the unexpected virtue of ignorance

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Letztes Jahr am Geburtstag Kierkegaards und Marx´ war es warm. Heiss sogar. Und ein knochiger Mann mit graumeliertem, langem Bart saß mitsamt seiner Entourage, bestehend aus schweigenden Frauen, körpersprachlich ihm zugewandt und in ihrem ernsten Ausdruck an das Gemälde American Gothic von Grant Wood erinnernd, auf einer Bank vis à vis der Marx-Engels Bronze und blickte auf das Festchen zu Füßen seiner politischen Vorbilder. Eine rote Nelke in den Händen nickte er dann und wann. In seinem Rücken, dort wo einmal der Palast der Republik gestanden hatte, das werdende Stadtschloss

Das Wetter ist schlecht, kalt und nieselig, zumindest in meiner Straße. Außerdem hat´s hier ab 6.30 Uhr morgens schon Gerüstbauerlärm an der steinigen Nordwand, die dürfen das, ich hab´s nachgelesen, und das missfällt mir, wie mir so vieles in der Welt nicht passt und taugt. Beispielsweise gehe ich davon aus, dass der größere Teil meines Lebens bereits hinter mir liegt. Da nützt auch das Nichtrauchen und die gesunde Ernährung nichts mehr. Seit ca. zwei Wochen bin ich deswegen auf die beinahe ausschließliche Kalorienaufnahme durch Kuchen umgestiegen, und was soll ich sagen: es bekommt mir vorzüglich. Es macht mich zufrieden, beinahe glücklich, insbesondere, wenn der Kuchen große Mengen dunkler Schokolade enthält. Obstkuchen mit Glibber obendrauf esse ich nämlich grundsätzlich nicht, wegen der Gelatine, bestehend aus gekochten Knochen und Rindersperma. Rhabarberstreusel und Pflaumenkuchen hingegen mag ich gerne, gibt’s aber leider nirgendwo zu kaufen, denn beiden fehlt das amerikanische Vorbild, der casual Glam, der american appeal, ohne das/ den man in der Kuchenwelt heutzutage kaum noch einen Fuß auf die Erde oder in die Tür bekommt.
Ceci n´est pas un texte anti-américain.
Als mein Lieblingsobst seien an dieser Stelle Brombeeren erwähnt, frisch von der Hecke und unbehandelt. Passt thematisch nur halb und Schuld daran hat Twitter.

Denn Twitter, dieser für mich relativ neue Zeitvertreib, höhlt bedauerlicherweise seit einigen Wochen meine Schreibkraft, mein Schreibinteresse und meine Konzentration aus. Was soll ich lange rumfuddeln und – tippseln, wenn ich genauso gut in zwei kernigen Sätzen nix sagen kann, kaum jemand mir dabei zuhört und meist niemand antwortet.

Die Art der Kommunikation erinnert mich angenehm an absurdes Theater. Reden, einfach reden, irgendwas spinnt sich, auch thematisch, entlang der Timeline zusammen, ein Gefüge, ein großer Text, verfasst von allen Teilnehmenden. Ein nettes Plätschern, unterbrochen nur von einer großen Welle ab und an -hui!- ansonsten Zwitschern, ein hübsches Konzert von früh bis spät. Doch Obacht, wenn der Kater kommt! Ich schätze in zwei- bis drei Wochen ist es soweit.

Der Zug des Bekannten indes fährt in die ganz und gar entgegen gesetzte Richtung, sagt er. Keine Nachrichten, keine sozialen Netzwerke, keine Medien. Zwanzig Mal am Tag online nach dem Wetter schauen, ansonsten Rückzug, Bücher, Gedanken. Den Weg Erwin Hapkes gehen, der ihm viel im Kopf herumgeistert und von dem er glaubt, dieser habe möglicherweise mit Asperger gelebt, eine Diagnose, die der Bekannte auch für sich selbst nicht ausschließt.  Ich bitte ihn darum, mir Bescheid zu geben, wenn er irgendwann soweit ist, ganz auszusteigen. Mach ich, sagt er, ohne den Blick vom Buch zu heben.

