Okula girls

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Am Abend sitzen wir mit dem Kanzler in der Küche. Blut läuft ihm aus dem Mundwinkel, während er frei asoziiert, sich in Fahrt redet, abschweift und ausschweift und jeden Gesprächseinstiegsversuch des Bekannten mit ausgestrecktem Arm abwehrt. Ein Halbsatz und schon weiss er Bescheid.
Papa, dir läuft Blut aus dem Mund, sage ich.
Mit einer nachlässigen Handbewegung wischt er das dunkle Rinnsal weg und redet weiter. Es gibt nur eine Wahrheit; Leibniz. Das weisst du ja.
Die Scheisskirche und was er ihr am meisten verübelt: ihr Beten für Frieden, dem keine Taten folgen. Seine persönliche Evolutionstheorie, für die er gerne eines Tages einen Nobelpreis einheimsen würde, setzt den Menschen an die Spitze allen Seins, macht ihn zu einem Gott und gleichzeitig zum Ziel sämtlicher Entwicklungen der Vergangenheit.
Seine Suche nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein in der Welt geht auch nach dem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr unvermindert weiter.
Die Evolution macht uns alle zu Brüdern, sagt er, wir sitzen ganz vorne auf der Lok und das weite Land mit seinen wunderbaren Möglichkeiten öffnet sich vor uns.

Wegen des riesigen Blutflecks auf dem Kopfkissen hat er der Dame an der Rezeption 20 Euro gegeben, erzählt er am Morgen. Sie wollte nur 10 Euro, aber er befand 20 Euro für richtig.

Nachdem der Kanzler abgereist ist, packen der Bekannte und ich den maladen Hund ein und machen bei allerschönstem Märzenwetter einen Gang zum Marheinekeplatz, wo wir auf den Stufen neben der Kirche pausieren und hinüber blicken, zu dem Treiben vor den rotweiß gestreiften Flohmarktständen, die den Platz wie eine intakte Kinderwelt voller Eiscremwagen und Blechtrommeln aussehen lassen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich meinen Schal ablegen und meine Jacke öffnen muss. Der Frühling ist nun also wirklich auch in Berlin angekommen.

Der Rückweg führt uns durch die Fontane-Promenade über die Urbanstraße und vorbei an kleinen, sonnenbeschienen Backsteinhäuschen, die noch vor wenigen Jahren zum Urban-Krankenhaus gehörten und in denen nun eine wohl behütete und gut betuchte Eigentümer-Community, vis-a-vis des riesigen grauen Betonkastens, lebt. Eine Welt, so unwirklich wie der Timmendorfer Strand.

Am frühen Abend ruft der Kanzler aus Frankfurt an. Seine Rückfahrt war gut, doch leider wartete er am Hauptbahnhof vergeblich auf die U-Bahn. Schließlich bestellte er sich ein Taxi. Einer Mitwartenden, die das gleiche Ziel hatte, bot er an, sie mitzunehmen, doch sie lehnte ab.  Zuhause vor dem Badezimmerspiegel wusste ich dann warum, erzählt er lachend, mein ganzes Gesicht war blutverschmiert.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Kirche am Marheinekeplatz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

sans souci/ sorgenfrei

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An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

Vom Schreiben, vom Leben und vom Glück (ein Award)

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Sabine, formerly known as Rock´n´Roulette, hat mich für den Liebster Award nominiert.
Das freut mich ganz besonders, weil wir beiden uns schon seit unseren Bloganfängen kennen, sich unsere Wege immer mal wieder verlieren und dann doch wieder kreuzen, so, wie jetzt. Herzlichen Dank für die Nominierung und die interessanten Fragen, liebe Sabine!

Und hier meine Antworten:

Wie fühlt sich Glück an?  Warm (happines is a warm puppy).

