let it flow

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Ich lese von einer Flaschenpost, die nach über 130 Jahren auf der anderen Seite der Erde gestrandet ist und ich stelle mir vor, wie in dieser Zeit, noch vor Errichtung des Eiffelturms und dem Aufsteigen der ersten Zeppeline, ein kleiner Junge in kurzen Hosen an einem sonnigen Sonntag nach dem Kirchgang am weißen Isarstrand stand und seine in Glas verpackte Botschaft in den Fluss warf über den der bayerische Himmel sein ewiges Blau spannte. Vorbei an treidelnden Lastkähnen und an schaufelradbetriebenen Ausflugsschiffen trieb die Flasche sodann in Richtung Meer, um schließlich nach einer langen Reise, vier Generationen später in Australien anzukommen.
Womit der Beweis erbracht wäre, dass die Meere tatsächlich miteinander verbunden sind, schließe ich die Geschichte und warte darauf, daß du als Küstenbewohner diese Bemerkung fachgerecht kommentieren wirst. Was ja vorher noch völlig offen war? sagst du dann auch erwartungsgemäß und da ich auf dem Ironieohr aus Prinzip und aus Verständnismangel taub bin, frage ich dich was du denkst, welche Route die Flasche von München aus wohl genommen haben wird. Ich mag deinen Blick, wenn du nicht sicher bist ob ich dich auf den Arm nehmen möchte oder ob ich gerade echtes Interesse bzw. Wissenshunger zeige und ich begegne dieser Prüfung mit aufmerksamen und arglosen Gesichtsausdruck. Naja, sagt du, die Isar mündet in die Donau und die Donau bekanntermaßen ins Meer und da war die Flasche dann wohl ein bißchen unterwegs.
Dann ist die Isar ja gar kein richtiger Fluss, sage nun ich und du, der du dich gerade wieder in deine Lektüre vertiefen wolltest, lässt das Tablet sinken und schaust mich an. Wieso das denn nicht, sagst du nach einer Weile und deine Stimme klingt ein klein wenig gereizt. Da erkläre ich dir, dass ein Fluss, der in einen anderen Fluss hineinfließt für mich kein eigener Fluss ist, so wie etwa ein kleiner Finger auch nichts eigenständiges ist und deshalb z.B. auch keine separate Geburtsurkunde bekommt, selbst dann nicht, wenn ich ihm einen Namen gegeben habe, was ja manche Leute durchaus mit ihren Körperteilen oder mit Flussbruchstücken zu tun pflegen. Du machst also ganz im Ernst die Einordnung ob ein Fluss ein Fluss ist oder nicht, davon abhängig, ob er in einen anderen hineinfließt?, fragst du mich jetzt und übergehst zu meiner Überraschung die Körperteilanalogie. Genau das mache ich! sage ich keck und als vernunftbegabter und ordnungsliebender Kopf erklärst du mir sogleich, dass diese Kategorisierung falsch ist und dass ein entscheidendes Kriterium für einen Fluss doch sei, dass er eine Quelle habe. Diesem Gedankengang kann ich mich nach kurzem Überlegen anschließen, gebe aber zu bedenken, dass dann aber die Flüsse, die aus lauter Flüssen bestehen, die irgendwo mal ineinandergeflossen sind auch keine richtigen Flüsse mehr wären, obwohl sie vom Ufer betrachtet doch genau so aussähen wie jene mit einer Quelle. Ob es solche Flüsse, die nur aus Flüssen bestehen und die möglicherweise nicht einmal eine Mündung haben überhaupt gibt, fragen wir uns jetzt beide, haben aber auf die Schnelle keine Antwort darauf parat, denn Geographie und Geologie interessieren uns nur mäßig und so wenden wir uns wieder unseren Rechnern zu.

Eines der Geheimnisse unserer Beziehung ist, dass du den Ball immer im Spiel hälst und ihn mir niemals ganz überlässt.

 

Keep the embers burning!

 

 

 

 

 

 

Bid: Matt Zimmerman, flickr, Morning on the Ganges at Varanasi, India
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

zermatt II oder Dem Elend etwas entgegen setzen

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Theobromin (von griech. „theos“, „Gott“ und „broma“, „Speise“) ist eine organische Verbindung, ein Alkaloid aus der Gruppe der Methylxanthine, und gehört zu den psychotropen Substanzen aus der Gruppe der Stimulantien. Es ist strukturverwandt mit dem Coffein und hat wie dieses eine anregende Wirkung auf das Nervensystem. Theobromin kommt in einigen Pflanzen wie dem Kakaobaum […] vor.

