Viel Gejammer und am Ende Helene Fischer (Arbeitstitel)

 

 

(youtube-Direktlink, Von Wegen Lisbeth, Wenn du tanzt)

 

Der folgende Text ist getragen von Selbstmitleid, Entzauberung und Niemand-hat-mich-lieb-Gequengel. Gentrifizierung und Touristenbashing kommen auch ganz kurz drin vor.  Die einzelnen Handlungsstränge basieren auf wahren Begebenheiten und auf echten Gefühlen.

Gegen Ende übernimmt aber meine innere Helene Fischer das Ruder und bietet der katastrophenmüden Leserschaft einen hoffnungsfrohen Ausblick auf ein besseres Morgen.

 

Eat this!, wie der Kieznekrotiker gesagt hätte:

 

Die Katze ist verdächtig anhänglich, ihre Pupillen groß. Der Hund fiept leise. Was haben die beiden bloß?

 
Die Vermieterin piesackt mich mal wieder. Baut Drohkulissen auf und versucht, mich einzuschüchtern. Sie möchte mich aus der Wohnung drängen, schon seit zwei Jahren, und hat aus verschiedenen Gründen schlechte Karten dabei. Ihre neueste Idee ist, mir die Tierhaltung zu verbieten, ebenso die Terrassennutzung, und nach dem Abholzen meiner Kastanie im Bottich warnt sie nun vor weiteren Zerstörungen. Ein klärendes Gespräch hat sie ausgeschlagen. Der Mieterverein wird sich darum kümmern, doch diesen Stress hätte ich trotzdem lieber nicht. Leider wohnt die Vermieterin im Haus und jeden Morgen, wenn ich sie die Weinflaschen der vergangenen Nacht in den Glascontainer werfen höre, zucke ich innerlich zusammen. Das mürbt.

 

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Meine Familie schweigt. Selbst der Kanzler spricht nicht mehr mit mir. Er ist ein alter Mann. Ich hoffe wir werden nicht so auseinander gehen. Ich befürchte wir werden so auseinander gehen.

 

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Der Bekannte ist von Haus aus ein Schweiger, er hat noch nie gerne gesprochen, am Wenigsten über sich. Außer zu Beginn, als wir uns kennen lernten. Da zeigten wir uns aus vollem Herzen wer wir waren oder was wir füreinander sein wollten. Mit den gebotenen Überzeichnungen und unter Einsatz geschickter Beleuchtung.

Der Bekannte verbringt seine Tage in der Bibliothek. Dort liest er und in den Pausen raucht er im Innenhof. Wenn er am Abend nach Hause kommt, räumt er seine Einkäufe in den Kühlschrank, macht sich ein paar Brote und liest weiter. Nachts, während mir ein Audiobook in die Ohren rieselt, höre ich ihn schwer atmen. Am Morgen ist er lange vor mir wach.

Hier und da plaudern der Bekannte und ich. Wir tauschen unsere Einschätzungen über das Weltgeschehen aus, kommentieren die voranschreitende Gentrifizierung mit ein paar alte-Hasen-Sprüchen und ich mit meinem Ureinwohnergehabe, wir bedauern den aktuellen Touristenbefall im Kiez und das lausige Wetter. Gerne kokettieren wir dabei mit unserer Lebenserfahrung und lachen oder lächeln süffisant.
Der Bekannte hilft mir bei juristischen Fragen, wie zum Beispiel der Abwehr der Vermieterinnenangriffe. Ich kann ihm bei nichts helfen, denn er teilt seine Sorgen nicht mit mir. Ansonsten lebt jeder für sich. Ab dem Frühjahr spazieren wir jeden Sonntag drei Stunden durch die Stadt und schauen uns Häuser an. Wald wäre mir manchmal lieber, aber der Bekannte hat für Chlorophyll und Vogelgesang nchts übrig. Er findet die Stille, die er braucht bei seinen Büchern.

Findest du mich schön?, frage ich ihn.
Nicht wenn Du so angestrengt guckst, sagt er.

Entzauberung hat mein Leben entzaubert. Das muss wohl so. Manchmal legt sich ein Blur darüber, ein weichgezeichneter Augenblick, doch insgesamt herrscht Sinnesflaute, daran ändert auch der zunehmende Zuckerkonsum nichts.
Es fehlt mir an Geborgenheit und vor allem an Musik.

