Transit/ Autoreverse

A3_(Romania)

Früher fuhr man über Ostern nach Westdeutschland. Die alte Transitstrecke, mit Platten gepflastert, (der Osten bestand ja nur und ausschließlich aus Platten) die den Stoßdämpfern jenen unverkennbaren Takt gaben (patamm-patamm-patamm), dabei Stück für Stück das Autoradio aus der Halterung vibrierten und Nick Cave zum Schweigen brachten, so, dass die weitere Fahrt über kieferngesäumte Autobahn und brandenburgisches Flachland nurmehr rauschende Stille war. Im Vakuum der Fahrgastzelle. Gleiten auf der grauen Erdschlange, immer der gestrichelten Linie entlang. Nach Hause fahren, voller Vorfreude auf das liebliche Lieblingstal im Spessart, mit den Schafen zur Linken (das Glück soll mir winken).

Das Autoradio hatte sogar noch ein Tapedeck, mit Autoreserve, wie wir damals zu scherzen pflegten, um jene Tonträger abzuspielen, die einem irgendwer, oder im Zweifelsfalle man sich selbst, mit viel Liebe und großem Zeitaufwand zusammengestellt hatte und die man in case of a Bandsalat mit einem Kuli oder Bleistift wieder aufwickeln konnte. Beim Hören kauderwelschte es dann regelmäßig an der verknitterten Stelle und man hielt den Atem an und den Zeigefinger bereit um auf die Stoptaste drücken zu können, ehe das Band ein zweites Mal in die Tiefen des Gerätes gesaugt und dabei endgültig zerstört wurde.
So war das. When I was young.
Kürzlich wunderte sich eine sehr junge Bekannte über meine DVD-Sammlung und das dazugehörige Abspielgerät. Sie kenne wirklich niemanden außer mir, der noch DVDs schaue.
Nein?
Nein, die streamen alle.
Alle?

Das überraschte mich, erklärt mir aber auch, wieso eine Videothek nach der anderen schließt und weshalb die Stimmung da oben in der zweiten Etage von Saturn am Alex so besonders ist: es ist die Kult- und Pilgerstätte, der zentrale Treffpunkt für Untote wie mich. Zombies, die tatsächlich noch physische Medien in richtigen Geschäften kaufen um sie Zuhause mit altmodischen Geräten abzuspielen. Saturn, Ort einer ausklingenden Vergangenheit im Zentrum Berlins, wo die Hipster sich, nebenan bei Humana, den Trümmerfrauenlook aus den Händen reissen. Erinnerungen an eine Zeit von der sie nichts wissen.

Heute streamt man also und die alte Ostautobahn besteht auch nicht mehr aus Platten. Inzwischen ist alles aus einem Guss und die Welt voller Daten.
Daten, Daten immer Daten. Ohne Gewicht, jederzeit abrufbar und Platz sparend. Die dräuende Cloud über allem.

Lieber ein Haus kaufen (ein Äffchen und ein Pferd). Etwas, das ich anfassen kann. Mit einer Badewanne drin und einem Balkon dran. Blick auf die Berge. In kalten Nächten einen Film schauen. Das heimelige Ritual: die Lade, die sich auf Knopfdruck aus dem DVD Spieler schiebt, das helle Geräusch der federleichten silbernen Scheibe beim Einlegen, dann der leichte Druck gegen den mechanischen Widerstand, mit dem ich die Lade wieder schließe. Das Surren des Motors, Rattern, dann das ansteigende Sirren und schließlich die Copyright -Warnhinweise auf dem Bildschirm. Licht aus, zurücklehnen.
Vorgestern ist es Tilda Swinton, The invisible frame, mit der ich mich in den Schlaf sediere. Swinton, die auf dem Fahrrad durch die Grünflächen Berlins fährt, stehen bleibt, fährt, stehenbleibt, nachdenkt, sinniert, auf einer Bank sitzt, schaut, sinniert, auf´s Rad steigt und fährt. Lange Einstellungen, bedeutsames Schweigen, Geschichte atmen.
Nach wenigen Minuten schon bin ich eingeschlafen. Später löscht die DECT-Steckdose Ton und Licht.

 

(Bild: „A3 (Romania)“ von Speew at en.wikipedia. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:A3_(Romania).jpg#mediaviewer/File:A3_(Romania).jpg)

24 Kommentare zu “Transit/ Autoreverse

    • Frag mal bitte den HKF von Was-weg-muss. Der ist ortskundiger als ich (bin so lange weg, dass mir keine Ortsnamen mehr einfallen) und ganz sicher weiß er, wo es das beste Stöffsche und die köstlichsten Speisen gibt.
      Das Lohrtal ist schon mal schön und ein Schwarzer Adler immer Garant für Volksnähe.

