Geh doch zu Hause

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Dass ich schon eine Weile nicht mehr über Gentrifizierung geschrieben habe, heisst nicht, dass sie nicht mehr stattfindet oder mir scheissegal ist. Ich habe, und jetzt kommt ein Satz, von dem ich niemals geglaubt hätte, dass ich ihn irgendwann in meinem ganzen Leben schreiben und auch noch ernst meinen würde:
Ich habe die Hoffnung aufgegeben.
Das wird nix mehr. Nichts wird sich ändern.
Die Reichen werden die Armen fressen, sie vertreiben und sich dabei auch noch wohl und im Recht fühlen.
Die Armen werden sich in ihr Schicksal fügen, oder versuchen mit den großen Tieren zu brüllen.
Niemand wird damit ein Problem haben, solange es nicht ihn selbst betrifft. Und ihn selbst betrifft es erst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht und er an den Stadtrand ziehen muss. Ausgebeutete werden weiter konservativ wählen, Arbeiter werden der regierungstreuen Presse Glauben schenken, der Heilige Geist wird mit Sausen und Brausen die Erde heimsuchen. Und dem Geldadel ein Wohlgefallen.
So ist es. Natürlich auch hier in Berlin.

Ich kann mich nicht in Kämpfen verausgaben, die von Anfang an verloren sind. Das macht mich bitter, und niemanden sonst.
Jedenfalls nicht die, deren Politik dafür verantwortlich ist, dass es so läuft.
Denn deren Sorgen heissen Machterhalt, Geld und Handy.
Nicht nur bitter macht es mich, sondern auch krank. Im Kopf.
Und um mir weitere Einttäuschungen zu ersparen, lasse ich vorbeugend alle Hoffnung fahren.

Ja, ich komme am Taut-Haus am Engelbecken vorbei, und registriere den Lieferwagen des Spezialisten für Intarsien- und Terrazzoböden, der den eben
eingezogenen Eigentümern der millionenteuren Wohnungen die Welt zu Füßen legt.
Ich sehe die Luxuslimousinen, die dort parken, die geklonten Labelhäschen im Metrolook, die sich vor dem Haus (in dem ironischerweise früher einmal die IG-Metall ihren Sitz hatte) gegenseitig beeindrucken und Ureinwohner mit keinem oder erstauntem Blick bedenken.
Du? Noch hier?
Die eitlen Mediengockel hinter den Glasscheiben des modernen Großraumbüros, die mit Bart, transparenter Nerdbrille und gelangweiltem Gesichtsausdruck auf ihren Macs herumtippen. Die Meister der Belanglosigkeit.
Nur wenige Meter davon entfernt, sehe ich die jungen Spanier, die aus der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat nach Deutschland geflohen sind, und nun in alten Lieferwagen am Straßenrand campieren, wo sie das Kleingeld versaufen, das sie tagsüber beim Jonglieren oder Feuerspucken auf großen Kreuzungen, während der Rotphase, verdient haben
Ich sehe auch die Bewohner des neu gebauten Eigentumklotzes auf dem Engeldamm, wie sie von ihrem teakholz-bemöbelten Balkon herunterblicken auf ihr neues Reich. Der kleine Adel.
Und fast jedes Mal lasse ich mich dazu hinreißen irgendeine abfällige Bemerkung zu dem grauenhaft hässlichen Kasten zu machen, und dann freue ich mich, wenn sie sich ärgern.

Schon schöner im Gründerzeit-Altbau zu leben, und nicht in fantasieloser Krisenarchitektur mit niedrigen Decken und glatter Fassade.

Das wirkt. Aber eben auch bei mir, denn genau das ist doch Bitterkeit.
Gegen meinen Willen werde ich zu einer verkniffenen, verhärmten, hassverrammelten Zitrone. Runtergezogene Mundwinkel, Dumdum-Geschosse in den Augen. Und während ich mein Gift versprühe,  weiss ich ja auch, dass die Freude endlich ist. Dass das Blatt sich auch für mich wenden wird, und ich in einer Platte am Stadtrand werde vegetieren müssen. Und sie werden ihre Fahne auch auf meinem Haus hissen. Und der Gedanke  macht mich fertig.