 

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Ich vernachlässige meine Freunde.
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Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir GIFs an und kleine Videos, überfliege ein paar Snippets hier und da. Blogs lese ich nur wenig. Der Alltag und meine körperlichen Malaisen (primärtraumatische Meniskusläsion links) nehmen mich so sehr in Anspruch, dass mir die Konzentration für alles andere fehlt. Auch deswegen kommt mir Twitter gerade recht. Zwitschern, scherzen und dann weiter arbeiten an der Lebensformel die endlich Ruhe und Glück bringen und meine Welt wieder in ein warmes Spätsommerabendgold tauchen wird.

 

 

Helene sagt:

Immerhin lässt sich die Sonne ab und an blicken und sobald ich draußen bin, unter freiem Himmel im Licht, fällt beinahe schlagartig alles von mir ab.
Den Hund muss ich zur Zeit zwar fast durchgehend tragen, so schwach ist sie. Doch wenn ich sie auf dem Rasen absetze, wedelt sie, markiert und scharrt und schnaubt vor Freude und legt auch mal einen kurzen Sprint hin, so leicht ist ihr zumute. Und dann denke ich, dass ich mir ein Beispiel an ihr nehmen sollte: einfach drauflosleben! Atemlos! Tanzen!

 

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(Bitte beachten Sie, dass das obige Video in meinem kleinen zauberhaften Kreuzberg spielt!)

 

 

Eine Rose isst eine Torte

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Twitter hab ich´s schon erzählt.
Diese Torte kam heute per Bote. Sie enthielt weder Karte noch Absender und sie wiegt ungefähr 4 kg (really!).
Ich bin noch unsicher ob ich sie eher so 80er oder 90er finden soll.

Am Montag kommt mein Brieffreund aus Paris nach Berlin. Ich werde ihm ein Stückchen aufheben.

 

 

 

Familiengeheimnis

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Sie hatten die Verwüstung, die sie anrichteten, billigend in Kauf genommen.

„Ihre Mutter wusste was sie tat.“

In meiner Vorstellung war es meine Mutter, die Schuld an allem trug, und ihre Handschrift war der aktenkundige Beweis dafür.

Wir haben nie darüber geredet. Nur ein Mal, vor ein paar Jahren, als er zu Besuch war, habe ich den Kanzler gefragt, warum er es zugelassen hat. „Warum hast du nicht eingegriffen?“Ich wusste es nicht besser“, hat er geantwortet und war meinem Blick ausgewichen. Es tat mir weh für ihn und für uns.

In meiner persönlichen Erzählung hat der Kanzler getan was ihm möglich war. Ich bin für dich da. Für mehr war er zu schwach und zu verstrickt.

Irgendwann habe ich den Gedanken aufgegeben Anzeige zu erstatten. Es hätte nichts ungeschehen gemacht. Zwei der vier sind bereits verstorben.

Manchmal weiss ich nicht mehr ob das alles wirklich stimmt. Zu unglaublich ist es, um wahr zu sein. Die Narben sind über die Zeit zu hellen Strichen verblasst.

Wir plaudern um nicht daran zu rühren, dünn der Boden auf dem wir spielen, und hinter allen Worten steht der dunkle Schatten dieser Schuld, des blutschweren Familiengeheimnisses.

Erinnerung an Schmerzen, an Angst, an Haltlosigkeit, an Verlust und Unwiederbringlichkeit. Tränen und Versteinerung.

Erinnerst Du Dich an Onkel R.?, fragt der Kanzler und mir weicht das Blut aus dem Körper. Ja, ich erinnere mich, sage ich in einem Ton, der ihn erst aufhorchen und dann verstummen lässt. In seinem Gesicht lese ich, dass auch er sich wieder erinnert. Sein Körper sackt zusammen.
Der Onkel, die Kollegen. Meine Mutter. Nun erinnern wir uns beide und schweigen.

Nur langsam kommt das Gespräch wieder in Gang.
Wie konnte er vergessen.

Du musst Verständnis haben für deinen Bruder, sagt der Kanzler und ich frage ihn, ob er auch Verständnis für mich hat. Hast du Verständnis für mich?

Doch er will nichts hören davon. Er wird mir nie verzeihen, was sie mir angetan haben.

