Publikumsbetörung & Samstagslinks

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Der Frühling naht!  (Foto: Annika)

(Wer keine Lust hat, sich durch meine Betrachtungen zu kämpfen, möge bitte gleich ans Ende dieses Textes scrollen und den Links folgen. Wir alle wollen gelesen werden. Dazu braucht es Lesende. Klicken Sie, es lohnt sich!)

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Manchmal stoße ich auf neue Blogs, die ich eine Weile voller Begeisterung lese, bis ich feststelle (oder den Eindruck habe), dass der Blogbetreiber sich, möglicherweise beeinflusst durch Klickzahlen oder Schmeicheleien des Kommentariats, nach und nach auf eine bestimmte Rolle kapriziert hat, in der er mehr und mehr versüßlicht und immer häufiger und immer verzückter von seiner eigenen Putzigkeit, Naivität und Herzensgutheit (meinetwegen auch Tougheit, Stärke und Souveränität) erzählt. Das ist schade und führt über kurz oder lang dazu, dass ich das Blog nicht mehr gerne lese. Ein bisschen erinnert mich das an Kinder, denen man zu häufig sagt, dass sie niedlich sind und die fortan ständig und penetrant das Niedlichsein spielen, mit Flunsch und Augenaufschlag und allem, was gut ankommt. Ihrer Umwelt bleibt dann  (natürlich übertrieben formuliert), nichts weiter als die Rolle des entzückten Claqueurs. Dafür bin ich nicht geeignet (wie auch echtes Fantum mir vollkommen fremd ist).
Als Tochter einer Borderlinerin bin ich leider (über)empfindlich gegen alles, wovon ich mich manipuliert fühle und was mir, um dieses Wort auch mal zu benutzen „unauthentisch“ erscheint. Zieht jemand vorsätzlich eine Schnute und trägt, bildlich gesprochen, obendrein einen zu großen Pyjama, finden viele das voll süß, ich hingegen finde das voll unangenehm, weil ich mich ungefragt in ein Theaterstück, und zu allem Unglück oftmals auch noch eine polternde Komödie, eingebunden fühle. Das (sichtbare) Schielen auf Applaus verdirbt nach meinem Empfinden so ziemlich jede Performance. Ich muss dann ganz schnell die Bühne abbauen von der jemand spricht, nicht mehr hinschauen, nicht mehr lesen, ned amoi ignorieren, wie der Bekannte sagen würde. Einfach weiterziehen. Jedes Ding hat seine Zeit und manche Orte sind nicht zum Verweilen bestimmt, oder man selbst verändert sich auf eine Weise, dass die Orte (oder Blogs) nicht mehr zu einem sprechen.
Meine intrinsische Unduldsamkeit und Intoleranz gegenüber bestimmten Dingen, erstaunt nicht nur den Bekannten von Zeit zu Zeit, sie schmeckt leider auch nicht besonders gut und hinterlässt hässliche Flecken auf dem Selbstbild. Auch das ein Grund, warum ich mich von Dingen die mich stören möglichst schnell abwende und mich auf die Suche nach neuen Freuden mache. Ein wenig mehr Geduld stünde mir gut zu Gesichte, hab ich aber leider nicht und ich wüsste auch  nicht wo ich sie her kriegen könnte. Oohhhhmmm.

Natürlich sind wir alle nur Darsteller, selbstausgedachte Figuren, die, sobald sie sich in der Öffentlichkeit wähnen, ihre „Problemzonen“ durch Wortkaftane verhüllen und das betonen, was sie als besonders schön und liebenswert für Andere antizipieren. Für mich sind die interessanten Menschen aber die, die nicht nur schillern und immer nur schön und redlich oder originell sind, bzw. so tun. Die nicht humorige Launigkeit darstellen, sondern tatsächlich einen feinen Sinn für Humor haben. Ich mag die Brüche, das Schräge und das Unperfekte, ich mag es, wenn jemand draufloslebt und entsprechend draufloserzählt, sich die Freiheit nimmt er selbst und damit auch mal ein Arschloch zu sein, mit Worten zu experimentieren, Bilder zu zeichnen, gerne auch holzschnittartig oder dilettantisch, ohne dabei gleich ein Verkaufsgespräch zu führen, eine lärmende Kontaktanzeige zu schalten und es allen Recht machen zu wollen. Ich liebe Selbstvergessenheit, Exzentrik und Klugheit, die auf einem soliden ethischen Fundament (oder nennen wir es besser auf Haltungen) steht. Am liebsten in dieser Kombination.

