Körperteil, sechzehn Buchstaben

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Am dritten Tag der Kotzfreiheit des Hundes packt mich eine schwindelerregende, schwurbelnd verzweifelte Euphorie, ein sich überschlagender, erschöpfungsbedingter Schalk und ich drehe auf und hoch und krähe und trompete dem ruheliebenden Mr. Bombastic in sein geordnetes und sich immer neu ordnendes, wissenshungriges Gehirn hinein: keinen Zucker zu essen ist übrigens Teil meiner Diät!
Mitten im Satz anzufangen verfehlt selten seine Wirkung. Der Mann blickt auf, zieht die Augenbrauen hoch und fragt: Willst du abnehmen?
(Als wollte ich abnehmen, wo ich doch alle Tage jammere wie dünn ich geworden bin. Ich will mich unterhalten!)
Ja, antworte ich, mein Hintern ist unglaublich dick geworden.
Wirklich?
, sagt Mr. Bombastic, der um die Unentrinnbarkeit dieser Konversation weiß und zur Wahrung des Hausssegens ein verhaltenes Interesse vortäuscht, ist mir nicht aufgefallen.

(Ist dir nicht aufgefallen! Schenktest du meinem Körper genügend Aufmerksamkeit, so wüsstest du, dass er, annähernd, in perfect shape ist!)
Doch, sage ich, der hat sich in den letzten Wochen zu einem kolossalen Hinterteil ausgewachsen, einem mörderischen Gesäß, einem voluminösen verlängerten Rücken, einem prallen Po, feisten vier Buchstaben, einem Quadratarsch, also quasi 16 Buchstaben, Qua- drat- arsch,  4 zum Quadrat = sechzehn, du verstehst!

Mr. Bombastic lächelt gequält, schaut mich noch einen Moment ratlos an und versucht dann, sich wieder seiner Lektüre zuzuwenden, derweil ich leise vor mich hinkichere, mich für meinen dürftigen Witz rühme und vor lauter übererschöpfter Juxlaune youtube öffne und in angemessener Lautstärke Gerhardt Polt höre. Der Laubbläser.

 

Hahaha, et spiritus sancti!

 

Später sitzen wir zusammen bei Tisch. Der Mann knackt und verspeist Nüsse, mir legt er von Zeit zu Zeit auch eine hin, doch ich esse sie nicht.

Ich sammle die Nüsse, erkläre ich ihm unaufgefordert, und weißt Du warum?

Nein, ich weiß nicht warum du die Nüsse sammelst.
(seufzend)

Damit ich sie mir, wenn ich eine Handvoll beisammen habe, alle auf einmal in den Mund stecken kann, bis die Wangen ganz dick und hamstermäßig aufgeplustert sind, so dass ich beinahe schon Dehnungsschmerzen davon bekomme und die Nüsse von unten gegen meine Augäpfel drücken, und ich das geile Gefühl habe, aus dem Vollen schöpfen zu können und mich dafür vom Leben vortrefflich behandelt fühle!

– Klingt eher nach Zangengeburt.

 

 

Ich glaube der Mann ist heilfroh, wenn der Hund erst gesund ist und mein Gemüt sich wieder auf Normalnull eingependelt hat.

 

 

 

 

 

 

Bild: pw95, flickr, sexy body (Ausschnitt)
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autumn (autoimmun)

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Die Tage holpern dahin. Die Anspannung und Sorge bleiben und zufällig hat das stressbedingt ausgeschüttete Cortisol eine ganz besonders verheerende Wirkung auf meinen maladen Körper, was wiederum neuen Stress und Kummer zur Folge hat. Autoimmunerkrankungen sind eine Erfindung der Hölle. Eine eingebaute Selbstzerstörungstaste mit Fernbedienung.
Auch der Hund ist noch lange nicht über den Berg. Sie ist wacklig und die Tierarztkosten erreichen Himalaya-Höhen. Doch was am Meisten wiegt ist die Ungewissheit ob sie es auch dieses Mal schaffen wird. Wir bleiben dran, rund um die Uhr. Müde, Mensch und Tier.
(Manchmal denke ich ich möchte nie wieder die Verantwortung für ein anderes Leben übernehmen).

