An der Kirche

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Guck mal was ich kann, sage ich, stelle meine randvolle Tasse an die äußerste Tischkante, sehe nicht, dass diese abschüssig ist, und die Tasse rutscht –zack – auf den Fliesenboden, wo sie mit einem satten Knall zerbirst. Die Agrarwissenschaftlerin schaut mich ungläubig an und ich fange an zu lachen. Schade um den schönen Kaffee, sage ich und und klaube, noch immer kichernd, die Scherben auf, während sie wortlos Küchenpapier holt. Als ich mir einen neuen Cappucino mache, beobachtet sie mich ratlos. Ich hatte ihr zeigen wollen wie frei es sich ohne herumtobende Katzen lebt.

 

Auch der Hund ist, obwohl frisch geschoren und gewaschen, gut drauf. Spielend schafft sie einen zwanzigminütigen Spaziergang mit ein paar schnellen Sprints zwischendurch. Doch sogar hier am Feldweg trifft man auf Menschen in neonfabener Funktionskleidung, die mit hängenden Mundwinkeln und eiserner Gesetzestreue auf den universalen Leinenzwang hinweisen, während mein Tölchen gerade verträumt an der Ackerbegleitflora schnuppert und dabei plüschig wie ein Schäfchen aussieht. Ist recht, sage ich und gehe ungerührt weiter. Das sich entfernende Gemecker blende ich mühelos aus. Ich bin auf dem Wege der Genesung.

 
Vor der Kirche stolziert noch immer der Hahn vom Vorjahr umher. Ein sehr schöner und ein duldsamer Kerl ist er. Während der Fütterung ziehen die Hennen ihm die Brotstücke aus dem Schnabel und er lässt sie gewähren. Zwei winzige Küken laufen piepsend einem weißen Huhn hinterher, einem anderen fehlen sämtliche Schwanzfedern, ein mittelgroßes Küken pickt vergeblich auf dem Rasen nach Körnern und zwei ältere Damen sitzen auf einer Bank und unterhalten sich über die Hackordnung der Hühner. Wenn´s nicht einmal die Tiere schaffen in Frieden zu leben, wie sollen´s dann die Menschen schaffen, sagt die Eine. Die Andere stimmt ihr mit brüchiger Stimme zu.

 

Die Glocken der nahegelegenen Kapelle läuten hell.

 
Oben am Berg, auf dem Kirchhof, liegt einer der den Vornamen Hyazinth trug. Kies knirscht unter meinen Sohlen, als ich an seinem Grab vorbeigehe auf dem Begonien blühen, und ich sehe einen jungen, feingliedrigen Mann im schwarzen Rock und mit randloser Brille. Als ich ihm zunicke ist er verschwunden.
Die Berge in der Ferne sind nebelverhangen.

 

Vom Kirchhof führt ein schmaler Weg vorbei an Gärten und brachliegenden Grundstücken. Überall wachsen Disteln, Goldrute, Gräser und Glatthafer. Ich entdecke Sauerampfer und zupfe eines der lanzettenförmigen Blättchen ab, doch es schmeckt bitter und so spucke ich es wieder aus in der Hoffnung es möge nicht giftig gewesen sein.
Dunkel und aufgeweicht ist der Weg vom tagelangen Regen, es wimmelt von Nacktschnecken und ich konzentriere mich darauf keine zu zertreten. Nach einiger Zeit kommt mir hinter einer Wegbiegung eine Frau entgegen. Neben ihr läuft mit gespitzten Ohren ein großer Hund. Die Frau greift das Tier beim Halsband und macht auf der Stelle kehrt. Als sie es abführt, sehe ich, dass ihm der Schwanz fehlt. Wenig später treffen wir wieder aufeinander. Sie hat am Ende des Weges auf mich gewartet. Ihr Hund starrt mich angriffslustig an. Grußlos gehe ich vobei. Nicht die Stille stören.

