kandideln

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Neben mir auf dem Boden liegt der frisch operierte Hund wie ein nasser Lappen und es regnet weiterhin und irgendwo ist wieder Ausnahmezustand und eine Mitarbeiterin steigt früher aus als vereinbart, was Urlaubssperre für andere bedeutet, die aber schon gebucht und deswegen laut geflucht haben. Wörter werden geklaubt und gewogen weil die Aussteigerin gerne die Gute sein möchte, wo sie halt leider mindestens die Unzuverlässige, wenn nicht die Unkollegiale ist und je schlechter sie sich bei der Sache fühlt, umso lauter krakeelt sie und stochert mit dem Zeigefinger in der Luft umher damit doch noch irgendwer mitverantwortlich sich zeigen möge, anstatt, dass sie einfach sagte: es tut mir Leid. Rote Köpfe, schneller Puls, für nichts und wieder nichts und ich bin sowas von zu erschöpft, dass ich gar nicht mehr weiß ob ich nun krank bin oder irre oder einfach ausgebrannt. Und ich sage zu ihr: mach es wie es für dich am Besten ist und hoffe, dass sie sich mies fühlt dabei, ich Kleingeist. In diesem Zustand ficht mich dann sogar Internetzeugs an und ich fühle mich so jämmerlich wie Madonna, als sie ihren Freunden klagte wie sehr sie verkannt wird im Vergleich zu der mediokren Sharon Stone und ich denke: ich werde so sehr verkannt, im Vergleich zu mir selbst. So sehr! Wenn ich wenigstens mal sowas wie eine anständige Freundin wäre, wenn es dazu mal käme, rein zeit- und kopfmäßig. Emails könnte man ja mindestens beantworten, oder sms, aber ich komm gar nicht dazu, weil die einen krakeelen, die anderen aus der Narkose erwachen, ich selbst immer noch malade bin und weil der Bürzel in Flammen steht und die Flügelschläge aus der Achsel heraus nix nützen gegen das Lodern am Heck, da kann ich mich noch so abflattern, das Gewedele facht (nicht ficht!) das Feuer nur unnötig an und mit dem Hinterkopf lässt sich nun mal keine Kerze auspusten.

Der Countdown läuft. In zwei Wochen bin ich auf der Zielgeraden und hab die Alpen schon vor Augen, sofern sie nicht nebelverhangen sind. Doch auch das wäre mir vollkommen schnuppe (wie ich Worte mit Doppelkonnssonannten liebe!) ganz egal, so egal. Schlafen und keinen Briefkasten öffnen. Nicht mal Mails oder sms angucken. Einfach gar nix. Schweigen, dösen und ab und an ein Augenlid heben, um zu schauen was der Hund macht, der hoffentlich das Gleiche tut wie icke: schweigen dösen, Lid heben und weiter pennen.

Das brauchen wir, tikerscherk, Töle und icke.

Der Bekannte behauptet nämlich tikerscherk wäre gar nicht ich. Viel zu abgeklärt wäre (oder sei) tiker im Vegleich zu mir und tausendmal durchgedrehter wäre ich (also ich jetzt!) obendrein. Echt? erkundige ich mich ungläubig und überrascht und ein wenig peinlich berührt, ist nicht vielleicht tiker doch ein bisschen übergeschnappter als ich? Nein, schüttelt er bedauernd den Kopf, La Überschnapp (Doppel-p) c ´est toi, da beisst die Maus keinen Faden ab und darüber verhandeln lässt sich schon gerade nicht, sind ja nicht bei Miss E.Mission Zuhause, und nach längerem Drübernachdenken ist das auch eigentlich ganz logisch und ich nicke zustimmend, denn tiker muss nur aufschreiben was ich durchlebe und während ich on stage oder in the Waschmaschine bin, Schleudergang, mit etwas Glück nur Wollwaschgang und mit noch mehr Glück Imprägniermodus, sitzt tiker mit hochgelegten Beinen da, feilt sich die Nägel und tippt ab und an ein entspanntes Sätzchen in ihr kleines Katastrophenblog (Hintergrundbild: eine gigantische Welle, die sich aus dem Alpenmassiv heraus löst und das Tal flutet, dass die Kühe erst möh! rufen und dann losschwimmen und schließlich mit kastigem Rumpf auf den Dächern stehen und lachen). Abgeklärt sein, süß gucken und launige Sätzchen oder Kommentare hinwerfen, das kann tikerscherk aus ihrer kommoden Position heraus. Doch erst muss das tiker-ich durch Berlin Mitte stratzen und bei Yoli einen frozen yoghurt (angerührt aus Magermilchpulver) essen und dort auf einmal kapieren, was all diese sophisticted raunenden Berlinmitteblogs eint und zusammenhält, was das snobbyhaft zurückgenommene Mittefeeling ist, das auf Labeln und auf Galerien gründet, wie das tikersnobbige auf Wagenburgen und auf Staub, und in Mitte fragt sie (also ich) sich plötzlich wieso sie die letzten zwanzig Jahre nicht mehr durch dieses supersanierte Mitte gegangen ist, durch das Linien/ August/ Münzstraßenmitte, wo die Acnejeansträgerinnen catwalken und die Häuser viel schöner sind als in Kreuzberg und wo die Menschen die tikerdarstellerin ansprechen auf ihr malerisch und aus der Zeit gefallenes Äußeres, wie sie da so mitten im Gips Hof auf dem Stuhl sitzt, den kranken Hund unter dem Arm, eine viktorianisch züchtige Bluse am Leib, den gepflegt melierten Mann mit dem schwarzen Windhund an ihrer Linken, und ringsum schattiger Backstein und dahinter eine nur bis zum 6. Lebensjahr zu betretende Grasinstallation. Nicht mal Geschichten sind das, die das tiker-ich erlebt, sondern nur Licht und Höfe und Flair und Blur und tieffliegende Spatzen und tiefgreifende Wehmut des stetig verrinnenden Lebens, und alles das muss die tikerfrau ranschaffen für die schreibende tiker, die ganz entspannt ihr kleines Blog führt und dort abgeklärt in den doppelten Spiegel hinein parliert während hinter den Kulissen mit jeder Faser und bis zur totalen Selbstverausgabung gelebt und geliebt und gelitten wird. Ja, er hat Recht, der Bekannte: tiker ist nicht ich, die tikerfrau. Doch bald macht die tikerfrau Urlaub und tiker, die queen of mirrors, bleibt in ihrer Kiste. Denn dann bin ich dran, ganz in Ruhe, ganz allein, looking forward to the Reprise of the alpenländische Vexierspiel.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Visit Berlin, Clärchens Ballhaus, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

