Toben in Versalien, oder Im Halbschatten der Erde

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Dem Universum bin ich vollkommen gleichgültig. Das hat mit sich und den schwarzen Löchern, den Sternengeburten und Sternentoden und seiner eigenen Ausdehnung genug zu tun. Sein Interesse an der Laus, die ich mit meinen Schuhen zermalme, dem ertrinkenden Kind im Mittelmeer, den Erfrierenden vor den Grenzzäunen, den Verhungernden in der Welt, dem gestrandeten Wal, dem Zicklein auf der Schlachtbank, der aussterbenden Tierart, Gina-Lisa Lohfink vor Gericht und Donald Trump im Machtwahn ist immer genau gleich. Nämlich Null.

Das Universum schickt mir weder Zeichen noch Wunder noch Flammen oder Wasser. Keine Erdbeben oder Engel, keinen Hass und keine Liebe. Nur schwarze eisige Gleichgültigkeit.
Das Universum spielt nicht und es trauert nicht. Um niemanden und um nichts. Auch nicht um dich oder um mich. Sowenig, wie die Zeit dies tut. Sie schreitet voran und davon und über uns hinweg und ist noch da, wenn wir alle längst verschwunden sind.

Arme Laika.


Wie sieht´s aus?,
frage ich den Bekannten nach dem Aufstehen.
Geht so.
Untergang?
Noch nicht.
Was passiert?
Trump ist vor Gericht unterlegen und tobt in Versalien.

Wir lachen trocken.

Isn´t that a bit unfitting for a president?
It is. So sad.

Schweigen.

Auf Dauer ist diese Karikatur wirklich zu anspruchslos. Sad, terrible, it´s true, fake hair  ein Toupet obendrauf und außenrum orangefarbene Haut gespannt. Nicht schwieriger als ein Hitlerbärtchen (Hitlerbärchen schrieb ich zuerst) mit Seitenscheitel und sich überschlagender Stimme.

Universum, ich fühle mich unterfordert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild. Z S smoke, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

voranschreiten

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Es ist so, zumindest im Augenblick, und der gilt eben jetzt, ist die Wahrheit, so, wie alles, wovon ich, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, überzeugt bin, aus tiefstem Herzen oder sogar bei vollem Verstand, die Wahrheit ist, die ganze absolute und unumstößliche Wahrheit, für alle Zeiten, in diesem Augenblick. Das alte Autofahrer-/ Radfahrer-Ding. Egal in welcher Rolle, die anderen haben Unrecht und ich habe Recht.
So ist es.

Im Winter, wenn es dunkel ist und meine Gedanken sich nach und nach grau einfärben, ab und an von heiteren Anfällen überbunt, beinahe lackglänzend und blendend überpinselt, weil mir in der düsteren Atmo jedes Maß für Farben fehlt- das ist wie Schminken im Dunkeln, was soll schon dabei rauskommen außer einer Horrorfratze –

nein Mutti, es ist alles gut, geh schön in dein Zimmer, der Arzt kommt gleich-

Der Rest des Satzes ist mir irgendwie abhanden gekommen, war wahrscheinlich nicht wichtig.

Wenn ich jetzt alles oben Geschriebene lösche, fehlt der halbe Text und bis hierher war´s doch gar nicht so übel, denn nicht jede Sackgasse ist ein Irrtum, so wie die Evolution zwar nicht gerade auf mich gewartet hat, vielleicht sogar just noch dachte, es läuft sehr gut derzeit, so könnte es ewig weitergehen, mal gucken, was noch kommt, und dann kam schon ich (immer nur als klitzekleines Splitterchen vom großen Wir gedacht), und mit mir ist völlig überraschend das Ziel und somit das Ende der Evolution erreicht.

Mission erfüllt

Eine super Sackgasse, in der man es sich endlich einmal gemütlich machen und mit den Beinen baumeln kann, sich einnischen, ein paar Fehlerchen, na gut, aber im Großen und Ganzen ist es vollbracht, wollen wir nicht kleinlich sein.

Die Evolution ist vorbei, ich bin da!

