Vom Schreiben, vom Leben und vom Glück (ein Award)

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Sabine, formerly known as Rock´n´Roulette, hat mich für den Liebster Award nominiert.
Das freut mich ganz besonders, weil wir beiden uns schon seit unseren Bloganfängen kennen, sich unsere Wege immer mal wieder verlieren und dann doch wieder kreuzen, so, wie jetzt. Herzlichen Dank für die Nominierung und die interessanten Fragen, liebe Sabine!

Und hier meine Antworten:

Wie fühlt sich Glück an?  Warm (happines is a warm puppy).

Warum? Es gibt kaum etwas Schöneres, als eine warme Hand im Nacken oder auf der Stirn zu fühlen, den warmen Bauch eines Welpen zu streicheln, am flaumigweich duftenden Kopf eines Kindes zu riechen, ein vibrierendes Meisenkind in der Hand zu halten, das warme Blut durch die Adern fließen zu spüren, zu leben. Wärme ist Leben ist Glück.

Wo warst du zuletzt am liebsten? Die schönsten Tage des Jahres verbringe ich alljährlich in den Alpen. Dieses Mal in Murnau. Es gibt nichts, was mir soviel inneren Frieden und Ruhe gibt, wie die blaue Silhouette der Berge, ihre stille Erhabenheit und die unvergleichliche Luft. Am Abend oben auf dem Feldweg zu stehen und auf den vergoldeten See zu blicken, ist für mich ein unbeschreibliches Glück.

Was war 2016 für dich? Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist und die Welt ins Strudeln geriet.

Was wirst du mitnehmen, was hast du gelernt? Ich habe gelernt Abschied zu nehmen und zu verzeihen. Meine Erwartungen dem Leben anzupassen und nicht umgekehrt. Und ich habe gelernt, dass das, was man am wenigsten erwartet jederzeit geschehen kann. Die wichtigste Lektion des Jahres ist: nicht warten, nicht aufschieben: the future is now.

Was hältst du vom NaNoWriMo? Das hat irgendwie mit ganz viel schreiben in ganz kurzer Zeit zu tun, oder? Dazu müsste ich mir erst mal eine fundierte Meinung bilden. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich ganz gut ein Konzept zu haben, mit dem man sich zum Schreiben motivieren kann. Ich brauche das aber eigentlich nicht, denn ich muss sowieso jeden Tag schreiben, weil mir sonst was fehlt. Da ich keine Botschaft habe, nicht berühmt werden will, kein Buch veröffentlichen möchte, im Grunde meines Herzens faul und ohne jeden Ehrgeiz bin, es außerdem lieber überschaubar und familiär mag, reicht mir sowohl mein Output, als auch die Reichweite meines Blogs. Alles andere wäre mir viel zu anstrengend und trübte nur meine Freude. Um die allein geht es mir aber beim Schreiben. Sie ist mir Motor und zugleich Belohnung (neben den vielen klugen und freundlichen Kommentaren natürlich).

Wie funktioniert Schreiben für dich? Wenn es gut läuft schreibt es mich  (écriture automatique) und ich bin nur das Medium, das den Stift hält,  bzw.das Diktat über die Tastatur auf den Bildschirm bringt. Manchmal ist Schreiben auch Arbeit, bzw. eine Übung. Dann feile ich, denke nach und korrigiere, suche Synonyme oder Antonyme, denke über Alliterationen nach, verknappe meine Sätze systematisch, streiche wertende Adjektive usw. Heraus kommen dann meist die Texte, die technisch einwandfrei, aber für mein Empfinden vergleichsweise blutleer und kalt sind, also keine Seele haben. Gute Texte schreiben sich wie im Vollrausch und hinterher bin ich erschöpft und überrascht , was ich da zustande gebracht habe. Wenn ich dem Kopf zuviel Raum lasse und plane, wird das nix.

Happy End oder realistische Sachlichkeit? Meine Texte sind selten fiktiv, deswegen gibt’s nur ein Happy End, wenn es ein Happy End im `richtigen´ Leben gab (insofern  also eher realistische Sachlichkeit). Als Katastrophenchronistin geht fast jedem glücklichen Ende ein spektakulär anstrengendes Vorspiel voraus, das Happy End ist daher eher so etwas wie erleichtertes Aufatmen, die Ruhe nach dem Sturm, die Freiheit des nothing-left-to-do, oder das Trümmerfeld mit seinem Versprechen bzw. der Hoffnung des Neuanfangs.

