Pacifico

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Während die großen Kreuzberger Ausgehmeilen schon lange nicht mehr zu meinem Leben gehören, existiert meine Welt noch in den Seitenstraßen. Dort wo mittellose Menschen in einem Gesundheitsprojekt medizinische Behandlung erhalten und duschen oder ihre Wäsche waschen können, wo die kleine Robinie, als Übriggebliebene eines uralten Baumpaares vor einer der letzten Häuserlücken im Kiez steht, wo sich türkische Männer in einem neonbeleuchteten Café treffen, rauchend würfeln und Sportwetten abschließen, während im Hintergrund der Fernseher läuft, wo die unheilbaren Korsakowpatienten der nahegelegenen Einrichtung für nichttherapierbare Alkoholiker vor dem Kiosk sitzen, 10 Bierflaschen im Korb ihres Rollators, und scheinbar immer gut drauf sind, wo sich eine kleine Gruppe Männer und Frauen im von der Straße einsehbaren Garten des kurdischen Gemeindezentrums versammelt haben und ohne es zu wissen auf todschicken Chrom-Schwingstühlen von Gerd Lange sitzen, die sie, anders als die neuen Bewohner des Kiezes, nicht in einem der überteuerten Vintageläden erworben haben, um sie mit den bereits vorhandenen modern art und mid century-Möbeln in ihren frisch erworbenen Luxuslofts zu präsentieren, sondern diese schon seit den 60ern in ihrem Besitz und in entspannter Benutzung haben, fühle ich mich Zuhause. Geborgen. Im Vorbeigehen nicke ich meiner Nachbarschaft zu und man nickt zurück oder hebt die Hand zum Gruße. Kurz vor dem Kuchenkaiser steht ein blasser Mann auf dem Gehweg. Beide Hände umklammern die gusseisernen Streben eines Gartenzaunes, während die Füße unruhig hin- und hertippeln. Mit gedämpfter Stimme spricht er zu den Blumen im Garten und wendet den Kopf ein wenig ab, als er mich nahen sieht. Ich tue, als interessierte er mich nicht, überquere den Leuschnerdamm und trete auf den Oranienplatz, wo zu meiner Freude der Drachenbrunnen endlich wieder läuft und wo auf den Bänken unter den jungen Kastanienbäumen türkische Frauen sitzen, miteinander lachen, feine Häkelarbeiten verrichten und von Zeit zu Zeit den Männern beim Boule oder den Kindern beim Spielen zuschauen.
An der Nord-Westseite des Platzes, hat sich die Liga der gemäßigten Trinker zu ihrer täglichen Diskussionsrunde eingefunden. Schon von Weitem höre ich ihre tiefen Stimmen und ihr raues Lachen. Eine Frau ist auch unter ihnen.
Der kleine schwarzäugige Hund, den ich wegen der mit Ordner beschrifteten Neonweste, die er eine Zeitlang trug, bis heute Ordner nenne, löst sich aus dem Schatten der Trinkercommunity und kommt auf seinen kurzen Beinen zu mir herüber gewackelt. Seine freundlichen Augen schauen mich interessiert an. Ich lasse das Tölchen von meinem Arm herunter und setze es ihm vor die Füße. Doch sie ist müde und steifbeinig und so nehme ich sie nach einer kurzen schwanzwedelnden Umkreisung und Beschnüffelung wieder hoch und ziehe weiter in Richtung Mitte.

Der Weg führt mich am Treibgut, einem der gefragten Vintageläden, vorbei. Vor zwei Jahren traf ich hier auf Michael Stipe, der mit verliebtem Blick meinen Hund ansah und So beautiful! seufzte. Zu gerne hätte ich ihm bei der Gelegenheit gesagt, dass ich ihn für einen der besten Tänzer aller Zeiten und seine Performance zu Lotus für unnachahmlich halte, doch kaum etwas ist mir unangenehmer, als Fantum an den Tag zu legen und Menschen zu bedrängen, die sich inkognito und privat wähnen, also lächelte ich und zog meinen damals noch gesunden Hund aus dem Laden ins Licht.