Heute ist der erste Todestag meiner Mutter.
Manchmal denke ich, wie gerne ich sie noch zur Rede gestellt hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, Frantz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

bluten lassen

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Meine Schwester konnte ihre Zunge bluten lassen. Vorsätzlich. Dafür streckte sie diese weit heraus, schloss die Augen und ließ die Zunge auf mir völlig unbegreifliche Weise prall anschwellen, als habe sie einen schweren allergischen Schock erlitten. Die Zunge verfärbte sich während dieses Vorgangs, das Rot wurde intensiver und schon traten aus den stark gedehnten Poren, den winzigen Öffnungen zwischen den Geschmacksknospen, feinste Blutströpfchen aus, die sich nach und nach zu großen und immer größeren Tropfen zusammenschlossen, welche ineinanderliefen, bis schließlich ein dunkelroter Film die gesamte Zunge bedeckte und an den seitlichen Rändern bereits die ersten Tropfen sich sammelten. Dann reckte meine Schwester ihren Hals nach vorne und ließ das schwere dunkle Blut auf den Teppich abregnen, wo es versickerte.

Das gleiche Kunststück beherrschte sie mit ihrer Unterlippe.

Ich bin sicher sie hätte es eines Tages auch aus ihren Handflächen bluten lassen können, wenn sie noch ein wenig dabei geblieben wäre. Doch irgendwann erlahmte ihr Interesse an dieser außergewöhnlichen Gabe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, El Espejo Humano, Anna Castillo Pelicula 11, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

the unexpected virtue of ignorance

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Letztes Jahr am Geburtstag Kierkegaards und Marx´ war es warm. Heiss sogar. Und ein knochiger Mann mit graumeliertem, langem Bart saß mitsamt seiner Entourage, bestehend aus schweigenden Frauen, körpersprachlich ihm zugewandt und in ihrem ernsten Ausdruck an das Gemälde American Gothic von Grant Wood erinnernd, auf einer Bank vis à vis der Marx-Engels Bronze und blickte auf das Festchen zu Füßen seiner politischen Vorbilder. Eine rote Nelke in den Händen nickte er dann und wann. In seinem Rücken, dort wo einmal der Palast der Republik gestanden hatte, das werdende Stadtschloss

Das Wetter ist schlecht, kalt und nieselig, zumindest in meiner Straße. Außerdem hat´s hier ab 6.30 Uhr morgens schon Gerüstbauerlärm an der steinigen Nordwand, die dürfen das, ich hab´s nachgelesen, und das missfällt mir, wie mir so vieles in der Welt nicht passt und taugt. Beispielsweise gehe ich davon aus, dass der größere Teil meines Lebens bereits hinter mir liegt. Da nützt auch das Nichtrauchen und die gesunde Ernährung nichts mehr. Seit ca. zwei Wochen bin ich deswegen auf die beinahe ausschließliche Kalorienaufnahme durch Kuchen umgestiegen, und was soll ich sagen: es bekommt mir vorzüglich. Es macht mich zufrieden, beinahe glücklich, insbesondere, wenn der Kuchen große Mengen dunkler Schokolade enthält. Obstkuchen mit Glibber obendrauf esse ich nämlich grundsätzlich nicht, wegen der Gelatine, bestehend aus gekochten Knochen und Rindersperma. Rhabarberstreusel und Pflaumenkuchen hingegen mag ich gerne, gibt’s aber leider nirgendwo zu kaufen, denn beiden fehlt das amerikanische Vorbild, der casual Glam, der american appeal, ohne das/ den man in der Kuchenwelt heutzutage kaum noch einen Fuß auf die Erde oder in die Tür bekommt.
Ceci n´est pas un texte anti-américain.
Als mein Lieblingsobst seien an dieser Stelle Brombeeren erwähnt, frisch von der Hecke und unbehandelt. Passt thematisch nur halb und Schuld daran hat Twitter.

Denn Twitter, dieser für mich relativ neue Zeitvertreib, höhlt bedauerlicherweise seit einigen Wochen meine Schreibkraft, mein Schreibinteresse und meine Konzentration aus. Was soll ich lange rumfuddeln und – tippseln, wenn ich genauso gut in zwei kernigen Sätzen nix sagen kann, kaum jemand mir dabei zuhört und meist niemand antwortet.