Und ich sehe die Farbbeutelflecken auf den polierten Fassaden.
Die eingeschossenen Scheiben des Inneneinrichtungsgeschäftes mit Möbeln für die neuen Herrschaften.
Die Mediengockel die jetzt hinter einer Sperrholzplatte sitzen, weil auch hier die Scheiben in einer nächtlichen Aktion zertrümmert wurden. Und ich freue mich. Schadenfreude. Häme. Kein schöner Zug. Aber wenigstens meiner.
Den kann mir keiner mehr nehmen. Und nicht nur das: da wird sogar tagtäglich noch ein Waggon angekoppelt, an den unschönen Zug.
Wie aber könnte ich nicht bitter sein und so tun, als würde mir das alles nichts ausmachen, wo es mich doch so sehr aufwühlt und innerlich fast zerreisst? Jeden Tag.
Ich kann es eben nicht. Sonst würde ich nicht schon wieder hier sitzen und darüber schreiben, und den geneigten Leserinnen und Lesern verzweifelte Meldung machen, dass hier in Kreuzberg die Gentrifizierung immer noch lodert und alles frisst, was ihr schmeckt.
Und dass der Umzugswagen immer häufiger von hier in die Randbezirke fährt, und mit ihm Menschen, die Jahrzehnte lang hier gelebt haben, oder sogar hier geboren wurden. Dass ich kaum noch Nachbarn habe, die ich kenne. Dass immer mehr Geschäfte und Lokale eröffnen, deren Sortiment nur für Besserverdienende erschwinglich ist. Dass jeder Funke Originalität, und alles, was ich an Berlin schätze, warum ich immer hier leben wollte, und nur hier,  glatt gebügelt wird  zugunsten einer Lebensweise, deren Ziel und Inhalt der Konsum ist.
Genau so möchte der neoliberale Staat seine Bürger haben: gleichgeschaltete, willige Konsumenten.
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Gentrifizierung du skrupelloses Monster!, möchte ich ihr wütend zurufen.
Aber sie kann es gar nicht hören, weil sie nichts von sich selbst weiß.
Auch andere wissen nichts von ihr, oder wollen nichts von ihr wissen.
Zum Beispiel im Wedding, oder in Moabit, wo es gerade so richtig los geht mit der Aufwertung, der Vorbotin der Vertreibung.
Die freuen sich sogar drauf und glauben tatsächlich noch, sie würden upgegradet.
Und genau das ist auch ein wesentlicher Zug der Gentrifizierung: sie kommt mit einem Latte macchiato in der Hand um die Ecke geschlendert, bietet dir einen American Cheesecake, einen Brownie, Muffin oder Cupcake an, eine Fritz-Cola, erschwinglichen Luxus, ein bisschen Chi chi. Holzspielzeug, Bioläden, eine Patisserie, süße Cafés im putzigen Landhausstil. Shabby, vintage, Designkaufhäuser(!).
Kreativen Einheitsbrei, über den sich all die Langweiler freuen, die zwangsgekitzelt werden wollen um lachen zu können.
Und wenn sie sich so richtig wohl fühlen, dann dauert es nicht mehr lang, bis auch der Adel davon Wind bekommt, sich das Wunderland unter den Nagel reisst, Kameras installiert und sich beschützen lässt. Vor dem Pöbel.
Ein bisschen Platz brauchen die aber auch, und schon erleidet der eben Aufgestiegene einen empfindlichen Rückschlag.
Auch er muss jetzt sein Stück vom Kuchen abgeben.
Doch keine Sorge: in den Randgebieten gibt es genügend  Platz für alle, so ein Rand ist schließlich fast beliebig nach außen erweiterbar, und die Verantwortlichen für die Misere kriegt man dann auch gleich dran.
Die sitzen, wie immer, in den Asylbewerber-Unterkünften.
(Nur zur Sicherheit, und weil Dummheit keine Grenzen kennt: das ist Ironie)!