Twitter ist übrigens auch Schuld daran, dass sich meine Tendenz von Thema zu Thema zu springen noch verstärkt hat, was die Kommunikation mit mir weder einfacher noch schöner macht. Ich aber mag es, das wilde Kreiseln. Es hat was hysterisch Beschwingtes, etwas rasend Lebendiges, und das tut mir, als Mensch, der vielleicht schon auf der steil abfallenden Rutsche der zweiten Lebenshälfte sitzt, auf eine schmerzhafte Weise gut.

 

Gestern las ich, dass Daliah Lavi gestorben ist. Heute erfahre ich, dass nicht nur Marx und Kierkegaard Geburtstag haben, sondern zugleich auch Welttag der Hebamme ist. Morgen soll der geistlichen Berufe gedacht werden,  am 9. Mai, dem Tag der verlorenen Socke, jährt sich der Tod meiner Mutter zum ersten Mal und am 27. Mai feiern wir alle zusammen den Welttag des Purzelbaums. Niemand wird vergessen.

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, flickr, Gilles Deleuze
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

13 Kommentare zu “the unexpected virtue of ignorance

  1. Twitter ist ein dissonanter Chor, den man sich selbst zusammen stellt. Vor allem, wenn man niemand aus der Time line persönlich kennt, kann man wunderbare Dinge sehen (vor allem, wenn man gerne von Assoziaton zu Assoziation treibt). Auch meine Online-Droge der Wahl.

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    • Dissonant aber nur selten kakophon. Ich mag das. Meinen Chor gestalte ich regelmäßig ein wenig um. Mal mehr Bässe, ein ander Mal mehr Sopran. Nur die Superlauten hab ich inzwischen rausgeschmissen.
      Doch, Twitter ist eine nette Droge.

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  2. Das Ende der Zeit. Text hat mir gut gefallen. Habe mich dem Insta und Twitterwahn bislang nicht gestellt, allein, weil ich glaube, ich würde nur noch spielen damit, wie damals, als Mario aufkam und ich stundenlang allein im Zimmer saß mit ponk ponk jetzt noch den letzten Unterwasserfilm … und ponk, einmal durchgespielt – war ich entweder wachmüde oder allein – am Tag dann zum Glück wieder Begegnungen mit Menschen – die scheinen inzwischen auch vorbeizuziehen. Ich persönlich weiß nicht mehr wo wir sind. Es steht ein heller Monitor zwischen mir und euch da draußen – dem ironisch zu begegnen, fällt auch nicht leicht … ein sehr eigenartiges Spiel. Das Ende der Zeit im Buchstabenwald. Ohne das Rauschen der Buchen, der Fichten und Tannen. Der Wald war mir schon immer ein Ungeheuer. (Mir ist da oben was aufgestoßen: „mir kaum jemand mir dabei zuhören“(der Pfennigfuchser in mir – kleine Rechtschreibkorrektur.) Ich mag den Text. Lieben Dank.

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  3. Eine Art Ironiekeuchhusten.
    Twittern, ne, kommt für mich nicht in Frage. Weil.
    Deine Texte sind anders. Schreib bloß weiter, ich will hinter alle Biegungen deines Lebens gucken.

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  4. Ich komme grad vom täglichen Rundgang im Stadtwald heim. Dort zwitschern die Vöglein, o wie banal. Tja. So. Aha. Wie? Die hatten am gleichen Tag Geburtstag? Oder wars der Todestag? Und jemand erinnert sich? Wie? Was? Ist ja doll, was man so nebenbei alles erfährt. Na dann zwitscher mal schön mit, liebe tikersherk. Ich lese lieber deine Langtexte.

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    • Marx udn Kierkegaard feierten am gleichen Tag Geburtstag. Kierkegard starb am 11.11.1855. Wenn der mal nich ein Ding mit Schnapszahlen (zu) laufen hatte.

      Ich versuche mich weiter an Langtexten. Da die Zeit vor lauter Arbeit grade knapp ist, passt Twitter derzeit gut als Ausdrucksform.

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