Kotzen war gestern

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Die Bildhauerin sagt man solle auf alles, was einem Angst macht, Augen kleben.
Zum Beispiel auf Spritzen oder Tablettenpackungen.
Die Crux: es ist vor allem das Nicht-Gegenständliche, was mir Beklemmungen macht.
Trotzdem plane ich, heute zu Pfennigland  zu gehen, dort eine Packung Kulleraugen zu erwerben, und damit das Telefon zu entschärfen. *

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Die Tage werden wieder länger und die Ärzte denken über eine Immuntherapie nach. Zumindest reden sie darüber, wie sie schon vor einem halben Jahr darüber gesprochen haben, um es dann zu verwerfen.

Jeder Weg,  Hoffnung zu geben, erscheint mir erst einmal richtig. Vielleicht trägt allein die Zuversicht ein paar Meter weiter, als die Seele es ohne diese schaffen würde. Doch es bleibt kaum mehr Zeit.

Das Kind weiß nicht, was passieren wird, sagt der Kanzler.
Es wird noch früh genug merken, dass die Mutter gestorben ist. Dann kann man es ihm erklären.
Eine Einschätzung, die ich nicht teile. Selbst die Grundschullehrerin, die den Kleinen erst seit dem Spätsommer kennt, sieht seine Trauer.

Das Kind trägt eine Atlaslast. Jeder weiß das. Doch wenn ein Kegel umfällt, stürzen alle.

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Zwei Tage nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, rufe ich die Schwester wegen eines medizinischen Rates an. „Gut, dass Dir nichts passiert ist!“ sagt sie zur Begrüßung und atmet hörbar auf. Und ich denke etwas, was ich sonst nie denke und immer schon doof fand, wenn jemand das dachte oder sogar hinschrieb. Ich denke nämlich: Halloooo?

Auch der Vater hat nicht angerufen, um sich zu vergewissern, dass mit mir alles in Ordnung ist. (Danke, Papilein, alles Bestens. Lieb, dass Du fragst!)
Zugegeben: jeder weiß, dass ich niemals auf Weihnachtsmärkte gehen würde, weil a) Weihnachten b) Menschenmassen und c) Besuffskis mit blinkenden Hörnern auf dem Kopp. Trotzdem: wenn man eine Schwester oder Tochter in Berlin hat, soll man sie bitteschön anrufen und fragen, wie es ihr geht, nachdem das eingetreten ist, was alle erwartet haben und was manche jetzt mit riesigen Lettern kommentieren, während andere es wegsingen und die ganz Schlimmen die Katastrophe für Propaganda, a.k.a. Hetze, nutzen. Durch Nachfragen fühlt sie sich nämlich geliebt und geborgen, die Tochter/ Schwester.

Heute Morgen, und das finde ich schon wieder sehr süß, erreicht mich die sms der fränkischen Freundin. Sie schreibt, dass sie an mich denkt und erst mit zweitägiger Verspätung von dem Anschlag erfahren hat, weil sie Funk & Fernsehen & Netz, aus Gründen der Erschöpfung und der Seelenhygiene, weitestmöglich verbannt hat.
Die kluge I. Ich beneide sie beinahe um die friedliche Blase, die sie sich so geschaffen hat.
Totale Uninformiertheit, wenigstens für eine Weile, das wünsche ich mir auch manchmal.

Es wird Zeit wieder auf´s Land zu reisen. Kühe gucken und der Sonne zuschauen, wenn sie sich am Abend hinter der Weide schlafen legt.
Ein schönes Haus habe ich entdeckt, direkt an der See. Im März und April gibt es dort noch Vakanzen und Hunde sind sehr willkommen.
Frühjahr, das scheint endlos lange hin, doch die Zeit fliegt und ein Lichtblick ist mir allein der Gedanke, das Grau der Stadt gegen das Graubraun des Landes einzutauschen.

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Erstmal aber die Behandlung der Katze erfolgreich zu Ende bringen. Der Tierarzt hat nach monatelangem Erbrechen Cortison verordnet, zwei Mal täglich, 6 Wochen lang. Die Eingabe funktioniert leider nur unter Anwendung roher Gewalt. Zum Glück scheint die Tigerin es mir nicht zu verübeln und wartet in gewohnter Manier vor dem Bad auf mich, um sich, sobald ich tropfnass und kreislaufschwach aus der dampfigen Dusche komme, nach meinem Befinden zu erkundigen. (Danke, Katzilein, alles Bestens. Lieb, dass Du fragst! ).
Das Schöne: die Behandlung schlägt an. Seit zwei Tagen frisst sie wieder mit gutem Appetit und kotzen war gestern.