Und gestern lese ich dann noch diese beiden Meldungen in der Presse,

  • Immer mehr Menschen müssen in Deutschland von Sozialhilfe leben

  • Die privaten Vermögen in Deutschland steigen auf ein Rekordhoch von über 5 Billionen Euro

und denke: über die Auswirkung dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, können sie ja dann mal Feldforschung in meinem Kiez betreiben.
Solange noch ein paar von uns hier sind.

Musik zum Text:

 

 

Bild: „Berlin 1990 75560012“ von Jochims – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_1990_75560012.jpg#/media/File:Berlin_1990_75560012.jpg

47 Kommentare zu “Geh doch zu Hause

  1. das liest sich nicht gut. deprimierend. aber ehrlich gesagt – soviel Pessimismus ist auch daneben. die aktuelle Gehirnwäsche, die die Deutschen – und leider vor allem die Jungen – infiziert hat, ist nicht unheilbar. Schau dich in der Welt um. Lateinamerika war vor 30 Jahren beherrscht von faschistischen Militärdiktaturen, heute von progressiven Sozialdemokraten und Sozialisten, die tatsächlich umverteilen. Südafrika hat die unüberwindlich erscheinende Apartheid überwunden. Die Türken werden zum Revoluzzervolk, und so weiter. Nichts bleibt wie es ist. Auch das Merkel-Dumpfbackentum ist überwindbar. Aber nicht mit Bitterkeit. Sorry, ich weiß das hilft dir jetzt nicht viel. Jedenfalls nicht direkt. Trotzdem musste ich es loswerden.

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    • Nichts bleibt wie es ist. Stimmt wohl.
      Bin gar nicht so bitter. Nach Kiezspaziergängen schon, aber dann fahre ich einfach in den Wald, oder an den Stadtrand. Da ist es schön, und ich gewöhne mich schon mal dran.

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  2. „Eigentlich“ wohne ich im Randgebiet, aber offenbar im zu vornehmen. Seit 2000 ist meine Wohnung in Lichterfelde Ost. Für ein anständiges Einkommen wären die 508,00 Miete sicher bezahlbar – aber nicht bei 820,00 Rente. Mein „Finanzier“ (meine Mutter) ist jetzt nicht mehr, also muss ich zusehen, wie es weitergeht. Aber im Randgebiet wie Teltow oder Stahnsdorf sind die Mieten nicht so unbedingt günstiger, weil es als Speckgürtel zählt.
    Na, schau’n wir mal.
    Es gibt immer mehr Momente, in denen ich froh bin, nicht 20 oder mehr Jahre jünger zu sein.

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  3. Der „gefällt mir“- Knopf ist verführerisch, weil mir nix sinnvolles zu kommentieren einfällt – aber irgendwie mißfällt es mir, zu einem solchen Beitrag ein „gefällt mir“ zu hinterlassen.
    Ist sicher frustrierend, sowas mit anzusehen – ebenso, wie anzuschauen, wie hier auf dem Land ganze Dörfer aussterben- ich frage mich nicht mehr, ob ich im Alter umziehen werde müssen- damit hab ich mich abgefunden, ohne Auto auf dem lande geht nicht (mehr). Ich frage mich, ob ich umziehen werde KÖNNEN- wer will mein Haus noch kaufen, wo’s nix mehr gibt …
    Wohnraumprobleme in Stadt und Land….
    Aber ’s Zitronegöschle hat auch noch Keinem geholfen, sieht nicht mal hübsch aus ;-)

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    • Manchen wurden schon Wegzugprämien gezahlt, damit sie in die Stadt ziehen, und man noch weniger Geld auf die Erhaltung der Strukturen verwenden muss.
      Mach dir keine Sorgen, die Mundwinkel hängen noch nicht.

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      • Ja, so weit ists schon in der WEifel und Meck-Pomm-Teilen…
        Und die Zitronegöschle, das sind die mit den Kneiflippen (oft knallrot angemalt, seltsamerweise) – aber ich mach mir keine Sorgen, die haste sicher auch noch nicht

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    • Gib die Hoffnung nicht auf. Wir haben Jahre über das Stadtleben nachgedacht und sind nicht umgezogen, weil wir dachten, wir bekämen fürs Häuschen auf dem Land nichts mehr (die Prognosen standen schlecht). Als es dann sein musste, haben wir sogar einen unglaublichen Gewinn gemacht. Es wollen ja glücklicherweise nicht alle von Landleben weg.