[…]the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes “Awww!”

Jack Kerouac

(* ganz unten noch ein Link zum Thema bloggen)

 

Manche Blogger, um nach diesen (auch für mich) erstaunlichen und halbgaren Überlegungen noch irgendwie die Kurve zu kriegen, möchte ich aber unbedingt und allezeit rühmen und ihnen eine Bühne errichten, auf dass ich sie besser beklatschen kann für ihre klare Schnörkellosigkeit.

Diese hier zum Beispiel:

Gleich zwei Mal der liebe Herr Schneck (schneckinternational), dessen Blick auf die Dinge ich unnachahmlich finde. Seine Art zu schreiben sowieso:

Konfirmand. Weiß soweit das Auge reicht, dazu Klavierklimper und Gedanken.

Außerdem: Chor der Engel erwacht

„Sorge des Lebens verhallt, weisser Wein, weisser geht kaum. Der Wein, der Teewagen, Berge von Geschirr, die Kissen voller Küsse und Milben und Nachtsabber. Die alten Schaffelle, die plastenen Untersetzer für längst vergangene Pflanzentöpfe, mürbe und verbleicht, die alten Koffer für eine Übersee, die es nicht mehr gibt, aus einer Zeit, als diese noch lohnenswert schien, Koffer, die ihren Sex vor sechzig Jahren hatten…“

Dann ist da Urel Elif, deren Blog ich kürzlich entdeckt habe und deren besondere und bildhafte Art die Dinge zu betrachten und zu beschreiben mir außerordentlich gut gefallen.
out of the box heisst das Blog und Mario Vargas Llosa der Text. Ich habe lauthals gelacht beim Lesen und war gleichzeitig ergriffen. Das schaffen nur wenige Texte bei mir. Unbedingte Leseempfehlung. Am besten gleich das ganze Blog!

Der Wortmischer indes fragt sich wieso Menschen mit zunehmendem Alter „verbeigen“, also nur noch Bekleidung in der Farbe Beige tragen und findet eine überraschende Erklärung dafür.
Ich habe übrigens eine ganz andere. Ich glaube man strebt im Zuge der stückweisen Selbstauflösung danach beige zu werden, naturfarben wie die eigene Haut. Das passt gut zum Braun der Mutter Erde. (Entschuldigen Sie, das sind die Nachwehen der letzten Wochen).
Hie spricht der Wortmischer über Beigisierung

Und zum Abschluss  ein Text der geschätzten Wildgans, die die meisten kennen werden, die ich aber in dieser Riege gerne mitverlinken möchte. Ihre feine Ironie und ihr kluger Blick locken mich tagtäglich auf ihr Blog. Hier stellt sie eine Jagdmethode vor.

Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Samstag allerseits!

 

 

* Der werte Herr Ackerbau hat auch just was zum Thema Bloggen geschrieben, dem ich mich gerne anschließen möchte: Über das Bloggen

 

 

 

 

Bild: Annika

don´t give up (im Puppenhaus)

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Ämter bekleiden stelle ich mir seit jeher vor wie Papppuppen (9 Buchstaben und 6 davon p!) anziehen. Man knifft und zwackt einen Talar oder eine Robe an das gesichtslose Amt heran und schon kann die steifhüftige Darbietung losgehen.

Wenn ich nicht gerade die Weltpolitik verfolge, bin ich immer noch unterwegs in Sachen Justiz und Kriminalität und lese dieser Tage unter anderem folgendes: ein Mann googelt am Abend welche Strafe auf vorsätzlichen Totschlag steht, legt sich anschließend eine Bratpfanne zurecht und erschlägt am nächsten Morgen seine Lebensgefährtin beim alltäglichen Streit in der Küche damit. Hinterher behauptet er, im Affekt gehandelt zu haben. Wer glaubt, Tante Google würde irgendetwas für sich behalten, ist ein Dussel. Außerdem: wieso trennen Leute sich nicht, statt sich bratpfannenreif zu zanken. (Bitte nicht antworten, ich weiss warum und möchte das Thema wegen der zu erwartenden Abgründe nicht vertiefen. Die Streithähne sollten besser anfangen sich mit Politik zu beschäftigen, das macht anders unzufrieden, reifer irgendwie. Oder sie könnten ein Puppenhaus bauen, um mal einen Einblick zu bekommen).