Warum? Es gibt kaum etwas Schöneres, als eine warme Hand im Nacken oder auf der Stirn zu fühlen, den warmen Bauch eines Welpen zu streicheln, am flaumigweich duftenden Kopf eines Kindes zu riechen, ein vibrierendes Meisenkind in der Hand zu halten, das warme Blut durch die Adern fließen zu spüren, zu leben. Wärme ist Leben ist Glück.

Wo warst du zuletzt am liebsten? Die schönsten Tage des Jahres verbringe ich alljährlich in den Alpen. Dieses Mal in Murnau. Es gibt nichts, was mir soviel inneren Frieden und Ruhe gibt, wie die blaue Silhouette der Berge, ihre stille Erhabenheit und die unvergleichliche Luft. Am Abend oben auf dem Feldweg zu stehen und auf den vergoldeten See zu blicken, ist für mich ein unbeschreibliches Glück.

Was war 2016 für dich? Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist und die Welt ins Strudeln geriet.

Was wirst du mitnehmen, was hast du gelernt? Ich habe gelernt Abschied zu nehmen und zu verzeihen. Meine Erwartungen dem Leben anzupassen und nicht umgekehrt. Und ich habe gelernt, dass das, was man am wenigsten erwartet jederzeit geschehen kann. Die wichtigste Lektion des Jahres ist: nicht warten, nicht aufschieben: the future is now.

Was hältst du vom NaNoWriMo? Das hat irgendwie mit ganz viel schreiben in ganz kurzer Zeit zu tun, oder? Dazu müsste ich mir erst mal eine fundierte Meinung bilden. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich ganz gut ein Konzept zu haben, mit dem man sich zum Schreiben motivieren kann. Ich brauche das aber eigentlich nicht, denn ich muss sowieso jeden Tag schreiben, weil mir sonst was fehlt. Da ich keine Botschaft habe, nicht berühmt werden will, kein Buch veröffentlichen möchte, im Grunde meines Herzens faul und ohne jeden Ehrgeiz bin, es außerdem lieber überschaubar und familiär mag, reicht mir sowohl mein Output, als auch die Reichweite meines Blogs. Alles andere wäre mir viel zu anstrengend und trübte nur meine Freude. Um die allein geht es mir aber beim Schreiben. Sie ist mir Motor und zugleich Belohnung (neben den vielen klugen und freundlichen Kommentaren natürlich).

Wie funktioniert Schreiben für dich? Wenn es gut läuft schreibt es mich  (écriture automatique) und ich bin nur das Medium, das den Stift hält,  bzw.das Diktat über die Tastatur auf den Bildschirm bringt. Manchmal ist Schreiben auch Arbeit, bzw. eine Übung. Dann feile ich, denke nach und korrigiere, suche Synonyme oder Antonyme, denke über Alliterationen nach, verknappe meine Sätze systematisch, streiche wertende Adjektive usw. Heraus kommen dann meist die Texte, die technisch einwandfrei, aber für mein Empfinden vergleichsweise blutleer und kalt sind, also keine Seele haben. Gute Texte schreiben sich wie im Vollrausch und hinterher bin ich erschöpft und überrascht , was ich da zustande gebracht habe. Wenn ich dem Kopf zuviel Raum lasse und plane, wird das nix.

Happy End oder realistische Sachlichkeit? Meine Texte sind selten fiktiv, deswegen gibt’s nur ein Happy End, wenn es ein Happy End im `richtigen´ Leben gab (insofern  also eher realistische Sachlichkeit). Als Katastrophenchronistin geht fast jedem glücklichen Ende ein spektakulär anstrengendes Vorspiel voraus, das Happy End ist daher eher so etwas wie erleichtertes Aufatmen, die Ruhe nach dem Sturm, die Freiheit des nothing-left-to-do, oder das Trümmerfeld mit seinem Versprechen bzw. der Hoffnung des Neuanfangs.