Wenn man denkt, wie das früher zuging. Da waren alle Menschen noch schwarz-weiß, sahen komisch aus und wackelten wie aufgezogen durch die Gegend. In den 80ern ist auch noch mal irgendetwas ganz stranges (so sagte man damals) passiert. Lag wahrscheinlich an Reagan, Thatcher und dem Peter Dingens, der Formel 1 moderierte (die Frisur!), danach aber wurde die Welt modern und glitt auf lautlosen Kufen durchs All und tut es bis heute und könnte auf diesem Höchststand den totalen Stillstand ausrufen und endlich Ruhe geben.

Tut sie aber nicht. Partout kaputt gehen möchte sie, unter Spielkonsolen und voll schönen Dingen begraben. Im überheiteren Krisenloop chong chong chong dreht sie sich in rasender Ausgelassenheit und blindem Übermut, dass es die Ecken abschlägt bei jeder Runde, wie ein Klapptisch auf´m Kopf und immer round about in der dunklen Kammer, in der sich schon Mutti schminkte, mit bekanntem Ergebnis, spratzt es die Ecken weg, es splittert, wenn schon nix mehr zu tun ist und die Entwicklung vorbei, das Rad erfunden, sich nur noch dreht, ganz langsam im Wald im Wind, im rostigen Gestern.
Der hüpfende Ball auf dem Wasser, er schwippt und schwappt und schwimmt obenauf und landet doch irgendwann im Magen der Möwe, die daran zugrunde geht und wir mit ihr und am Schluss ist er das Ende der Welt Menschheit. Ein kleiner Plastikball.

Wer hat´s erfunden?

Den Kopp unter´m Tisch oder den Spiegel vor´m Bauch und dann durch die Wohnung getapst, die Zimmerdecke spiegelt sich im Spiegel (logisch) und man schaut unentwegt hinein, hält sich das Teil mit beiden Händen vor den Bauch, wie ein Tablett, klettert über Lampen und Kabel und spaziert so aus dem Haus, ohne Schuhe, sieht ja keiner. Ganz vorsichtig, damit man nicht stürzt, stelzt man ins Treppenhaus, die Stufen von obendrüber hinab, Schritt für Schritt, mit Maß und Würde, als trüge man einen Reifrock oder eine Schleppe und ginge zum Altar, die spitze lange Scherbe im Bauch immer vor Augen, ohweh, und vorbei wäre der Gipfel der Evolution – welche Verantwortung man trägt! – und dann an der Türe, nachdem man endlich den vollgesprayten, nach Gras und Pisse stinkenden Hausflur durchquert, die letzte Stuckrosette mit einem Satz übersprungen hat- obacht!-  trete ich auf die Straße. Ich schreite mit geradem Rücken, den Walzer im Ohr, und
sehe,
sehe,
sehe: den HIMMEL,
so blau und weit (el cielo es azul) und mache einen großen Schritt, einen Satz, hart wie Stein unter den Füßen, laufe durch das Blau, den Himmel, das Universum. Ich bin ein Engel oder bin ich schon tot?

 

 

 

 

 

Die offenen Augen der Toten

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Ich streckte mich im Grase aus, bettete den Kopf auf einen flachen Stein und hielt die Augen auf die Milchstraße gerichtet, diesen seltsamen Strom von Astralsperma und himmlischem Urin, der quer durch die Schädelwölbung der Gestirne fließt: offener Spalt am Scheitel des Himmels, entstanden  offenbar aus Ammoniakdämpfen, die in der ungeheuren Weite zu glänzen begonnen hatten – im leeren Raum, wo sie inmitten der vollkommenen Stille wie ein Hahnenschrei hervorbrechen -, ein zerbrochenes Ei, ein geborstenes Auge oder mein benebelter, auf dem Stein ruhender Schädel warfen die symmetrischen Abbilder ins Unendliche zurück. Ekelerregend, wie der absurde Hahnenschrei mit meinem Leben koinzidierte: das heißt, nunmehr war es der Kardinal, wegen der Spalte, der roten Farbe, der mißtönenden Schreie wegen, die er im Schrank hervorgerufen hatte, und auch, weil man die Hähne erwürgt…

Anderen mag das Universum anständig erscheinen. Den anständigen Leuten erscheint es anständig, weil sie kastrierte Augen haben. Darum fürchten sie die Obszönität. Doch sie empfinden keinerlei Angst, wenn sie den Hahnenschrei hören oder den gestirnten Himmel entdecken. Gemeinhin schätzt man die Fleischeslust unter der Bedingung, daß sie fade sei.