Worüber würdest du am liebsten alles wissen wollen? Am allerliebsten möchte ich über gar nichts alles wissen. Ich liebe Geheimnisse, ich liebe es immer weiter lernen zu können, in allen Bereichen. Ich möchte nicht an einem Ende ankommen. Mich interessieren Fragen und weniger die Antworten darauf. Antworten müssen neue Fragen aufwerfen, sonst wären sie eine Sackgasse, in der alle Entwicklung endet. Ich bezweifle aber ohnehin, dass man über irgendetwas alles wissen kann. Ich würde trotzdem gerne mein Wissen in dem einen oder anderen Gebiet vertiefen, z.B. über Geschichte, Architektur, Biologie u.a.m.

Wenn du eine Sache ändern könntest – was wäre es? Könnte ich nur eine Sache ändern, dann würde die G. nicht an Krebs sterben. Und wenn ich noch etwas ändern dürfte, dann wäre ich nicht krank.
Global gesehen wären natürlich ganz andere Dinge wichtig, ich verstehe die Frage aber jetzt einfach mal nur auf mich und meinen Kreis bezogen.

Wenn du eine Sache bewahren könntest – was wäre es? Mein Vertrauen, meine Liebe.
(Liebe ist Wärme ist Leben ist Glück).

 

 

 

Müsik zum Glück: Eric Satie, Gnossienne no. 5 (überirdisch schön!)

(youtube-Direktlink)

Dieses Mal reiche ich den Liebster-Award nicht weiter. Sollte aber jemand Lust haben, die Fragen zu beantworten, kann er/ sie dies sehr gerne in der Kommentarspalte tun, oder im eigenen Blog.
Ganz herzlichen Dank nochmal an the fabulous Rock´n`Roulette!

Bild: Johann Ebend, Fliegender Teppich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
 

Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Sechs Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

still alive

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Der Oktober naht und mit ihm mein Geburtstag. Der zweite.
Das Licht ist ähnlich jenem vor zwei Jahren, die Luft ist mild, der Herbst kommt heran mit großen Schritten und ich fühle mich sehr Zuhause in dieser Zeit des Wandels.

Am 5. Oktober 2014 hat mich ein Feuerwehrmann der Berliner Feuerwehr wieder ins Leben zurückgeholt.
Wer sich diesen besonderen Menschen anschauen und etwas über seine wichtige Arbeit erfahren möchte, kann das hier beim Kiezrekorder tun.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt er ab ca. Minute 6 davon, wie er es erlebt, wenn ein Mensch, mit dem er eben noch gesprochen hat, stirbt und die Seele den Körper verlässt. Direkt im Anschluss berichtet er, wie er mich nach meinem Herzstillstand wieder ins Leben zurückholen konnte.
Das noch einmal zu hören hat mich sehr berührt.
Ich bin für jeden einzelnen Tag dankbar, den ich seit dem 5. Oktober erleben durfte und ich freue mich auf und über meinen nahenden Jahrestag.

Ein Hoch auf Feuerwehrmann Ludwig (und auf die Berliner Feuerwehr. Auf alle anderen Feuerwehrleute und Lebensretter natürlich auch)!

 

(Dank an Stony für den Hinweis und den Link!)
Bild: screenshot v Teil II des Interviews

David

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Alles fließt und entzieht sich der Sprache.
Schweigen, Stille, auf See und Feld und die Berge ringsum blicken.
Über allem dieser große weite Himmel und die würzige Luft, die ich atme.

