Ungeschaffenes Licht

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So viele Dinge, die ich nachschlagen wollte und bis zum Morgen vergessen hatte.
Wolfenbüttel, Paul Rabe. Zweite Vornamen großer Persönlichkeiten. Die anderen erinnere ich nicht. Vielleicht kommen sie zu mir zurück, eines Tages. Sonst sind sie wahrscheinlich nicht wichtig.
Marbach. In den Berg gebauter Brutalismus. Unten die Archive für die Ratten, die dort ihr ganzes Leben verbringen. Schriften, Schriften, Schriften. Festes wieder flüssig machen, die Buchstaben zum Tanzen bringen.
Nietzsche kannte das Eislaufen, wer hätte das gedacht?
All das, es schmerzt, dass es mir beinahe den Schädel zersprengt.
Im nächsten Moment wieder stehe ich auf diesem Gipfel und die Luft ist so klar und kühl wie auch mein Kopf und ich kann ganz weit blicken, bis zur gegenüber liegenden Seite und hinunter ins Tal und ich weiß, daß alles richtig ist, so wie es ist und ich selbst das größte Geschenk des Universums an mich selbst bin. (Ja, zwei Mal Selbst und noch immer nicht oft genug). Und eine Sicherheit und kristalline Liebe die gar nicht warm ist, sondern kühl wie die Brise, die mich nach dem Erwachen vom Tode anwehte, durchströmt mich. Ich, die ich mir niemals abhanden kommen will, wenn nicht der Alzheimer eines Tages auch mein Gehirnstüberl behausen wird, wie schon das der Mutter und der Großmutter. Wie wir uns wieder treffen werden an diesem Ort der Umnachtung oder der unverstellten Wahrheit die kein Gestern und kein Morgen kennt.
Nietzsche schon wieder, der Wandernde, der im Gehen schrieb.
Ein Tag in Rothenburg ob der Tauber. Auf dem Weg ins Kriminalmuseum. Ich schreibe eine Postkarte. Das Kopfsteinpflaster und die Mittagshitze hinterlassen ihre Spuren auf der Erinnerung, die ich verschicken werde. An den Vater, den lieben, lieben Vater. Einer dieser Tage mit dem Mann, der mir viele Jahre später einen Heiratsantrag machen wird, den ich annehme um dann zurück in die Arme des anderen zu fliehen und mit ihm an den Karberg zu fahren, wo wir in der Frühlingssonne auf der Wiese liegen und die ersten Grillen zirpen, der Hund neben uns und der Himmel so weit. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein Teil davon bin. Nur für diese kurze Zeitspanne materialisiert um mich wieder aufzulösen. Diese Furcht vor dem Großen die mich überwältigt, wenn ich ins Weltall blicke. Die unendliche Endlichkeit und meine eigene Bedeutungslosigkeit. Nichtigkeit. Das große gnädige Nichts.

Oben leuchten die Sterne, unten leuchten wir

Woran ich mich im Rückblick erinnere ist ein Sonntagnachmittag im Licht. Und wie wir uns auf der Straße trafen und Du mich nicht erkanntest im unwirtlich nebligen Dunkel vor den freudlosen Platten. Der Blick, den ich noch nie gesehen hatte. Ferngesteuert. Und wir stiegen in die Geisterbahn, die uns durch die Straßen schob, durch den merkwürdigen Park am Ende der Friedrichstraße, wo die Armut so niederschmetternd ist, dass Andere sie als Tapete und Bühne nutzen. Und diese Trostlosigkeit ist schlimmer als die der Ungetrösteten.
Der Herbst, der die letzten Rosen begräbt. Die Kälte,  die sie welken lässt und die Farbe aus ihnen heraus saugt, bis sie erblassen vor ihm und sich fügen. Und sie erstehen nicht wieder auf. Neue werden nachwachsen aus den gleichen Wurzeln. Werden es dieselben sein?

Das Schiff des Theseus

Das alles sind gar keine Fragen sondern nur der Blick vom Berg, dessen Panorama überwältigend und majestätisch und unberührt bleibt, auch wenn das Tau an dem wir hängen sich immer weiter aufdröselt und schließlich reisst und wir abstürzen.
Vom Boot, das auf dem Wasser treibt, der Strömung folgend, schweift der Blick zum Ufer und betrachtet es. Die Möglichkeiten, die es gegeben hätte. Das wäre Ihr Preis gewesen. Wäre oder war? Und Beinahe ist am Ende genau das Gleiche wie Nichts.
Wie bedeutungslos manchmal Zeit ist. Und ich weine dann doch noch.
Ob vor Erleichterung oder Zuversicht oder Schmerz weiß ich nicht und es spielt auch gar keine Rolle. Hauptsache es fließt, denn es führt ja doch immer an die gleichen Gestade, ans Ende der Welt. Und ich blicke zum Himmel, von dem die Novembersonne herab scheint und schicke einen ehrfürchtigen Gruß nach oben, der in meinem Herz nachklingt, wenn ihn auch sonst niemand hört.

13 Kommentare zu “Ungeschaffenes Licht

    • Ein großes Ganz. Ja, das ist er. Ich bin selbst ganz erstaunt.
      Er wurde mir von Etwas oder Jemandem diktiert. Ecriture automatique in 15 Minuten. Nur ein Wort habe ich hinzugefügt, denn dieser Text ist ein Brief.

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  1. Wieder und wieder (und vielleicht auch nochmal) gelesen und immer ist er ein wenig anders. Und wenig ist viel. Bilder die dahinfließen, sich verknoten und wieder auflösen und Gedanken die wie Morgentau auf einer offenen Blüte perlend Licht brechen. Und da wo sie abgleiten und zu Boden (nicht zu Grunde) gehen, wächst eine neue Blüte, knospt heran und auf, wartend auf den kühlen Gruß frühmorgendlicher Sonnenstrahlen, die ein wenig Geduld erbitten, weil sie erst noch den Nebel durchdringen müssen. Aber was ist schon Zeit…

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  2. Pingback: Überbleibsel | Zurück in Berlin

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