Leo usw.

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Manchmal zeigt meine Blog- Statistk zwei fast gleich hohe Säulen nebeneinander. Und jedes Mal denke ich: Twin Towers. Und dann sehe ich eine Hand, die rasch ein Passagierflugzeug hinzeichnet das mit großem Tempo herangerauscht kommt und in die beiden Säulen kracht. Auf dem nächsten Bild rauchen die Überreste der zusammengestürzten Türme in den weiß-blauen WordPress-Himmel hinein und sind jetzt nur noch so hoch wie 150 Seitenaufrufe.
Ich wünschte ich würde mal was anderes denken und sehen können, wenn ich an zwei Tagen hintereinander die gleiche Zahl an Aufrufen habe. Wie war das bloß vor dem 11. September 2001? Was wäre mir da eingefallen?

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Ich habe heute eine halbe Monatsmiete (warm) für die Welthungerhilfe gespendet. Das kam so: ich frühstückte, bzw. trank einen fairtrade-Cappuccino. Dabei blätterte ich ein wenig im Internet herum und sah ein verhungerndes Baby, dem mein fairtrade-lifestyle-Ablass offenbar noch nicht zugute gekommen war. Ich las, dass in Ostafrika und im Sudan derzeit weit über 1 Mio. Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht sind, was ich eigentlich schon wusste aber erfolgreich verdrängt hatte. Ich stellte meinen Kaffee beiseite, prüfte mein Konto und befrug mich, was ich in den nächsten zwei bis drei Monaten noch zu bezahlen habe und wieviel ich entbehren könnte. Nach einem Check der Hilfsorgas und ihres Rankings leitete ich die errechnete Summe auf das Konto der Deutschen Welthungerhilfe weiter. Jetzt hoffe ich, dass die Tierarztrechnung erst nächsten Monat kommt und, dass sonst nichts Unerwartetes anfällt. Aber selbst wenn: verhungern werde ich nicht. Soziales Netz, soziale Sicherung.

Warum erzähle ich das? Weil ich hoffe, dass sich Jede und Jeder der kann ein Herz fasst und für die Welthungerhilfe (oder Ärzte-ohne-Grenzen, oder Brot für die Welt usw.) spendet.

http://www.welthungerhilfe.de/spenden-hunger-afrika-nothilfe/?wc=17GOFM1000

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Nach dem Frühstück haben wir uns ins Auto gesetzt und sind durch Mitte, den Wedding und Moabit kariolt. In der Chausseestraße beeindruckt der fertig gebaute Sapphire von Libeskind vis-à-vis des faschistisch anmutenden Schießschartenungtüms des BND. Wie ich das Ensemble finde, weiss ich noch nicht genau.

Weißes Sonnenlicht hängt in den Baumwipfeln und auf den Häuserdächern, darüber tiefes Märzenblau. Auf dem Leo sitzen die Menschen im Karreé. Nazareth-Umzüge in der Nazarethstraße. Ein Witzchen über die Gemeinsamkeiten des Möbelschleppens und das Tragen des Kreuzes. Irgendwann am Plötzensee gelandet, dann am Saatwinklerdamm. An Wolfgang Herrndorf gedacht, der sich hier erschossen hat, und daran wie gerne ich einen hellblauen Lada kurzschließen und damit in ein sattgelbes Weizenfeld preschen würde. In der Nacht würde ich durch die Windschutzscheibe in den riesigen Brandenburger Sternenhimmel schauen und mich freuen, dass ich am Leben bin.

Hintergrundmusik. Richard Clayderman.

Nach einem magenzerfetzenden Kaffee am Westhafen und der vorfürsorglichen Frage des Bekannten, ob denn mit meinem Herzen soweit alles in Ordnung sei (die Antwort lautet: Ja), fahren wir zurück nach Kreuzberg, wo uns die Tigerkatze in deutlich besserer Verfassung empfängt und wo bereits der sagenhaft superköstliche Tantenkuchen aus Mandelmehl, Marzipan und dunkler Schokolade auf uns wartet. In alter Tradition teilen wir ihn so auf, dass der Bekannte den Löwenanteil erhält und ich den Rest.
Das ist gut so, das hat seine Ordnung, das schafft ein Gefühl der Geborgenheit und Verlässlichkeit in der ungerechtesten aller Welten.