Mit der Anspannung kommen mir nach und nach die Interessen abhanden und ich verflache zusehends. Die Zeit, und mehr noch die Muße, für Musik und Text und für Gespräche, vor allem aber für die Stille in der nichts nachhallte außer dem Schweigen, das der Kopf so dringend bräuchte, um frei zu werden, fehlen mir.

Der ständige Blick auf Defizite macht traurig wie die Aussicht auf eine kahle Brandwand im herbstgrauen Hinterhof.

Passend zum allgemeinen Siechtum schickt der Pfarrer-Onkel eine Predigt. Er habe an mich denken müssen, als er sie hörte. Ich lese den beigelegten Vortrag und wundere mich welche Vorstellung die Menschen, sogar Seelsorger, von dem haben, was in der Psyche, oder sagen wir passenderweise: in der Seele, eines chronisch kranken Menschen vor sich geht. Ich antworte ihm freundlich. Er meint es gut. Doch ich finde mich nicht wieder in der Idee von Gottes Prüfungen und der Stärkung des Glaubens durch Leid. Leiden bringt mich allenfalls mir selbst näher und auch da bin ich nicht sicher. Möglicherweise entfernt es mich auch himmelweit von mir, wer immer ich bin. Ich weiß es nicht. Meinen sozialen Beziehungen jedenfalls ist es nicht zuträglich und die Lust am Jammern ist mir auch längst abhanden gekommen.
Es fällt mir schwer daran zu glauben, dass Gott oder das Universum sich auch nur einen Deut um mich schert und erst Recht um all die Menschen (und Tiere), denen es so viel schlechter geht. Die Zeiten, als ich sicher war, die Welt drehe sich für mich, und mit mir sei der Gipfel der Evolution erreicht, sind vorbei. Kein Glanz mehr, kein Herzklopfen, keine wehende Fahne. Ein Grund mehr im Hier und Jetzt Anker zu werfen.

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Der Bekannte ist die Erkältung noch immer nicht los, hustet sich bei Tag und bei Nacht die Seele aus dem Leib und kann dennoch nicht vom Tabak lassen. Trotzig rollt er sich eine nach der anderen und zieht das Gift in seine wunden Lungen, welche nachts, schnorchelnd und japsend unter ihrer schwarzen Teerdecke, um Hilfe rasseln. Doch ich allein höre ihre Klage, denn der Bekannte schläft inmitten des infernalischen Lärms, den seine alarmierten Bronchien ins Universum schicken, seelenruhig weiter, und er schätzt es nicht, wenn ich ihm am Morgen sorgenvoll davon berichte. Inzwischen kenne ich den Mechanismus: jede Warnung meinerseits spornt den kleinen Suchtteufel, der den wehrlosen Bekannten fest im Griff hat, nur noch mehr an.
Zumindest diesem Gefängnis bin ich schon vor langer Zeit entflohen. Ich wertschätze meine gewonnene Freiheit.

An manchen Tagen, so wie heute, spüre ich allerdings angesichts meines eigenen heillosen Angegriffenseins so etwas wie Ärger darüber wie achtlos und undankbar der Bekannte mit dem unendlich wertvollen Geschenk seiner intakten Gesundheit umgeht und ich mache mir außerdem große Sorgen um ihn, wenn er keuchend aufsteht, hustend das Haus verlässt und am Abend grau und schwach und Nikotinschwaden hinter sich herziehend zurück kehrt.

 

Immer hat man Sorgen, pflegt der Kanzler zu sagen. Heute behaupte ich das Gleiche.

