppenhaus Tonleitern gesungen.
Jetzt sehe ich sie jeden Tag im tropfnassen Garten mit einem Stecken im Erdreich herumstochern.
Wie der Mann, der im Tiergarten auf den ordnungsgemäßen Abfluss des Wassers durch ein Brückengitter achtet und mit einem Stock jede Verstopfung und jeden Stau durch Laub und Unrat gewissenhaft beseitigt.
Wenn er nicht den Wasserlauf hegt, dann raucht er.

Die Nachbarin hatte Unterleibskrebs, sagt der Nachbar. Jetzt ist sie unglaublich dünn, trägt Turban und ansonsten nur noch Neonkleidung. Ganz so als müsste sie etwas tun um sich wieder sichtbar zu machen, ihr Leben zu beschreien.
Es beschwören, damit es bleibt.
Die erdbraunen Kleider ablegen um sich nicht gleich zu machen, nicht versehentlich verschluckt zu werden. Den Tod blenden.
Ich schließe sie in meine guten Gedanken mit ein.

_

Draußen ist es trübe und das Laub zerfällt.
Der Herbst hat alle Farben und alle Freude weg gewischt.

 

 

 

 

 

 

Äther

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Ich liege im dunklen Zimmer. Dann und wann streift das Licht eines vorbeifahrenden Autos die Wand, unter meiner Bettdecke der grünliche Schein des kleinen Transistorradios. Eine sanfte Frauenstimme spricht leise in die Nacht hinein.

Es gibt eine Welt, die außerhalb der meinen existiert. Etwas Unbekanntes, geheimnisvoll und zugleich vertraut, wie der dunkle Tannenwald neben der einsamen Landstraße mit dem silbernen Mond darüber.

Die Frauenstimme verebbt und in die knisternde Stille erheben sich die ersten Töne einer betörenden Melodie. Langgezogen und warm steigen sie in die Dunkelheit empor und wie betäubt schließe ich die Augen. Von weit her gesellt sich jetzt die Stimme eines Mannes zu dem milchigen Nebel in meinem Kopf und verbindet sich mit den schwebenden Orgelklängen und dem schleppenden Schlagzeug zu etwas Großem. Auf wundersame Weise werde ich Teil dieser anderen Welt und sinke auf dem Rücken liegend in sie hinein. Die Musik trägt mich und ein starkes Glücksgefühl durchströmt meinen ganzen Körper.
Ich bin verbunden mit allen Menschen, die irgendwo ganz allein in der Nacht den gleichen Klängen lauschen.
Fühlen sie wie ich?

 

Angeregt durch die liebe Asal, die in ihrem Blog  ein paar Lieder vorgestellt hat, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens von Bedeutung für sie waren, habe auch ich über meine Beziehung zu und meine Erfahrung mit Musik nachgedacht und dabei diese Erinnerung aus meiner frühen Kindheit hervorgeholt.

 

 

 

Photo: Wikimedia, Transistorradio

Lichtung

Einfach Wald

Er tötet den Fuchs, weil er ihm von allen Tieren des Waldes das liebste ist.
Das Wochenende verbringen wir in der Jagdhütte. Es ist kalt und riecht nach Fell und Holz.
Eine sterbende Wildsau mit zerschossenem Kiefer. Verbluten oder verdursten.
Das quält ihn.
Später brät er Rührei mit Rehhirn.
(Die Erinnerung an die schönen Plätze)

*

Auf dem gepolsterten Stuhl muss ich sitzen.
In der Mitte des Raumes.
Meine Geschwister spielen auf dem Teppich.
Als wir gehen sind mein Kleid und die Hände schmutzig. Sie ist verstimmt.
Ihre Wimperntusche sieht aus, wie eine Blattlauskolonie.

*

Südfrankreich.
Es hat geregnet. Selbst in der Einkaufspassage steht das Wasser.
Alles ist grün, die Werbeplakate leben auf uns zu. Ich bin keine Glasscherbe mehr.
Die anderen halten sich aneinander fest.
Jetzt schauen wir dem Kerl zu, wie er in die große Pfütze vor uns ejakuliert.
Wir lachen.
Ich freue mich über die vielen Kaulquappen.

Bild: Georg Hollaz, CC- Lizenz, Namensnennung, keine Änderung
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