 

 

 

 

 

zermatt

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Das satte Plocken der Sicherung im Kasten. Ein Anruf und der Argentinier eilt, die Sache zu richten. Plock, die zweite Sicherung. Dunkelheit nun auch im Flur.

Später im Lichtschein der Taschenlampe betrachte ich das Toilettenpapier mit den kleinen aufgedruckten Walen darauf und ihren Spundlöchern (heißen die so?) aus denen blaue Fontänen sprudeln und ich denke: Zermatt. Zermatt als Adjektiv. Irgendetwas zwischen erschöpft, zerstört und matt, aber positiver, zuversichtlicher, weil der Gipfel des Berges (Matterhorn) nicht weit, der Abstieg einfacher sein und die Zerstörung sich dann doch nur als tiefe Erschöpfung erweisen wird, als ein Ausgehöhltsein, eine Grube, die bald schon zum erfrischenden Badesee, in dem der Himmel sich spiegelt, sich füllen wird. Bilder, Bilder. Helfen fast immer.

Jeden Morgen horchen wir auf Geräusche im Treppenhaus. Heute ist es soweit. Der Briefträger ist früh dran und bringt ein 16-seitiges Gutachten. Das erste und das rechtlich maßgebliche von zweien.

Zufällig feiert der mürbende Rechtsstreit in diesen Tagen seinen ersten Geburtstag. Ich bin gespannt mit welchem Geschenk man mich von der Gegenseite bedenken wird. Beinahe bin ich sicher, dass Frau Kleyngeyst, meine behördlich zuständige Peinigerin, schon an der nächsten Schikane tüftelt, die sie mit unhaltbaren Behauptungen und unpassenden Paragraphen versehen wird, um meinen Anwalt und mich zu beschäftigen. Immer neue Stöckchen hält sie uns hin, über die wir im Rahmen der vorgegebenen Verwaltungsabläufe springen müssen, ohne die Contenance zu verlieren (und ihr wohlverdient in ihre saudumme Visage zu schlagen) obwohl diese schon auf den ersten Blick als dummdreist und nichtig zu erkennen sind. Wenn die Nazis wiederkommen, so denke ich manchmal, dann wird Frau Kleyngeyst in der ersten Reihe marschieren und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich deuten. Sie wird die Sonderbeauftragte für unwertes Leben werden, für Schädlinge und Schmarotzer am deutschen Volkskörper. Sie wird ihre Sache gut machen, das Soll übererfüllen und später wird sie aufsteigen zur Gauleiterin in Sachsen-Anhalt.

Heute aber wehren wir uns noch mit vereinten Kräften, vertrauen auf Recht und Gesetz und mein Anwalt, den Frau Kleyngeyst inzwischen nicht mehr bei seinem Namen nennt, sondern auf wenig subtile, neodespektierliche Weise als den Herrn Rechtsanwalt anschreibt, hat vorsorglich eine vollstreckbare Ausfertigung des gerichtlichen Vergleiches besorgt. Wir sind gewappnet.

Leider hat unterdessen meine hochgradig alarmierte und auf Touren gebrachte Immunabwehr sich mal wieder auf die unsinnige Bekämpfung der körpereigenen Zellkerne verlegt. Das innere Ordnungsamt putzt mit blindem Eifer und viel zu scharfen Mitteln, bis alles wund und weh ist. Am Morgen habe ich Fieber, zum Einschlafen friere ich bis auf die Knochen. Die Lunge, immer die Lunge.

Den Bekannten haben die Monate auf eine ganz andere Weise müde gemacht. Hinter seinen Büchern und dem Rechner verschanzt sind ihm Mimik und Wärme abhanden gekommen.
Es wird Zeit, dass Frühling wird und der Schnee auf dem Matterhorn schmilzt.

 

 

 

 

 

 

Bild: twitter https://twitter.com/DLR_next/status/969986306041352192
Lizenz: ?