Am Abend die beiden Pferde auf der Koppel, die im Wolkenglühen ausgelassen miteinander spielen. Begleitet jede Bewegung von dem heiteren Klang der Glocken um ihren Hals, ihre warmen Nasen und die vertrauensvollen weichen Lippen, bereit das Gras, das ich ihnen anbiete, sachte von meinen Händen zu pflücken. Große dunkle Augen mit dichten Wimpern.
Klingelnd traben sie davon, als wir weitergehen und ich bewundere die vollendete Schönheit ihrer Flanken, die anmutige Linie des Halses, ihr ganzes fragloses Sein.
Heiser tutet der sich nähernde Zug. Eine Glückskatze huscht über die Gleise und ich halte den Atem an. Geduckt bleibt sie auf der Dorfstraße stehen und dreht sich um, zu den roten Wagen, die rauschend vorbeiziehen und für einen Moment den Blick auf den goldenen Spiegel des Sees verdecken. In der Ferne improvisiert jemand auf einer Trompete, der Hund spitzt die Ohren.
Mein Herz jubelt.

Als ich in Konstanz ankomme erinnere ich mich auf einmal an den Jungen, der die Zwölfjährige, die ich damals war, an der Haltestelle nahe meines Elternhauses ansprach. Wir stiegen zusammen in den fast leeren Bus, setzten uns auf die hinterste Bank und der Junge, der sich dicht neben mir platziert hatte, legte seine ausgestreckten Arme links und rechts auf die Rückenlehne. Eine intime Geste, die mich ob ihrer unbotmäßigen Vertraulichkeit einerseits beschämte, mich aber zugleich auf eine ungekannte Weise elektrisierte und ein helles Gluckern in meinem Innersten weckte, dem eines sommerlichen Brunnens ähnlich. Ein Vorgeschmack auf ein freies Leben als Erwachsene, das ich eines Tages würde führen dürfen.
Entspannt und voller Selbstvertrauen saß der Junge da, sein Gesicht mit den dunklen, geraden Augenbrauen mir zugewandt, und erzählte von sich. Aus Konstanz komme er, sagte er, sein Großvater sei ein erfolgreicher Flugzeugkonstrukteur gewesen, seine Familie infolgedessen sehr reich. Sie lebten in einer Villa am See und besaßen weitere Villen über das ganze Land verteilt. Er nannte mir seinen Nachnamen, ob ich den kennte. Ich schüttelte den Kopf.

Ich interessierte mich nicht für Flugzeuge und alles Wissen, was ich über sie hatte, stammte von einem Quartett, das wir früher bei den Treffen unserer Großfamilie mit den Cousinen und Cousins gespielt hatten. Gemeinsam saßen wir Kinder dann abends an unserem Tisch, tranken Krümeltee, der so süß und zitronig schmeckte, dass wir, wenn kein Erwachsener anwesend war, das Glas aufschraubten und uns das köstliche Granulat löffelweise in den Mund rieseln ließen, derweil wir uns beim Quartett mit  Hubraum, Kubikzentimetern und anderen Dingen, die wir nicht verstanden, übertrumpften. Je mehr von allem, desto besser, das hatten wir begriffen und wer die meisten Karten einkassieren konnte, hatte gewonnen.
Auf einem dieser Treffen entdeckte ich während eines Waldspazierganges eine pulsierende Kapsel, die an der Unterseite eines Buchenblattes klebte und die spitz zulief wie ein Wespenleib. Meine ältere Cousine  sagte, es handele sich dabei um das fast fertig gereifte Ei einer Waldwespe und ehe ich mich versah, riss sie das geriffelte Blatt von seinem Zweig herunter, kratzte die Kapsel zur Hälfte mit dem Fingernagel ab, klappte sie beiseite und zeigte mir das zuckende Innere.
Ich fühlte mich elend, als sie das sterbende Wespenkind achtlos wegwarf und lachend nach vorne rannte, wo die Erwachsenen ins Gespräch vertieft gingen. Traurig bis zur Verzweiflung  trottete ich der Gruppe hinterher. Eine nicht wieder gut zu machende, schwere Schuld lastete auf mir und uns und dem Tag, die um nichts leichter wurde, als die Cousine kurz darauf von einer Wespe in den Rücken, gleich neben das rechte Schulterblatt, gestochen wurde. Sie schrie und weinte vor Schmerz, doch nichts wurde gut davon.