Kurz hinter dem Treibgut liegt der Moritzplatz. Gleich mehrere Polizei- und ein Krankenwagen stehen vor dem Aufbau-Haus. Eine Radfahrerin gestikuliert wild. Es scheint nichts Schlimmes passiert zu sein. Das Pacifico nebenan ist gut besucht und zum wiederholten Mal denke ich, dass Pacifico ein wirklich guter Name für ein Lokal ist.
Auf Höhe des Pacifico hat jemand mit Edding EndZeitLiebe auf einen Begrenzungspfosten geschrieben. Durch die dahinter liegende Stallschreiberstraße geht ein langer Riss.

 

 

 

 

Bild: Thomas Timm, flickr, Moritzplatz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hinterhofgeborgenheit

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Im Gaumen die Vielstimmigkeit des akribischst zusammengeschnippelten und auf Esslöffelmaß gebrachten Salates (ja, ich esse Salat sehr gerne mit dem Esslöffel). Ungewohnte Haushaltsworte in meinem alltagskargen Blog, das freut mich auf eine kittelschürzige Weise, ein Anker in diesen Tagen. Doch ohne Maille a l´ancienne wär´s nichts als Laub mit rohem Gemüse. So ist´s ein Gedicht, eine Sinfonie. Überhaupt Senf. Mit oder ohne Hanf. (Ferd sagt der Berliner und Flaume und Farrer. Ich sag Sempf und Hampf und Sumpf).

Grammati(kali)sch dudenfest stelzen die Worte daher, auf langen Weberknechtbeinen, so stelle ich sie mir vor. Kaum, dass die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind und die Wandfarbe getrocknet ist, torkeln sie zurück in ihre angestammten Ecken. Weberknechte, mit ihren dicken Knien, sind mir schon deswegen so lieb, weil der Vater früher Webermännchen genannt wurde. Auch ich bin eine Weberin, durch und durch, mehr als alles andere jedenfalls. Eine Postkarte habe ich dem Vater gestern geschickt, so wie früher, als er mir noch gut war. Da schrieb ich ihm jede Woche eine. Meist Karten vom zerbombten Berlin, am Liebsten mit einem Zeppelin am Himmel, die mochte er so gerne, auch wenn sie ihn traurig stimmten. Ich hoffe, dass er mir – was auch immer- verzeihen und mich in seine Arme schließen oder zumindest wieder mit mir sprechen wird.