Epilog:

Durch das Lesen bzw. Anklicken dieses Textes haben Sie gerade einen weiteren Stein auf die heutige Statistiksäule gesetzt. Wenn diese am Ende des Tages deutlich höher oder niedriger gerät als die gestrige Säule wird die Hand des Zeichners sie verschonen.

 

 

 

 

 

Bild: ais3n, img_9674, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

verbindlich unverbindlich

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Die Freundinnen klagen über die Unverbindlichkeit der Männer, die sie kennenlernen. Darüber, dass niemand sich festlegen möchte. Flexibel bleiben.
Ich merke das Gleiche im Job. Vorstellungsgespräche laufen mehr und mehr so ab, dass die Bewerber fragen, was ihnen geboten wird, und immer weniger einzusehen scheinen, dass sie auch etwas bieten müssen, nämlich vor allem Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit.

Ein Vorstellungsgespräch bei dem die Aspirantin schon im zweiten Satz ungefragt verlautbaren lässt, dass sie übrigens im Sommer in jedem Fall 6 Wochen verreisen wird, komme was da wolle. Das sei ihr heilig und kein Job der Welt sei es wert von diesem Plan in irgendeiner Weise abzurücken, ihn zu modifizieren oder sich mit den Kolleginnen abzusprechen, lassen mich sprachlos zurück.
Ich habe das Gespräch dann trotzdem zuende geführt und die Dame dann mit freundlichen Worten zum Ausgang begleitet.  Wir melden uns. Sie schien sehr zufrieden mit ihrem Auftritt gewesen zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Country-Sunshine, flickr, 001-017-01
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

sans souci/ sorgenfrei

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An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

Stuhl im Busch

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Weil Menschen sich in die Büsche schlagen und dort ihre Exkremente hinterlassen, in denen mein Hund sich liebend gerne herum wälzt, muss ich auf jede noch so kurze Reise Hundeshampoo, eine Ersatzhalsband, Desinfektionsmittel, Einmal-Handschuhe, Küchenpapier und ein Hundehandtuch mitnehmen.
Da der kranke Hund Spezialfutter und Medikamente und außerdem Näpfe und eine Decke braucht, reise ich inzwischen mit einen Rollkoffer nur für sie, während ich meine zwei Wechselgarnituren, mein Waschzeug und Wipp Express in einem Stoffbeutel mitführe.

Bestimmt malt sich jemand, der gerade seine Notdurft im Gebüsch verrichtet, überhaupt nicht aus, welche Konsequenzen sein Handeln nach sich zieht. Und sicher denkt er, während er so da hockt und sein Geschäft erledigt, nicht darüber nach, dass ich wegen der überall zu erwartenden Hinterlassenschaften immer mit mindestens 1 kg zusätzlichem Gepäck reisen muss. Ist ja nicht so schlimm, könnte man meinen, und so denkt vielleicht auch der Hockende, der nichts als Erleichterung verspürt, wie er da so aus dem Gebüsch heraus kommt und seinen Hosenknopf schließt. Doch wie meist im Leben, hat das, was der Eine macht, Auswirkungen auf seine Umwelt, und manchmal sind diese so schwerwiegend, dass sie sogar Leben gefährden oder kosten. Flöge ich nämlich, beispielweise, ständig mit meinem Hund durch die Gegend, wie man es inzwischen jederzeit für läppische 14,50 € tun kann, führte das stuhlbeseitigungsbedingte Extra-Kilo zu einem höheren Kerosinverbrauch, dessen umweltschädigende Wirkung letztlich dafür sorgte, dass ein kleines Amselküken im Nest stürbe. Kaum in der Welt wäre es schon wieder weg, ohne auch nur ein einziges Mal irgendwo in Pankow zum frühabendlichen Flöten um 17.30 Uhr angesetzt zu haben.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die verheerende Langzeitwirkung auf die Amselpopulation auszumalen, wenn jeder von uns sich im Gebüsch erleichterte. Nicht lange und die schönen lackschwarzen Vögel wären für immer verstummt.
Doch das ist nicht die einzige Gefahr, die von den Exkrementen im Unterholz ausgeht,
Manchmal frisst mein Hund das, was er da im Gebüsch vorfindet nämlich auch auf, anstatt sich darin zu wälzen. Das führte ein Mal sogar dazu, dass es ihr sehr, sehr schlecht ging und ich zum Tierarzt mit ihr musste. Dieser verpasste ihr eine Infusion, spritzte irgendwas und erklärte mir, dass mein Tölchen aller Wahrscheinlichkeit nach Drogenstuhl gefuttert habe, und dass immer wieder Hunde an derlei giftigen Ausscheidungen stürben (ich sach nur: Fusion). Zum Glück hat sie es überlebt, doch weil Sonntag war, kostete mich der Mist 120 € und zusätzlich bange Stunden.