 

Tiefblau war der Himmel im vergangenen Sommer und tiefblau ist er nun endlich an unserem fünften Tag hier. Das Puzzleteil an der Hauswand gegenüber ist verschwunden. Jemand hatte es unbemerkt dorthin geklebt, als Botschaft vielleicht, doch der Regen muss es heruntergewaschen und fortgespült haben. Auch die Kühe an den Gleisen sind nicht mehr da, sowenig wie das alte zerrupfte Pferd mit dem durchhängenden Rücken. Ein Stückchen weiter grasen jetzt Ziegen und ich denke an mein allergisches Kätzchen Zuhause, das inzwischen nur noch Ziegenfleisch verträgt. An meiner Ziege hab ich Freude, stimme ich innerlich an und dichte das Lied beim Singen um. Aus der Ziege wird eine Fliege mit seidigem Haar und viel MeckMeck.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Gunnar Staack, Murnau Nikolia Nordseite, kirchbau.de, http://kirchbau.de/php/400_kirchendatenbank.php?wunsch=plz_82000_82999&ansicht=vollliste&name=keiner
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Silber

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Manchmal wenn der Verdacht sich mir aufdrängt nicht ganz bei Trost zu sein, weil Dinge fehlen in meinem Schrank (beispielsweise Tassen) und ich nach dem Duschen in den beschlagenen Badezimmerspiegel schaue und an schwarz beborstete Zahnbürsten denke, die die Kinder sich über die Oberlippe hielten und sich dabei wie fröhliche Hitler im Bademantel fühlten, versuche ich die Wege nachzugehen die mein Verstand genommen haben könnte, folge ihnen mit System, gelernt ist gelernt, und finde mich wieder im elterlichen Schlafzimmer mit den weißen Interlübkeschränken und einer Weltkarte über dem Bett in einem Haus mit rosa Sandstein und Fachwerk, einer dramatisch geschminkten Mutter und schwarz gekleidetem Vater mit der Klarinette an den Lippen und der Schwester mit den roten Haaren wie die Urgroßmutter, von deren 9 Geschwistern eines den Namen meines jetzigen Hundes trug, und hinter dem Haus der Blick auf die Berge, die mittleren: ein Taunus, ein Spessart und ein Vogelsberg, der Odenwald nicht weit, und Hochhäuser in der Mainebene, wie Pilze nach dem Regen. Alles weit weg, geschmolzen wie die Scholle die der Eisbär nicht erreicht und unterdessen die Robbe ihm entkommt und nun sind es plazentahungrige Möwen die die Robben töten. Anpassungsspezialisten. Ich und die Möwen deren Rufe den Hund  noch immer aufhorchen lassen, die größten Futterkonkurrenten waren sie auf der Insel, neben den anderen Hunden oder meinen Geschwistern, wie wir so da saßen mit unseren Frottierlätzchen auf Hochstühlen bei Tisch und ich narkoleptisch und anorektisch und die Mutter mit dem Blattlausaugenmakeup und dem zischenden bösen Mund und ihrer heillosen Wut.

Ich sehe aus wie Hitler, denke ich im beschlagenen Badezimmerspiegel, wenn die Haare so strähnig und glatt auf der Stirn kleben, weil erst Trockenheit die Locken dreht und Hitler zurückdrängt in den Zahnputzbecher mit den (heutzutage) weißen Bürsten mit denen nur ein Greis sich nachahmen ließe, doch gottseidank ist er lange schon tot und sein Ende besiegelt mit dunklem Haar. Wie eine Anorektikerin fühle ich mich wieder, mein ausgemergeltes Rhesusaffengesicht und die Hosen die von den Hüften rutschen, überdiszipliniert und traurig sehe ich aus, der Ehrgeiz einer Ballerina über dem Zenith und der Stress, dieser Stress und sein Spaten im Gesicht und immer in meinem, die harten Kanten, grobe Schnitzer mit dem scharfen Messer gehöhlt. Es wird heilen, bald schon in den Bergen mit ihrem schroffen Grat oberhalb der Baumgrenze, wo der Fels auf sich selbst gestellt ist, nur Stein, nur Zeit und Wind und das Fieber brennt und ich zähle die Stunden rückwärts und die Kilometer nach vorne. Kühl soll es werden, am Fuße der Berge spielt mir Petrus in die Hände. Schlafen, schlafen, die Kuhlen füllen, grasüberwachsene Kanten, die Berge, die Ebene und der See und ich freue mich so, ich freue mich und über den Alpen die Sonne.