Spandau bei Berlin

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I bought a ticket to the world but now I´ve come back again

 

Vergeblich versuche ich, mich an den Namen des baumlangen Mitschülers zu erinnern, der während der Mittelstufe mit dürren Kranichbeinen hinter mir saß und auf dessen Federmäppchen Lasst Heß frei geschrieben stand. Auf meine Frage wer Heß sei, zeigte er mir ein schmales Druidenlächeln und erzählte mit leiser Stimme von Verschwörungen und von Abschaum. Vorne an der Tafel zeichnete unterdessen unser braun becordhoster Physiklehrer die Flugbahn eines Basketballs und meine Härchen stellten sich beim Quietschen der Kreide auf.

Viel später, lange nach Heß Tod, las ich irgendwo, dass der schon sehr alte Mann sich während seiner Haft allerlei Gedanken gemacht habe. Beispielsweise soll er, der seit Jahrzehnten hinter Gittern saß, sich empört haben über die maßlose Energieverschwendung außerhalb der Gefängnismauern. Um dem abzuhelfen, schlug er vor nachts alle Straßen hell zu erleuchten, anstatt irrwitzigerweise jedes Automobil sein eigenes Lichtlein entzünden zu lassen.

Ein wenig erinnert mich diese Geschichte an einen andere, die ich auch nur vom Hörensagen kenne, dass nämlich in Norwegen die Gehsteige und Ausfahrten im Winter beheizt werden, um den Menschen das Schneeschippen und den Oberschenkelhalsbruch zu ersparen.

Wenn sie kein Salz haben. sollen sie Strom nehmen

Ich weiß nicht, ob das stimmt, doch mich fasziniert die Vorstellung dieser nebeneinander aufgereihten Schüttelgläser, der abgeschlossenen kleinen Welten, in denen Jeder gewissenhaft und mit großem Ernst seinen täglichen Verrichtungen nachgeht, ganz gleich ob es sich um einen Seelsorger handelt oder um einen Kannibalen.

Denke ich an Heß, habe ich zwangsläufig auch Spandau und damit, neben den 80er Jahre Popsofties, natürlich auch die berühmte Zitadelle und die Fledermäuse im Kopf. Vor allem aber erinnere ich mich an die Begegnung mit einem Taxifahrer, den ich vor vielen Jahren, ich war erst einige Monate zuvor nach Berlin gezogen, an einem Sommerabend in Schöneberg heran gewunken hatte und der sich, ehe er mich einsteigen ließ, nach meinem Ziel erkundigt hatte. Bei Neukölln willigte er schnarrend ein und während wir durch die sonnenvergoldete Stadt glitten und bei geöffneten Fenstern ein Zigarettchen pafften, erklärte er mir, dass er mich überall hingefahren hätte, außer nach Spandau. Kurz vor seinem verdienten Feierabend gab er mir noch einen Rat mit auf den Weg, an den ich mich bis heute gehalten habe. Wenn es sich irgend vermeiden ließe, empfahl er, solle ich mir auf gar keinen Fall einen Liebhaber in Spandau zulegen, denn:

Wennse sich da ma inne Haare kriejn mitten inne Nacht, da kommt keen Taxi se wieder zurück zu bringn nach Balin.

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-direktlink, Spandau Ballet „True“)

 

 

 

Bild: Duckafterduck, flickr
Lizenz:  All rights reserved/ Alle Rechte vorbehalten (with friendly permission of the artist. Thank you!)

Deuten

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Erst nach und nach richten sich die Fasern in die neue Richtung aus. Die Trägheit der Seele, der Gewohnheit, das Phlegma des Vertrauens in die Zuverlässigkeit der Welt, in das So-Sein. Treu und Glauben. Die Seegurke am Meeresboden, die dort zugrunde geht wo sie immer schon war. (Jemanden abholen wo er liegt)

Ein Jahr hat es gebraucht, um auch die letzte Ungewissheit, das ungläubige Das-kann-nicht-wahr-sein zur spröden Gewissheit werden zu lassen. Wir sind nicht einfach sterblich, wir sterben schon zu Lebzeiten und es ist kein schnelles Herunterspülen  – kaum bemerkt schon vorbei – es ist eine Echse, ein Varan, ein Raubtier mit giftigen Reißzähnen, das dich ungerührt häppchenweise und bei lebendigem Leibe von den Beinen aufwärts zermalmt derweil du schreist.
Bald schon nimmt der Jäger die nächste Witterung auf.