Die Art der Kommunikation erinnert mich angenehm an absurdes Theater. Reden, einfach reden, irgendwas spinnt sich, auch thematisch, entlang der Timeline zusammen, ein Gefüge, ein großer Text, verfasst von allen Teilnehmenden. Ein nettes Plätschern, unterbrochen nur von einer großen Welle ab und an -hui!- ansonsten Zwitschern, ein hübsches Konzert von früh bis spät. Doch Obacht, wenn der Kater kommt! Ich schätze in zwei- bis drei Wochen ist es soweit.

Der Zug des Bekannten indes fährt in die ganz und gar entgegen gesetzte Richtung, sagt er. Keine Nachrichten, keine sozialen Netzwerke, keine Medien. Zwanzig Mal am Tag online nach dem Wetter schauen, ansonsten Rückzug, Bücher, Gedanken. Den Weg Erwin Hapkes gehen, der ihm viel im Kopf herumgeistert und von dem er glaubt, dieser habe möglicherweise mit Asperger gelebt, eine Diagnose, die der Bekannte auch für sich selbst nicht ausschließt.  Ich bitte ihn darum, mir Bescheid zu geben, wenn er irgendwann soweit ist, ganz auszusteigen. Mach ich, sagt er, ohne den Blick vom Buch zu heben.

Twitter ist übrigens auch Schuld daran, dass sich meine Tendenz von Thema zu Thema zu springen noch verstärkt hat, was die Kommunikation mit mir weder einfacher noch schöner macht. Ich aber mag es, das wilde Kreiseln. Es hat was hysterisch Beschwingtes, etwas rasend Lebendiges, und das tut mir, als Mensch, der vielleicht schon auf der steil abfallenden Rutsche der zweiten Lebenshälfte sitzt, auf eine schmerzhafte Weise gut.

 

Gestern las ich, dass Daliah Lavi gestorben ist. Heute erfahre ich, dass nicht nur Marx und Kierkegaard Geburtstag haben, sondern zugleich auch Welttag der Hebamme ist. Morgen soll der geistlichen Berufe gedacht werden,  am 9. Mai, dem Tag der verlorenen Socke, jährt sich der Tod meiner Mutter zum ersten Mal und am 27. Mai feiern wir alle zusammen den Welttag des Purzelbaums. Niemand wird vergessen.

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, flickr, Gilles Deleuze
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

unbedarft

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Herzerfrischende Unbedarftheit legte der Fahrer eines Klein-LKW mit offener Ladefläche an den Tag, als er gestern, am 1. Mai, von Mitte kommend nach Kreuzberg einfahren wollte. Der gesamte Kiez war wegen des Myfests und der zu erwartenden Krawalle großräumig für Autos abgesperrt und von Polizei umzingelt. Insbesondere für LKW war eine Sperrzone eingerichtet worden. Wo viele Menschen zusammenkommen und feiern, scheint diese Sicherheitsvorkehrung inzwischen notwendig geworden zu sein. Der Fahrer des LKW wusste offenbar nichts von diesem Verbot. Dass er  50 Propangasflaschen geladen hatte, schien ihm auch nicht weiter problematisch zu sein. Zufällig sah der Mann aus als stamme er aus einem anderen Kulturkreis, in dem möglicherweise arabisch gesprochen wird.
Die drei Polizisten, die die Kreuzung zur Annenstraße bewachen sollten, waren hochgradig alarmiert

Ob im Falle eines geplanten Attentates tatsächlich dieser eine Polizeiwagen gereicht hätte, den Mann zu stoppen, darf bezweifelt werden.

 

 

 

 

 

 

Bild: petershagen, opel blitz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Vencerán!