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  1. Als CD und DVD auf den Markt drückten, hingen die Leuten dem Magnetband hinterher. Heute wollen Sie die Sondermüllscheiben und lehnen die digitale Version ihrer medialen Konsumgüter ab.
    Du verzeihst mir, dass ich „Das heimelige Ritual“ als leicht verklärt empfinde und dem etwas gegenüber stelle:
    Ich bücke mich hinab zum DVD Player – auch um das Display und seine Rückmeldung zu beobachten – und drücke den Power-Knopf, der haptisch so ausgeprägt ist, dass er die unmissverständliche Rückmeldung gibt: DVD Player ist eingeschaltet. Aber das Display bleibt dunkel. Ich weiß, die Lade ist leer, aber das doofe Ding fängt an zu rattern, als wenn eine DVD eingelegt wäre. Ich drücke den Knopf zum Öffnen der Lade. Mittlerweile meldet sich das Display mit Power On. Ah ja. Doch die Lade öffnet sich nicht. Habe ich nicht fest genug gedrückt? Oder war das Gerät noch gar nicht auf die Eingabe zum Öffnen der Lade eingestellt? Ich drücke nochmal. Das Display meldet ‚Close“ – oh, einmal zu viel gedrückt. Also nochmal drücken. Nach gefühlten Ewigkeiten öffnet sich die Lade. Erwartungsgemäß leer. Ich lege die DVD ein und drücke den Knopf zum Schließen. Ratter ratter surr surr – so geht das sekundenlang bis sich die unmissverständliche Botschaft meldet: Raubkopierer sind Straftäter. Ich fühle mich verarscht, vielleicht hätte ich doch eine Raubkopie kaufen sollen, wo dieser Blödsinn rausgeschnitten ist? Vorspulen is nicht – das muss ich jetzt aushalten. Und dann geht’s gleich weiter mit ein bis zwei Vorschaufilmen, die mich nicht interessieren. Mittlerweile sind Minuten vergangen und ich frage mich, was ich eigentlich ansehen wollte. Dann startet das Menü und wenn ich Glück habe der Film in der Sprache meiner Wahl, die der DVD Player eigentlich voreingestellt haben sollte. Manchmal setzt der Film sogar dort fort, wo ich die Sprache gewechselt habe – wenn’s blöd läuft wieder am ersten von sieben Trailern der Produktionsfirmen.
    Wie schön ist es doch, einen Film digital zu streamen. Da startet der Film, ohne Werbung, ohne Vorfilm ohne Eisverkaufen – einfach so. Und dann schaue ich Sorlaris und genieße die ruhige Atmosphäre, die der Film ausstrahlt, und vermisse nicht die typischen DVD Geräusche. Keine Hektik, keine lauten Gewaltszenen, einfach nur Tote, die zurückkehren und selbst nicht wissen, warum. Schön. Und das ganz ohne DVD Player und gar nicht aus der Cloud ;-)

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    • @Raul

      Dein DVD-Player und Du ihr scheint eine schwierige Beziehung zu haben und sprecht offensichtlich nicht die gleiche Sprache. Dass Du Dich also neu orientiert hast verwundert mich nicht. Jedem das, was gut für ihn ist (aber bedenke, dass Du erst kürzlich wieder zu einer alten Liebe zurückgekehrt bist, nachdem Du glaubtest in einem kurzen Techtelmechtel eine Bessere gefunden zu haben).
      Mein DVD-Spieler ist ruhig, gehorsam, aufmerksam, hat ein gutes Gedächtnis und gibt mir mit das Gefühl nicht allein zu sein, wenn er mit sanften Hintergrundgeräuschen mein Ohr massiert.
      Und neben allem Oldschoolflair, habe ich es ja immerhin schon zur DECT-Steckdose, den entsprechenden Fritztelefonen für das Heimnetz und einer Plex-App auf´m Android gebracht, mit der ich meinen ganzen physischen Elektrostaat, einer Diktatorin gleich, kontrolliere. Beieindruckt?