Doch von da an gab es keinen Zweifel mehr: ich machte mir nichts aus dem, was man  <Fleischelust> nennt, weil sie in der Tat fade ist. Ich liebte das, was man für <schmutzig> hält. Die übliche Ausschweifung hingegen konnte mich nicht befriedigen, beschmutzt sie doch nur die Ausschweifung selbst und lässt auf alle Fälle eine erhabene und untadelig reine Wesenheit unberührt. Die Ausschweifung, die ich kenne, beschmutzt nicht nur meinen Körper und meine Gedanken, sondern alles, was ich mir dabei vorstellen kann, und vor allem das gestirnte Universum…

Georges Bataille. Das obszöne Werk

 

 

 

 

 

 

Bild: „Die Milchstrasse (1908) (14740193686)“ von Wolf, Max – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14740193686/Source book page: https://archive.org/stream/diemilchstrasse00wolfuoft/diemilchstrasse00wolfuoft#page/n63/mode/1up. Lizenziert unter No restrictions über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Milchstrasse_(1908)_(14740193686).jpg#/media/File:Die_Milchstrasse_(1908)_(14740193686).jpg
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Das Auge der Katze

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Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, ein Teil des Himmels bedeckte sich mit Sternen; mir kam die Idee, daß der Tod der einzige Ausweg sei aus meiner Erektion, und wenn Simone und ich erst getötet wären, würden an die Stelle des Universums unserer Vision die klaren reinen Sterne treten und in kaltem Zustand verwirklichen, was mir das Ziel meiner Ausschweifungen schien, eine geometrische Weißglut (unter anderem die Koinzidenz von Leben und Tod, von Sein und Nichtsein), makellos funkelnd.

 

Georges Bataille, Das obszöne Werk

 

 

 

 

 

Bild: via tumblr, kein Copyright angegeben

agent d´amour

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Ach, sag mir, all-einzige Liebe,
Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!  
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Eduard Mörike

Doppelbödigkeit. Geheime Botschaften. Eine Agentin möchte ich sein. Geschichten schreiben, denen die Menschen folgen, dabei, en passant und klandestin (um gleich zwei meiner elegantesten wie abgegriffensten Lieblingsformulierungen zu verwenden) Informationen streuen, versteckte Hinweise, die, wenn schon keinen Angriffskrieg, dann doch irgendetwas anderes erklären. Die Liebe, zum Beispiel.
Mit der Liebe habe ich es ja, so ähnlich, wie mit dem Tod. Die Liebe ist mir eine der liebsten, und ihr Tod zwar nicht gerade tödlich, aber doch schlimm, schlimm, schlimm.
Ob Liebe überhaupt sterben kann, bezweifle ich. Vielleicht setzt sie sich, einem Vogel gleich, einfach von Zeit zu Zeit auf einen anderen Baum und wenn sie besonders zahm ist und Vertrauen gefasst hat, sogar auf die Hand, flattert irgendwann wieder weiter, kriecht nicht, geht nicht zu Fuß, schwerfällig und träge wie eine Echse oder wie ein ausgestorbener Laufvogel, sie fliegt, schwebt, gleitet dahin, ganz entspannt und ohne Eile, denn eines kennt die Liebe nicht: Hast.
Sie hat Zeit und sie nimmt sie sich, im Kommen, wie auch im Gehen. In der Annäherung, wie auch im Entschwinden. Oft geht sie so, wie sie gekommen ist, einen Schritt nach dem anderen, rückwärts in Richtung Ausgang, und erst wenn sie im Türrahmen steht, bemerkt man, dass sie nicht mehr mit bei Tische sitzt, sich zurück gezogen und still verabschiedet hat.

Und falls die Liebe eine Taube ist und kein Zugvogel, dann kehrt sie immer wieder zurück in den heimischen Schlag, zu den anderen Lieben, so es sie denn überhaupt im Plural geben kann, die Liebe. Oder ist da nur die eine, die große und universelle Liebe, an der wir alle (mehr oder weniger) teilhaben, in der wir aufgehoben sind, auf die wir zugreifen und die sich nie verbraucht, nicht einmal verändert, sondern immer da ist, gleichbleibend, nicht schillernd und nicht monochrom. Einfach da, ein ruhiger, gleichmäßiger Strom, an dem wir uns erfrischen können.