Auch das herzallerliebste Lieblingstölchen ist trotz seines Tumors derzeit quietschvergnügt. Ihre weitestgehende Symptomfreiheit tut mir mindestens so gut wie ihr, und so nehme ich auch gerne die dreckigspeckigen Hände in Kauf, die ich mir mit jeder größeren Streichelei einhandele. Was soll´s, denke ich, gewaschen zu werden stresst sie eben und Stress ist Gift für ihre Gesundheit und damit auch für meine.

Pace.

 

 

 

* Epilog: support your locals, dachte ich mir nach Beendigung dieses Textes und telefonierte, statt zu Pfennigland zu fahren, so lange herum, bis ich einen Laden im Kiez ausfindig gemacht hatte, der selbstklebende Kulleraugen führt. Gleich zehn Stück (à 15 Cent) erwarb ich später vor Ort.
Zuhause angekommen, will ich sogleich loslegen und mein Telefon bekleben. Doch alle Versuche die Folie von der Rückseite eines Auges zu knibbeln bleiben erfolglos. Nachdem ich kurz überlegt habe, ob das wohl peinlich ist, fasse ich mir ein Herz, rufe den Augenhändler an und frage ihn, ob ich möglicherweise zu ungeschickt für derlei Tätigkeiten bin, oder ob die Kulleraugen am Ende etwa überhaupt gar nicht selbstklebend sind.
„Letzteres“ sagt der Mann (der mir die Dinger nur 15 Minuten vorher als selbstklebend verkauft hat)  und schlägt seelenruhig vor, sie einfach mit Teppichklebeband zu befestigen.
„Einfach ist gut!“ jammere ich, „die kleinsten Augen haben  einen Durchmesser von nur zwei Milimetern!“
„Das wird schwer“, bestätigt der Mann nun tonlos und ich schaffe es gerade noch ihn nicht über meine große Enttäuschung und das Elend, in einer derart betrügerischen Welt leben zu müssen, in Kenntnis zu setzen. Stattdessen bedanke ich mich und wünsche ihm einen schönen Tag.

 

17 Kommentare zu “Kotzen war gestern

    • Er hätte wenigstens sagen können, dass es ihm Leid tut und mir anbieten können die Dinger zurück zu nehmen. Dann hätte ich entspannt abgewunken und geantwortet: Ach lassense ma, allet primstens, dit krieg hin.

      Aber so….

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  1. Verzeihen Sie…. ich muss Lachen :-)…… und ich freu mich, dass Katz und Tölchen gerade Besserungen durchlaufen und (räusper….) ich dachte mir eh, dass Sie Weihnachtsmärkte meiden :-)

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    • Da haben Sie in gutes Gespür. Ich und Weihnachtsmarkt, das ist ungefähr so wie.. wie… der Papst im Swingerclub (oder ich selbst im Swingerclub). Der Bogen, den ich um jede Festivität mit Menschenansammlungen jenseits der zuverlässigen Überschaubarkeit oder der zumutbaren Nackigkeit mache, könnte kaum größer sein.

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      • Vorletztes Wochenende, unterwegs in Erfurt: zwischen Domplatz und Anger (falls Du das kennst, wenn nicht: kaum ein Kilometer, altstädtische Einkaufmeile halt) gefühlte 100k Menschen und mind. 500 Glühwein- nebst sonstigen Ständen. Ein Albtraum. Für mich. Immerhin: Zu Fuß war man da schlendernd fixer als die Straßenbahn, so dicht war das Gedränge.

        Zuletzt tat ich mir ‚vergleichbares‘ (mikroskopisches tertium c.) 95′ bei der Loveparade an. Dorten war die Stimmung ungleich liebevoller, obschon mir das surreal erschien. Testender Weise stellte ich die Welt von den Füßen auf den Kopf, buchstäblich, und, tja, lebe noch. Beim Erlebnis neulich hätte ich nicht mal stehenbleiben dürfen.

        Oh, nicht zu vergessen das Eigentliche: Ich wünsche Dir, was ich stets zu oft unausgesprochen lasse: Nur das Beste. Tag für Tag.⠀:-)

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  2. Sorry, aber ich fand das bis jetzt hochalbern, die Leute, die sich auf facebook über ihre Berliner Freunde vergewissern. Hätte gedacht, dass die Auto- und Fahrradunfallquote immer noch höher läge…
    (bitte nicht falsch verstehen)

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  3. a verhilft b und c zur n-ten Potenz. Weswegen auch ich niemalsnienicht freiwillig auf einen Weihnachtsmarkt ginge (was bei mir auch damit zusammenhängt, daß ich bis vor wenigen Jahren beruflich am Weihnachtswahnsinn teilnehmen mußte) – jeder, der mich persönlich auch nur ein klein bißchen kennt, weiß oder kann wissen, daß ich abc beinahe so meide wie die gleichnamigen Massenvernichtungswaffen.