Worüber würdest du am liebsten alles wissen wollen? Am allerliebsten möchte ich über gar nichts alles wissen. Ich liebe Geheimnisse, ich liebe es immer weiter lernen zu können, in allen Bereichen. Ich möchte nicht an einem Ende ankommen. Mich interessieren Fragen und weniger die Antworten darauf. Antworten müssen neue Fragen aufwerfen, sonst wären sie eine Sackgasse, in der alle Entwicklung endet. Ich bezweifle aber ohnehin, dass man über irgendetwas alles wissen kann. Ich würde trotzdem gerne mein Wissen in dem einen oder anderen Gebiet vertiefen, z.B. über Geschichte, Architektur, Biologie u.a.m.

Wenn du eine Sache ändern könntest – was wäre es? Könnte ich nur eine Sache ändern, dann würde die G. nicht an Krebs sterben. Und wenn ich noch etwas ändern dürfte, dann wäre ich nicht krank.
Global gesehen wären natürlich ganz andere Dinge wichtig, ich verstehe die Frage aber jetzt einfach mal nur auf mich und meinen Kreis bezogen.

Wenn du eine Sache bewahren könntest – was wäre es? Mein Vertrauen, meine Liebe.
(Liebe ist Wärme ist Leben ist Glück).

 

 

 

Müsik zum Glück: Eric Satie, Gnossienne no. 5 (überirdisch schön!)

(youtube-Direktlink)

Dieses Mal reiche ich den Liebster-Award nicht weiter. Sollte aber jemand Lust haben, die Fragen zu beantworten, kann er/ sie dies sehr gerne in der Kommentarspalte tun, oder im eigenen Blog.
Ganz herzlichen Dank nochmal an the fabulous Rock´n`Roulette!

Bild: Johann Ebend, Fliegender Teppich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
 

Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Sechs Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

still alive

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Der Oktober naht und mit ihm mein Geburtstag. Der zweite.
Das Licht ist ähnlich jenem vor zwei Jahren, die Luft ist mild, der Herbst kommt heran mit großen Schritten und ich fühle mich sehr Zuhause in dieser Zeit des Wandels.

Am 5. Oktober 2014 hat mich ein Feuerwehrmann der Berliner Feuerwehr wieder ins Leben zurückgeholt.
Wer sich diesen besonderen Menschen anschauen und etwas über seine wichtige Arbeit erfahren möchte, kann das hier beim Kiezrekorder tun.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt er ab ca. Minute 6 davon, wie er es erlebt, wenn ein Mensch, mit dem er eben noch gesprochen hat, stirbt und die Seele den Körper verlässt. Direkt im Anschluss berichtet er, wie er mich nach meinem Herzstillstand wieder ins Leben zurückholen konnte.
Das noch einmal zu hören hat mich sehr berührt.
Ich bin für jeden einzelnen Tag dankbar, den ich seit dem 5. Oktober erleben durfte und ich freue mich auf und über meinen nahenden Jahrestag.

Ein Hoch auf Feuerwehrmann Ludwig (und auf die Berliner Feuerwehr. Auf alle anderen Feuerwehrleute und Lebensretter natürlich auch)!

 

(Dank an Stony für den Hinweis und den Link!)
Bild: screenshot v Teil II des Interviews

David

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Alles fließt und entzieht sich der Sprache.
Schweigen, Stille, auf See und Feld und die Berge ringsum blicken.
Über allem dieser große weite Himmel und die würzige Luft, die ich atme.

Am Abend die beiden Pferde auf der Koppel, die im Wolkenglühen ausgelassen miteinander spielen. Begleitet jede Bewegung von dem heiteren Klang der Glocken um ihren Hals, ihre warmen Nasen und die vertrauensvollen weichen Lippen, bereit das Gras, das ich ihnen anbiete, sachte von meinen Händen zu pflücken. Große dunkle Augen mit dichten Wimpern.
Klingelnd traben sie davon, als wir weitergehen und ich bewundere die vollendete Schönheit ihrer Flanken, die anmutige Linie des Halses, ihr ganzes fragloses Sein.
Heiser tutet der sich nähernde Zug. Eine Glückskatze huscht über die Gleise und ich halte den Atem an. Geduckt bleibt sie auf der Dorfstraße stehen und dreht sich um, zu den roten Wagen, die rauschend vorbeiziehen und für einen Moment den Blick auf den goldenen Spiegel des Sees verdecken. In der Ferne improvisiert jemand auf einer Trompete, der Hund spitzt die Ohren.
Mein Herz jubelt.