Eine Agentin möchte ich sein, ein agent d´amour, (ratata tata) ein Ort an dem die Liebe sich sammelt, bündelt, wie ein Strauß Luftballons, bunt und leicht und frei und Stück für Stück lasse ich sie los, die Liebe, damit sie aufsteigen und sich auf´s Neue verschenken möge.

Einen Ballon aber behalte ich für mich. Greife nach der Schnur und schaue sie an, die wunderbare Liebe. Präge sie mir ein, damit sie bei mir bliebe. Dann erst öffne ich die Hand und lasse auch sie los. Mit in den Nacken gelegtem Kopf, blicke ich ihr nach, bis sie aufgeht im Himmelsblau, das mich umgibt und das ich atme.

 

 

 

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Egretta_alba_3_(Lukasz_Lukasik).jpg#/media/File:Egretta_alba_3_(Lukasz_Lukasik).jpg

Die Vollzähligkeit der Sterne

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Nichts auf der Welt, das über mich hinausweisen würde. Nichts, was nicht ich wäre. Sämtliche Motive, jede Regung, alles Elend und Glück. Abgründe, Morde, Sterben, Geburt. Jeder Sturm, der sich zusammenbraut, sich auftürmt und herniedergeht, immer auch ich.

Das schwarze Loch verschlingt den Superstern: mich.

Die Geschichten anderer. Kenn ich weiß ich war ich schon.
Mir Gedanken aneignen, die meine sein könnten.
Die Cloud, universelles Wissen, greifbar für jeden, größer als wir.
Das Wunder des Korbflechtens.
Unsere Ahnen, unsere Erinnerungen, unser Weg.
Der ewige Pflug.

Ein Sommerabend an der Oberen Altmühl. Der Dreiseitenhof aus dem 17. Jahrhundert.
Die einzige Straßenlaterne im Dorf ist schon um 11 Uhr erloschen. Nun ist es Nacht, der Himmel schwarz, die Glut meiner Zigarette das einzige Licht.
Schweigend sitzen wir im Innenhof, die Anwesenheit der Anderen fühlbar wie die vertraute Wärme der ruhenden Herde. Geborgenheit.

Ich blicke nach oben und suche etwas, woran das Auge Halt findet.
Ein Licht, ein Flackern, ein Nebel. Fern und klein, aus einer vergangenen Zeit, einer fernen Galaxie. Ein Punkt und noch einer. Ein weiterer, unendlich viele, je länger ich schaue.
Hell und heller wird es und ich immer kleiner.

Den Kopf in den Nacken gelegt spüre ich den Sog des sich ausdehnenden Nichts und eine gewaltige Angst überkommt mich, die auf mich drückt, dass ich kaum atmen kann.
Ein Tiefensog, Bedeutungslosigkeit, Selbstauflösung bis hin zum schieren nackten Sein, das Verschwinden und Aufgehen im All, in Allem.

Kein Oben und Unten, kein ich und Du, nur Demut und Gnade.

Titel: Hans Blumenberg „Die Vollzähligkeit der Sterne“

Zeit

Hubble_ultra_deep_field“ Warum ist der Anblick des Sternenhimmels so beruhigend? Und ich brauche nicht einmal den Anblick. Vorstellung und Beschreibung reichen. Als ich noch auf der Kunstakademie war, war das immer mein Einwand gegen die Abstraktion: Der Himmel. Leider war ich mit dieser Meinung ganz allein.

Gibt es in der Wissenschaft eigentlich Denkmodelle, die versuchen, die ungreifbare, nur an Sekundärphänomenen wie Veränderung und Bewegung meßbare und anstößige Größe der Zeit aus der Physik herauszurechnen?“

„Das Wesen der Zeit mag unerfindlich sein, und was ich über Präsentismus, Blockzeit und Possibilismus auf Wikipedia nachlesen kann, verstehe ich bestenfalls als Konzept. Aber in meinen täglichen und nächtlichen Gedanken gewinnt die Vorstellung der Unendlichkeit und des Nichts, zu dem unsere Existenz ihr gegenüber zusammenschrumpft, so sehr an Plastizität, daß ich manchmal glaube, alles verstanden zu haben. Alles verstanden zu haben. Die Gewißheit kommt schlaglichtartig und ist nicht so hundertprozentig wie in den Momenten der größten Verrücktheit. Aber irgendwas ist hängengeblieben. Gestern beim Fahrrad Reparieren alle zwei Minuten eine Erleuchtung.