20 Kommentare zu “kandideln

  1. wie gerne ich dich lese! oder tiker oder, ist ja auch egal, auf jeden Fall diesen tikerscherkblog…
    späte Abendgrüße aus den Bergen mit malerischen Nebelfeldern und einem Sonnenuntergangsguckloch mit roten Wolken am Rand, wo es sonst von dunkelgrau bis hellgrauweiß changierte, ja es regnet jetzt auch schon wieder und noch finde ich es gut!

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  2. Yep…. ein fulminantes Text:-)
    Wir sind ja eh alle mehr als nur das eine selbstchen und das ist ja auch ganz wunderbar so.
    Wo kämen wir hin, wenn wir immer nur die eine wären? Schröcklich….. und bald sind Se ja im schonwaschgang mit alpenveillchenduft und weichspüler und allem pipapo!

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  3. Ja liebe tiker und tikersherk niemand ist wie er ist und keiner wie er berichtet. Deine Texte und Betrachtungen haben mir auch dieses Jahr viel bzw. wie der Balinese sagt viel2 also unzählbar viel gegeben. Danke dafür. Das Rad dreht schneller je mehr wir an Routine arbeiten und langsamer wenn wir Neues entdecken und in der Auszeit andere Wege versuchend gehen. tom

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  4. … und in Mitte fragt sie (also ich) sich plötzlich wieso sie die letzten zwanzig jahre nicht mehr durch dieses supersanierte Mitte gegangen ist, durch das Linien/ August/ Münzstraßenmitte …

    Weil es in dem Mitte hinter all dem Getue und Gemache zum Brechen langweilig, öde und flach ist, weil tiker sich dort wahrscheinlich fremd und unterfordert gefühlt hätte und weil es dann keine tikerscherk und keine Katastrophenchronik gäbe. Und das wäre schon wirklich sehr schade.

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  5. Das Leben so einreichen das keine so arge Flucht nötig ist, vermutlich ein leichter Satz den man da so schreibt. Ich wünsche dir das es bei dir da auch mal wieder mehr hin geht.
    Liebste Grüße vom Blogger-Ich zum Blogger-Du

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  6. Hau mich doch nicht immer um, mit diesen Texten, gerade, wenn ich auf eigenen wackeligen Beinen stehen will. Und woher zum Donner kommt der Name tikerscherk (das hab ich dich schon gefühlte abnorme 25 Jahre fragen wollen)? Ich meine, wer, der Texte wie bestes konzentriertes Guinness (könnte auch Single Malt Whiskey sein, aber ich fahr bald nach Dublin, da gehört sich Guinness), verfassen kann, kann davon reden, dass sein Leben noch vor den Texten kommt?

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  7. „und wo die Menschen die tikerdarstellerin ansprechen auf ihr malerisch und aus der Zeit gefallenes Äußeres“ Stark. Also der ganze Text, aber ich nehme das mal pars pro toto. Viel Freude im Alpenländischen! Bitte ohne Muren oder Kuh und Mensch mitreißenden Katastrophenwellen.

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