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Nach einer halben Stunde Citizenfour meldet sich meine Paranoia und ein unheilbarer Frust über den Zustand unserer Welt. Das ist schlimmer als Dokus über das Universum, unendliche Weiten, Weltraum und Hubble. Blanker Horror. Wir brechen unseren Filmabend ab.
Snowden, den ich vorher nie hatte reden hören, ist ein so kluger, ruhiger und aufgeräumter Kopf. Ich bin voller Bewunderung, auch für das Opfer, dass er zu bringen bereit war, für sein Verantwortungsbewusstsein und für seine Reflektiertheit. Ob er seine Familie jemals wiedersehen wird?

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Den Text, der mich seit langem  am meisten anrührt, lese ich bei der hochgeschätzten dame von welt. Nicht zögern einfach anklicken und eintauchen, bitte. Das Detail mit der Kellertreppe im Weckglas wird mir ewig im Kopf bleiben. Ich plane es nachzubauen. Statt echtem Blut muss Lebensmittelfarbe reichen.

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Wer ist eigentlich merkwürdiger, derjenige, der immer wieder nachfragt, oder der, der nie antwortet.
Darüber können jetzt alle mal nachdenken. Ich aber sage Euch: don´t give up und immer weiter Fragen fragen.

(Tod und Trotz, oder Trotzdem tot)

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Von einem gefährlichen Druiden lese ich in der Zeitung und denke: Hallo, wo leben wir denn (wobei ich natürlich niemals Hallo! denke, geschweige denn es je in dieser Weise sage). Einen Absatz weiter geht es dann um die Reichsbürger. Auch das etwas, was ich einen längst ausgestandenen Wahn zugehörig wähnte. Das Reich mit seinen Bürgern. Sind das eigentlich Leute, die auch auf Mittelaltermärkte gehen oder Schlachten nachspielen, weil die Kostümierung sie größer oder besonders macht und weil früher sowieso alles besser war?
Atavistische Scheiße, sagst du (deine wüste Wortwahl der frühen Stunde geschuldet) und wir schauen uns ratlos an ob des Schleudergangs in den die Welt geraten ist oder scheint. Schein, Sein, empfinden und wissen, Fakten und Lüge, alles löst sich auf. Man weiss es nicht, man behauptet es nur. Mir schwindelt.

Auf der Kinderonkologie sterben mehr Kinder als üblicherweise, sagt die Psychologin, (streben schrieb ich zuerst, statt sterben und sah die kleinen Engelein schon gen Himmel aufsteigen ins güldene Licht, aber dann starben sie doch und wurden begraben unter nasser, schwerer Erde, wie morgen die arme G). Bereits am Jahresende, erzählt die Psychologin weiter, waren es so viele tote Kinder, dass selbst die Sterbehelfer es kaum mehr ertrugen.
Hoffentlich finden sie alle einen schönen Platz dort oben und erfrieren nicht vor geschlossenen Toren
, denke ich und der Himmel verdunkelt sich und ich mache das Licht an.

German Angst, so las ich kürzlich in einem  Interview mit einem Soziologen, is over, Geschichte sozusagen. Und Geschichte ist ja irgendwie alles, sogar ich. L´histoire c´est moi, könnte man sagen. Ich reite auf der Welle, die ich bin. Eine tödliche Schlammlawine ist Geschichte, sind wir, und ich sowieso. Over ist hier gar nix, es geht doch gerade erst richtig los.

Locker machen für die Hölle.

Der Kanzler ist voller Trauer. Erst starb die Schwester, jetzt die G.
Der kleine Junge möchte seiner toten Mutter die Wohnungsschlüssel in den Sarg legen, damit sie zurück kommen kann, nach Hause.

Jeden Tag geht die Welt unter, für so viele, und darüber stehen Mond und Sonne und Milliarden Sterne.

Die O2-Arena heisst jetzt Mercedes-Benz-Arena, aus Raider wurde Twix, aus Haider schließlich Wix und geändert hat das nix. Der Verkehr tost vorbei an dem architektonischen Halbrund, eine heulende Sirene nähert sich, ihre Klage hin und her geworfen zwischen den Mauerresten am Ufer und der gläsernen Arena, dolby surround und ich mittendrin und oben am bleigrauen Himmel ein Schwarm Krähen auf der Jagd nach einem jungen Täublein. Flieg um dein Leben, schnellschnell!, denke ich und schaue rasch weg, weil ich sie nicht sterben sehen kann, wie damals den Spatz auf dem Mauerstreifen, mitten im Flug von zwei Krähen zerrissen, gellend der Schrei, mit dem er diese Welt verließ. Den Ringfinger der linken Hand hätte ich für sein Leben gegeben, oder zwei Zehen oder ein Ohr, am liebsten etwas, was doppelt vorkommt in meiner Arche, oder was sonst geholfen hätte. Aber er hilft ja nichts, da kann man sich ausdenken und anbieten, was man will. Leben gegen Leben gegen Leben. Der Tod bleibt mein Feind und die Natur sein schamloser Handlanger.