Als ich in Konstanz ankomme erinnere ich mich auf einmal an den Jungen, der die Zwölfjährige, die ich damals war, an der Haltestelle nahe meines Elternhauses ansprach. Wir stiegen zusammen in den fast leeren Bus, setzten uns auf die hinterste Bank und der Junge, der sich dicht neben mir platziert hatte, legte seine ausgestreckten Arme links und rechts auf die Rückenlehne. Eine intime Geste, die mich ob ihrer unbotmäßigen Vertraulichkeit einerseits beschämte, mich aber zugleich auf eine ungekannte Weise elektrisierte und ein helles Gluckern in meinem Innersten weckte, dem eines sommerlichen Brunnens ähnlich. Ein Vorgeschmack auf ein freies Leben als Erwachsene, das ich eines Tages würde führen dürfen.
Entspannt und voller Selbstvertrauen saß der Junge da, sein Gesicht mit den dunklen, geraden Augenbrauen mir zugewandt, und erzählte von sich. Aus Konstanz komme er, sagte er, sein Großvater sei ein erfolgreicher Flugzeugkonstrukteur gewesen, seine Familie infolgedessen sehr reich. Sie lebten in einer Villa am See und besaßen weitere Villen über das ganze Land verteilt. Er nannte mir seinen Nachnamen, ob ich den kennte. Ich schüttelte den Kopf.

Ich interessierte mich nicht für Flugzeuge und alles Wissen, was ich über sie hatte, stammte von einem Quartett, das wir früher bei den Treffen unserer Großfamilie mit den Cousinen und Cousins gespielt hatten. Gemeinsam saßen wir Kinder dann abends an unserem Tisch, tranken Krümeltee, der so süß und zitronig schmeckte, dass wir, wenn kein Erwachsener anwesend war, das Glas aufschraubten und uns das köstliche Granulat löffelweise in den Mund rieseln ließen, derweil wir uns beim Quartett mit  Hubraum, Kubikzentimetern und anderen Dingen, die wir nicht verstanden, übertrumpften. Je mehr von allem, desto besser, das hatten wir begriffen und wer die meisten Karten einkassieren konnte, hatte gewonnen.
Auf einem dieser Treffen entdeckte ich während eines Waldspazierganges eine pulsierende Kapsel, die an der Unterseite eines Buchenblattes klebte und die spitz zulief wie ein Wespenleib. Meine ältere Cousine  sagte, es handele sich dabei um das fast fertig gereifte Ei einer Waldwespe und ehe ich mich versah, riss sie das geriffelte Blatt von seinem Zweig herunter, kratzte die Kapsel zur Hälfte mit dem Fingernagel ab, klappte sie beiseite und zeigte mir das zuckende Innere.
Ich fühlte mich elend, als sie das sterbende Wespenkind achtlos wegwarf und lachend nach vorne rannte, wo die Erwachsenen ins Gespräch vertieft gingen. Traurig bis zur Verzweiflung  trottete ich der Gruppe hinterher. Eine nicht wieder gut zu machende, schwere Schuld lastete auf mir und uns und dem Tag, die um nichts leichter wurde, als die Cousine kurz darauf von einer Wespe in den Rücken, gleich neben das rechte Schulterblatt, gestochen wurde. Sie schrie und weinte vor Schmerz, doch nichts wurde gut davon.

