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Die Tischlerin pendelt zwischen Jobs, Familie und schwerkranker Mutter durch´s Land. Als wir uns nach Monaten wiedersehen, scheint ihr Gesicht merkwürdig aufgeräumt und klar, beinahe wie nach einer Vollbartrasur. Nach minutenlanger Zweisamkeit in der gut geheizten Küche weiß ich plötzlich was hier nicht stimmt: Maske! Maske!, rufe ich erschrocken (und entgegen meiner Gewohnheit nur zwei statt drei Mal- siehe → Kasse, Kasse Kasse!). Sie reisst die Augen auf, legt beide Hände über Mund und Nase und stöhnt: Ogott!

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Die Zimmerin ruft an. Sie hat am Wochenende mit vier Freundinnen maskenlos und ungelüftet gesungen. Drei der fünf Anwesenden weisen Symptome auf, eine vierte wurde PCR-positiv getestet. Den Bau des Hochbetts müssen wir verschieben bis ihr Ergebnis vorliegt Hoffentlich geht es für alle gut aus.

Goldhelm hat es auch erwischt. Seit 10 Tagen liegt sie mit hohem Fieber und Muskelschmerzen flach.
PCR negativ. Trotzdem möchte der Hausarzt sie nicht in seiner Praxis empfangen. Telemedizin muss reichen.

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Zu meiner Überraschung erreicht mich nach vielen Monaten des totalen Kontaktabbruches seitens des Kanzlers ein von ihm mit Schreibmaschine (!) geschriebener Brief. Darin zitiert er aus einem Gedicht und freut sich über die elegante und romantische Formulierung, die im Deutschen soviel nüchterner ausfiele. Wieder gefunden hatte der Kanzler das Gedicht in einem Buch von Wordsworth, in dem ein junger Autoschlosser, ergriffen vom Anblick des Vollmondes über dunklem Wald, die ersten vier Zeilen daraus zitiert, was seine zarte und hinfällige Begleiterin in prustendes Lachen ausbrechen und lange nicht mehr aufhören lässt.

Sicher wunderte ich mich, weshalb er ausgerechnet mir dies schriebe, resümiert der Kanzler am Ende seines Briefes und fügt sogleich eine Erklärung hinzu: Weil Du die einzige Schriftstellerin bist, die ich kenne.
Dann fordert er mich auf, ihm meine Kontonummer zu schicken.

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Frohe Weihnachten allerseits!

She was a Phantom of delight
When first she gleamed upon my sight;
A lovely Apparition, sent
To be a moment’s ornament;
Her eyes as stars of Twilight fair;
Like Twilight’s, too, her dusky hair;
But all things else about her drawn
From May-time and the cheerful Dawn;
A dancing Shape, an Image gay,
To haunt, to startle, and way-lay.
I saw her upon nearer view,
A Spirit, yet a Woman too!
Her household motions light and free,
And steps of virgin-liberty;
A countenance in which did meet
Sweet records, promises as sweet;
A Creature not too bright or good
For human nature’s daily food;
For transient sorrows, simple wiles,
Praise, blame, love, kisses, tears, and smiles.
And now I see with eye serene
The very pulse of the machine;
A Being breathing thoughtful breath,
A Traveller between life and death;
The reason firm, the temperate will,
Endurance, foresight, strength, and skill;
A perfect Woman, nobly planned,
To warn, to comfort, and command;
And yet a Spirit still, and bright
With something of angelic light.

2 Kommentare zu “⇧ ⇩

  1. From dusk till dawn. Ein Vater, der seiner Tochter Gedichte schickt und in ihr zu Recht die Schriftstellerin erkennt. Ist dasLiebe späte Erkenntnis oder schlechtes Gewissen? Mein Vater meinte kurz vor seinem Tod den Autofahrer in mir zu erkennen und vermachte mir sein letztes Auto. Ich schenk meiner Tochter das Buch mit meinen Geschichten und leg noch ein paar Euro-Scheine dazu, damit sie nicht ganz enttäuscht ist. Ich wünsche allen deinen Tischlerinnen und Zimmerinnen gute Besserung. Wahrscheinlich kennst du auch noch eine Schreinerin. Bleibt gesund.

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