Als Tony Soprano einmal im Krankenhaus liegt, ich glaube, wo er angeschossen wurde, liest er ein Kinderbuch über Dinosaurier. Er ist auf tonyhafte Weise sichtlich ergriffen, Christopher kommt rein:

TONY: “Get this … It says here that if the history of the planet was represented by the Empire State Building, the time that human beings have been on earth would only be a postage stamp at the very top. You realize how insignificant that makes us?”
CHRISTOPHER: (pauses for a second and then): ` I don’t feel that way.´“

„Neben mir ins Gras setzen sich vier junge Männer und unterhalten sich über die Begriffe Zweck und Absicht bei Kant und Hegel, und es ist eine grauenvolle Unterhaltung, ein grauenvoll verfehltes, sinnloses Leben, während um sie herum alles in schönster Blüte steht.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur

Musik: Fiona Apple, Across The Universe (Youtube Direktlink)

(Photo credit: Wikipedia, Hubble Ultra Deep Field)

Ungeschaffenes Licht

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So viele Dinge, die ich nachschlagen wollte und bis zum Morgen vergessen hatte.
Wolfenbüttel, Paul Rabe. Zweite Vornamen großer Persönlichkeiten. Die anderen erinnere ich nicht. Vielleicht kommen sie zu mir zurück, eines Tages. Sonst sind sie wahrscheinlich nicht wichtig.
Marbach. In den Berg gebauter Brutalismus. Unten die Archive für die Ratten, die dort ihr ganzes Leben verbringen. Schriften, Schriften, Schriften. Festes wieder flüssig machen, die Buchstaben zum Tanzen bringen.
Nietzsche kannte das Eislaufen, wer hätte das gedacht?
All das, es schmerzt, dass es mir beinahe den Schädel zersprengt.
Im nächsten Moment wieder stehe ich auf diesem Gipfel und die Luft ist so klar und kühl wie auch mein Kopf und ich kann ganz weit blicken, bis zur gegenüber liegenden Seite und hinunter ins Tal und ich weiß, daß alles richtig ist, so wie es ist und ich selbst das größte Geschenk des Universums an mich selbst bin. (Ja, zwei Mal Selbst und noch immer nicht oft genug). Und eine Sicherheit und kristalline Liebe die gar nicht warm ist, sondern kühl wie die Brise, die mich nach dem Erwachen vom Tode anwehte, durchströmt mich. Ich, die ich mir niemals abhanden kommen will, wenn nicht der Alzheimer eines Tages auch mein Gehirnstüberl behausen wird, wie schon das der Mutter und der Großmutter. Wie wir uns wieder treffen werden an diesem Ort der Umnachtung oder der unverstellten Wahrheit die kein Gestern und kein Morgen kennt.
Nietzsche schon wieder, der Wandernde, der im Gehen schrieb.
Ein Tag in Rothenburg ob der Tauber. Auf dem Weg ins Kriminalmuseum. Ich schreibe eine Postkarte. Das Kopfsteinpflaster und die Mittagshitze hinterlassen ihre Spuren auf der Erinnerung, die ich verschicken werde. An den Vater, den lieben, lieben Vater. Einer dieser Tage mit dem Mann, der mir viele Jahre später einen Heiratsantrag machen wird, den ich annehme um dann zurück in die Arme des anderen zu fliehen und mit ihm an den Karberg zu fahren, wo wir in der Frühlingssonne auf der Wiese liegen und die ersten Grillen zirpen, der Hund neben uns und der Himmel so weit. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein Teil davon bin. Nur für diese kurze Zeitspanne materialisiert um mich wieder aufzulösen. Diese Furcht vor dem Großen die mich überwältigt, wenn ich ins Weltall blicke. Die unendliche Endlichkeit und meine eigene Bedeutungslosigkeit. Nichtigkeit. Das große gnädige Nichts.