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Nach einem kurzen Hundespaziergang treffe ich vor dem Haus auf den Nachbarn. Hallo, hallo! ruft er mir schon von Weitem zu, ich muss mit Dir reden. Eine Satzeinleitung, die mich den inneren Sicherheitsgurt anlegen und das Visier herunter klappen lässt. Glücklicherweise wird’s nur eine Ankündigung bzw. eine Bitte: ab sofort möchte er wöchentlich Kammermusik machen, zusammen mit 3 Freunden.Türkische Gitarre, Akustikgitarre und Schlagzeug, gleich nebenan, Wand an Wand, die Räume stünden derzeit leer, ob ich was dagegen hätte. Ach woher, ich freue mich drauf, sage ich erleichtert und meine es so und kann´s kaum erwarten, bis es von nebenan herüberdudelt.
Ich mag den Nachbarn im Übrigen sehr gerne. Seine Stimme steht für Frühling und Sommer und Wärme, denn von März bis September lebt er bis spät in die Nacht hinein auf seinem Balkon. Dort telefoniert und räsoniert er auf deutsch und auf türkisch und raucht dazu. Über Fußball weiß er alles, zu Politik hat er feste Meinungen und bleibt bei aller Entschiedenheit doch immer stoisch gelassen. Ein leichtes Lächeln schwingt in seiner Stimme mit, ein wenig schelmenhaft und scheinbar immer kurz vor einem erheiterten Glucksen. Rundum zufrieden wirkt er. Nur im Plenum soll er manchmal laut werden, hört man. Sogar von Ausrastern war schon die Rede. Ich kann mir das kaum vorstellen bei dem zauseligen weißhaarigen Mann. Ebenso wenig wie ich glauben kann, dass tatsächlich er es ist, der jeden Sonntag zur gleichen Zeit den Beischlaf mit seiner Freundin vollzieht, einer Frau mit Studienrätinnengesicht, der ich manches zutrauen würde, aber nicht Sex, so schablonenhaft und dumm ist meine Weltsicht. Ikebana, denke ich, oder Korbflechten würde gut zu ihr passen. Die hörbare Leidenschaft der Beiden irritiert mich immer wieder auf´s Neue, gleichzeitig efreut sie mich irgendwie. So lang sind sie schon zusammen und so regelmäßig begehren sie sich noch. Das ist schön und stimmt mich hoffnungsfroh. Sowas gibt’s also.
Eine ungewöhnliche Tragweite, wie sonst nur die von Frauen oder weinenden Kindern, hat die Stimme des Nachbarn. Obwohl er eine Etage über mir wohnt und in Zimmerlautstärke spricht, verstehe ich mühelos jedes einzelne Wort und höre jedes Räuspern, selbst dann noch, wenn meine Fenster geschlossen sind. Sobald er auf dem Balkon sitzt, spricht mein Nachbar zu der ganzen Welt, was diese auf einmal beruhigend überschaubar und klein macht und mir das Gefühl einer unantastbaren Hinterhofgeborgenheit gibt.

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Am Vogelhäuschen picken die Meisen die letzten Körnchen des längst vergangenen Winters auf. Die Alten zeigen ihrem Nachwuchs, wo er sich in der kalten Jahreszeit versorgen kann. Aufmerksam sitzen die kleinen Plüschbälle neben ihren Eltern und zirpen und schauen mit schräggelegten Köpfchen zu. Dann erst wetzen sie ihre Schnäbel an den Zweigen der Hortensie und bedienen sich anschließend an den Körnerresten. Ein Vorgeschmack auf das richtige Leben ohne die schützenden Fittiche der Eltern.
Auch Vögel pflegen Traditionen.
Ich mag die Verantwortung, die mir aus ihrem Vertrauen in meine Zuverlässigkeit erwächst.

Und sonst: warten auf eine Entscheidung in einer für mich lebensnotwendigen und lebensbestimmenden Sache. Ich kann gar nicht sagen wieviel Angst ich habe und wie sehr die Panik auf meinen Brustkorb drückt und mich kaum schlafen lässt. Von früh bis spät hängt dieses Schwert über mir. Ich hoffe der dünne Faden wird nicht reißen.
Hilfe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Petershagen, Berlin Hinterhof 1980, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Wo die Blumen sind

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Das sind nicht wir, sagst du, nachdem ich eine hässliche Bemerkung gemacht habe und zu meiner Überraschung verfliegt mein Ärger sofort und etwas Heißes, Drängendes schiebt sich stattdessen nach oben, drückt gegen den Magen und die Lunge und mein Hals wird eng. Nein, das sind nicht wir, denke ich, doch wo sind wir geblieben, und schon steigt eine Melodie in mein Ohr und ich höre Marlenes monotone Stimme, unbeteiligt und traurig zugleich, und ich wundere mich darüber, wie auch über mein inneres Zittern und sehe mich am Rande eines Filmsets stehend auf die erlösende Klappe warten, um den Tränen ihren Lauf lassen zu können. Leise vibriert das Handy auf dem Tisch, doch das bist nicht du. Ich drehe es um und gehe aus dem Raum. Etwas Banales und Alltägliches ist der leise Schmerz in diesen Tagen zwischen uns, gegenständlich beinahe, wie die leere Papprolle mit den drei verbliebenen Blättern daran, mit der die Katzen nicht spielen mochten und die ich jetzt vom Boden aufhebe, um sie in den Müll zu werfen. Ich trete auf das Pedal des Eimers, die beiden Chromdreiecke klappen mir entgegen wie Flügel, ihre Unterseiten sind schmierig und verklebt. Die Rolle fällt hinein, es raschelt leise und ich erinnere mich an die Wochen, als meine Trommelfelle gerissen waren und ich nur noch Rascheln hören konnte, sonst nichts. Das Rascheln der Tüten und das des Bambus, der jetzt seine toten Blätter, auf denen nicht einmal der stetige Regen mehr glänzt, im Winde wiegt.
Später oder morgen, wenn ich die Tüte wechsele, werde ich auch die Flügel putzen.

