Niemals verloren

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Wäre ich am 5. Oktober 2014 tatsächlich gestorben, dann ginge bereits der zweite Winter über mein Grab hinweg.
Wo wäre ich jetzt? Was wäre ich jetzt?
Würde irgendjemand in den Himmel schauen, an diesem stillen Samstag im Januar, die Schneeflocken tanzen sehen und an mich denken, die ich mein Leben so sehr liebte?

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(Was wäre mit meiner Wohnung? Wer säße nun dort, schaute in den winterlichen Garten oder befüllte mit sorgender Hand das alte Vogelhäuschen, um die Meisen und Spatzen nicht vergeblich nach Futter suchen zu lassen?)

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Und meine Hündin, was wäre aus ihr geworden? Hätte sie mich längst vergessen, ganz und gar, oder zuckten nachts noch manchmal ihre Pfoten im Schlaf, wenn sie meine Stimme hörte, die von Weitem nach ihr riefe. Braves Tölchen!
Würde ein freundlicher Mensch sich gefunden haben, der sie, so wie ich, ein halbes Dutzend Mal am Tag mit Selbstgekochtem fütterte und mitten in der  Nacht aufstünde um ihr einen Napf hinzustellen, damit sie nicht wieder krank würde? Oder hätte sie längst schon eingeschläfert werden müssen, wegen ihres Leidens, und wäre nun wieder bei mir, irgendwo hier draußen, im großen Universum.

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(Und meine Tigerkatze? Läge sie behaglich zusammengerollt auf einem anderen Schoß, leise schnurrend im Hier und Jetzt und rundum zufrieden mit ihrem Leben?
Und Kater Ludwig, wer kraulte ihm jetzt sein Öhrchen und spräche mit ihm, wenn er Stimmen aus dem jenseits hörte?)

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Mein lieber, lieber Vater. Hätte er die Nachricht von meinem plötzlichen Tod verkraftet, oder hätte sie ihn zusammenbrechen und ihn mir bald folgen lassen, und der Schnee fiele heute auf unser beider Grab, auf unsere Familiengruft?
Wenigstens wäre ihm die Nachricht von G.s Erkrankung erspart geblieben. Doch wer würde dann die I. trösten, wenn er nicht mehr da sein könnte für sie?

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Meine Geschwister. Hätten sie sich gefragt, wer von ihnen beiden als nächstes dran sei und hätten sie bedauert nicht die eine oder andere Erinnerung mit mir geteilt zu haben, jetzt, wo man mich nie wieder würde fragen und mir nichts mehr würde sagen können?
Vielleicht würden sie sich ein Mal im Jahr treffen, an meinem Geburtstag. Sie würden Elvis hören und David Bowie, sich alte Bilder anschauen und sich von mir erzählen. Wahrscheinlich würden sie sich wundern, wie wenig wir voneinander gewusst haben, wie schlecht wir uns kannten, und sie würden versuchen, sich mir durch das Betrachten alter Fotos zu nähern. Über das eine, auf dem ich vor der Garage stehe, meinen Rock gelüpft habe und den blanken Po in die Kamera halte, würden sie herzlich lachen und sich kopfschüttelnd daran erinnern, wieviel Ärger mir dieses Bild später beschert hatte.

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Irgendjemand, vielleicht die südamerikanisch aussehende Altenpflegerin, hätte sich kurz nach meinem Tod zu meiner Mutter gesetzt, ihre Hand genommen und ihr erzählt, dass ihre Tochter gestorben ist – die jüngere, erinnern Sie sich an sie? –  ganz plötzlich und schmerzlos. Meine Mutter hätte aufgeschaut, einen Moment lang mit nach innen gewandtem Blick nach mir gesucht und mich in keinem der lichtlosen Gänge und Zimmer ihrer Erinnerung gefunden. Dann hätte sie sich weggedreht, sich wieder ihrer Zeitschrift zugewandt und mit beiden Händen versucht das Papier glatt zu streichen. In der Nacht hätte sie unruhiger geschlafen als sonst, die Pflegerin hätte ihr ein Zäpfchen gegeben und am nächsten Tag hätte sie den Bienenstich zum Kaffee mit großem Appetit gegessen.

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(Mein Vermieter, der im gleichen Haus wie ich wohnt, würde gesehen haben, wie ein Bestattungsunternehmen einen Sarg aus meiner Wohnung trägt und er würde sich gefragt haben, wer jetzt für die Renovierung der Wohnung aufkäme und an wen man sich wenden müsse, damit Hund und Katz in Verwahrung genommen würden.)