Oben leuchten die Sterne, unten leuchten wir

Woran ich mich im Rückblick erinnere ist ein Sonntagnachmittag im Licht. Und wie wir uns auf der Straße trafen und Du mich nicht erkanntest im unwirtlich nebligen Dunkel vor den freudlosen Platten. Der Blick, den ich noch nie gesehen hatte. Ferngesteuert. Und wir stiegen in die Geisterbahn, die uns durch die Straßen schob, durch den merkwürdigen Park am Ende der Friedrichstraße, wo die Armut so niederschmetternd ist, dass Andere sie als Tapete und Bühne nutzen. Und diese Trostlosigkeit ist schlimmer als die der Ungetrösteten.
Der Herbst, der die letzten Rosen begräbt. Die Kälte,  die sie welken lässt und die Farbe aus ihnen heraus saugt, bis sie erblassen vor ihm und sich fügen. Und sie erstehen nicht wieder auf. Neue werden nachwachsen aus den gleichen Wurzeln. Werden es dieselben sein?

Das Schiff des Theseus

Das alles sind gar keine Fragen sondern nur der Blick vom Berg, dessen Panorama überwältigend und majestätisch und unberührt bleibt, auch wenn das Tau an dem wir hängen sich immer weiter aufdröselt und schließlich reisst und wir abstürzen.
Vom Boot, das auf dem Wasser treibt, der Strömung folgend, schweift der Blick zum Ufer und betrachtet es. Die Möglichkeiten, die es gegeben hätte. Das wäre Ihr Preis gewesen. Wäre oder war? Und Beinahe ist am Ende genau das Gleiche wie Nichts.
Wie bedeutungslos manchmal Zeit ist. Und ich weine dann doch noch.
Ob vor Erleichterung oder Zuversicht oder Schmerz weiß ich nicht und es spielt auch gar keine Rolle. Hauptsache es fließt, denn es führt ja doch immer an die gleichen Gestade, ans Ende der Welt. Und ich blicke zum Himmel, von dem die Novembersonne herab scheint und schicke einen ehrfürchtigen Gruß nach oben, der in meinem Herz nachklingt, wenn ihn auch sonst niemand hört.

Strippen ziehen

20141109_185200_LLS-1-1Im Lichterschein am Rande des Universums, Bethaniendamm, Ecke Köpenicker.
Unter Tausenden nur für uns.
Größenwahn und Großmäuligkeit. Dem Piefke sein Palast.
Quirlige, hupende, historische Aufgeregtheit. Ein Spektakel. Ich war dabei, ich war dabei.
Du lächelst, und trittst von einem Fuß auf den anderen. Rauchen gegen die Kälte.
Wir lachen als die unbeleuchteten Ballons in den nebligen Himmel aufsteigen.
Enttäuschtes Jubeln, Raunen, ein Kind weint.
Die Pilger pilgern.

Doch wir küssen, als ob nichts geschieht

Später dann im Dunklen Raum. Ein Flimmern in den Augenwinkeln, wie beim Erwachen.
Ich höre deinen Atem, du greifst zu mir herüber. Unsere Handflächen gleiten gegeneinander. Trockene, warme Schlangen. Puls an Puls.
Damals. Du warst in Berlin, ich in Hamburg.
Der richtige Zeitpunkt im Leben.
Die kleine Pforte. Nur an diesem Tag und zu dieser Stunde existent und nur für uns sichtbar.
Eine Welt.
Fügung, Geschick.

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Hingabe.
Worte. Liebe. Liebhaben.
Unzulänglichkeit von Sprache.

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Ich möchte ein Wort erfinden, das nur uns und diesem Gefühl gehört, es sogar und selbst ist.“
Wozu ein Wort, wenn wir und nur wir wissend fühlen, wie es ist. Wir haben uns lieb, nur dies und dieses so ganz.“
Das Wort brauchen wir nicht. Es würde nichts ändern. Wenn aber doch, dann klänge es wie Busen, Woge, Seele und andere wunderbare Wörter zusammen. Weich, bewegt, klar und wohlig. Eine Wortlibelle.“
Oder ein Vogelschwarm von Worten, Gesten, bloßen Lauten. Vielstimmig, vielflügelig, chaotisch und anmutig gleichermaßen. Dabei doch immerfort gelenkt von einer unsichtbaren und unwiderstehlichen Kraft, die allem Einzelnen äußerlich ist und deren Wesen sich dennoch in nichts als dem Willen und Tun jeder und jedes Einzelnen in jedem kurzen Augenblick offenbart.“

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Wir sind verbunden.