 

 

 

 

 

 

Bild: Modifica cfs 6512, carmelo fabrizio scordini, flickr
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Im Herzen ein Jogger

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Sie möchten´s nicht sehen. Auch der Tischler ist sprachlos. Langhaarschimmel auf dem Holzschrank von Gestern auf Heute und Null auf Hundert. Ohne Ansage. Auf der Frontseite, wohlgemerkt.

(Entspannte Lebenslust bringt man am Besten zum Ausdruck, indem man im Schneidersitz sitzend, lachend alle Zähne präsentiert, dabei lässig die Arme auf den Oberschenkeln ablegt und die offenen Handflächen gen Himmel zeigen lässt.

Wenn zu ostentativ tikerscherk böse.)

Das Hörbuch Kindeswohl von Ian McEwan bricht kurz vor Schluss ab, ich schrecke aus dem Halbschlaf auf. Wer kann mir jetzt bitteschön sagen wie der Roman ausgeht? Läuft da noch was zwischen den beiden? Wenn ja, wäre das doch einerseits ganz schön, aber andererseits auch total daneben und wirklich ein dickes Ding, oder?

In einer Online-Rezension des Buches suche ich vergeblich nach einem Spoiler, der mir das Ende verraten könnte, lese stattdessen etwas von Fettgeilchen und muss mich doch sehr wundern. Tatsächlich steht dort aber Fertigteilchen i.S.v. Textbausteinen, wie sich schnell heraustellt, was vermutlich als Schmähung gemeint ist, der ich mich jedoch nicht anschließen mag.
In meinem Universum sind Teilchen etwas was in Röhren beschleunigt wird, sage ich.
Bei uns sind Teilchen die Dinger, die man beim Bäcker kauft, antwortet die Agrarwissenschaftlerin.
Die heißen bei uns Stückchen, entgegne ich und sie sagt Stückchen klinge in ihren Ohren merkwürdig. Schnell sind wir bei anderen regionalen Spracheigenheiten wie Griebsch und Krotzen und während wir so plaudern, beißen wir ab und an in unsere herzhaften Vesperstangen, die wir bei der Bio Company gekauft haben. Normalerweise kaufe ich da nicht ein, aber was soll ich tun, wenn Kraut & Rüben weder die gute Gepa-Espresso-Schokolade hat, noch meinen Almkräutertee. Ne, Bio Company oder Alnatura ist immer der Anfang vom Ende, bestätigt die Agrarwissenschaftlerin, ist bei mir in Moabit nicht anders. Und Fritz Cola, ergänze ich, das ist auch immer schlecht. Oder ChariTea. Kauend nicken wir und wenn bei einer von uns der Mund wieder leer genug ist, ergänzt sie die Liste der Verdrängungsindizien um einen weiteren Punkt. So hangeln wir uns von Thema zu Thema, wie die Affen die Bäume entlang, und natürlich sind das keine Themen, sondern nur ein wenig Fellpflege, sich gegenseitig lausen, sich rückversichern: wir sind Teil der gleichen Blase, der selben Sorgen- und Spaßgemeinschaft, ich fühle wie du.
Und weil am 2. August Erderschöpfungstag war, prüfen wir auf unseren Smartphones noch schnell unseren ökologischen Fußabdruck.
Man muss es sich leisten können ein guter Mensch zu sein, denke ich, denn ohne Bio kann man gleich einpacken, da braucht man mindestens zwei Schuhgrößen größer oder zwei Erden mehr. Wären doch nur alle Menschen auf der Welt reich genug für Bio.
Der Fußabdruck der Agrarwissenschaftlerin ist miserabel, trotzdem ist sie alles in allem recht zufrieden mit sich: viel Bio, regional und auch mal Second-Hand-Klamotten. Wenn nur die vielen Lang- und Kurzstreckenflüge nicht wären, wäre sie gar nicht mal so schlecht aufgestellt. Neuseeland in diesem jahr hat ziemlich reingehauen. Dann der Flug nach Köln zur Stunksitzung und jetzt im Sommer Andalusien. Aber Andere sind noch viel schlimmer als wir, soviel steht fest. Beträgt mein Abdruck beispielsweise jährlich 2,53 Hektar, so braucht der Durchschnittsdeutsche doppelt soviel. Allerdings habe ich unehrlicherweise das Tierfutter nicht mit eingerechnet, wurde aber auch nicht abgefragt, oder hätte ich es bei Fleischkonsum angeben müssen auch wenn es nur Fleischreste sind. Außerdem bin ich ja nicht die Tiere. Oder doch? Den kompostierbaren Bambusbecher, den ich stets mit mir führe, um an ToGo-Bechern zu sparen, schafft hoffentlich wieder einen kleinen Ausgleich zu anderen Sünden.
Wir könnten dem Obdachlosen unter der Leipziger Straße ein paar Euro geben und fragen, ob wir ihn mit einrechnen dürfen in unserer beider Bilanz und dann durch drei teilen. Der isst zwar nicht Bio, hat aber wenigstens kein Auto, benutzt nur Second Hand und verbraucht wenig Wasser und Strom.