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  4. Es ist gut öffentlich Stellung zu beziehen. Bitternis stellt sich doch eigentlich nur dann ein, wenn man etwas von jemandem erwartet und (immer wieder) enttäuscht wird. Im Falle neoliberaler Politik und des Kapitalismus dürfte das eigentlich nicht sein bzw. weiß man doch was man erwarten kann und muss. Hoffnung sollte sich schon auf Hoffnungsvolles richten, wie z.B. sunflower ganz richtig schreibt… :-)

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  5. Ich werde niemals aufhören öffentlich Stellung zu beziehen. Selbst dann, wenn keine Hoffnung mehr besteht.
    Von neoliberaler Politik bin ich nicht enttäuscht. Vom Kapitalismus ebenso wenig. Wie auch? Dahinter verstecken sich aber Menschen, und von denen bin ich immer wieder enttäuscht oder angewidert.
    Den Text hier habe ich ganz schnell runter geschrieben, und das Wort Bitterkeit lag mir plötzlich auf der Zunge, und es schmeckte auch so bitter. Also habe ich es aufgeschrieben.
    Ich bin alles andere als ein bitterer Mensch, verstehe aber, wenn das hier so rüber gekommen ist.
    Zum Thema Hoffnung: es fällt mir schwer Hoffnung auf Hoffnungsvolles (wie du schriebst) zu richten, und dabei z.B. nach Lateinamerika oder Südafrika zu blicken.
    Das ist mir auch zu abstrakt in diesem Konext.
    Durch Hoffnung ist noch keine einzige Entmietung verhindert worden. Und sonst auch nichts.
    Hoffnung taugt nur dann, wenn sie Motor ist für Taten.
    Zum Durchhalten brauche ich sie nicht.

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    • Es heißt man kann nicht andere ändern, man kann nur sich selbst ändern. In dem Fall wäre das, darauf zu verzichten, von den anderen ein verändertes Verhalten zu erwarten. Die einzige Möglichkeit ist so gut und so konsequent wie möglich nach seinen eigenen Werten zu leben und damit als Vorbild, als Beispiel zu wirken. So verändert sich Gesellschaft allmählich, denn Du bist mit Deiner Ansicht ja nicht allein… Wenn Du aber eine schnelle Änderung erhoffst damit sich Dein eigenes Leben bessern (oder nicht verschlechtern) möge, dann ist es tatsächlich besser alle Hoffnung fahren zu lassen. In dem Fall wäre es übrigens auch nicht gerade schicklich die Gentrifizierung (der anderen) als Aufhänger für Gesellschaftskritik zu benutzen…

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      • Da muss ich dir leider widersprechen.
        Keine Tugend dieser Welt, wird die Gentrifizierung stoppen. Auch nicht naives Hoffen. Mein Vorbild und das unzähliger anderer hat nicht bewirkt, was du versprichst. Im Gegenteil.
        Neoliberalismus läuft so, und lässt sich auch nicht durch mustergültiges Verhalten aushebeln.
        Wieso es unschicklich sein sollte , wenn ich eine schnelle Änderung erhoffe, und das tue ich in der Tat, weil sonst nichts mehr zu retten ist, das verstehe ich nicht.
        Es ist gleichgültig, was ich tue, oder was andere tun und hoffen (zumindest in diesem Kontext), das Kapital lächelt müde und winkt ab.
        Dieser Text ist nur eine subjektive Befindlichkeitsbeschreibung, nicht mehr.

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        • Verquere Logik: ‚Mein richtiges Verhalten bewirkt bei den anderen scheinbar nicht das was ich will oder nicht schnell genug, also verhalte ich mich (falsch) wie sie.‘ Das geht nicht in meinen Kopf…
          Und was machst Du am Sonntag? :-)

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          • Von welcher Logik sprichst du?
            Das Verhaltensthema hast du auf den Tisch gebracht, mit der a priori gesetzten Annahme, dass man nur sich selbst und nicht andere ändern kann. Darauf baut deine Argumentation auf, und endet damit, dass es folglich unschicklich wäre, die Gentrifizierung anzuprangern.
            Da kann ich dir nicht folgen. Was ist daran unschicklich? Welche moralischen Maßstäbe legst du zugrunde?
            Nochmal: ich habe eine subjektive Befindlichkeit beschrieben. Einen bestimmten Ausschnitt gewählt und ihn beleuchtet. Mehr nicht.
            Wenn du dich davon angegriffen fühlst, dann war das nicht beabsichtigt.

