bluten lassen

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Meine Schwester konnte ihre Zunge bluten lassen. Vorsätzlich. Dafür streckte sie diese weit heraus, schloss die Augen und ließ die Zunge auf mir völlig unbegreifliche Weise prall anschwellen, als habe sie einen schweren allergischen Schock erlitten. Die Zunge verfärbte sich während dieses Vorgangs, das Rot wurde intensiver und schon traten aus den stark gedehnten Poren, den winzigen Öffnungen zwischen den Geschmacksknospen, feinste Blutströpfchen aus, die sich nach und nach zu großen und immer größeren Tropfen zusammenschlossen, welche ineinanderliefen, bis schließlich ein dunkelroter Film die gesamte Zunge bedeckte und an den seitlichen Rändern bereits die ersten Tropfen sich sammelten. Dann reckte meine Schwester ihren Hals nach vorne und ließ das schwere dunkle Blut auf den Teppich abregnen, wo es versickerte.

Das gleiche Kunststück beherrschte sie mit ihrer Unterlippe.

Ich bin sicher sie hätte es eines Tages auch aus ihren Handflächen bluten lassen können, wenn sie noch ein wenig dabei geblieben wäre. Doch irgendwann erlahmte ihr Interesse an dieser außergewöhnlichen Gabe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, El Espejo Humano, Anna Castillo Pelicula 11, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

14 Kommentare zu “bluten lassen

  1. Meine Güte, sie hat eine Karriere als moderne Heilige unbedacht verspielt 😊. Bisschen Blut noch aus Augen, Händen und Füßen und die Welt hätte ihre Hysterie kanalisieren können und Ihre Schwester anbeten.
    Spooky und auch irgendwie lustig diese Gabe….. h

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  2. Die Titel ändern sich und werfen plötzlich ein anderes Licht auf die Geschichten. In der Adresse bleibt die Spur noch sichtbar.

    Ich fand als Kind Stigmata immer furchterregend: Was, wenn einem selbst so etwas passierte? Wahrscheinlich hat uns unsere wahnsinnige Religionslehrerin von Theresa von Konnersreuth erzählt. (Bei Franziskus fand ich’s nicht so bedrohlich.)

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    • Meine Titel sind zu Beginn oft Arbeitstitel. Erst nach der Veröffentlichung weiß ich wie die Texte heissen sollen. Stigmata klang mir zu eindeutig religiös.
      Die Resi von Konnersreuth musste ich nachlesen. Blutstränen- wie gruselig.
      Mich interessiert ja auch die Selbstentzündung als Phänomen und wie die wohl vonstatten geht. Ich werde meine Schwester bitten mal mit dem kleinen Zeh zu üben und berichte dann.

      (Was konnte der Heilige Franziskus denn? Mit den Tieren reden und noch mehr?)

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      • Es gibt eine Reihe von bayrischen Mystikern des letzten Jahrhunderts, die ich wirklich furchterregend finde. Die Konnersreutherin ohnehin. Irgendein Seher aus dem Bayerischen Wald, der das Ende der Welt vorhergesagt hat, wenn die A71 fertig ist.
        Franziskus hatte (wenn ich mich richtig erinnere) am Schluss auch Stigmata.

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  3. *hmpf*…

    (Übrigens: Ich kann ein Tempotaschentuch in meinem linken Nasenloch verschwinden lassen und dieses dann kurze Zeit später wieder aus dem rechten Ohr hervorholen. Das mit der Zunge Ihrer Schwester ist aber Längen besser.)

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    • Das würde ich nicht sagen. Fremdkörper quer durch den Kopf ziehen zu können und danach noch in der Lage zu sein denken, schreiben und malen zu können, grenzt nicht nur an ein Wunder, es ist eines.

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