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Und, ach, der Eine, mein Herz!
Schaute auch er den Flocken hinterher, wie sie leise durch die Luft segeln, geräuschlos auf dem Boden landen und eins werden mit der weissen Decke, die die kalte Erde bemäntelt? Dächte er jetzt, in diesem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, an mich und erinnerte sich daran, wie wir uns das erste Mal sahen, unter den Platanen. Wie wir lächelten, wie wir uns später küssten im milchigen Laternenschein, wie wir uns liebten und uns schließlich Heimat wurden?
Wo wäre er heute? Hätte er ein neues Zuhause gefunden, eines, das ihm Geborgenheit gäbe? Berührte er nachts die Haut einer anderen Frau, wachte er über ihren Atem und blickte in ihre Augen, wenn sie erwachte, lächelnd und stumm vor Glück.

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Wie lange noch bliebe die Erinnerung an mich erhalten?
Wie lange wäre sie von Leben erfüllt und wann wäre ich bloß noch Erzählung oder ein Bild, für Menschen, die mich nie kannten.

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Vielleicht, so stelle ich mir vor, fände eines Tages jemand ein Foto von mir und verliebte sich in mich, so, wie ich mich beinahe in jenen Baseballspieler verliebt hätte, dessen Portätfoto von 1910 ich zufällig sah. Und dann? Würde er versuchen Kontakt zu mir aufzunehmen und würde es ihm gelingen?
WIe lange ginge das? Bis zu seinem Lebensende, und nähme er dann das einzige, noch vorhandene Bild von mir mit ins Grab?

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Geschieht das nicht jeden Tag, jede Minute, dass zum allerletzten Mal an jemanden gedacht wird und die Erinnerung an ihn danach für immer erlischt, weil niemand und nichts mehr da ist, sein Andenken zu bewahren?

Hat nicht auch jener Mann, der 1838 in Paris, als erster Mensch der Welt, ohne sein Wissen, auf einem Foto festgehalten wurde, genau dies gedacht: dass nämlich nichts übrig bliebe von ihm, wenn er einmal starb. Nichts, was an ihn erinnern und Zeugnis von ihm ablegen könnte, weil er so klein und unbedeutend war und noch nicht einmal einen Sohn gezeugt hatte?

Vielleicht hatte er, als er auf dem Weg zu seiner Liebsten, den Boulevard du Temple entlang flanierte einen kleinen Schwindel verspürt, oder ein Stechen in der Flanke, und sich entschlossen für einen Moment zu verweilen, dort, an der belebten Straße. Bei dieser Gelegenheit konnte er sich auch gleich die Schuhe putzen lassen, für sein bevorstehendes Rendez-vous.
Und weil die ganze Stadt um ihn herum in Bewegung war, die Menschen hin und her spazierten, die Kutschen vorbei rumpelten und alles und Jedermann unterwegs war, um den schönen Sommertag an der lauen Luft zu genießen, und weil nur er allein, als Einziger, für ein paar Minuten inne und still hielt, bannte Daguerre ihn, und niemanden sonst, auf eine jodierte Silberplatte und machte  ihn auf diese Weise photographisch unsterblich.

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Der Mann hat wahrscheinlich nie davon erfahren. Möglicherweise ist er schon wenige Minuten später zusammen gesunken. Verstorben an plötzlichem Herzstillstand.
So, wie ich – beinahe – am 5. Oktober 2014.
Vielleicht aber kam es auch anders, und er hat am gleichen Nachmittag noch ein Kind gezeugt. Ein kleines Mädchen.

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Wir wissen nicht wann und wie oft die Blende während unserer Lebenszeit aufgeht und welche Bilder von uns hineinfallen und ewig werden.

Wir wissen nicht, was jedes einzelne Molekül, das wir ausatmen, im weiten Universum  bewirkt, welche Spuren wir hinterlassen und welche von ihnen für lange Zeit, vielleicht nur als Ahnung, von unserer Existenz zeugen und über sie hinausweisen werden, ohne, dass jemand es wüsste oder es gar benennen könnte.

(Welche Welten entstanden durch unseren Geist und durch unsere Liebe? Welche davon bestehen auch ohne uns fort?)

Nur manchmal ahnen wir, dass wir Teil von etwas viel größerem sind. Etwas, das sich durch uns und in uns immer und immer wieder verausgabt und dabei niemals erschöpft.

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Der Regen hat den Schnee fortgewaschen. Das Schmelzwasser versickert in der Erde.