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink,  The Smashing Pumpkins, Bullet With Butterfly Wings)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: wikimedia, Repronegatief. Varanus komodoensis, ± 8 jaar en 5 weken,
Lizenz: CC BY-SA, 3.0

Glamouröse Ohrläppchen

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Vor dem Einschlafen schaue ich mir zur Beruhigung Filmaufnahmen von Gebäudesprengungen an. Am besten gefällt mir, wenn erst die Fassade eines Hauses einstürzt, der Kern aber noch einen Moment stehen bleibt, wie ein Geist, und dann mit Verzögerung zu Boden geht. Gut finde ich auch, wenn langgezogene, mehrstöckige Gebäuderiegel von links nach rechts, wie eine auslaufene Welle zusammenbrechen. Überhaupt ist es beeindruckend, dass man riesige Gebäude durch gezielte Sprengungen einfach so in sich zusammensacken lassen kann. Wie eine Wasserfontäne, der man den Hahn zudreht.

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In meinem Reader lese ich etwas über die Fruchtfliege, merke aber schnell, dass ich mich verlesen habe und von Flüchtlingen die Rede ist. Wenig später stoße ich auf einen Text über glamouröse Ohrläppchen und stelle mir sogleich barocke Klunker an schillernder Persönlichkeit mit Brokat und Spitze und so weiter vor. Zu meiner Enttäuschung  entdecke ich, dass in dem Beitrag von glamourösen Oberflächen die Rede ist und verliere augenblicklich das Interesse.

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Da Ordnung schaffen mir Struktur gibt und Struktur ein guter Seelenhalt ist, nehme ich mir heute endlich die übervolle Kiste mit Medikamenten vor, kippe beherzt den ganzen Plunder auf den Tisch, sortiere abgelaufene oder nicht benötigte Medikamente aus, trenne bei dem  Ausschuss Blister und Pappe voneinander, um das Zeug später abgeben zu können, und staune nicht schlecht, was ich alles an Drogen zutage fördere. Mittel gegen nie gehabte Malaisen,  wie z.B. Niereninsuffizienz, tauchen dabei genau so auf wie Valium, Valoron und Viagra. O làlà.
Auf einer Ampullenschachtel, die bereits seit 2008 abgelaufen ist, finde ich einen Aufkleber mit dem unglaublichen Preis von 758 € für 15 Einheiten. Gut die Hälfte der Fläschchen ist noch übrig,  nützt aber nix, das Mittel ist überfällig und ich habe gerade keinen Bedarf dafür, also weg damit.

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Die Nahrungsergänzungspillen und den homöopathischen Kram entsorge ich im Hausmüll, der unbrauchbare Rest geht später zurück in die Apotheke (die übrigens, wie man mir am Telefon mitteilt, nicht mehr verpflichtet ist das Zeug zurück zu nehmen, sich aber freundlicherweise trotzdem dazu bereit erklärt. Geht doch).

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Auf dem Weg zur Apotheke begegne ich den drei Jakobs, die von den Autodächern herab souverän den Gehweg überwachen. Abwartend beäugen sie den Hund und mich und fangen erst an sich zu beschweren, als wir schon ein paar Meter entfernt sind.
Nur Geduld, rufe ich ihnen über die Schulter hinweg zu, später!

Hat alles nicht gewirkt, sage ich, als ich kurz darauf der Apothekerin den prallvollen Beutel über den Tresen reiche. Wir lächeln beide müde.
Nach einem kurzen Abstecher zu Aldi will ich auf dem Heimweg mein Versprechen einlösen, doch die drei Freunde sind längst davon geflogen in Richtung Potsdamer Platz, wo sie am ehemaligen Mauerstreifen ihre Schlafbäume haben. Auf den Pflastersteinen vor mir finde ich statt ihrer einen Elfenring.
Die Nüsse für die Jakobs nehme ich mit nach Hause. Der Bekannte wird sich darüber freuen, wenn er morgen mit seinem Rollköfferchen anreist.

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1.Bild: CrazyBoyLP, AfE-Turm-Sprengung, youtube, screenshot, Ausschnitt

Adieu les belles choses

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Der Bierpinsel wird Denkmal

Familie ist Sorge

Das Leben geht weiter

Erst wenn der Meteorit ins eigene Haus einschlägt, nennen wir ihn Katastrophe. Davor Naturschauspiel.