            Am Sonntag mach ich mir einen schönen Tag.
            Falls du auf die Abstimmung anspielst,- hab schon Briefwahl gemacht.
            Bei einer Abstimmung über Gentrifizierung wäre ich auch sofort dabei. Aber die wird es leider nicht geben.

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            • Ich fühle mich kein bisschen angegriffen. Wieso auch? Ich bin in Teilen einfach nur anderer Meinung als Du und habe dies kund getan. Ich dachte dazu wäre die Kommentarfunktion da? Ja, Befindlichkeiten… Darauf sollte man nicht kritisch antworten, stimmt’s? Ich bringe meinen Brief jetzt auch zur Briefwahlstelle. Mal sehen ob mein Sonntag dann schön wird… :-)

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              • Ich freue mich, dass du die Kommentarfunktion benutzt, und ich freue mich auch über deine Kommentare. Kritisch finde ich grundsätzlich gut. Auch wenn es um Befindlichkeiten geht.
                Ich hatte den Eindruck, dass du dieser Befindlichkeit zuviel Bedeutung beimisst. Mehr als sie hat. Und ich habe eigentlich gar nicht so recht verstanden, was du mir sagen wolltest.
                Ich glaube, wir können uns am Sonntag alle freuen.
                200000 Berliner haben schon Briefwahl gemacht. Sieht gut aus.

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  6. Erst kürzlich musste ich weltanschaulich überkreuzt erklären, dass nicht jedes Mietshaus, welches saniert wird, vorher baufällig gewesen war. Aha. Und dass das alles, auch wenn das eben nun mal so der Lauf der Welt und des Kapitals zu sein scheint, es mir ja nicht deshalb gefallen muss. Man steht da schnell in der Weltfremd-Ecke und bekommt mitfühlend ein Bier spendiert. /Schön beschrieben, auch in der ganzen Befindlichkeit, die ich teilen kann und auch bzgl. Moabit und Wedding und dem Latte Macchiato. Der um die Ecke geschlichen kommt.

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    • Viele argumentieren innerhalb der kapitalistischen Zwänge. Wenn das in NYC so ist, muss das hier auch so sein, und hier sind die Mieten doch noch günstig….
      Dass sie die letzten 50 Jahre günstig waren, und der plötzliche Preisanstieg deswegen nicht „normal“ ist, scheint ihnen gar nicht aufzufallen. Brave Bürger.
      Ich bin es leid, solche Diskussionen zu führen. Wer so argumentiert, hat sich einfach nie mit der Problematik des Kapitalismus auseinander gesetzt, und verliert das Schicksal des Einzelnen völlig aus dem Blick.
      Umso mehr freut es mich, dass Du weisst, verstehst, mitfühlen kannst, was ich meine.

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  7. Der Karren lässt sich nicht mehr aus dem Dreck ziehen, sehe ich genau so. Gerade deshalb gefällt mir um so mehr, dass Du d’ran bleiben wirst. Richtig bitter wird es nämlich, glaube ich, erst, wenn man aufhört, sich am Unmöglichen abzuarbeiten.

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  8. Das Tempo ist andernorts vielleicht weniger rasant, aber es ist ein Jammer, wie sich die Innenstädte uniformieren, seit es schick ist, in Innenstädten zu wohnen. Ich kann Deine Bitterkeit verstehen; was man tun kann, wüßte ich auch gern. (Vielleicht: Häuser kaufen und billig vermieten … Haha.)