Gequält lachen wir und trinken den letzten Schluck unseres fair gehandelten Kaffees. Danach füttern wir die Hunde und drehen anschließend eine Runde am Kanal entlang. Der Obdachlose liegt nicht an seinem angestammten Platz.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, there´s a bug in my bedroom, der bobbel
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Heimliche Riesen

Eigentlich, so denke ich, während ich durch die Stadt gehe und den kranken Hund, wie ein zu groß geratenes Accessoire unter dem Arm trage, eigentlich könnte ich, wenn ich sowieso jeden Tag unterwegs bin, auch gleich ein bisschen Geld mit meiner inneren Unruhe verdienen und Location Scout werden, wie zum Beispiel Kai von Kotze (oder war das der Filmemacher?)  dessen Namen ich immer schon mal in meinem Blog platzieren wollte, was hiermit gelungen wäre. Herrn von Kotzes Name klingt mir nämlich schon seit Jahrzehnten im Ohr, und manchmal, wenn wir uns, was eine dumme Marotte von mir ist, über merkwürdige Nachnamen und ihren möglichen Ursprung unterhalten, beraten wir uns auch über Kai von Kotzes Namen, bei dem wir noch immer unentschieden sind, ob das ihm vorangestellte von den Namen noch krasser macht, oder ob genau das Gegenteil der Fall ist, und die drastische Wirkung durch den Zusatz abgemildert wird. Ich habe darauf keine Antwort, weiß aber, dass ich das von in Verbindung mit dem oder der Kotze ziemlich gut und herrlich hemmungslos finde.

 

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Als ich gestern mal wieder durch die Kleine Kurstraße und an der wunderbar unproportionierten und plumpen Wendeltreppe vorbei gehe, die mein innerer Scout sofort in das Location-Verzeichnis unter dem Stichwort ulkige Orte aufnimmt, erinnere ich mich daran, wie ich mich, nicht weit von hier, einmal am menschenleeren Spreekanal entlang durch die schattenlose Mittagsglut quälte und dabei an einem Baucontainer vorbeikam, in dem zwei muskulöse Männer, beide nackt, hintereinander am Fenster standen und sich schweißgebadet ihrer Lust hingaben, ein Anblick, der mich derart faszinierte, insbesondere weil der eine der beiden einen Bauhelm trug, dass ich, um nicht als Voyeurin Wurzeln zu schlagen, einen Zahn zulegte und erst wieder in meinen kommoden Trott zurück fiel, als ich, einen Steinwurf entfernt, die üblichen Angler an der kleinen Wasserstufe stehen sah und dieser vertraute Anblick mein aufgewühltes Gemüt angenehm glättete. In den Scheiben des Auswärtigen Amtes, gegenüber der Wasserstufe, spiegelte sich das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR (heute Sitz einer Business School) dessen Hauptportal früher einmal das Portal IV des ehemaligen Berliner Stadtschlosses war, welches nun vis à vis, wo der inzwischen abgerissene Palast der Republik stand, neu gebaut wird.
Geschichte kann ganz schön ironisch, denke ich beim Überqueren der Straße und freue mich en passant an der langen, schlangenförmigen Verkehrsinsel, die ich ebenso für meine Location-Agentur vormerke.

