Armeslänge

 

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Eine Grundregel hast du gleich zu Beginn unseres Kennenlernens gesetzt: keine Fragen. Und da von selbst und nur über ausgewählte Dinge und am liebsten nicht über dich du reden magst, weiß ich wenig nur von dir und deinem Leben und so bleibt mir ratloses Schulterzucken, wenn nach dir sich erkundigt wird: ich weiß es nicht.

 

I´m on my way, sagst du, ehe du gehst, und ich nicke, ohne aufzuschauen.

Ob ich dich begleiten dürfe, ein kleines Stück nur auf deinem Weg zum Bahnhof, hatte ich dich am Vorabend gefragt, als wir in ausgelassener Stimmung bei Tische saßen, die Hemden gebügelt und wir innerlich aufgeräumt und zufrieden waren. Dabei wußte ich schon, zumindest ahnte ich.
Nein, das sei dir nicht recht, sagtest du, das habest du anders geplant und unwillig legte deine Stirn sich in Falten.

Auch nach Jahren sind wir keine Handbreit weiter und noch immer rutsche ich an der glatten Wand deiner Verschlossenheit ab wie Sonnencreme an einer Plastiktüte. Und ich versuche es nur selten noch, denn ich kann nicht einziehen bei dir, ich soll es nicht.
Manchmal vergesse ich und du erinnerst mich.

Nachdem du am Morgen die letzten Dinge für deine Heimreise an den mir unbekannten Ort, zu den mir unbekannten Menschen, in ein mir unbekanntes Leben zusammen gepackt und die Thermoskanne geleert hast, setzt du dich noch einmal mit erfrorener Miene zu mir und sagst: Deine Mundwinkel hängen.
Dann fällt die Tür schon schnappend ins Schloss und bald seufzt auch die schwere Haustüre und  fort bist du.

 

 

 

Es ist die gleiche Vergeblichkeit, mit der man ein sterbendes Küken beweint.
Es ist Trauer auf Armeslänge.

 

 

Ehre, wem Ehre usw.*

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Seit Herr Ackerbau sich vom Acker usw.* muss man alles selbst machen, und das nur halb so gut.

 

 

 

*Wir brauchen jetzt die
Klärung des Begriffes der atomistischen Funktion und des Begriffes „und so weiter”.

Der Begriff „Und so weiter”, in Zeichen „ …”, ist einer der allerwichtigsten und wie alle anderen unendlich fundamental.

Durch ihn allein nämlich sind wir berechtigt die Logik resp. Mathematik „so weiter” aus den Grundgesetzen und Urzeichen aufzubauen.

Das „Und so weiter” tritt sofort im Uranfang der alten Logik ein
wenn gesagt wird daß wir nun nach der Angabe der Urzeichen ein Zeichen nach dem anderen „so weiter” entwickeln können.

Ohne diesen Begriff würden wir bei den Urzeichen einfach stehen bleiben und könnten nicht „weiter”.

Ludwig Wittgenstein
Aus den Kriegstagebüchern
21.11.1916

Firnis, römisch

 

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Regen prasselt wie Applaus auf meine Bettdecke. Neben mir dein Atem. Ich lege die Hand auf deinen Rücken, du schüttelst sie ab. Ein Traum.

Der Kanzler ist zu Besuch. Er redet über die Evolution als eine Geschichte deren Ende jetzt gekommen sei, denn wir sind ja da. Das Großhirn übernimmt das Steuer und lenkt die Geschicke der Menschen zum Guten. Es braucht nur noch die Apostel für die Verkündung der alleinzigen Wahrheit: Gerechtigkeit. Der ungläubige Thomas.

Der Bekannte hört ihm zu. Wir sprechen über Endlichkeit, über den Tod, der unser gemeinsames Schicksal ist, der uns voneinander trennt und zugleich auf ewig miteinander verbindet. Immer wieder fängt der Kanzler damit an. Er bereitet sich vor und sucht nach abschließenden Antworten, nach Trost. Alles soll schön und rund und heil werden. Es macht mich traurig, ihn so zu hören. Der Tod wohnt im Nebenzimmer, immer schon, doch nun hat er sein Ohr an die Wand gelegt.

Derweil ist es Sommer geworden in der Stadt, auf den Frühling hat sich Staub gelegt und allem Glanz einen matten Firnis verliehen. Am Morgen scheint eine römische Sonne in die Häuserschlucht.

Ich liebe diese Stadt.