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  9. Hier in Moabit, wo früher niemand wohnen wollte, ist’s auch schon voll im Gange, weil es noch bezahlbaren Wohnraum gab, Jetzt entstehen überall die netten Cafés mit Latte und New York Cheesecake, dann sitzen auch bald schon die jungen Mammis mit ihren Kinderwägen drin und nehmen ihre Säuglinge zur Brust – die Prenzlauerbergisierung schreitet unaufhaltsam fort. Derweil wird immer häufiger luxusmodernisiert und die Mieten steigen – solange, bis sich irgendwann auch die jungen alleinerziehenden Mammis die Mieten nicht mehr leisten können. Ein Trauerspiel, dem die Regierenden rat- und tatenlos zuschauen – außer ein paar Lippenbekenntnissen passiert nicht viel.

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  10. Pingback: 2013, das G-Wort und der ganze Rest – Ein Vorwort | Zurück in Berlin

  11. Was ich immer ein wenig schade finde ist, dass sich dieses ganze Thema so oft an Oberflächlichkeiten und Sinnbildern aufhängt. Latte Macchiato, Bioläden, Architektur, komische Menschen. Das verfehlt meiner Meinung nach den Kern und verwässert die Debatte, ich mag dann an der Stelle schon immer gar nicht mehr weiterlesen.

    Mietpreise und Politik sollten in den Fokus und nicht irgendwelche kosmetischen Dinge, unnötigen Negativklischees oder Schadenfreude über eingeworfene Scheiben.

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    • Der Text ist eine Momentaufnahme. Ein Bild. Es beschreibt, was ich sehe und wie ich mich dabei fühle. Einen anderen Anspruch hat er nicht.
      Ich schreibe häufig über Gentrifizierung und beschreibe dabei ihre Vorboten, und erläutere auch immer mal wieder die Mechanismen, die zur Gentrifizierung führen. In diesem Text nicht. Viele haben sich drin wiedergefunden, er wurde tausende Male gelesen, und mehrfach verlinkt.
      Mietpreise gehören in den Focus, da haben Sie vollkommen recht. Es ist die Politik, die angeprangert gehört, und nicht einzelne Menschen.
      Im Text erwähne ich, dass mich meine eigene Schadenfreude und Häme erschreckt. Er ist so ambivalent wie meine Gefühlslage.
      Wer es nur sachlich mag, wird sich hier nicht wiederfiinden. Der Gentrification-Blog von Andrej Holm erfüllt dieses Kriterium.
      Ansonsten ist gentrifizierung das große Thema hier. Wenn Sie sich also umschauen wollen- nur zu!

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  12. Der beste, der bewegenste und der traurigste Beitrag zur Gentrifizierung. Er gehört eigentlich auf die Titelseiten aller Tageszeitungen – aber da? Da würde er nur ein Schulterzucken der Nichtbetroffenen erzeugen und mit einem kurzem „pff..“ der reichen Neu hinzugezogenen würde das (evtl.) schlechte Gewissen wieder auf den letzten Platz ganz hinten verwiesen.

    Das Traurigste ist die Machtlosigkeit, dieses Nicht-Verhindern-Können dieser Entwicklung.

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    • Danke für das Kompliment!
      Weisst du, das Problem sind ja nicht die Neuen. Das Problem ist die Politik.
      Und wenn da nichts passiert, wird es immer weiter gehen.
      Wenn man den Leuten keine Grenzen setzt, dann nehmen sie sich alles.

      Die Machtlosigkeit ist schlimm, ja.