Im Bad stehe ich vor dem Spiegel und betrachte mein Gesicht, das ruhig und unbewegt daliegt. Nur meine Augen sehen gehetzt aus. Nicht traurig, gehetzt.
Es ist kein Schmerz, denke ich, es ist Druck, Überdruck. Etwas das nicht entweichen und nicht heimisch werden kann, etwas, das nirgends hingehört und doch da ist und Raum greift, und das ich in manchen Momenten kaum ertragen kann und platzen möchte, damit es aufhört.
Ich trauere nicht mehr um das was wir waren, das goldene Versprechen, die weiße Stadt auf dem Berg, das helle Leuchten am Horizont, ich trauere darum, nicht mehr daran glauben zu können und nicht mehr enttäuscht zu sein, so erschöpft und resigniert bin ich von unseren stummen Kämpfen, dem Tauziehen mit den sturen Kiefern der Verweigerung und der pragmatischen Kühle. So lange schon. Wir sind uns entglitten, wir trudeln und ich suche nach deinem Blick, den ich nicht finde und ich weiß kaum noch wie das war. Wo sind wir.
Eine Einbahnstraße blieb das Vertrauen zwischen uns, all die Zeit. Mein Leben ein offenes Buch, das Deine ein geheimer Ort mit geheimen Menschen und unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen. Vertrauen ist Mörtel, denke ich. Ein so hässliches Wort für etwas so Wichtiges und Verbindendes. Doch Vertrauen mochtest oder konntest Du mir nicht schenken. In keiner Stunde, in keiner. Nie.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, cow boy, hermes marana
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Hassknochen

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Der Nachbar gibt sich selbstbewusst und sitzt breitbeinig da während wir reden. Ich solle doch, sagt er, beim nächsten Mal wenn ich wieder Probleme habe einfach zu ihm kommen und mit ihm sprechen, statt mich andernorts zu beschweren. Das fordert Jemand, der seit Jahren die Poizei anruft, wann immer er auch nur den Hauch einer Chance wittert, mir eine Ordnungswidrigkeit anzuhängen oder mir sonstwie gegen den Karren zu fahren, was allerdings selten klappt, eine so (beinahe) vorbildliche Bürgerin die bin ich. Gelangt hat es mir vor ein paar Monaten, als er vor lauter geiferndem Hass schließlich tätlich wurde, was er vor dem Polizisten, der das Gespräch initiiert hat und diesem heute beiwohnt, selbstverständlich abstreitet. Niemals hat er in irgendeiner Weise! Ich muss ihn verwechseln. Den Austausch der Telefonnummern, den unser Mediator vorschlägt, lehnt er ab, er habe schließlich keine Probleme mit mir, wozu dann meine Nummer notieren. Und ganz am Ende des Gespräches zeigt er, der bekanntermaßen die Wohnungen in seinem Haus nur an Deutsche vermietet, dann doch noch sein Gesicht und wettert aus dem Nichts gegen die Flüchtlinge in meinem Haus. Immer laut seien diese. Rücksichtslos belästigten sie die ganze Straße, hielten nachts alle wach, es hagele nur so von Beschwerden. Schlimm, schlimm, schlimm. Glatt gelogen, denke ich und sage dies auch in etwas abgemilderter Form, während in meinen Augen längst schon Hakenkreuze und Kalschnikows aufblitzen, wie meine Ostberliner Freundin zu sagen pflegt, und ich ihn vor meinem inneren Auge bereits im Schwitzkasten habe. Meine Mimik versteinert, die Haut fühlt sich ledrig an, ich könnte jetzt, selbst wenn ich wollte, nicht mehr lächeln. In meinen Gedanken wünsche ich dem 80-jährigen Hassknochen einen übel juckenden Ausschlag an all die Organe, die allein Männern vorbehalten sind (aus Angst vor dem gefürchteten Spiegelungseffekt von Verwünschungen) und halte zähneknirschend meine Klappe. Schließlich sind wir ja hier, um uns zu vertragen. Die Rothaarige, die mich netterweise zu diesem unangenehmen Termin begleitet hat und deren souveränen Umgang mit Arschgeigen ich seit jeher bewundere, lächelt ihn nur gütig und ein wenig herablassend an, wie jemanden, den man für so stulle hält, dass jedes Wort reine Verschwendung wäre.
Zum Abschied reiche ich ihm die Hand, die er widerwillig entgegen nimmt.
Als die Rothaarige und ich anschließend durch den prasselnden Regen nach Hause hetzen, bin ich einerseits ratlos und andererseits erleichtert. Der Termin ist vorbei, jetzt sollte Ruhe sein.