Die meiste Zeit schwieg ich und hörte dem Jungen zu, der unablässig redete. Ab und an lächelte ich verlegen, denn ich wusste nichts zu sagen. Was gab es über mich zu erzählen außer, dass ich gerne zur Schule ging und einmal Ärztin werden wollte. Ich hatte keine berühmte Familie und schon damals pflegte ich keine nennenswerten Hobbies.
David, so hieß er, bat mich, kurz ehe ich ausstieg, um meine Adresse. Mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse, gab ich sie ihm.
An der Konstabler Wache sollten sich unsere Wege trennen. David begleitete mich noch zur Tür, und beteuerte, er werde mir schreiben, bald schon, versprochen.
Ich trat hinaus in den hellen Sommertag und auf dem Weg zur nächsten Ampel hatte ich das Gefühl, seine Blicke im Nacken zu spüren. Seufzend setzte der Bus sich wieder in Bewegung und ich drehte mich um, als er an mir vorbei fuhr. David stand an der Tür und winkte. Ich hob die Hand zum Abschied.

Etwa zwei Jahre später würde ich anfangen, hier an der Konstabler Wache, Drogen zu kaufen, doch an jenem Tag wusste ich noch nichts davon. Ich wollte die Zeil entlang spazieren, am Frankfurter Hof und am Theaterplatz vorbei. Bis zum Main würde ich hinunterschlendern, den Fluss an der Untermainbrücke überqueren und dribbdebach zum Städel´schen Kunstinstitut laufen, wo mir mit meinem Ferienpass für kinderreiche Familien kostenloser Einlass gewährt werden würde.
Die Treppe würde ich hinaufsteigen und von Raum zu Raum gehen, bis ich auf den Mann mit dem kurzen roten Bart träfe, der dort im dunkelbraunen Anzug und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf die Gemälde achtgab und mir stumm zunickte. Sein Gesicht war ernst und schön. Seine Körperhaltung aufrecht und stark.
Den Geruch der alten Bilder und Rahmen, das leise Knarren des Holzbodens und das milchigweiße Licht würde ich in mich aufnehmen, während ich langsam umherging und die vertrauten Bilder zum ungezählten Male betrachtete. Auf einer lederbezogenen Rundbank, gegenüber der Blendung Simsons  würde ich schließlich Platz nehmen, die Zeit verrönne mit einem unhörbaren Ticken und ich lauschte ihr dabei. Erst am Abend, wenn das Museum seine Tore schloss, stiege ich die Treppe der alten Villa wieder hinab, um mich  auf den Heimweg zu machen.
Später wollte ich mit einem solchen Mann an meiner Seite leben, dachte ich.

 

 

 

 

 

 

 

Doppelte Sonne

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Um mich glimmernde / Sternchen:
Glühwürmchen spielen / Weltall am Waldrand.

(Josef Guggenmos)

 

 

 

Bei E 23 sind wir vom Weg abgebogen.
Auf einem bemoosten Grabhügel ohne Stein haben wir die Lilien abgelegt.
Fünf Menschen, zwei Hunde. Töle musste Zuhause bleiben, zu wackelig und schwach.

Gut wird nichts dadurch, aber das Staffelholz ist weitergereicht an eine andere Linie.
Den Ring, den ich als Jugendliche bekam, trägt jetzt ein Mensch, der ihm eine neue Bedeutung geben wird.

Am Abend die doppelte Sonne über den beiden Türmen.

/

Von draußen vibriert die Musik in meine Wohnung, Hofgelächter. Klänge vom Platz. Gleich zwei Feste finden dort statt, eines für Bücher und eines von Flüchtlingen und Ströbele tritt in der Kirche auf.
Warme Sommerluft weht durch die geöffnete Terrassentür in die Küche.
Selbst in der Dunkelheit schimmert der Garten noch grün.

Nur Glühwürmchen fehlten noch zum Glück.

 

 

 

 

 

Bild: t.truckle flickr_K5P1822.jpg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

unconditional skies

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Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

sriii sriii

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Geh in die Küche, niemand darf Dich sehen, robbe dorthin
, war das erste Kommando, das mein Hund lernte, als er noch bei den Kosmonauten lebte, eine Geschichte, so uninteressant, wie ihr Anfang.