 

 

 

 

 

Transit/ Autoreverse

A3_(Romania)

Früher fuhr man über Ostern nach Westdeutschland. Die alte Transitstrecke, mit Platten gepflastert, (der Osten bestand ja nur und ausschließlich aus Platten) die den Stoßdämpfern jenen unverkennbaren Takt gaben (patamm-patamm-patamm), dabei Stück für Stück das Autoradio aus der Halterung vibrierten und Nick Cave zum Schweigen brachten, so, dass die weitere Fahrt über kieferngesäumte Autobahn und brandenburgisches Flachland nurmehr rauschende Stille war. Im Vakuum der Fahrgastzelle. Gleiten auf der grauen Erdschlange, immer der gestrichelten Linie entlang. Nach Hause fahren, voller Vorfreude auf das liebliche Lieblingstal im Spessart, mit den Schafen zur Linken (das Glück soll mir winken).

Das Autoradio hatte sogar noch ein Tapedeck, mit Autoreserve, wie wir damals zu scherzen pflegten, um jene Tonträger abzuspielen, die einem irgendwer, oder im Zweifelsfalle man sich selbst, mit viel Liebe und großem Zeitaufwand zusammengestellt hatte und die man in case of a Bandsalat mit einem Kuli oder Bleistift wieder aufwickeln konnte. Beim Hören kauderwelschte es dann regelmäßig an der verknitterten Stelle und man hielt den Atem an und den Zeigefinger bereit um auf die Stoptaste drücken zu können, ehe das Band ein zweites Mal in die Tiefen des Gerätes gesaugt und dabei endgültig zerstört wurde.
So war das. When I was young.
Kürzlich wunderte sich eine sehr junge Bekannte über meine DVD-Sammlung und das dazugehörige Abspielgerät. Sie kenne wirklich niemanden außer mir, der noch DVDs schaue.
Nein?
Nein, die streamen alle.
Alle?

Das überraschte mich, erklärt mir aber auch, wieso eine Videothek nach der anderen schließt und weshalb die Stimmung da oben in der zweiten Etage von Saturn am Alex so besonders ist: es ist die Kult- und Pilgerstätte, der zentrale Treffpunkt für Untote wie mich. Zombies, die tatsächlich noch physische Medien in richtigen Geschäften kaufen um sie Zuhause mit altmodischen Geräten abzuspielen. Saturn, Ort einer ausklingenden Vergangenheit im Zentrum Berlins, wo die Hipster sich, nebenan bei Humana, den Trümmerfrauenlook aus den Händen reissen. Erinnerungen an eine Zeit von der sie nichts wissen.

Heute streamt man also und die alte Ostautobahn besteht auch nicht mehr aus Platten. Inzwischen ist alles aus einem Guss und die Welt voller Daten.
Daten, Daten immer Daten. Ohne Gewicht, jederzeit abrufbar und Platz sparend. Die dräuende Cloud über allem.

Lieber ein Haus kaufen (ein Äffchen und ein Pferd). Etwas, das ich anfassen kann. Mit einer Badewanne drin und einem Balkon dran. Blick auf die Berge. In kalten Nächten einen Film schauen. Das heimelige Ritual: die Lade, die sich auf Knopfdruck aus dem DVD Spieler schiebt, das helle Geräusch der federleichten silbernen Scheibe beim Einlegen, dann der leichte Druck gegen den mechanischen Widerstand, mit dem ich die Lade wieder schließe. Das Surren des Motors, Rattern, dann das ansteigende Sirren und schließlich die Copyright -Warnhinweise auf dem Bildschirm. Licht aus, zurücklehnen.
Vorgestern ist es Tilda Swinton, The invisible frame, mit der ich mich in den Schlaf sediere. Swinton, die auf dem Fahrrad durch die Grünflächen Berlins fährt, stehen bleibt, fährt, stehenbleibt, nachdenkt, sinniert, auf einer Bank sitzt, schaut, sinniert, auf´s Rad steigt und fährt. Lange Einstellungen, bedeutsames Schweigen, Geschichte atmen.
Nach wenigen Minuten schon bin ich eingeschlafen. Später löscht die DECT-Steckdose Ton und Licht.

 

(Bild: „A3 (Romania)“ von Speew at en.wikipedia. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:A3_(Romania).jpg#mediaviewer/File:A3_(Romania).jpg)

Wolken

WolkenBremen

Nach dem morgendlichen Zähneputzen (morgenlich, würde der Vater korrigieren, es ist der Morgen und nicht der Morgend) schauen mich heute nicht die Augen der Mutter an. Es sind meine eigenen, groß und braun. Darin und dahinter, wie zu allen Zeiten, die Blicke der Ahnen, aus dem Schatten heraus getreten, um durch mich auf die Welt zu sehen, die einmal die ihre war.