Über meinen persönlichen Ekel, wenn ich die stinkende Masse aus dem Bart meines Hundes zuzeln muss, möchte ich erst gar nicht reden. Der tötet ja wenigstens nicht.

Nach solchen unangenehmen Erfahrungen, könnte man erwarten, dass ich überaus zufrieden bin, wenn jemand die Verantwortung für seine Fäkalien übernimmt.
Insofern hätte die erste Begegnung mit dem gutaussehenden und interessanten Hundebesitzer, den ich vor einigen Jahren auf meiner Hunderunde traf, eigentlich der Beginn einer großen Liebe sein können. Es war ein schöner Nachmittag im Frühsommer, angeregt plaudernd gingen wir nebeneinander her, unsere Hunde tobten ausgelassen um uns herum und alles war eitel Wonne. Als wir an einem Gebüsch vorbeilkamen, verschwand der Mann wortlos in selbigem und ich spazierte mit Tölchen diskret weiter. An der nächsten Bank wartete ich auf ihn. Zwei Minuten später folgte der Mann uns. Zielstrebig ging er auf den, neben der Bank befindlichen, Papierkorb zu und warf einen prall gefüllten Kotbeutel hinein.

Ich weiss nicht genau, wie lange diese Sache nun schon zurück liegt. Aber jedes Mal, wenn ich den Mann seither irgendwo getroffen habe, denke ich an das satte, schwere Geräusch, dass der Beutel machte, als er in den metallenen Papierkorb plumpste. Und ich muss zugeben: es wäre mir lieber gwesen, er hätte seine Hinterlassenschaften da gelassen, wo sie waren.

 

 

 

 

 

 

Bild: Daniel Ziegener, Blauer Stuhl, flickr
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Zwanglos II

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Männer, die größer als 1,85 sind beunruhigen mich, es sei denn sie tragen Frauenkleider.

In Fulda möchte ich nicht wohnen. Da gibt es so viele merkwürdige Menschen, die üble Bräuche pflegen. Sie nennen das Tradition.

Tradition ist so ähnlich wie Religion. Unhinterfragbar.

Ich halte Menschen, die ihren Tieren ironische Namen geben (Günther der Hund) für übermäßig geltungsbedürftig. Fehlt noch ein kariertes Hütchen auf dem Kopf und Hosenträger.
Ich habe mal einen Goldfisch Tarkan genannt. Es war nicht mein Fisch. Meine hießen Lolek und Bolek. Auch albern.

Ich messe oft mit zweierlei Maß und sehe den Balken im eigenen Auge nicht. Das Haar in der Suppe finde ich mühelos. (Saisonabhängig. Im Winter schlimmer als im Sommer).

Ich verstehe Ironie meist nicht.
Ich bin exzentrisch.
Ich bin schüchtern.

Ich bin, wenn man mich gut kennt, sehr leicht dechiffrierbar.

Ich schreibe immerzu über mich, weil ich über andere zuwenig weiss und weil die Welt mir ein Rätsel bleibt.