 
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Bei dem großen Baum, an dessen Ästen wir in milden Sommernächten auf einer alten Holzschaukel über das Wasser zu schwingen pflegten, wartet jetzt ein ungeeignetes Fluchtfahrzeug auf ein neues Abenteuer. Ein Stückchen weiter schlürfen die Heimlichen Riesen mit ihren langen, blauen Trinkhalmen ihren täglichen Kanalcocktail,

 

 

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in einer Ufernische wächst unterdessen ganz unbemerkt ein kleines Biotop. Blässhühner ziehen rostig rufend durch das Wasser, die Humboldtbox steht immer noch und überall ist Samsung.

 

 

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Unbox it

Gegenüber der Bauakademie halte ich den völlig überhitzten Hund in die weich perlende Wasserblüte des Brunnens und bündele unter den strengen Blicken Schinkels allen Mut und alle Kraft, um die letzten Meter durch die sengende Hitze über die Schlossbrücke noch irgendwie zu bewältigen, ehe der Schatten des Zeughauses mich gnädig kühlt und ich mich, mit meinem nassen Hund auf den Armen, an den Hütchen-Spielern, dem Historischen Museum, dem Maxim Gorki, dem Collegium Hungaricum und schließlich den S-Bahnbögen vorbeischlängele, um, beim Grimm-Zentrum angekommen, endlich guiltfree goodness in Form des besten frozen yoghurt der Stadt zu genießen, dabei das Treiben vor dem Hotel zu beobachten, dem entfernten Soundcheck im Admiralspalast zu lauschen und auf die tägliche Nonne mit ihrem vollendeten Schwarz-Weiss-Look zu warten. Erst nachden sie von ihren Einkäufen auf der Friedrichstraße mit prall gefülltem Stoffbeutel zurück gekehrt und zum katholischen Militätbischofsamt gegangen ist, mache ich mich sehr zufrieden und gestärkt auf den langen, staubigen Heimweg.

 

 

 

 

 

 

keine Drogen

13922434024_de9dbccc93_z.jpgSamstags geht’s ins Jammertal, am Sonntag in die Grube

 

Im Treppenhaus hängt eine Einladung für die Hausbewohner. Alle sollen gemeinsam in den Heide-Park gehen. Der Gruppeneintritt kostet nur 7 statt 46 Euro pro Person.

Oh, das ist aber günstig, sagt die Rothaarige, während sich mir die Nackenhaare aufstellen.

Ja, aber hast du gelesen, was ganz unten steht?

Nein.

Keine Drogen!

Echt?

Ja.

Da fährt doch keiner mit.

Eben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Neil Moralee, Knees up for Mother Brown, flickr
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keulen

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Im Internet kann man schön Menschen hinterher recherchieren und während des Spurenaufnehmens hinterlässt man eine eigene Spur für Jene, die einem irgendwann an den Kragen wollen, wegen was auch immer. Es findet sich etwas, keine Sorge.