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Jeden Samstag all you can Mampf, steht auf einem Plakat. All you can mampf, sagt der Radfahrer neben uns. Seine Begleiterin nickt flüchtig. All you can Mampf, sage auch ich und spreche Mampf extra groß und supergefräßig aus, wie etwas, das sich über etwas anderes stülpt, es sich einverleibt, eine dicke fleischige Lippe oder ein Cuttlefish etwa. Wegen der drei guten Dinge, wegen Groß-Mampf und weil Substantiv wo eigentlich Verb sage ich es und lehne mich zufrieden zurück. Am Sonntagnachmittag im Fond des Wagens behaglich vor mich hin schlaubergern, summen und meckern während das Gespräch vor mir sich gedeihlich entwickelt. Sie unterhalten sich über Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie, über selbstreferenzielle Subjekte und sich überlagernde Muster, die man ist und nicht bloß lebt. Rumbalotte! rufe ich dazwischen, um an den Matrosenwitz zu gemahnen, den der Bekannte dereinst auseinander klamüserte, bis nichts davon übrig blieb als geografische Korrektheit. Der Hund liegt neben mir, spitzt die Ohren und hechelt ergeben. Seine verfärbte Zunge erinnert an die beiden Chow Chows meiner Kindheit. Pelzige, unheimliche Tiere, deren Besitzerin, eine hagere Frau, dem Alkohol verfallen war, so sagte man.
Blau ist auch die Havel ein paar Kilometer weiter im eisigen Wind bei Hennigsdorf. Aufgepeitschte dunkle Fluten vor einer im Werden befindlichen Neubausiedlung mit Rankgittern vom Baumarkt und Carports am Ende jeder Einfahrt. Ich stürbe, müsste ich hier leben. Plötzlicher Weltschmerz greift nach mir. Solche Reihenhaussiedlungen gibt es doch in jeder Stadt, entgegnet die Chinesin. – Eben deshalb! Kaffee auf nüchternen Magen macht mich einfach zu dünnhäutig. Ich möchte nicht irgendwo leben, hingewürfelt in die Beliebigkeit.

Um das Elend zu verstärken, steht am Ufer ein alter Wachturm, nicht weit davon entfernt die sanierte Dorfkirche auf gepflegtem Rasen im Sonnenschein. Wir beschließen umzukehren. Die Chinesin wendet den Wagen. Im Spandauer Forst atme ich auf.

Als wir die ersten Häuser erreichen sehe ich eine große Passagiermaschine wie eine dicke Hummel über die Dächer hinwegbrummen. Hinter der S-Bahn-Brücke biegen wir ab in Richtung Osten. Ein hupender Autocorso unter türkischer Flagge begleitet uns, bis linker Hand die blauen Eisenbahnwaggons auftauchen und Charlottenburg nicht mehr weit ist.
In der City West wachsen langstielige schwarze Tulpen. Durch das Elefantentor des Zoos schiebt sich Menschengewimmel ins Licht. Für den Sommer werden zwei chinesische Pandas erwartet. Die Leihgebühr pro Tier beträgt eine halbe Million Euro jährlich.

Als wir die Kurfürstenstraße entlang fahren, schaue ich nach dem kleinen Birkenwäldchen und bin erleichtert, es noch immer unentdeckt vor sich hinträumen zu sehen.  Vor der Betonkirche bieten Prostituierte wie gewohnt ihre drogengemarterten Körper feil. Der Parkplatz bei Möbel Hübner ist einer Baugrube gewichen. Eigentumswohnungen, schätze ich. Jenseits der Potse belagern flaumbärtige Weekend-Gallery Besucher die Gehwege. 30jährige Söhne und Töchter in Designklamotten, die perlende Getränke in ihren gepflegten Händen halten. Auf die Kunst!

In Kreuzberg angekommen, parken wir das Auto wegen des Maifest-Halteverbotes irgendwo jwd.  In der Wohnung gibt´s dann Cappucino und köstlichen Schokoladenkuchen, den wir schnurrend und mit halbgeschlossenen Augen genießen. Nur ein ganz kleines Stückchen hebe ich für den Tag der Arbeit auf, wenn 6000 Polizisten vor meiner Haustüre für Ordnung sorgen und  Helikopter mit wummernden Rotorblättern den tiefblauen Himmel über Kreuzberg zerpflügen werden.

Vencerán!

es läuft

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ein Loch ist im Eimer lalala lalala
ein Loch ist im Eimer lalala ein Loch

 

 

Es geschieht mir nicht anders. Nie mache ich das sonst. Nie, nie, nie. Also NIE. Nur jetzte, wo ich krank bin und Antibiotika in Bananenmatsch stecke damit die undragierten extrabitteren und damit kindersicheren Riesenpillen mir nicht quer im Schlund kleben bleiben, glaube ich und vertraue auch noch darauf und Entspannung macht sich angenehm sutsche in meinem überrelaxten Körper breit, während aus der Toilette Wischgeäusche kommen, so albern und vergnügt bin ich. Ein bisschen dübeln, ein wenig lesen, dazwischen schreiben und auch mal dösen. Als hätte man alle Zeit der Welt.
Dabei weiss ich doch, dass mein Browser seit dem Russenhack und der anschließend installierten Antivirensoftware alle naslang abstürzt und ich Texte niemals ungesichert einfach mal so. Der Hack geschah übrigens während des Onlinebankings. Auf einmal wurde ich gewahr, dass das Kreditlimit von 1000 auf 999.999 € hinaufschnellte, riss wie elektrifiziert die Hände von der Tastatur und wählte die Notfallnummer. Ruhig Blut, sperren lassen, aufatmen usw. (Ich rede mit herablassenden Männern in Hotlines übrigens gerne ganz dolle unbeholfen. Sie mögen das und fangen an laut zu schnurren ob ihrer Überlegenheit).