Der Bekannte redet sehr wenig über sich. Ich mag den Bekannten.

Wenn ein siamesischer Zwilling früher ins Bett will als der andere, ist das ganz was anderes, aber im Ergebnis doch ähnlich, wie wenn der Bekannte früh ins Bett möchte und ich mitgehen soll, obwohl ich noch hellwach bin.

Wenn ich wach bin möchte ich überhaupt nie mehr ins Bett gehen.
Wenn ich im Bett liege, möchte ich überhaupt nie wieder aufstehen.
Immer da wo ich bin finde ich es am Besten.
Es ist schwer mich zu überreden auf eine Party zu gehen.
Es ist schwer mich wieder nach Hause zu kriegen.

In manchen Szenen sind Tunnelohrringe verpönt.

Seit ich weiss, dass Avocados für Hunde tödlich sind sein können, stört es mich schon, wenn eine Zeitschrift in meiner Wohnung herum liegt, deren Titelseite eine aufgeschnittene Avocado zeigt.

Ich sehe im Winter nicht gerne Dessouswerbung auf den sogenannten Stadtmöbeln im Freien.
Donald Trump hat mir das Wort `sogenannt´ gründlich versaut. Böser Mann.

Ich finde es traurig, wenn Menschen verstummen, weil die Weltlage so düster ist.

Ich finde es sehr unhöflich, eine ausgestreckte Hand nicht entgegen zu nehmen (solange keine Scheisse dran klebt und man nicht befeindet miteinander bzw. gegeneinander ist).
Bei facebook kann man sich sogar entfreunden.

Die neuesten Smartphones sind in ihren Kamerafeatures auf Instagram-Selfies ausgerichtet. Sie machen auf Knopfdruck (oder per Wischbewegung) schön und jung.
Wird man je aus dieser Bilder-Welt heraus treten und sich begegnen können ohne furchtbar enttäuscht oder erschrocken zu sein?

Ich ziehe (ganz allgemein)  unbearbeitete Fotos bearbeiteten vor.

Damit ein Film mich interessiert, muss er vorwiegend in geschlossenen Räumen spielen. Es muss mindestens eine weibliche Hauptrolle geben, es muss Strom, bzw. elektrische Geräte geben, es wäre schön, wenn Liebe oder wenigstens Sex drin vorkäme. Am liebsten soll er in der Jetzt-Zeit spielen (die für mich bis in die 70er Jahre zurück reicht).
Ich möchte nicht, dass in dem Film zuviel gesungen wird. Er darf keine Komödie sein. Exzessive Brutalität will ich auch nicht. Spannung finde ich gut. Die Menschen sollen nicht über-attraktiv sein und nicht aussehen wie bearbeitete Fotos.
Into the wild hat mir gefallen, obwohl der Film fast ausschließlich  draußen spielt und sehr wenig Elektrizität drin vorkommt. Eine Frau und Romantik gibt es auch nur kurz.

Der Argentinier hat bei einem Online-Gedächtnistest geschummelt.
Nachdem er ihn ein Mal durchgespielt und dabei enttäuschend abgeschnitten hat, hat er sich alle Lösungen notiert, um sie beim zweiten Durchlauf abzutippen. Als das neue Testergebnis angezeigt wurde, hat er sich sehr gefreut.

Bei twitter stand, dass bei Facebook folgendes stand:

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Darüber habe ich lauthals gelacht.

 

Bedeutungsvolles Raunen und wissenvorgebendes, süßlich-feingeistiges Klimperzuseln© (aka as inhaltsleeres Labern) nervt mich. Ab-grund-tief.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Aaron Muszalski, Zwanglos III, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Schmuckdünger / je m´accuse

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Unterwegs

Weil Lärm tötet gehe ich konsequent bei Rot über die Straße. Wenn Schulkinder da sind geh ich trotzdem bei Rot. Und zwar hinter ihnen her.