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      • Dect und Plex App überfordert mich gerade – ich kenn das gar nicht. Aber DVD ist echt ein Graus. Mittlerweile ist alles hübsch gerippt auf dem heimischen NAS und kann bequem mit der Fernbedienung am Fernseher ausgewählt werden. Aber das Ritual, das Du pflegst hat auch was. Ich dachte mir auch schon, dass mein Verhältnis zum meinem DVD Player entspannter sein könnte, wenn ich etwas (frustrations)toleranter wäre :-) Aber die Rückkehr zur DVD wird wohl nur dann geschehen, wenn mein NAS trotz RAID die Grätsche macht ;-)

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  2. „Saturn, Ort einer ausklingenden Vergangenheit im Zentrum Berlins, wo die Hipster sich, nebenan bei Humana, den Trümmerfrauenlook aus den Händen reissen. Erinnerungen an eine Zeit von der sie nichts wissen.“
    So ein geiler Satz, ich bin fassungslos.

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  3. .(…der Osten bestand ja nur und ausschließlich aus Platten) die den Stoßdämpfern jenen unverkennbaren Takt gaben (patamm-patamm-patamm)

    Für diese Geräusche hättest Du Dich bei Herrn Hitler bedanken können, denn die Nazis bauten den Autobahnbelag mit Beton und die Denungsfugen erzeugten dann das furchtbare „patamm, patamm“.

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    • Siehste, hab ich überhaupt nicht in Betracht gezogen, dass das keine Ostplatten, sondern Naziplatten waren. Danke für´s Erinnern.
      Dehnungsfugen. Genau die haben waren das, die mein besagtes Autoradio am Ende tatsächlich ganz schrotteten.
      (Ich kann mir nicht helfen, aber Herr Hitler liest sich für mich ganz falsch. Hitler reicht. Dass sein langer Arm selbst nach meinem Radio gegriffen hat ist schon beinahe gruselig).

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      • „Herr“ ist natürlich ironisch gemeint. Im englischen wird „Herr“ vor Hitler oft benutzt. Ich denke mal, das geht auf Chamberlain zurück als er 1938, nach der Konferenz in München, aus dem Flugzeug stieg und aller Welt von der Garantie des „Herrn Hitler“ verkündete.

        Die DDR Behörden hatten kein Geld die Autobahn zu verbessern.

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          • Für mich ist Hitler ein Verbrecher gewesen. Die Probleme nach dem ersten Weltkrieg waren echt, verlangten ehr eine besonnende Politik als der Größenwahnsinn von ihm. Stresemann war der richtige Mann ist aber leider zu früh gestorben. Die ganze Hitlerzeit war ein Versagen des gebildeten Bürgertums.

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  4. Tja, ich kaufe in der Regel meine Musik weiterhin auf einer Scheibe. Mit dem „sofort verfügbar“ durch Streamen geht die Vorfreude auf das Zuhausehören doch verloren. Altmodisch… ich weiß ;-)

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  5. „Patamm, Patamm, Patamm“ – wie lange ist das und „Reisen nach Polen immer empfohlen“, „El Pico Jeans aus Lößnitz“ schon her, ich habe mindestens einen abgelaufenen Reisepass voller Transitstempel. Zum Transit gibt’s aus dem Christoph Links Verlag ein schönes Buch von F. C. Delius und Peter Joachim Lapp: Transit Westberlin, leider vergriffen, muss man wohl beim Antiquar suchen – so lange ist das schon her, dass selbst Bücher darüber schon vergriffen sind.

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    • Nach Berlin gezogen bin ich erst vor gut 20 Jahren, nach dem Fall der Mauer. Ich kenne die Strecke aber auch von vorher und selbst hinterher hat es sehr lange gedauert, bis sie in dem heutigen Zustand war. Noch lange nach dem Mauerfall hat man von Westdeutschland gesprochen, so sehr war das im Fühlen und Denken der Berliner.
      Das Buch ist ein toller Hinweis- notiert!

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  6. Ich hätte nie gedacht, dass man das ritualisierte Einlegen einer CD mit der Hingabe beschreiben kann, die ich dem Auflegen einer Schallplatte zukommen lasse. Aber – wie dereinst Bill Bruford, Drummer diverser Prog Rock Bands, auf die Frage, ob denn Elektronische Drums noch etwas mit Schlagzeugspiel zu tun hätten, antwortete: Well, I still hit them. Bei Musik aus der Wolke könnte man natürlich weiterspinnen: Nun, ich höre sie immer noch…

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    • Solange es noch händisch zugeht bin ich zufrieden. Ich mag das Physische.
      Eine Vinyplatte aufzulegen, sie mit einem Entstauber zu reinigen, den Tonarm manuell aufzunehmen und vorsichtig auf der leicht wellig laufenden Scheibe abzusetzen, das leise Knistern bis die Nadel vom glatten Rand in die Rillen rutscht und die Musik anhebt, das ist natürlich noch viel, viel schöner!
      Ich verstehe was der Drummer meint- Hauptsache die Hände haben etwas zu tun.

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