Der Text den ich heute geschrieben habe und der aus Unbedachtheit und ohne adieu oder au revoir ans Ende des Schachtes, gleich neben den Rattenkönig geschleudert wurde, beschäftigte sich mit Lob in Form der entsolidarisierenden Hervorhebung eines Einzelnen. Öffentliches Bauchpinseln. Positivpranger. Ich hatte nämlich jemanden ganz besonders und in Gegenwart seiner Peergroup gewürdigt und ihn damit aus seiner Gruppe herausgelöst ohne es zu wollen. Zusätzlich hatte ich die Person damit offenbar auch noch beschämt und also alles gründlich falsch gemacht. (Jetzt ist es aber wieder gut zwischen uns).

In dem verschollenen (verschollen leitet sich ab von verschallen und stets höre ich eine leise ausklingende Stimme, einen verhallenden Ruf, wenn ich verschollen denke, sage oder schreibe und werde davon jedes Mal ein wenig traurig, wie es eben meinem Gemüte entspricht) in dem verschollenen (→seufz) Text also schrieb ich außerdem über die Notwendigkeit Hände wie Schaufeln an schwurbelnden Armen sein eigen zu nennen, die schwindelnd im Turbo rotieren, um all das Wasser in den Eimer oder aus dem Kahn zu bringen, damit ersterer gefüllt und letzterer vor dem Kentern bewahrt wird. Wer mir bis hierher geduldig gefolgt ist, fühle sich im Stillen gelobt, anerkannt und gewürdigt für das erstaunliche Durchhaltevermögen und die ungeheure Konzentrationsfähigkeit.
It´s the antibiotics, dahlink!
Ich hatte in meinem Text außerdem  den neuesten Katastrophenrapport geliefert, die Gründe also, warum der Eimer nicht voll läuft, das Boot hingegen umso mehr. Diesen Teil lasse ich jetzt weg, eh langweilig oder verstörend.

Der verlustig gegangene Text handelte zudem von den sprachlichen Schaffenskraft des Unterfranken, die diesem allerdings gar nicht bewusst ist und die ihn ganz selbstverständlich Worte wie „Bärwurz“ aus dem Ärmel schütteln bzw. aus dem Mund plumpsen lässt oder Sätzen wie „Des Einen Freud des Andern Feind“ die Freiheit schenkt. Ich höre ihm gerne zu, dem Unterfranken und folge ihm mit Freude in den Dschungel seiner ungekannten Assoziationen und Formulierungen.

Der liebeliebe Unterfranke redet aber nicht nur ungewöhnlich originell, er ist auch ein besonders guter Freund. Erst gestern hat er sich ein paar Tage frei genommen und ist extra meinetwegen nach Mittelfranken gefahren, um dort meinen alten Bus wieder flott zu machen. Ein 30 Jahre alter Mercedes-Siebentonner mit einem 2 x 2 m Futonbett und allem, was man zum Leben braucht darinnen. Sogar Leselämpchen hat´s und einen Cassettenrecorder mit einer Trini-Lopez-Cassette, die die Vorbesitzer mir großzügigerweise beim Kauf überlassen haben. Untergebracht ist das Spielmobil seit Jahren in einer Scheune, die der Bewohner (des 3 Seiten-Hofes aus dem 17. Jahrhundert) gerne wieder selbst befüllen würde. Der geliebte Blechkasten wird also jetzt verhökert, was mir in etwa die Warmmiete eines ganzen Jahres einbringen dürfte. Ich frohlocke schon jetzt ein wenig, denn das gäbe mir vielviel Luft, auch wenn ich das Spielmobil mit den gesammelten Waldranderinnerungen schmerzlich vermissen werde.
Alles ist im Fluss, selbst meine Nase, und das mit den hintergründigen Texten läuft auch bald wieder.

 

 

 

 

 

Bild: uknaus, Tegernsee, flickr
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