/

Der Kanzler ist zu Besuch. Wir reden über dies und das, auch über seine neuen politischen Haltungen und Einsichten. Eigentlich redet nur er und ich höre zu. Es lohnt nicht dazwischen zu gehen, es macht alles nur hitziger und schärfer.
Später lockert sich meine Kiefersperre. Ich stelle Zwischenfragen, aus deren Ritzen und Scharnieren meine Zweifel blitzen. Das bringt ihn noch mehr in Fahrt, doch es bleibt friedlich zwischen uns.

/

Der Nachmittagsspaziergang durch die Königsheide war eine gute Idee. Nach anfänglichem Zögern läuft der Kanzler entspannt mit und ist gefangen von der Lieblichkeit des Waldes. Hoch steht das Gras zwischen den Bäumen, das Licht fängt sich in den Härchen des Glatthafers, die Blätter der Maiglöckchen leuchten am Fuße der frischgrünen Eichen, Fliegen tanzen in der würzigen Luft und über allem sirrt das sommerliche Versprechen eines Anfangs.

Erinnerungen an la Forêt de Brocéliande, den Zauberwald, irgendwann in einer weit entfernten Zeit.

An dem rostigen Zaun des ehemaligen Kinderheimes treffen wir auf zwei ältere Frauen, beide mit Hund. Die Staffordhündin der einen trägt einen Ledermaulkorb.
Fressschutz, sage ich, als sie verwundert vor Töle stehen bleibt und deren Maulkorb bestaunt, die tut niemandem was.
Meine auch nicht
, doch sie sucht nach Menschenkot.
Uns schüttelt es. Dass die Leute überhaupt ins Gebüsch machen müssen, obwohl sie nicht mal obdachlos sind, denke ich. Ich kann mich nicht erinnern jemals. Außerdem kann man es doch danach. Aber wer denkt schon an Hundebesitzer, wenn er. Lassen wir das.

/

Seit drei Jahren kein Alkohol, auf den Tag, fällt mir auf, als wir nach dem Spaziergang in der Kolonie Hermannsruhe unter hohen Bäumen sitzen und der Kanzler seine zweite Weisse mit Schuss bestellt, während ich ein Wasser trinke. Eigentlich sollte es nur ein Jahr werden, aber dann blieb es dabei und ich vermisse nichts.
Der Unterfranke kommt angeradelt und versorgt uns mit Gebäck aus der lärmenden Tütenwelt auf  der anderen Seite des Waldes. Während wir essen schnuppern die Hunde sich durch den Garten, der mit seinem abendlichen Lichtspiel auf dunkler Erde an das Waisenhausgemälde Liebermanns erinnert.

Wir plaudern dies und das und reden über jenes, nur nicht über die verstorbene Mutter und Exfrau. Sie sitzt sowieso mit am Tisch, sonst wäre ich nicht da und der Kanzler nicht bei mir.

Am ersten Juni wird ihre Seebstattung sein.
1616, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

/

Zurückgelehnt sitze ich im Stuhl, die Arme hängen entspannt herunter. Wir schweigen, benommen von soviel frischer Luft und Fülle. Aus ihrem Schattenplatz blinzelt Töle mich an und wedelt. Ich blinzele zurück, da steht sie auf, trottet zu mr herüber und drängt den warmen Kopf in meine Hand. Mit geschlossenen Augen kraule ich ihre Ohren, langsam und gleichmäßig geht ihr Atem, bald schläft sie im Stehen ein. Wie gern ich sie habe.

Das Auto ist auf einem Parkplatz in Johannistal. Den Rückweg dorthin gehen wir über schmale Trampelpfade im Wald hintereinander her, jeder in seine Gedanken versunken und von glückseliger Wehmut erfüllt.

/

Am Abend kommen wir nach Kreuzberg zurück. Der Himmel ist groß, das Herz ist weit  und die Mauersegler vermessen rufend das große Blau.

Sriii sriii

 

Ich liebe mein Leben.