Die Tüten mit dem Hundekot werfe ich in den Rinnstein oder lege sie auf Stromkästen, wenn kein Mülleimer in der Nähe ist. Ich liebe das Geräusch von Kotbeuteln, wenn sie in den Rinnstein klatschen.
Manchmal lege ich sie in defekte Kühlschränke am Straßenrand oder neben matschige Dönerreste und klebrige Gurkengläser. Auf dem Rückweg sind weitere Kotbeutel dazu gekommen.
Wenn ich ausnahmsweise keinen Kotbeutel dabei habe, hebe ich beim nächsten Mal zusätzlich zu dem Haufen meines Hundes einen Fremdhaufen auf.

Mein bester Freund sagt halbschwul, wenn er bisexuell meint. Ich kündige ihm nicht die Freundschaft dafür, obwohl er belehrungsresistent ist.

Ich glaube nicht an Gott. Ich fühle mich manchmal einsam und verloren deswegen.
Manchmal bete ich zu Gott, für den Fall.

Ich bin traurig, dass kriminelle Banden das Flusspferd Gustavito totgeprügelt und -gestochen haben. Als Knut starb war ich auch traurig.

Die kleine Polin liebt ihr Pferd über alles. Sie trägt am Liebsten schwarz, geht auf Parties mit dunkler Musik und möchte nicht, dass jemand erfährt, dass sie ein Pferdemädchen ist. Bei Whatsapp hat sie deshalb eine russische Ikone, anstatt einer Trense als Profilbild. Ich habe einen Maulkorb als Foto. Das wirkt lässig und erbärmlich zugleich und dadurch noch nonchalanter*. Der Maulkorb wirft schöne Schatten auf den Tisch.

* Ich habe die Angewohnheit Worte episodisch zu gebrauchen und dann einzumotten.

Ich bin Ästhetin. Design ist mir wichtig.
Ich entwerfe Möbel.
Ich plane einen Bungalow aus Beton. Im Patio Moos.

Wenn in Indien ein Bus in den Abgrund stürzt und alle Insassen den Tod finden, rede ich weniger darüber, als wenn das Gleiche in den Dolomiten passiert oder als wenn die Ku´damm-Raser wegen Mordes verurteilt werden.

Nach 16 Uhr möchte ich keine schlechten Nachrichten mehr hören.
Kaffee nach 16 Uhr geht. Tee nicht.
Meinen Briefkasten öffne ich nur Montags bis Donnerstags. Späteste Leerung um 15 Uhr. Ich habe Angst mir das Wochenende zu versauen mit Dingen, die sich nur unter der Woche regeln lassen.

Nach meinem letzten Eintrag sind mir 4 Follower abhanden gekommen. Zwei kamen dazu.
Das Thema scheint die Leute vergrätzt zu haben. Ich sollte wahrscheinlich mehr über Tiere schreiben.

Ein Mann kommt mit einem Fisch im Eimer in die Tierarztpraxis. Ich frage ihn nicht wie alt das Tier ist, wie es heisst oder ob es Fieber hat.
Ich mag Säugetiere und Vögel lieber als Amphibien, Reptilien und Insekten. Fische mag ich eigentlich auch. Vor allem Rochen und Haie. Und Muränen mit ihren übellaunigen Gesichtern.
Tiere mit Überbiss gefallen mir.
Der Bekannte schlägt vor, mit der Hausspinne (in einer Streichholzschachtel) zum Tierarzt zu gehen.
(Ich könnte ihr Hormone spritzen lassen, damit sie keine Jungen mehr kriegt).

Von dem angefahrenen Fuchs in einer Transportbox mache ich Fotos. Später erzählt mir die Tierärztin, dass er eingeschläfert werden muss, weil er zahm werden würde, wenn man ihn gesund pflegte.
Ich traue mich nicht zu fragen, ob ich ihn mit nach Hause nehmen darf. Nun hoffe ich ihre Antwort wäre Nein gewesen.
Ich traue mich nicht zu fragen, ob sie Nein gesagt hätte.

Ich habe Angst Schuld auf mich zu laden.

Ich gebe monatlich mehr Geld für Tierschutz aus als für Menschenschutz. Im Winter etwa gleichviel.

Ich ernähre mich nicht bio und kaufe nicht immer saisonal oder regional.