Viversum bietet an, meine Zukunft zu deuten. Eine interessante Offerte. Man scheint dort mehr zu wissen als ich. (Sie werden sterben und Ihre Angehörigen werden trauern. Zumindest einige davon. Ausgenommen vielleicht Ihr Bruder. Auch für Sie wird es eine eher unangenehme sowie existenzielle Erfahrung werden.
– Oh, danke vielmals, Viversum! Ich konnte die künftigen Ereignisse bisher nicht einordnen.)

Die Zukunft zu deuten ist wie bei voller Fahrt mit dem Finger auf den Busfahrplan zu zeigen: Sie befinden sich hier.

Lieber schaue ich aus dem Fenster, die Landschaft zieht an mir vorbei, die Menschen, die Geschehnisse, die Zeit. Nichts bleibt. Türme stürzen ein, neue werden errichtet um wieder zerstört zu werden. Der Wind nimmt die Klage von den Lippen und trägt sie davon.
Die eigene Bedeutungslosigkeit zu verstehen, zu begreifen, dass schon ein Schatten auf der Wand viel ist, wenn er bleibt, dass das Einzige was wir haben, unser Selbst, ohne Bedeutung ist für den Weltenlauf. Das ist das Schwerste, das Traurigste, das Niederschmetterndste und zugleich das Einzig Wichtige. Der Schlüssel.

 

 

 

 

(Nein, ich bin nicht unglücklich. Ich wache gerade in fremder Umgebung auf).

 

 

 

 

Bild: Mario Zorzi, flickr,   Homepage Mario Zorzi: http://www.mariozorzi.it/
Lizenz: All Rights reserved. with kind permission of the artist (thank you very much, Mario!)

Lamento

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Ich sitze am Tisch und schreibe Briefe an fremde Menschen, die keine Brieffreunde und keine Redakteure sind.
In meiner Kindheit pflegte ich Brieffreundschaften. Woher ich die Adressen hatte, weiß ich nicht mehr. Eine meiner Brieffreundinen lebte in Bonn, der Stadt mit dem Kussmund anstelle eines O. Heike hieß sie und als sie in die Pubertät kam benutzte sie gerne Bodylotion von Fenjal. Ich benutzte keine Creme, lebte in Frankfurt und hatte gerade Punkrock und Cannabis entdeckt. Ihr Fluss hieß Rhein, meiner Main.
Eine andere trug ein van der im Nachnamen. Wir hatten uns nichts zu schreiben und so versandete die Brieffreundschaft nach ein wenig unbeholfenem Geplänkel schnell wieder. Anders als heute fiel mir nicht ein, was ich fremden Menschen hätte erzählen können. Lieber sang ich laut im Garten meiner Großeltern, in der Hoffnung die alten Nachbarn würden mich hören und sich freuen und vielleicht ein wenig Mitgefühl verspüren, weil ich so einsam und traurig war. Später, als ich schon lange alleine lebte, setzte ich mich an solchen Tagen neben die Wasserrohre in meinem Badezimmer und weinte, damit meine Klage bis ganz hinunter in die Katakomben und hinauf in die Wohnung meiner schwulen Nachbarn dränge, die ich häufig beim Sex hörte. Einer der Beiden brach jedes Mal danach in lautes Schluchzen aus und so erschien es mir nur angemessen, sie auch an meinem Leben und Leiden teilhaben zu lassen. Mein Wimmern verfehlte seine Wirkung nicht: zu Weihnachten hängten die beiden mir ein Tütchen mit selbstgemachten Lebkuchen an die Wohnungstür.

Heute also schreibe ich wieder Briefe an fremde Menschen und erkläre ihnen nicht wer ich bin, sondern wie es ist und was mir daran falsch erscheint. Ich schluchze nicht, ich singe nicht, ich berichte.  Ist die Geschichte zuende erzählt, verwerfe ich sie ungelesen. Danach kann ich endlich weinen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Юля Евдокимова j699_030s Калининград, сентябрь 2017, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Nur drei Wochen hielt der Frieden und nun geht es von vorne los.

Was will man einer Behörde entgegen setzen, die nicht einmal ein richterliches Urteil als Rechtsgrund anerkennt.

 

Blaues Band usw.

Die Tigerin steckt nach Monaten der Ruhe wieder in einer Krise mit Appetitlosigkeit und Erbrechen. Ich gebe ihr einen Krümel Mirtazapin, bald darauf geht sie an den Napf.

