Kokon

Zons im Nebel

Zons im Nebel (Photo credit: Wikipedia)

Im Augenblick des Absendens einer Mail, an der ich länger gesessen hatte, weil ich jedes Wort, das ich hinzufügte sehr genau wog und prüfte, schaltet sich gestern plötzlich mein Handy, das ich über USB-Kabel am Laptop lud, überraschend aus.
Als ich es wieder einschalte, ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat gerade begonnen und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren habe. Sie möchte wissen, ob meine Nummer noch stimmt, und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung, noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefiel mir,und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suchte und ihn nicht fand, fragte ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.
Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Es war wie ein milder Nachmittag im November. Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben in Stille, und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel*
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel, kein Feuerwerk erhellte den mitternächtlichen Himmel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausend über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.
Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten, und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Musik zum Text: Liaisons Dangereuses, Mystère dans le brouillard

*meine Murmel

16 Kommentare zu “Kokon

    • Und ich freue mich sooo über die Solidarität und den Zuspruch von sovielen Menschen!
      Ich hatte überlegt, ob ich nach Ostern einen Text schreibe zu all dem, was war.
      Und dann dachte ich, ich mache einfach weiter wie bisher. Schreiben und nette Leute in meinem Kreuzberger Salon empfangen, mit denen ich freundlich plaudere.
      Das Ganze ist genug aufgebauscht worden und dadurch auch nicht besser geworden.

      Jedenfalls freue ich mich auch wieder hier zu sein, nachdem ich einmal richtig durchgelüftet und durch geatmet habe.
      Schön, dass Du hier bist!

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  1. Vielen Dank für die schöne Geschichte. Wie doch so eine plötzliche, unerwartete Zeitverschiebung zum Nachdenken anregt.

    Ich hatte einmal einen plötzlichen Gedächtnisverlust in 1995 und als ich das Datum in der Zeitung nachprüfen wollte stand dort Februar 1900. Natürlich ein Druckfehler. Ich verstand die Welt nicht mehr.

    Interessant das Du über Nebelstimmung schreibst. Im Kreuzberg’D Blog war ein herrliches Bild . Vielleicht möchtest Du es anschauen.

    http://kreuzberged.com/2014/04/22/you-are-here-one-night-at-hallesches-tor/

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    • Das ist bizarr. Erst der Gedächtnisverlust, dann der Druckfehler.
      Als ich irgendwann mit meinem Vater in Paris war, behauptete er plötzlich die DDR läge im Westen. Er schwor Stein & Bein und wurde regelrecht ungehalten, als ich das Gegenteil behauptete, und ihm darzulegen versuchte.
      In seiner Welt war das so. Unverrückbar in diesem Moment.
      Warum auch nicht. Es machte keinen Unterschied und schadete niemandem.
      Am nächsten Tag hatten sich unsere Welten wieder synchronisiert.

      Das Bild auf dem Kreuzberg`D-Blg ist schön und geheimnisvoll. Danke!

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  2. Schön, daß Du wieder da bist …

    Trotzdem, – ! ich muss jetzt mal klug daher scheißern! Rein nach dem julianisch-gregorianischen Kalendersystem betrachtet, hat das neue und konkret 3. Jahrtausend – ohne ´wenn und aber´ – am 1.1. 2001 (Zweitausend-EINS) begonnen.

    https://www.google.de/search?hl=de&gl=de&tbm=&authuser=0&q=jahtrausendwende&oq=jahtrausendwende&gs_l=news-cc.1.1.43j43i53.362380.366706.0.368634.18.3.1.14.15.0.150.398.0j3.3.0…0.0…1ac.1.7fhqAYoLJa0#authuser=0&gl=de&hl=de&q=jahrtausendwende+2000

    Das sieht auf einer Sektpulle aber voll uncool aus und mit der Concorde einen „Milleniumsflug“ um die Erde von 2000 zu 2001, vermarktet sich auch nicht so dolle, wie von 1999 zu 2000.

    Da Zeit für mich eigentlich keine wichtige Rolle mehr spielt, ist es aber auch schnuppe … :-)

    Liebe Grüße PvD

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    • Danke, schön dich auch wieder hier zu treffen, nach meinem Kurzurlaub!

      Als ich statt einer 19 plötzlich eine 20 schreiben musste, war für mich der Zeiger umgesprungen.
      Dass das tatsächlich alles ganz anders ist, glaube ich gerne, aber ich fühle es nicht.
      Aber natürlich war dieser Jahreswechesel nicht wichtiger als jeder anderen zuvor oder danach.
      Er fühlte sich nur anders an.
      Zeit spielt für mich eien zunehmend wichtige Rolle.
      Damals hatte ich soviel davon, dass ich nicht darüber nachdachte.

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    • Natürlich hast Du Recht. Peer. Aber an diesem Beispiel sieht man doch ganz deutlich, dass die Menschen oft nach ihren Gefühlen gehen. 2000 war das dicke Jahr, 2001 nur eines von vielen.

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  3. Danke dafür, dass ich mitlesen darf.

    Manchmal denke ich, dass die Zeit eine enge Spirale ist, auf der wir uns bewegen. In seltenen Momenten können wir die Biegung über uns oder die direkt unter uns sehen.

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    • Liebe crocodylus,
      auch ich denke mir die Zeit oft als eine Spirale, einen Trichter, der in den berühmten Tunnel mündet.
      Und manchmal sieht man mehr als sonst.
      Das sind ganz besondere Momente.

      (Ich habe Sie gerne frei geschaltet. Inzwischen ist das Blog wieder ganz online)

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  4. Schöne Geschichte und gut, dass du ausgelüftet und durchgeatmet hast. Passend zu deiner Zeitreise gab’s gestern auf arte den wunderbaren Film »Fenster zum Sommer« (den du, falls du ihn noch nicht gesehen haben solltest, noch ein paar Tage in der arte-Mediathek finden kannst).

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  5. Pingback: Mehr Farbe, Vielfalt und Abwechslung | Zurück in Berlin

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