Nur eine Stunde später aber sehe ich, wie meine böse Vermieterin und der böse Nachbar in unserem Hauseingang die Köpfe zusammen stecken. Aha, denke ich, die beiden kennen sich also. Und mein innerer Sensor sagt zuerst: Passt doch. Und dann: Obacht!

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, hermes marana, cichy kacik23
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

 

K- wie kommentarlos

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Man schenke den Worten der Menschen keinen Glauben, wenn sie sagen: ich verstehe dich. Das mag manchmal annähernd stimmen, tut es aber meist nicht, weil ein Mensch einen anderen eben nicht verstehen, sondern ihm sich nur gedanklich oder emotional annähern kann und weil eben auch oft zuviele Eigeninteressen dem Verständnis entgegenstehen. Jeder Mensch möchte gerne gesehen werden. Dem Anschein nach selbst dann, wenn der Andere blind vor Angst in einem brennenden Haus eingeschlossen ist und seine Aufmerksamkeit nicht von den in seinem Rücken lodernden Flammen abziehen kann.

Mir einen längere Mail, in der ich meine derzeitige Situation beschreibe und mich ansonsten nicht weiter in Geplänkel verliere, unkommentiert zurückzuschicken, zeugt jedenfalls nicht von Verständis sondern vom genauen Gegenteil.

Ich bin´s manchmal so leid die Erwartungen anderer erfüllen zu sollen, die kein Verständnis für meine angespannte Lage haben, für die ich seit Monaten so ziemlich alle Kräfte bündeln muss, um nur halbwegs über die Runden und so unbeschadet wie möglich heraus zu kommen, es aber tatsächlich nicht auhalten, dass ich bei diesem Ringen nicht in der Lage zu smalltalk oder meinetwegen auch deeptalk bin.

Ertrinkende plaudern eben nicht.

(Zuviele, zu starke Metaphern: Feuer, Wasser, am Ende wahrscheinlich noch ein Erdrutsch. Man wird sehen).

Ab 1. August bin ich voraussichtlich nicht mehr krankenversichert. Die nächste Eskalation in meinem Katastrophenshowdown, denn kaum etwas brauche ich nötiger als eine Krankenversicherung, zumal als chronisch Kranke. Die zuständigen Behörden schieben die Verantwortung hin und her, alle haben irgendwie Recht und ich steh da und weiss nicht wie es werden soll und bekomme Mails in denen ich über meine Misere berichte als unkommentierte Kopie zurück und denke sehnsüchtig an den Müllschlucker im Haus der Freundin früherer Tage zurück in dem ich zu gerne den ganzen Ballast versenken würde, ihn mit Schmackes hineinwürfe und ihm nachhorchte, wie er beim Herunterfallen schwer gegen die Schachtwände schlüge während ich lässig plaudernd oben an der Klappe stünde und nach dem Verklingen des letzten Tones fröhlich auflachte, dem Müllschlucker den Rücken zukehrte und hinaus ginge in den Garten, um dort Federball zu spielen, oder in der Hängematte liegend die Ameisen zu beobachten, wie sie ihren Blattlaus- Gefangenen am kleinen Ahorn die Flügel absäbeln, um sie an der Flucht zu hindern und wo ich mich, versunken in diesen Anblick,  fragen würde, wieso die Welt so beschaffen  ist wie sie ist. Hätte Gott doch auch ganz anders.