In seinem Buch Saturday erwähnt Ian Mc Ewan die Foltermethoden Saddam Husseins, sowie gesetzliche Regelungen im Irak, die für Straftäter Amputationen vorsahen. Sofort denke ich an die Schauspielerin mit der ich vor ein paar Jahren Urlaub in Oberstdorf machte. Wir spazierten gerade am Schrotti, einem Trödelladen mit alten Pflügen und rostigem Hausrat vorbei, als das Gespräch auf Vegetarismus kam. Eine von uns beiden erzählt der anderen von einer Variante des gemäßigten Fleischkonsums, bei der einem Tier, statt es zu töten, ein Bein amputiert und das Fleisch an einem Festtag gegessen wird. Als Dank für dieses Opfer wird das Tier ein Leben lang versorgt und gefüttert und muss, anders als herkömmliches Schlachtvieh, nicht sterben. Nachdem wir das Thema verlorenes Vertrauen kurz gestreift haben, sagt die (fleischessende) Schauspielerin: lieber wäre ich tot als beinamputiert. Ein Leben mit Behinderung wäre für mich nicht mehr lebenswert. Ich gebe ein paar Widerworte, sie besteht auf ihrer Bewegungsfreude. Ich sage: Paralympics, sie sagt: Ogott. Dann schweigen wir und wir schweigen bis heute.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: hermesmarana, cichy kacik 20, flickr
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kandideln

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Neben mir auf dem Boden liegt der frisch operierte Hund wie ein nasser Lappen und es regnet weiterhin und irgendwo ist wieder Ausnahmezustand und eine Mitarbeiterin steigt früher aus als vereinbart, was Urlaubssperre für andere bedeutet, die aber schon gebucht und deswegen laut geflucht haben. Wörter werden geklaubt und gewogen weil die Aussteigerin gerne die Gute sein möchte, wo sie halt leider mindestens die Unzuverlässige, wenn nicht die Unkollegiale ist und je schlechter sie sich bei der Sache fühlt, umso lauter krakeelt sie und stochert mit dem Zeigefinger in der Luft umher damit doch noch irgendwer mitverantwortlich sich zeigen möge, anstatt, dass sie einfach sagte: es tut mir Leid. Rote Köpfe, schneller Puls, für nichts und wieder nichts und ich bin sowas von zu erschöpft, dass ich gar nicht mehr weiß ob ich nun krank bin oder irre oder einfach ausgebrannt. Und ich sage zu ihr: mach es wie es für dich am Besten ist und hoffe, dass sie sich mies fühlt dabei, ich Kleingeist. In diesem Zustand ficht mich dann sogar Internetzeugs an und ich fühle mich so jämmerlich wie Madonna, als sie ihren Freunden klagte wie sehr sie verkannt wird im Vergleich zu der mediokren Sharon Stone und ich denke: ich werde so sehr verkannt, im Vergleich zu mir selbst. So sehr! Wenn ich wenigstens mal sowas wie eine anständige Freundin wäre, wenn es dazu mal käme, rein zeit- und kopfmäßig. Emails könnte man ja mindestens beantworten, oder sms, aber ich komm gar nicht dazu, weil die einen krakeelen, die anderen aus der Narkose erwachen, ich selbst immer noch malade bin und weil der Bürzel in Flammen steht und die Flügelschläge aus der Achsel heraus nix nützen gegen das Lodern am Heck, da kann ich mich noch so abflattern, das Gewedele facht (nicht ficht!) das Feuer nur unnötig an und mit dem Hinterkopf lässt sich nun mal keine Kerze auspusten.

Der Countdown läuft. In zwei Wochen bin ich auf der Zielgeraden und hab die Alpen schon vor Augen, sofern sie nicht nebelverhangen sind. Doch auch das wäre mir vollkommen schnuppe (wie ich Worte mit Doppelkonnssonannten liebe!) ganz egal, so egal. Schlafen und keinen Briefkasten öffnen. Nicht mal Mails oder sms angucken. Einfach gar nix. Schweigen, dösen und ab und an ein Augenlid heben, um zu schauen was der Hund macht, der hoffentlich das Gleiche tut wie icke: schweigen dösen, Lid heben und weiter pennen.

Das brauchen wir, tikerscherk, Töle und icke.