Die Sonne scheint. Kein Trost für nichts.

Der Kanzler ist beim Kardiologen. Weil ihm das Herz weh tut. Wie sollte es nicht. Nichts mehr essen kann er und die Kanzlerfrau rennt im Hamsterrad der Beerdigungsvorbereitungen.
21 Monate nach Diagnose ist die Tochter gestorben und der kleine Junge steht am Totenbett seiner Mutter und fragt wann der Leichenwagen kommt.

Überall wo ich bin, ist sie nicht, sagt der Kanzler und weint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Bierpinsel, wikimedia
Lizenz: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40185

Totraum

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In der Apotheke frage ich nach einer 1 ml Spritze, mit der ich der Katze den Magenschutz einflößen kann. Zur Anschauung bringe ich eine bereits gebrauchte und inzwischen ziemlich zugerichtete Spritze mit. So eine hätte ich gerne wieder, sage ich.
Die Apothekerin nimmt die Spritze entgegen und betrachtet das kleine Wunderwerk von allen Seiten. Neugierig und mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie mich schließlich an und fragt: Wo haben Sie die denn her?
Ich weiss es nicht mehr. Vielleicht vom Tierarzt, irgendwann mal.
Sowas habe ich ja noch  n i e  gesehen!, behauptet die Apothekerin jetzt und beäugt das kleine Spritzchen wie ein schillerndes, exotisches Insekt.
Es fällt mir schwer, ihr das Erstaunen und den übertrieben aufgeregten Tonfall abzunehmen und ich frage mich, ob sie entweder schon am frühen Morgen einen im Kahn hat, oder ob sie gerade für den ersten großen Auftritt ihrer Laiendarstellergruppe übt.
Könnten Sie bitte nachschauen, ob irgendwer solche Spritzen führt, übergehe ich ihre miserable Darbietung.
Das kann sie. Geschwind und mit hochkonzentriertem Blick tippt sie etwas in die Tastatur ihres Computers und wird wider Erwarten nach kurzer Zeit fündig.
Hier haben wir´s, sagt sie, und fügt, als ich mich gerade freuen will, erhältlich nur in einem Gebinde von 800 Stück, dazu.
Ich hatte eher so an maximal 5 Stück gedacht, sage ich zögernd.
Schulterzuckend und kopfschüttelnd zugleich (doppelte entschiedene Verneinung darstellend), gibt sie mir zu verstehen, dass sie meinen Wunsch nicht erfüllen kann.
800 Stück, wiederholt sie, eine kleinere Verpackungseinheit gibt es nicht.
Jetzt ist es an mir, den Kopf zu schütteln und mit den Schultern zu zucken (kann man nix machen darstellend). Als ich damit fertig bin, verlasse ich mit einem kurzen Gruß die Apotheke, die kleine, kostbare Spritze liegt in meiner Hand.
Das glaubst Du ja wohl selbst nicht. 800 Stück als kleinste Packungsgröße. Pfft. Was ist das überhaupt für eine Mengeneinheit, das ist ja noch bescheuerter, als 1,46 Liter Waschmittel oder als der haarscharf kalkulierte Immobilienpreis von 525,326 € für 4 Zimmer. Alles muss immer irgendwie schwierig sein.
So, oder so ähnlich murmele ich vor mich hin, den Blick fest auf den Boden geheftet, um in dieser Gemütslage bloß niemanden sehen, und im blödesten Fall auch noch grüßen zu müssen.
Als ich durchgefroren Zuhause ankomme, mache ich mir zur Stärkung einen Cappuccino und setze mich damit an den Rechner. In das Suchfeld gebe ich alsdann: Spritze, 1 ml, Stift ein. Und  –  palim palim –   gleich der vierte Eintrag zeigt mir meine superungewöhnliche, nie-zuvor-dagewesene Rarität, die der Händler in Packungsgrößen zwischen 10 und 200 Stück anbietet. Als ich dann noch die Produktbeschreibung durchlese, lacht meineben noch grambeladenes Herz aus vollem Herzen (doppelte Tautologie :/) auf, und ganz besonders erfreue ich mich an einer Formulierung, von der ich augenblicklich weiss, dass sie mich bis auf mein (1,97 m x  1,53 m großes) Sterbebett begleiten wird:

  •  mit Spardorn ohne Totraum

steht dort.

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: weeß ick nich, screenshot irgendwo

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/