 

 

 

 

 

Bild: (Ausschnitt ) Régis Nuuk, img gs 143, flickr
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Ergebnis der Bildersuche „Mops“

Ich lese, dass bei irgendwelchen, von mir doch mit sehr traurigem Auge betrachteten, Tierversuchen eine Heilung einer (zuvor in den Tieren erzeugten) seltenen Erkrankung gelungen ist. Zufällig handelt es sich dabei um die Entsprechung meiner eigenen Erkrankung.
Als ich mich das letzte Mal in einer Klinik in San Francisco vorstellte, um geheilt zu werden, war das ein ziemlicher Schuss in den Ofen.
Jetzt sieht es so aus, als gäbe es die begründete Hoffnung, dass die Krankheit mich möglicherweise nicht umbringen wird. Die schiere Vorstellung eines längeren und beschwerdefreieren Lebens stimmt mich heiter und froh wie den Mops im Paletot

 

Haylayf

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Soll mal einer sagen, die Türken hätten keinen Humor

Das Publikum der Kleintierklinik lässt mittlerweile stark zu wünschen übrig. Traf man früher auf Wilmersdorfer Witwen mit Airdale Terriern oder Spitzen, tummeln sich hier heute veritable Vollblutproletten mit Australian Shepherds im Schmusebacken- oder Zickengeschirr oder mit altdeutschen Schäferhunden mit schwarzen Augen und tiefergelegten Hinterbeinen. Haarige Tiere, die jeden und alles anknurren und dafür tätschelnd getadelt werden.

Immerhin Rassehunde, daran hat auch die Zeit nichts geändert.

Im Infusionsraum sitzt ein gut genährtes und gepierctes Pärchen Mitte Zwanzig, aus dem Hals des drallen Terrier zu ihren Füßen ragt eine Braunüle. Durch einen langen transparenten Schlauch tropft Medizin in das quirlige Tier. Der tätowierte Mann und die volltätowierte Frau daddeln teilnahmslos auf ihren Smartphones herum. Der dicke Hund wedelt seine Leute erwartungsvoll an, bekommt keine Rückmeldung und versucht zu Frauchen zu gelangen, wobei sich seine Leine am Stuhlbein des Mannes verhakt. Die Leine hängt an deinem Stuhl fest, sagt die Frau mit genervtem Ton. Doch der Mann spielt ungerührt weiter auf seinem überdimensionierten Telefon. Kannst du nicht mal aufstehen, drängt die Frau jetzt mit Schelte in der Stimme. Nein, antwortet der Mann, weiterhin ohne den Blick zu heben, wodurch ihm der Anblick des freigelegten unteren Rückens seiner Lebensgefährtin entgeht, die nun neben ihm niederkniet, mit dem Kopf unter seinem Stuhl verschwindet und an der Leine herum hantiert, bis das wedelnde Hundchen befreit ist.
Ihr habt euch gefunden, denke ich und sehne mich in den bunt raschelnden Grunewald hinein, statt in diese neongrelle Hölle. Doch statt zu gehen, streichele ich meinen kranken Hund und lese zum x-ten Mal: Waage bitte stehenlassen und nach dem Benutzen desinfizieren.

 

 

Unlängst erzählte die Agrarwissenschaftlerin, dass sie hier auf dem Gelände auch Versuchskühe halten mit Guckloch in den Pansen hinein. Man möchte an ihnen untersuchen wie die unterschiedlichen Futtersorten verwertet werden.

 

(Hier müsste eigentlich der Traum der vergangenen Nacht stehen in dem ich zu meiner eigenen Überraschung mit einem Beutel voller Pferdeäpfel im Schlafzimmer stehe und mit der bloßen Hand versuche, das stark riechende Zeug unter der Matratze zu verstecken, damit der Bekannte nix merkt).

 

Die guten Neuigkeiten von der Hundeverdauung sind folgende: zwar hat das Tölchen immer noch und immer wieder mit heftiger Übelkeit zu kämpfen, doch zwischendurch isst sie auch mal was und zwar gekochten und entgräteten Seelachs. Nur 0,9 g Fett auf 100 g hat der Fisch, dabei kommt er aus Alaska, wo es gemeinhin sehr kalt ist und etwas mehr Fett auf den Rippen nicht schaden kann. Doch die malade Bauchspeicheldrüse des Hundes würde das nicht mehr verkraften und so muss der Fisch erst frieren und dann sterben, damit mein Tölchen leben kann.
Zum toten Fisch reiche ich ihr cremiges Mus vom Hokkaido und einen feinen Tablettencocktail bestehend aus Antiemetikum, Analgetikum, einem Appetitanreger und wat weeß icke.