Der Bekannte behauptet nämlich tikerscherk wäre gar nicht ich. Viel zu abgeklärt wäre (oder sei) tiker im Vegleich zu mir und tausendmal durchgedrehter wäre ich (also ich jetzt!) obendrein. Echt? erkundige ich mich ungläubig und überrascht und ein wenig peinlich berührt, ist nicht vielleicht tiker doch ein bisschen übergeschnappter als ich? Nein, schüttelt er bedauernd den Kopf, La Überschnapp (Doppel-p) c ´est toi, da beisst die Maus keinen Faden ab und darüber verhandeln lässt sich schon gerade nicht, sind ja nicht bei Miss E.Mission Zuhause, und nach längerem Drübernachdenken ist das auch eigentlich ganz logisch und ich nicke zustimmend, denn tiker muss nur aufschreiben was ich durchlebe und während ich on stage oder in the Waschmaschine bin, Schleudergang, mit etwas Glück nur Wollwaschgang und mit noch mehr Glück Imprägniermodus, sitzt tiker mit hochgelegten Beinen da, feilt sich die Nägel und tippt ab und an ein entspanntes Sätzchen in ihr kleines Katastrophenblog (Hintergrundbild: eine gigantische Welle, die sich aus dem Alpenmassiv heraus löst und das Tal flutet, dass die Kühe erst möh! rufen und dann losschwimmen und schließlich mit kastigem Rumpf auf den Dächern stehen und lachen). Abgeklärt sein, süß gucken und launige Sätzchen oder Kommentare hinwerfen, das kann tikerscherk aus ihrer kommoden Position heraus. Doch erst muss das tiker-ich durch Berlin Mitte stratzen und bei Yoli einen frozen yoghurt (angerührt aus Magermilchpulver) essen und dort auf einmal kapieren, was all diese sophisticted raunenden Berlinmitteblogs eint und zusammenhält, was das snobbyhaft zurückgenommene Mittefeeling ist, das auf Labeln und auf Galerien gründet, wie das tikersnobbige auf Wagenburgen und auf Staub, und in Mitte fragt sie (also ich) sich plötzlich wieso sie die letzten zwanzig Jahre nicht mehr durch dieses supersanierte Mitte gegangen ist, durch das Linien/ August/ Münzstraßenmitte, wo die Acnejeansträgerinnen catwalken und die Häuser viel schöner sind als in Kreuzberg und wo die Menschen die tikerdarstellerin ansprechen auf ihr malerisch und aus der Zeit gefallenes Äußeres, wie sie da so mitten im Gips Hof auf dem Stuhl sitzt, den kranken Hund unter dem Arm, eine viktorianisch züchtige Bluse am Leib, den gepflegt melierten Mann mit dem schwarzen Windhund an ihrer Linken, und ringsum schattiger Backstein und dahinter eine nur bis zum 6. Lebensjahr zu betretende Grasinstallation. Nicht mal Geschichten sind das, die das tiker-ich erlebt, sondern nur Licht und Höfe und Flair und Blur und tieffliegende Spatzen und tiefgreifende Wehmut des stetig verrinnenden Lebens, und alles das muss die tikerfrau ranschaffen für die schreibende tiker, die ganz entspannt ihr kleines Blog führt und dort abgeklärt in den doppelten Spiegel hinein parliert während hinter den Kulissen mit jeder Faser und bis zur totalen Selbstverausgabung gelebt und geliebt und gelitten wird. Ja, er hat Recht, der Bekannte: tiker ist nicht ich, die tikerfrau. Doch bald macht die tikerfrau Urlaub und tiker, die queen of mirrors, bleibt in ihrer Kiste. Denn dann bin ich dran, ganz in Ruhe, ganz allein, looking forward to the Reprise of the alpenländische Vexierspiel.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Visit Berlin, Clärchens Ballhaus, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

läuft

 

 

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Die Kehrmaschine bürstet die beiden schmutzigen Jahre von den Gehwegplatten, der bärtige Kindergärtner singt „Hallo Kinder, schlaft ihr noch“, die Sonne scheint und die Tigerin sucht nach Bambusresten mit denen sie sich die Magenschleimhaut aufreißen und mir blutspeienden Kummer bereiten könnte. Fehlanzeige. Auch das Basaliom des Hundes an der linken Vorderpfote wird dank der Anwendung antibiotischer Salbe täglich kleiner und entpuppt sich so als harmlose bakterielle Entzündung.