 

 

 

 

 

 

Freudenausruf mit 4 Buchstaben

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Ich kann´s nämlich auch in schön, also ohne Tod und Teufel, erzählen:
wie ich den Berg hochgegangen bin, hinter dem Betonklotz, und dem Weg folge durch ein Naturschutzgebiet, den Hund an der Leine, der seinen Kopf hebt und die Nase in den Wind hält, und wie ich dann, als ich die erste Steigung genommen habe und oben an dem Aussichtspunkt ankomme, die Wellenbrecher wiedererkenne, zwei, ineinander verschränkt, genau diese beiden, die aussehen wie alle und eben doch ganz anders, weil an der Spitze des einen ein pyramidenförmiger Stein  hervorsteht und der andere sich schmal ihm entgegenstreckt mit schlankem Bein.
Ich stehe dort und schaue und ein alter Mann kommt mir entgegen im Regen mit krummen Beinen und nickt mir freundlich zu im Vorübergehen. Seine Haut eine ledrige Landkarte, seine Hände groß und sein Leben in die müden Knochen geschrieben.

Und wie ich weitergehe und der Weg eine lustige Sinus und Cosinus-Welle macht, auf und ab, wie eine Insel mit zwei Bergen, links und rechts die knorrigen Obstbäume und Beerensträucher und unten das Meer, und ich am Horizont plötzlich den Leuchtturm erkenne, der am Ende gar keiner ist, sondern dem Gedenken dient und seine Aufgabe über die See hinweg auf besondere Weise erfüllt, und ich weiß, dass ich vertrauen kann und atme und spaziere durch die feuchte Luft Deiner Heimat, gehe weiter, folge dem schmalen Sandweg, bis ich an einem Vorsprung die Grasnarbe entdecke, auf der Du einst saßt, mit geschlossenen Augen, ein Foto nur, doch ich kenne es auswändig und trage es in mir, und hinter Dir die dreiköpfige Baumfamilie und  der eine winkt mir zu mit erhobenem Ärmchen: Hier bist Du richtig! und beinahe fühle ich mich wie die Goldmarie, als sie durch den Brunnen taucht in die andere Welt voller Wunder und Verheißungen und Glück.

Wie es dann weiterging als ich einfach weiter ging, weiß ich nicht mehr genau.

Doch irgendwann nach der großen Senke trete ich hinaus auf eine Lichtung, der Blick auf´s Meer ist frei, und am Horizont erinnert und mahnt noch immer der Leuchtturm, der weiterhin keiner ist, und ich gehe und gehe durch den Regen, schüttele die Bäume, backe das Brot, grüße den blauäugigen Husky, auf der Bank und seine ihn striegelnde Begleiterin, passiere das Achtung-Schild, mein Herz schlägt fest, unten im Wasser zwei Angler mit achselhoher Hose in eisiger Brise. Längst schon hat der Hund die Führung übernommen, und ich  lasse ihn von der Leine und folge ihm und dem Wind und Dir und stehe unversehens in dem kleinen Hain, der Pfad steigt an, ein Hang, und oben, ganz oben das Häuschen aus Pfefferkuchen fein.

Ich weiß wo ich bin, ich wusste es bereits als ich aus dem Auto stieg, ohne es zu wissen. Eine Zwischenstation, eine Ahnung, die zu Ziel und Ankunft wird, dem Ort, an dem ich ungezählte Nächte mit Dir verbracht habe, Deine Stimme in meinem Ohr und Nietzsches Leiber, Leiber, Leiber.
Wie gerne wollte ich damals Deinen Kehlkopf berühren, ihm mit der Hand folgen, während Du sprachst, seine Vibration spüren, Dein Leben ertasten. In Deine Augen schauen im Halbdunkeln, Deine Finger in meinem Haar, Dein Atem, Deine Haut ganz nah.

Das schnell gebastelte Herz aus Segelschnur hänge ich dann doch nicht an die Klinke, sondern irgendwo ins knospende Gebüsch. Den Vögeln wird es dienen, und zum Dank hinterlässt mir einer im Vorbeifliegen einen Gruß auf der Schulter.

Auf dem Heimweg über die dunkle Autobahn schaue ich den tanzenden Scheibenwischern zu und versuche zu begreifen, was sich nur fühlen lässt.