Auch der Cousin, der Prof. Dr. und seine Frau, die Frau Dr. sind zu Besuch. Gemeinsam mit dem Kanzler sitzen wir in der Abendsonne, der Kanzler erzählt von früher und in der familiären Vertrautheit alter Tage packt ihn die Kalaueritis. Hundermal gehörte Scherze gibt er zum Besten, Erbwitze in dritter Generation. Ich fühle mich geborgen.  Weh und schwer wird mein Herz als am Sonntag alle wieder abreisen.

 

 

 

 

 

Bild: october bay, flickr, Berlin (Kreuzberg), Oranienstrasse x Mariannenstrasse
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Limbo

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Das Gute zuerst: die Vorhölle ist abgeschafft.

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Heute jährt sich der Tod meiner Mutter zum zweiten Mal.

Am Abend ihres Ablebens (ich sehe den sich schließenden Vorhang) saß ich vor einer Kirche in Friedenau, blickte auf das Kopfsteinpflaster im Glast der Abendsonne und war erfüllt von einer schmerzlichen Sehnsucht nach meiner lieben, lieben Großmutter, die starb, kurz nachdem ich mein Kind verloren hatte.
Es war Muttertag.

Zuhause angekommen, hörte ich das Brahms-Requiem und fühlte mich, als hätte soeben jemand das Seil, das mich mit der Welt verband, durchtrennt.

 

Wenige Stunden später rief mein Bruder an und sagte: Es ist etwas Trauriges passiert.

Krume, Acker usw./ Lesen, liken, mitmachen!

Nachdem der werte Herr Ackerbau sein Blog eingestellt hat, obliegt es uns, seiner Folger*innenschaft (hihi), die Fahne hochzuhalten und die kleinen und großen Dinge am Wegesrand zu finden.

Ich fange mal an damit und lade alle Ackerbau-Fan*innen ein, mitzumachen.
Das Abwegigste, Schmutzigste, Ulkigste, Vermülltestetete und Rätselhafteste ist gerade gut genug für diese neue Blogrubrik

 

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Vorgestern in Mitte: er schrie nach Wasser, doch sie gaben ihm Benzin.

 

Was man so sagt

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das wäre doch gelacht

darüber kann meine Leserschaft jetzt mal getrost (!) nachdenken.
Ich geh derweil dahin wo das Joghurt friert.

 

(Berliner*innen erkennen hoffentlich das Sensationelle an diesem Foddo)

A propósito DSGVO

Mich erreichte eine freundliche Mail eines kundigen Menschen, der die DSGVO in dem Betrieb, für den er als Anwalt arbeitet, umsetzen muss.

Es ist alles halb so wild, schreibt er. In meinem Blog, für das ich bezahle (35,88 € jährlich) und auf dem daher keine Werbung geschaltet wird, vielleicht noch etwas weniger als auf anderen, grundsätzlich aber haben wir Bloger*innen nichts zu befürchten.

 

Der freundliche Anwalt schreibt, und das gilt für alle Blogger*innen, auch für die bei denen z.B. WordPress Werbung einspielt:

 

“ Bei privaten Blogs, die keine Werbung machen oder schalten und die auch nichts verkaufen, besteht zunächst faktisch kein Risiko, wegen DSGVO-Verstößen bestraft zu werden. Die DSGVO gilt nicht für rein persönliche Onlineaktivitäten ohne beruflichen oder wirtschaftlichen Bezug. Abgesehen davon haben die Datenschutzbehörden die nächste Zeit anderes zu tun, als Bußgelder gegen Blogs zu verhängen. Wenn keine kommerzielle Tätigkeit besteht, kann man auch nicht Gegenstand von Abmahnungen werden.

Auch Blogs mit kleineren werblichen Aktivitäten sollten erstmal sicher sein (regelmäßig könnten diese schon jetzt wegen verschiedener Versäumnisse abgemahnt werden, das passiert aber praktisch nicht). Hier sollte man aber genau beobachten, ob es nach dem 25.5. erste Fälle gibt.

Bei den meisten Blogs werden über Kommentarfunktionen und Plugins Daten auf eine Art erhoben und verwendet, die wahrscheinlich nicht datenschutzkonform ist. Deswegen sollte man sich von allen nicht benötigten Plugins trennen und sich in Bezug auf die weiter verwendeten Funktionen kundig machen, welche Mustererklärungen bzw. Verhaltenshinweise es von den Blogplattformen etc. gibt. Bis Ende des Jahres sollte man in der Lage sein, alles dann auch DSGVO-konform anzubieten und abzuwickeln. Für kurzfristigen Aktionismus besteht aber kein Anlass.“

 

Ich habe die Erlaubnis, das hier so zu veröffentlichen.
Meine größten Sorgen sind damit ausgeräumt.

Herzlichen Dank an den Herrn Rechtsanwalt!