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Die roten schokolierten Nüsse von Mister Choc sind mit dem Blut der weiblichen Blattlaus eingefärbt, lese ich. Ein Heer von 1-Euro-Jobbern muss dafür, an Mikroskopen sitzend, die männlichen von den weiblichen Tieren trennen, die nutzlosen Männchen wieder in die Freiheit entlassen, an den Weibchen aber den Femizid begehen und ihr Blut anschließend sorgfältig in die Süßware hineinarbeiten, die wir Menschen dann essen.

Die Schlüsselrückforderer geben zu meiner Enttäuschung überraschenderweise nach einer kurzen Mail meinerseits sofort auf. Sehr geehrte Frau tikerscherk, antworten sie mir, vielen Dank für Ihre Klarstellung. Bei den hier vorhandenen Unterlagen war nicht ersichtlich, dass Sie bereits die Schlüssel zurückgegeben haben. Die Forderung wird zurückgenommen, ein entsprechendes Schreiben geht Ihnen gesondert zu.

Mit freundlichen Grüßen

Über das „bereits“ freue ich mich angesichts der Jahrzehnte, die seither ins Land gegangen sind ganz besonders.

 
Der Urlaub naht, blau lockt der bayerische Himmel und alles ist weiterhin in der Schwebe. Ob ich mit meinem Anwalt gut beraten bin, frage ich mich inzwischen schon manchmal, wenn er zum Beispiel Mails und Fragen nicht beantwortet, Termine nach Gusto verschiebt und sich um Fristen nicht schert, während mir die Kniee schlottern, doch nun ist es zu spät. Vor Gericht käme es möglicherweise sehr zschäpig rüber, tauschte ich auf die letzten Meter meinen mandatierten Rechtsvertreter gegen einen mit noch martialischerem Namen. Einen guten Eindruck zu machen, scheint mir auch in diesem Belang die halbe Miete zu sein, denn schnell gelten widerspenstige Menschen als mollathesk oder renitent. (In Bayern droht als gefährlich eingeschätzten Personen nun übrigens sogar die Haft ad infinitum, wenn´s die Polizei für richtig befindet. Dafür braucht´s nicht einmal ein der Festsetzung vorangegangenes Verbrechen oder gar die richterliche Zustimmung). Wo leben wir eigentlich.

Und à proposito Renitenz: beim frühkindlichen Blinzeltest pustete ich als einziges Kind zurück, statt die Augen zu schließen, so erzählte der Kanzler früher. Eine Anekdote, die meine Mutter gerne als Beleg für meine Aufsässigkeit à priori anführte. Dieser unterstellte Wesenszug, so denke ich inzwischen,  führte mich, nach ein paar Semestern in Bayern, mit Nachtfahrverboten und universitären Strafarbeiten, schließlich nach Kreuzberg, wo die Devise gilt: Pisst du mir, piss ick dir.
Wieso mir in diesem Zusammenhang die Erinnerung an den Diesel-Gedächtnishain in Augsburg, einen vollkommen unspektakulären, schattenlosen Ort mit ein paar scheinbar wahllos herumliegenden Steinen, gestiftet von einem japanischen Dieselwerk, in den Sinn kommt, weiß ich nicht. Den Besuch des Hains in den vergangenen Sommern jedenfalls, nahm ich zum Anlass mich ein wenig in die Geschichte Rudolf Diesels einzulesen, dessen bewegtes Leben in Paris begann und im Ärmelkanal endete. Wer mehr über ihn wissen möchte, kann im Netz stöbern. Eine wirklich gute Biografie über Diesel scheint es bislang nicht zu geben und mir geht leider gerade schlagartig die Schreiblust aus, denn es ist Sonntag Samstag und auch wenn die Zeit der Zeppeline längst vorbei ist, so vermessen doch wenigstens die Mauersegler noch immer rufend die Lüfte und für entspanntes Geplänkel im Schatten der Kirschbäume ist es nie zu spät.

 

 

 

 

 

 

Bild 1: Packard and the Graf Zeppelin,
Lizenz: By Bubba1 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
Bild2: bs wise, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/