 

 

 

 

 

Bild: daidà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Behandeling

SAMSUNG
Komm, wir gehen in die Schlemmerabteilung am Ostbahnhof
, sage ich zu dem Einen, und meine damit Rewe im Souterrain des trostlosesten aller Berliner Bahnhöfe. Mit mäßiger Euphorie machen wir uns fertig für die sonntägliche Tristesse, eine kleine Runde an der frischen Luft kann uns nicht schaden, danach legen wir uns einfach wieder ins Bett. Durch den Badezimmerspiegel schieße ich ein paar Photos von uns beiden. Nie war der richtige Moment dafür im letzten Jahr, jetzt ist er da, die 25- Watt-Beleuchtung steht uns ausgezeichnet, ich mache gleich sieben. Verschwommen, zerzaust und glücklich sehen wir auf den Bildern aus, die mich schon wenige Sekunden nach ihrer Entstehung anrühren, als verwiesen sie auf einen längst versunkenen Sehnsuchtsort, ein Atlantis der Liebe, untergegangen in den Wehen der Geschichte.

Wir sind da, wir leben!

Ungeduscht und mit hochgestelltem Kragen gehen wir durch den diesigen Februarnachmittag, mich fröstelt. Der frisch gewaschene Hund trottet brav an unserer Seite. Es geht ihm wieder gut, die Krankheit scheint wirklich überstanden.

Auf der Schillingbrücke kommen uns auffällig viele auffällig gekleidete Menschen entgegen, nicht als Gruppe, sondern jeder für sich, das Berghain ist nicht weit entfernt, und ich bin mal wieder hin- und hergerissen, ob ich heute großzügig sein und ihnen die Aufmerksamkeit schenken soll, nach der es sie, auf ihre verdrogte, paranoide Weise, mit verstohlenen Seitenblicken, over-acting den Irren spielend, dürstet (Schaust Du mich an? Du hast mich angeschaut. Du glotzt mich an!), oder ob ich sie vollkommen ignorieren, links liegen lassen soll und so die Beifall fordernde Bühne mit meiner Abrissbirnen-Verweigerung in Trümmer lege.

Man müsste ein Schild bei sich tragen, denke ich, eine Pappe, auf einem Holzstab montiert, und immer, wenn mir jemand entgegen käme, dessen ganzer Habitus, dessen hungrige Existenz nach Aufmerksamkeit schreit – m´as tu vu? – höbe ich es hoch, das Schild, trüge es vor mir her, wie ein Kruzifix bei einer Prozession und blendete den Bedürftigen mit meiner gütigen Gnade:

Ja, ich habe dich gesehen!

Mit dem Ernst eines Messdieners ginge ich an ihm vorbei, das Kinn feierlich erhoben, den Blick vage ins Unendliche gerichtet.

Hoffentlich kommt einem nicht mal einer entgegen, überlege ich weiter, während wir schweigend nebeneinander hergehen, der gerade cloud nine, oder irgendeine andere Designerdroge intus hat, unter deren unheilvollem Einfluss er sich auf mich wirft, sich vor den Augen des Liebsten in mein Gesicht verbeisst, wie ein Beutelteufel in die Schnauze seines Rivalen, und auf diese Weise versucht seine unstillbare Gier nach Leben zu befriedigen.
Ich sehe mich schon am Boden liegen, den Wahnsinnigen über mir. Eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife hält an, die Beamten versuchen mit vereinten Kräften den Zombie zu überwältigen, greifen schließlich zu ihrer Dienstwaffe und strecken ihn mit einem gezielten Schuss nieder. Der Mann ist sofort tot.

Bald darauf erliege auch ich im Krankenhaus meinen furchtbaren Verletzungen und tauche als 9. Opfer des noch jungen Jahres in der Berliner Drogenstatistik auf. Irgendjemand hat am Tatort mein Handy an sich gebracht und wenige Tage später gehen die Badezimmerbilder durch die Presse.

So glücklich war sie 30 Minuten vor ihrem grausamen Tod!

Zum Glück erreichen wir den Bahnhof ohne größere Zwischenfälle und stärken uns dort mit einem Ferrero Küsschen und einem Cappuccino.
Den Nachmittag verbringen wir, wie geplant, in unserem Bett, dem Sehnsuchtsort.

Wir sind da, wir leben noch!