Was ihr seid, sind wir gewesen.
Was wir sind, werdet ihr sein.

Mein Gesicht liegt ruhig wie ein See, der Mund weich geküsst und entspannt.
Im Radio läuft ein Jingle-Klingel-Happynes-Song, den ich ohne Widerwillen zu verspüren an mir abperlen lasse. Lotusblüte. Silberbaum.
Meine Haare umfließen den Hals, eine Welle legt sich auf das Schlüsselbein. Clavicula
Im Spiegel schaue ich mir zu, wie ich eine Hand auf das Sternum lege, mein Leben, und ohne ein Empfinden von Schmerz steigt Wasser in meine Augen. Der Mund zieht sich, wie zu einem Lachen, auseinander, die Lider senken sich und ich lasse den Tränen ihren Lauf.
Es ist schön.

Weich bin ich, ganz weich und draußen ist es mild und stürmisch.
Die Straßen sind leer. Die Vögel sind ausgeflogen, gen Heimat.
Die Luft riecht nach Ankunft.

Alle Zuhause jetzt

Eine Gruppe Spatzen lässt sich im Bambus nieder und schaukelt dort hin und her.
Dann und wann ein freundliches Tschilpen. Es ist genug für alle da.
Den einen erkenne ich wieder. Auf seinem rechten Flügel trägt er einen weißen Streifen.
Jeden Tag kommt er hierher. Immer am gleichen Platz im Futterhaus.
Kleiner Freund.

Wie mich alles was lebt berührt und angeht. Jeder Halm. Und seit ich auferstehen durfte noch mehr und tiefer. Ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt, auch mit dem großen Nichts, und eine beinahe kitschige Rührung, ein Angefasst- und manchmal sogar Überwältigtsein von allem Irdenen und seinem Drang zum Licht.
Nach oben. Atmen. Hier bin ich.
Das ist meine Zeit.

Mir tun die Flöhe leid, und so behandele ich bloß die Schlafplätze der Tiere.
Nicht töten.
Ehrfurcht selbst vor dem kleinsten Leben.
Fegen, zur Seite fegen, mit Achtsamkeit und dem liebenden Blick.

Einmal sah ich eine Schnecke in den blauen Körnern eines Giftes vertrocknen.
Endlose Nachmittagsstunden im Hochsommer. Unvergessen. Mein Mitgefühl, der Schmerz darüber, wie sie unrettbar zusammenschrumpfte zu einem rindenähnlichen, unkenntlichen Stückchen Materie. Und alles, was sie war und dachte, wenn sie denn jemals etwas dachte, alles, alles ist verloren.
Verdunstet. Aufgestiegen, gen Himmel, der gar nicht oben ist, wie ich immer glaubte, sondern überall. Ringsum.

Wo sind unsere Erinnerungen, wenn wir sie gerade nicht denken? Wenn sie nicht in uns hausen?
Sind sie bei uns? Haben sie sich eingeschrieben oder entstehen sie jedes Mal aufs Neue, bei jedem Griff nach ihnen, und immer ein wenig anders? Verändert nur um winzige Details, für uns nicht wahrnehmbar, geschweige denn überprüfbar.

Gibt es eine Cloud, etwas außerhalb von uns selbst, in dem alle unsere Gedanken zusammen gefasst und gespeichert sind, gemeinsam mit den Ideen und Erinnerungen der anderen Menschen? Oder ist mit unserem Ableben all unser Wissen unwiederbringlich verloren? Verdichtet sich das, was auf der Erde gedacht wird, zu etwas Größerem, addiert oder multipliziert es sich vielleicht sogar?
Und eines Tages traumgleich greift einer danach und bringt es in die Welt. Etwas noch nie Dagewesenes. So wie alles, und doch viel mehr und weit darüber hinaus.
Und die Tiere? Wer nimmt sich ihrer Gedanken an? Sie selbst, ergeben und mit blindem Vertrauen?

Ich schaue in mein Gesicht im Spiegel, das ruhig da liegt wie ein See.

Draußen stürmt es, Hagel prasselt auf den Boden.
Weiße Körnchen, die nach oben springen, als wären sie kleine Bälle.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipedia, „WolkenBremen“ von Frisia Orientalis. Original uploader was Frisia Orientalis at de.wikipedia – Transferred from de.wikipedia; transferred to Commons by User:Jutta234 using CommonsHelper.(Original text : selbst fotografiert). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:WolkenBremen.jpg#mediaviewer/File:WolkenBremen.jpg