 

 

 

 

Good morning, sinners!

 

 

 

 

 

P.S.: Morgen findet endlich das Treffen mit dem übergeschnappten Nachbarn und dem Kontaktbereichsbeamten statt. Eine Art Mediation, damit er mich künftig in Ruhe lässt. Ich hoffe er bringt nicht seine Machete oder sein Schnitzmesserchen mit, denn ich bin ja bald nicht mehr krankenversichert und könnte mir größere Fleischwunden folglich nicht leisten. Oder käme für meinen Personenschaden seine Haftpflicht auf.
Einen Polizisten immerhin hätte ich als Zeugen gleich dabei.

kein Titel zur Hand

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Man muss sich das Ganze als einen weitläufigen Saal mit holzgetäfelten Wänden vorstellen. In der Mitte des Bodens klafft ein schrankgroßes Loch, abgedeckt mit einer Glasplatte. Durch das Loch blickt man auf eine hügelige Sommerlandschaft mit Feldern im Schachbrettmuster, mehr grün als gelb. Hier der Zwiebelturm einer Kirche, dort das graue Band einer Straße, darauf Fahrzeuge, die sich langsam nach vorne schieben, wie Käfer.
Der Saal hat keinen Ausgang, doch auf den Längsseiten befinden sich Fenster. Mit ausgestrecktem Arm greife ich durch eines hindurch in den kalten, transparenten Himmel hinein, wo in der Ferne turmhoch die Wolken sich stapeln wie sonnenbeschienene Gebirge. Durch das Loch im Boden sehe ich die Wolkenschatten, wie sie hinwegfegen über Hügel und Felder.

Ich bin allein hier oben. Unter mir ist Tiefe, ist Welt.

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Ich stehe auf Gespenster. Ich mag allein das Wort schon so gerne, dass ich mich freue und lächeln muss, wenn ich es höre, lese oder schreibe. Das kleine Gespenst war und ist mir schon immer eines der Liebsten.

Da ich vor einiger Zeit ein etwa haselnusskerngroßes Gespenst, das im Dunkeln leuchtet, über Etsy gekauft und mich dort außerdem bei diversen Raben- und Krähenprodukten umgeschaut habe, bekomme ich nun täglich und frei Haus Gespenster und Raben in allen Varianten angeboten, gehäkelt, getöpfert, gefimot, gezeichnet usw. So schafft es Tante G**gle mit ihren Algorithmen mir eine Freude zu bereiten, ohne das ich je darum gebeten hätte. Das ist das Gute am Schlechten.
Mein Lieblingsgraffito seit vielen Jahren ist übrigens auch ein Gespenst, das eine nicht mehr aktive Sprayerin überall in der Stadt hinterlassen hat. Viele ihrer Gespenster erblicken erst wenn es dunkel wird das Licht der Welt, wenn nämlich die Rolläden der Geschäfte, auf die sie gesprayt wurden heruntergelassen werden und die arbeitende Bevölkerung nach Hause geht. Erst am Morgen verschwinden die Gespenster wieder in ihren Kästen und schlafen dort bis zum nächsten Abend während unter ihnen die Tagaktiven ihr Leben leben.

 

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Meine Cousine ist ein sehr gläubiger, ein großzügiger, ein fürsorglicher und lieber Mensch. Und weil das so ist und wir uns mögen und ich manchmal auch ein Glückspilz bin, sind ein paar meiner größten Sorgen inzwischen ein bißchen kleiner und ich kann mir, dank ihrer, den juristischen Beistand leisten, den ich brauche, damit es weiter geht.