Die meiste Zeit schwieg ich und hörte dem Jungen zu, der unablässig redete. Ab und an lächelte ich verlegen, denn ich wusste nichts zu sagen. Was gab es über mich zu erzählen außer, dass ich gerne zur Schule ging und einmal Ärztin werden wollte. Ich hatte keine berühmte Familie und schon damals pflegte ich keine nennenswerten Hobbies.
David, so hieß er, bat mich, kurz ehe ich ausstieg, um meine Adresse. Mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse, gab ich sie ihm.
An der Konstabler Wache sollten sich unsere Wege trennen. David begleitete mich noch zur Tür, und beteuerte, er werde mir schreiben, bald schon, versprochen.
Ich trat hinaus in den hellen Sommertag und auf dem Weg zur nächsten Ampel hatte ich das Gefühl, seine Blicke im Nacken zu spüren. Seufzend setzte der Bus sich wieder in Bewegung und ich drehte mich um, als er an mir vorbei fuhr. David stand an der Tür und winkte. Ich hob die Hand zum Abschied.

Etwa zwei Jahre später würde ich anfangen, hier an der Konstabler Wache, Drogen zu kaufen, doch an jenem Tag wusste ich noch nichts davon. Ich wollte die Zeil entlang spazieren, am Frankfurter Hof und am Theaterplatz vorbei. Bis zum Main würde ich hinunterschlendern, den Fluss an der Untermainbrücke überqueren und dribbdebach zum Städel´schen Kunstinstitut laufen, wo mir mit meinem Ferienpass für kinderreiche Familien kostenloser Einlass gewährt werden würde.
Die Treppe würde ich hinaufsteigen und von Raum zu Raum gehen, bis ich auf den Mann mit dem kurzen roten Bart träfe, der dort im dunkelbraunen Anzug und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf die Gemälde achtgab und mir stumm zunickte. Sein Gesicht war ernst und schön. Seine Körperhaltung aufrecht und stark.
Den Geruch der alten Bilder und Rahmen, das leise Knarren des Holzbodens und das milchigweiße Licht würde ich in mich aufnehmen, während ich langsam umherging und die vertrauten Bilder zum ungezählten Male betrachtete. Auf einer lederbezogenen Rundbank, gegenüber der Blendung Simsons  würde ich schließlich Platz nehmen, die Zeit verrönne mit einem unhörbaren Ticken und ich lauschte ihr dabei. Erst am Abend, wenn das Museum seine Tore schloss, stiege ich die Treppe der alten Villa wieder hinab, um mich  auf den Heimweg zu machen.
Später wollte ich mit einem solchen Mann an meiner Seite leben, dachte ich.

 

 

 

 

 

 

 

Doppelte Sonne

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Um mich glimmernde / Sternchen:
Glühwürmchen spielen / Weltall am Waldrand.

(Josef Guggenmos)

 

 

 

Bei E 23 sind wir vom Weg abgebogen.
Auf einem bemoosten Grabhügel ohne Stein haben wir die Lilien abgelegt.
Fünf Menschen, zwei Hunde. Töle musste Zuhause bleiben, zu wackelig und schwach.

Gut wird nichts dadurch, aber das Staffelholz ist weitergereicht an eine andere Linie.
Den Ring, den ich als Jugendliche bekam, trägt jetzt ein Mensch, der ihm eine neue Bedeutung geben wird.

Am Abend die doppelte Sonne über den beiden Türmen.

/

Von draußen vibriert die Musik in meine Wohnung, Hofgelächter. Klänge vom Platz. Gleich zwei Feste finden dort statt, eines für Bücher und eines von Flüchtlingen und Ströbele tritt in der Kirche auf.
Warme Sommerluft weht durch die geöffnete Terrassentür in die Küche.
Selbst in der Dunkelheit schimmert der Garten noch grün.

Nur Glühwürmchen fehlten noch zum Glück.

 

 

 

 

 

Bild: t.truckle flickr_K5P1822.jpg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

unconditional skies

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Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/