 

Zum Glück zeigt sich meine eigene  Gesundheit gerade robuster als die des Hundes. Gestern noch verschnieft und fiebrig erwacht, bin ich heute schon wieder auf der Siegesstraße und nur vereinzelte Niessalven erinnern noch an den quasi überstandenen Infekt. Allein die Tigerkatze, das überaus sensible und feinfühlige Geschöpf, leidet noch unter meiner Erkältung. Mein Niesen quält sie, es tut ihr weh, es gefällt ihr nicht, es beleidigt und belästigt sie und sie kann nicht aufhören zu meckern und schnattern, zu zetern und zu schimpfen und das Gesicht zu verziehen, selbst im tiefsten Schlaf, wenn sie mich niesen hört.
Manchmal weiss ich kaum, wie ich zwischen meinen wiederkehrenden Niessalven noch mein lauthalses und entzücktes Lachen über ihre grenzenlose Empörung unterbringen soll.

 

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Epilog:

 

Als ich aus der Klinik zurück bin, mache ich einen nachmittäglichen Spaziergang um den Platz. Ein dünner Mann mit langen Haaren kommt mir entgegen und fragt mich, ob er mal telefonieren könne. Die Gasttöle, eine revierbewusstes Tier bellt ihn augenblicklich an und ich ermahne den Hund mit den Worten: Wenn du nur pöbeln kannst! Geh weiter!
Das verstehe ich jetzt nicht, sagt der dünne Mann und geht weiter zu dem nächsten Passanten. Doch auch dieser schickt ihn fort.

 

 

 

 

 

 

 

 

unbegrifflich

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Wie Kiesel liegen wir in einem Bett, voneinander und durch das Leben glattgerieben und

müde schaust du mit dem Blick des Vierjährigen, der das Löwenbaby umarmen darf oder soll und seine ratlose und unbeteiligte Hand auf dem warmen Fell abgelegt hat und nicht weiß welche Mine die passende ist oder sein könnte und was von ihm, also von dir, erwartet wird.

Erst später im Leben fängt das an mit der Gesichtsgymnastik, dem erwartungsgemäßen Minenspiel, dem Grimassieren, dem Handeln in Richtung Applaus. (Bis heute liegt Dir dieser Conveniencefressezirkus nicht. Stoneface passt immer).
Noch später sitzt es sich vollkommen entspannt irgendwo, mit relaxten Zügen und möglicherweise hängenden Mundwinkeln oder auch lächelnd, auf eine altersweise Art selbstvergessen. Der Wettbewerb ist vorbei, man ist kein Bauchfrei-Babe mehr, war es ohnehin niemals, das Schielen auf Außenwirkung ist weniger geworden und so lässt es sich unaufgeregt und außer Konkurrenz auf die Vorbeidefilierenden schauen, deren Lebens- und Konsumwelten so gar nichts mehr mit unserer Welt der nicht käuflichen Freuden zu tun haben.

Unbegreiflich und unbegrifflich.

 

 

Lang ist es her, dass ich an Sonntagen frühstücken ging, das Haar verfilzt von nächtlicher Begegnung. Kaiserschmarrn mit Pflaumenkompott und tiefe Blicke und Lächeln über den Tassenrand hinweg und später Rückkehr auf die klammen Laken.

 

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Der Kanzler benutzte eine Spaltlampe, doch alles blieb intakt dabei.

Weisses Tageslicht mochte und mag er weniger als abendlichwarmes Kunstlicht. Beim Deutschaufsatz wurde er für diese niedergeschriebene Vorliebe gelobt. Ein Erfolg von dem er bis heute erzählt, denn der Zuspruch des allwissenden Lehrers dient ihm noch immer als Beleg für die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit seiner Weltsicht: Sonnenlicht taugt nicht. Hinter einem theaterroten, bodentiefen Samtvorhang verbringt er seine osramhellen Tage.

Auch das Dosieren hat der Kanzler mich gelehrt und nur sehr mühsam habe ich es geschafft, die Große Regel wieder zu verlernen: viel hilft viel.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, westpark, affe
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Dem Hund ist übel und ich versuche Medikamente, Futter und Wasser in sie hinein zu bekommen und die Stimmung hoch zu halten. Das allein wäre tagfüllend, wäre da nicht noch dieses andere Leben.