Außerdem: mein vor Jahren bei einem Unfall verletztes und seither immer angeschwollenes Knie, ist unglaublicherweise und aus heiterem Himmel wieder gazellenschlank und meine Lieblingshosen sitzen tippsitoppsi und sehen derart gut an mir aus, dass ich mich beinahe in mich selbst reinverlieben täte,  wäre ich nur narzisstisch genug.

 

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Beim Aufräumen habe ich etwa 200 intakte oldschool Glühbirnen entdeckt (ja, stellen Sie sich meine Wohnung ruhig in ihrer unendlichen unüberschaubaren und unergründlichen Weitläufigkeit vor und werden Sie ihr noch lange und niemals, selbst in Ihrer verwegensten und abwegigsten Fantasie,  nicht gerecht damit).  Außerdem fand ich das schwarz-weiss Foto eines Freundes vergangener Tage. Unter schwerem Wolkenhimmel steht er, den Körper dem Wind entgegen geneigt, am Meer, eine Hand beschirmt die Augen, sein Blick ist auf die raue See gerichtet.
Unter seinen Füßen der Sand.

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Das richtige Leben

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Bilder nicht werten, sie aufblitzen lassen wie die Fotos in den handtellergroßen Souvenir-Plastikfernsehern. Drückte man einen Knopf erschien das nächste Bild. Eine Kirche, ein Rathaus, die Berge, der See. Alles war Vorbereitung, Instruktion für ein Leben, das beginnen würde sobald die Canyons im Schweiße des Angesichts gegraben und der Fluss endlich in seinem Bett angekommen wäre. Was davor war, war Interim, so wenig richtiges Leben wie Chappi.

Eine Geschichte schreiben die nicht die eigene ist während die eigene unbeachtet weiter plätschert wie Wasser im Rinnstein und das Laub sich sammelt auf dem Abflussgitter und modert. Dieses Bild taugt für nichts und steht doch so da. Entstanden als ich mein Leben kurz aus den Augen ließ und Laub sich sammelte, das ich sonst vielleicht beiseite gefegt oder gespült hätte um der Verstopfung des Abflusses vorzubeugen.

Das Alleinsein tut mir gut. Ich atme tief und in die Nacht hinein. Wenn ich nicht schlafen kann, höre ich Julia Franck über deren Stimme ich noch unschlüssig bin, ob scheiße oder gut, so meine vereinfachte Formel, welche auch für Katja Riemann galt, als Frage, eine kurze Zeit lang allerdings nur, dann stand die Antwort fest. Kristallklar. Dass ich überhaupt darüber nachdenken musste.
Schwarz und weiß gefällt mir, solange ich die Farben im Hinterkopf und zur Auswahl habe.
Kontrastreich auch die tägliche Nonne in der Planckstraße mit ihrer schwarz-weißen Kluft. Am rechten Handgelenk der passende Nylonbeutel, schwarz mit großen weißen Punkten, welche Reihe für Reihe, von oben nach unten hin, größer werden. Der umgekehrte Paranusseffekt. Was mag die Nonne wohl einkaufen und in den heimischen Stock tragen?