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  13. Gentrifizierung ist schrecklich, da bin ich mit Dir einig, aber Deine Wut trifft in Deinem Text leider die Falschen. Lass mich das erklären: Du schreibst über das Tauthaus am Engelbecken. Hier muss ich ein paar Deiner Aussagen korrigieren:
    Im Tauthaus arbeiten keine Juppies. Die HLBS ist ein Schulungszentrum und gehört zum Landwirtschaft- und Forstwirtschaft -verband (eine Art Gewerkschaft der Bauern und Förster). Das Tauthaus selbst stand zehn Jahre leer. Es wurde nie besetzt. Aus den verlassenen Büros wurden Wohnungen mit individuellem Zuschnitt gebaut. Nur so konnte das denkmalgeschützte Haus vor dem Verfall gerettet werden. Auch die Autos vor dem Tauthaus gehören in der Regel nicht den Bewohnern. Die Bewohner wollten keine Tiefgarage, da sie fast alle nur mit dem Fahrrad fahren. Es wurden im Haus ein paar grosse Lofts gebaut, das stimmt, aber auch viele kleinere, kaum luxuriöse Wohnungen. Nach hinten hinaus waren die kleineren Wohnungen im Berliner Vergleich damals recht preisgünstig zu erstehen (was den Bauträger heute schrecklich ärgert, ätsch). Deshalb wohnen im Haus auch relativ viel junge Familien mit Kindern und Kulturschaffende (Bsp. Künstler mit Atelier), die sich an anderen Orten eine Eigentumswohnung oder ein Ateleir nicht hätte leisten können. Auch viele „Ur-Kreuzberger“ wohnen hier, die endlich unabhängig von der Willkür einiger der hiesigen Vermieter werden wollten und ihr Kiez auch in Zukunft nicht verlassen möchten. Gerade für Freischaffende, die über keine Altersrente verfügen, können eigene Quadratmeter lebensrettend sein.
    Sicher gibt es auch im Tauthaus einige „schwarze Luxus-Schafe“, aber glaube mir, die Mehrheit ist nicht von der Sorte, wie Du sie beschreibst. Hier wohnt einfach nur eine bunte Gemeinschaft, durchmischt, wie es eigentlich überall sein sollte, viele Kinder sind dabei, von unterschiedlicher Nationalität und Religionszugehörigkeit.
    Nun zurück zur Gentrifizierung: Jeder Neubau und jede Sanierung sollte von Gesetzes wegen immer einen gewissen Anteil an günstigem Wohnraum anbieten müssen. Damit kein Ghetto entsteht, fast so wie im Tauthaus.

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    • Hallo Elisabeth,
      vielen Dank für Deinen langen Kommentar.
      Du hast Recht, im Taut-Haus arbeiten die Mediengockel nicht. Das war ungenau formuliert.
      Die arbeiteten ein paar Meter weiter, wo sich inzwischen Meisterschuh niedergelassen hat.

      Was die Preise für die Wohnungen im Taut-Haus anbelangt, weiß ich sehr genau, was die Wohnungen damals gekostet haben.
      Die Preise waren im Internet exakt angegeben, und da ich mich für die Veränderung des Kiezes interessiere, und insebsondere das Taut-Haus interessant fand, habe ich sie sehr genau studiert. Sie lagen, auch damals schon, weit über dem Marktpreis und waren, selbst für heutige Verhältnisse, wo der Markt deutlich angezogen hat, sehr teuer (in etwa das Doppelte des aktuellen qm Preises).
      Es stimmt, dass das Haus nie besetzt war und leer stand. Insofern wurde niemand hinaus saniert, wie das anderswo geschieht.

      Unter einer bunten Mischung verstehe ich allerdings etwas anderes als Du, scheint mir.
      Denn viele Nationalitäten und Kinder und Fahrradfahrer bedeuten nicht zwingend Vielfalt, wenn letztlich nur Menschen im Haus leben können, die sich Eigentum zu hohen Quadratmeterpreisen leisten können. Mag sein, dass auch ein paar Ur-Kreuzberger dabei sind. Aber auch die müssen tief in die Tasche gegriffen haben, um im Taut-Haus dabei sein zu können.
      Diese Tatsache macht das Haus aber eben doch zu einer Art Ghetto, fü Wohlhabende.
      James Hobrecht hat sich das ganz anders gedacht, und ihm verdankte Berlin seine berühmte bunte Mischung, wo Arbeiterkinder mit Studienratkindern im gleichen Haus wohnten und spielten. Im Taut-Haus lebt kein Arbeiter.
      Das Problem, das sich für Künstler stellt, sehe ich ein und verstehe ich.
      Ich gönne jedem und jeder ihr/ sein eigenes Atelier. Auch als Eigentum, meinetwegen.
      Nur bleibt die Übernahme eines Bezirkes, in dem vorher Menschen mit wenig Geld lebten, durch Menschen mit viel Geld nach wie vor Gentrifizierung. Und die hat Kreuzbergs Gesicht beinahe bis zur Unkenntlichkeit zerstört in den letzten Jahren. Leider.

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