Der Bekannte weilt im Norden. Nachts liege ich mit ausgebreiteten Armen im Bett, ziehe mir auf dem Tablet Abenteuer Diagnose rein und freue mich, nicht auch noch an all diesen anderen seltenen Krankheiten zu leiden. Immerhin sind die vorgestellten Malaisen alle behandelbar und den vorgestellten Patienten geht es inzwischen wieder gut. Die Folgen in denen Parasiten vorkommen, überspringe ich.

Nach dem langen Winter trägt das liebe Tölchen eine nicht zu entfilzende Matte am Leib. Es wird Zeit für einen Haarschnitt. Bald.
Die spanische Miezekatze umarmt die Heizungsrippen, um sich zu wärmen. Erst im Hochsommer hört sie damit auf.

Die frisch geputzten Fensterscheiben halten die Sonnenstrahlen nicht mehr ab. Ich drehe die Lamellen ein wenig zu und blinzle in einen Streifen weissen Lichtes.

Am Nachmittag gehe ich eine Runde über den Platz. Der traurige Fünzigjährige mit den halblangen grauen Haaren und der speckigen Jeansjacke steht unberaten vor dem Eingang des Bethanien, sein frustrierter Retriever zieht feste an der Leine und will zu Tölchen. Entschuldigend lächelt der traurige Mann und ich lächle zurück und spüre einen kleinen Schmerz, ein wehes Bedauern, doch ehe das Gefühl Besitz von mir ergreift, schnappe ich meinen Hund, deren Hinterbeine schon wieder steif werden vor Schwäche und mache mich mit Tölchen auf dem Arm auf zum Baumarkt.

Bei der ehemaligen Galeria Kaufhof am Ostbahnhof klaffen riesige Löcher in der Mosaikfassade. Ein modernes Bürogbäude soll aus dem alten Kasten werden. Im Moment aber sieht er genau so aus, wie man sich drinnen immer gefühlt hat.
In Erinnerung an die guten alten selbstinduzierten Verstimmungen, setze ich mich in der Küchenabteilung von Hellweg probehalber auf einen viel zu hohen Barhocker, dem ein viel zu niedriger Tisch gegenüber steht und schaue mir das Plastikfurnier ringsum an. So ein Leben könnte man auch haben.
Die Klodeckelabteilung mit den originellen Motiven überspringe ich dieses Mal.

Draußen auf dem Freigelände stehen die ersten Primeln, Stiefmütterchen, Hyazinthen und Narzissen zum Verkauf und ich weiß nicht genau, ob mich die Pflanzenklone bedrücken, oder ob sie mich als Boten des Frühlings beglücken sollen.

Mit leeren Händen gehe ich später durch die Kasse, wo die gleiche Verkäuferin von immer die Stellung hält. Wir nicken uns zu und registrieren im Vorbeigehen, wie jede sich über den Winter verändert hat. Bei mir sind es ein paar graue Haare mehr, länger sind sie auch und die Wellen kommen zurück. Ihre Haare sind inzwischen wieder schwarz und zu einem dicken Seitenzopf geflochten. Ich trage dieselbe schwarze Jacke, sie ihren roten Kittel. Ich kein Makeup, sie ziemlich viel davon.

Im Eingangsbereich des Marktes wird umgebaut. Der Bäcker ist verschwunden und mit ihm die Frau mit dem schütteren magentaroten Haar und der verlässlich schlechten Laune. Die Ware war eher mau, doch die Laugenecken mochte ich, wie ich überhaupt Fettiges liebe, obwohl es mir nicht bekommt.

Auf dem sonnenbeschienenen, gleißend hellen Parkplatz tippelt ein Obdachloser im Rollstuhl mit zerrupftem Bart und zerschlissener Kleidung die Autoreihen entlang und schaut ob dem Ein oder Anderen beim Aussteigen vielleicht ein wenig Kleingeld aus der Hosentasche gefallen ist.  Ich würde ihm gerne etwas geben.

An der Ampel vor der Schillingbrücke stehen frische Blumen und ein verwittertes Kreuz für den hier verunglückten Radfahrer Jakob.
Das Pimmelhaus gegenüber ist verschwunden. Dort, wo es war, klafft jetzt eine Baugrube. Im Yaam gleich nebenan ist nichts los, die Stadt schläft noch und die Spree fließt gemächlich zwischen den Ufernmauern entlang.
Bald  werden die Menschen zurück kehren auf die Plätze.