Meine fleischfressenden Tiere verschlechtern meine Ökobilanz.
Ich habe einen Gefrierschrank. Zum Ausgleich fliege ich nicht und fahre weniger als 5000 km Auto im Jahr.Ich esse kein Fleisch, trinke keinen Alkohol, rauche nicht und trage viel Second Hand. ich hoffe das hilft irgendwem.

Ich komme gerne pünktlich und reagiere verärgert auf Unpünktlichkeit.
Ich lache laut über meine eigenen Witze und zwar als Einzige und stundenlang. Manchmal wache ich nachts auf davon.

Ich bin beinahe so rechthaberisch wie der Bekannte, dafür ist er viel klüger als ich und ich bin viel lustiger als er (s.o.)

Der Bekannte und ich sind ungefähr gleich groß, dafür bin ich 4 Jahre älter als er und sehe 4 Jahre jünger aus. Macht 8 Jahre Gewinn.

(Ich bin mathematisch hochbegabt).

 

 

 

 

 

Chiffon, nonchalant

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Unbeschwerte Zügellosigkeit

Zur Vermeidung der weiteren Offenbarung privater Details, könnte ich mich in diesem Blog darauf verlegen, nur noch über´s Bloggen zu bloggen. Ganz und gar selbstreferenziell auf die tantenmäßig langweiligste Art (ich darf das sagen, ich bin selber eine).
Ich könnte mich beipielsweise darüber auslassen, wie gut der Rückhalt durch ein wohlwollendes (Blog-)Publikum tut, wenn man das anfasst, was man früher als heißes Eisen bezeichnete und heute irgendwie anders nennt (wie eigentlich? Brisant?).
Hier in meinem angestammten Blog kann ich z.B. getrost erzählen, dass die Schauspiellehrerin mir von der Weigerung ihrer (Privat-)Schüler berichtete, ein Stück einzuüben in dem das N-Wort vorkommt, gleichwohl das Stück in kolonialen Zeiten spielt und die Kolonialherren und Sklaventreiber bekanntermaßen nicht poc oder woc sagten, sondern Neger.
Das Wort zu benutzen findet heute niemand kaum jemand, nur noch 8 % der Bevölkerung gut und mir fällt es überaus schwer, es überhaupt so nonchalant hinzuschreiben. Drüben im Versuchsblog würde ich das überhaupt nicht wagen. Doch hier wähne ich mich einigermaßen in Sicherheit und hoffe auf Verständnis dafür, dass die zu erzählende Geschichte diese Ausdrücklichkeit ausnahmsweise erforderlich machte.
Möglicherweise, so denke ich, habe ich mir über die Jahre vielleicht einen klitzekleinen Bonus zusammengeschrieben und die hier Mitlesenden ahnen, dass ich nicht rassistischer bin, als die Zeit in der ich lebe, und dass ich, wenn ich diskriminiere dies meist durch positive Zuschreibungen tue. Durch zweischneidige Bewunderung für sogenannte Randgruppen (die ich förmlich vor mir sehe, wie sie so am Tellerand stehen, kurz vor dem Sturz ins Bodenlose).

Die Schauspielschüler wollen also nicht das N-Wort aussprechen und können deshalb kein Stück aus der Kolonialzeit einstudieren und somit auch nicht auführen.
Aus ihrer eigenen Blase heraus zu treten und in die Welt zu blicken, die ihnen den Weg bis hierhin bereitet hat, verursacht ihnen schlimmes Unbehagen und die Schauspiellehrerin muss sich, um weiterhin ihr Brot verdienen zu können, dem Wunsch und Willen der Schülerschaft beugen und nur noch moderne Stücke, ohne Reizworte, mit ihnen einstudieren, denn der Kunde ist König und die Vergangenheit lässt man besser ruhen. Oder man benennt sie um.

So, wie ich mein Blog, könnte ich jetzt noch hinzufügen, um irgendwie den Bogen zu spannen zum Anfang des Textes.

 

Liebe Lesers, es ist schön, dass Ihr hier seid!

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
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