Ich mag das Leben an diesen Unorten, an denen niemand wohnt aber viele arbeiten und wirken und dabei ihre eigenen kleinen Netzwerke spinnen. Verbindungen, die erst sichtbar werden, wenn man länger hinschaut. Ein Bühnenstück.
Da ist zum Beispiel der Wäschemann mit dem langen krausen, zum Zopf gebundenen Haar, dessen schmaler Körper in einer Arbeiterlatzhose steckt, die ihm einen runden Kinderpo formt und der Tag für Tag mit dem LKW vorfährt, die Hebebühne herunterlässt und große Wagen voll mit Laken, Handtüchern und Bettbezügen auslädt, die er vor der Einfahrt zur Tiefgarage abstellt und dann, einen nach dem anderen, in das Hotel schiebt, wo fleißige Arme sie entgegennehmen und ihm die leeren Wagen des Vortages übergeben. Immer scheint er guter Dinge und niemals seiner Arbeit überdrüssig zu sein. Im Gegenteil: federnden Schrittes und mit zufriedener Miene bewegt er sich durch Hitze und Regen und Wind und selbst das Hupen der verärgerten Tiefgaragenbesucher kann ihm nichts anhaben. Er winkt dann jedes Mal freundlich, fährt den LKW ein Stück nach vorne und schiebt, so rasch er kann, die Wäschewagen aus der Zufahrt, bis die erste Mutter mit Kinderwagen oder ein Rollstuhlfahrer sich über den zugestellten Gehweg beschwert. Auch diesen versucht er es recht zu machen, was nur wieder auf Kosten der Freizügigkeit der Tiefgaragenbenutzer gehen kann, deren Unmut nicht lange auf sich warten lässt. Ein Jongleur ist er, denke ich. Einer, der seinen Beruf beherrscht, was sich weniger in seinen routinierten Bewegungen, als in seinem warmen Lächeln zeigt, das er den Menschen um sich herum schenkt und mit dem er jeder Situation ihre Spitze nimmt.
Gerne wäre ich ein bisschen mehr wie er.

Es ist Sommer, der längste Tag bereits vorbei, der Löwenzahn verblüht, die Kastanien tragen kleine Igel und im Plänterwald streicht ein Mann umher. Strack wie Bolle schiebt er einen Buggy voller Spirituosen die Wege entlang und lässt diesen prompt stehen, als er meiner ansichtig wird. Schon hetzt er mir hinterher. Jeder von uns atmet schwer, der Eine aus seiner Geilheit heraus, die Andere getrieben von Angst, und in der Nacht, wenn ich nicht einschlafen kann und Julia Franck mit ihrer angenehmen aber doch überlieblich angelispelten, zauberhaftigen Stimme zu mir spricht, sehe ich wieder sein Gesicht, eingerahmt von fettigen Haarsträhnen. Ich rieche ihn, den ranzigen Talg, seinen Schweiß und den sauren Atem, die hemmungslos entfesselte Gier und ich sehe mich zwischen den Büschen auf der Flucht, die rettende Haltestelle ist nicht weit, dazwischen nur ein Zaun mit einer fehlenden Strebe als Durchschlupf und auf einmal bin ich dreizehm und der Onkel wohnt keine 100 Meter entfernt und ich erreiche weder den Bus noch den Onkel, der wahrscheinlich gerade bei offenem Fenster Klavierunterricht gibt, in die Tasten haut und die Wut über den verlorenen Groschen spielt, oder den Türkenmarsch oder war es der Götterfunke.
Zuhause angekommen steht die Mutter schon im Flur. Um 6 Minuten habe ich mich verspätet und ich weine und sie verhängt Hausarrest, eine Woche für jede Minute, und ich verlasse das Haus auch dann nicht, als ich lange schon wieder darf.

 

 

 

 

 

 

Bild: Aaron Noble, untitled, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Beletage

20170620_165353-1.jpgComing soon: oben rechts ist eine Dachterrasse geplant und nach hinten zum begrünten Innenhof das Bad aus Marmor mit Armaturen von Grohe. Lichte Raumhöhe 2,80 m, Fußbodenheizung, Gästebad, Hauswirtschaftsraum usw. Individuelle Grundrisse möglich.
Luxus pur! Einen Steinwurf von der Friedrichsgracht entfernt, nur 5 Fußminuten zum Stadtschloss, der Museumsinsel und Unter den Linden. Auch Kreuzberg, der quirlige, angesagte Szenebezirk ist nicht weit.  Da bleiben keine Wünsche offen.
Nehmen Sie einfach viel Geld in Ihre edel beringten Hände und kaufen Sie damit
Leben pur ab 8.000 € pro Quadratmeter.