    Weswegen ich froh war, daß sich meine Herkunftsfamilie jede Nachfrage verkniffen hat, Das würde mir kein Gefühl von Geliebtsein und Geborgenheit vermitteln, im Gegenteil.

    Mich haben aber andere Anfragen erreicht, bei denen mir jedes einzelne Mal ganz übel wurde. Nämlich welche, die vor lauter „Betroffenheit“ doppelt über die Bande gespielt waren: man machte sich vorgeblich Sorgen um meine Unversehrheit, wollte aber eigentlich Dritten erzählen können, man habe in Berlin (zuvor auch in Paris, Nizza (Terror) Rom (Erdbeben) alle Freunde abtelefonieren müssen, sei erst beruhigt gewesen, als man deren Stimme gehört habe, alles sei sehr stark furchtbar und raube den eigenen Nachtschlaf, nebst detaillierter Wiedergabe jeder clickbait-geilen Medienkolportage. Ich kann nicht gut damit umgehen, daß und wie mit dem Leid anderer und ohne jede Einwilligung dermaßen offensichtlich onaniert wird, das ist mir maximal widerlich.

    Meinen zweiten Gedanken zur Tragödie am Breitscheidplatzv brachte der Stuttmann auf den Punkt und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es den Flüchtlingen im Tempelhofer Flughafen und anderswo geht, angesichts von nächtlicher Stürmung und Durchsuchung und vom immer selbstverständlicher und salonfähiger werdenden Generalverdacht.

    Davon abgesehen bin ich scheißfroh, im unerschütterlich unpathetischen Berlin zu wohnen, keine Spur von ‚Je suis …‘ oder anderen „Betroffenheiten“, nirgends.

    Mich hat fast beinahe amüsiert, daß diese Unbeeindruckheit vom Terror verschiedenen Medien Extra-Artikel in einer schrägen Berlin-Frontstadt-Manier wert war, der mir peinlichste stammt von Daniel-C. Schmidt, Zeit Online Berlin: Ma janz jelassen, wa?

    Alles Liebe und Gute, für Hund und Katze und natürlich für Sie, liebe tikerscherk und zwar jahreszeitenunabhängig und anlaßlos, sondern überhaupt…;-)…

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    • Leider drückt mich Schwäche in die Kissen. Sonst schriebe ich Ihnen etwas über das Hashtag #KatzenStattSpekulationen und über meinen Ekel über Eiferer, Geiferer und Onanierer. Wahrscheinlich denken Sie sich aber ohnehin schon, dass wir da ähnlich denken. Ebenso in Bezug auf die Flüchtlinge, den Generalverdacht, das politische und gesellschaftliche Klima.

      Ich bin übrigens auch froh, dass mich nicht alle angerufen haben nach dem Anschlag. Das wäre, gerade in meinem Falle, wirklich albern. Doch wer aufatmet, sobald ich anrufe, soll sich einfach die Aufregung sparen und mich selbst anrufen und fragen, wie es geht.

      Ihre guten Wünsche für Hund und Katze und mich nehme ich gerne und mit Freude und Dankbarkeit entgegen. Mögen sie helfen! (Katz & Hund sind auf dem Weg der Besserung; bei mir dauert´s noch)

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  4. wegen der kotzenden Katze – ich will ja nicht schwarzmalen, wo du grad ein bisschen rosa siehst, aber eine Freundin hier hat eine allerliebste kotzende Hündin, die Untersuchungen bei diversen Tierärzten haben Null Ergebnis gezeitigt, schließlich ließ sie sich zu Kortison überreden. Das half ne Weile. Sie setzte immer wieder ab, aber das Kotzen kam dann wieder. Jetzt bekommt sie wieder Kortison, leidet aber unter Schwindelattacken und kann sich kaum auf den Beinen halten. Kortison ist ein Teufelszeug, leider. ich weiß auch keinen Rat. Ab besten viel streicheln, kuscheln, Heilenergie übertragen.
    Sei herzlich gegrüßt, liebe tikerschek. Gut, dass dich mal keine größere Katastrophe erwischt hat! Vielleicht ist das ja jetzt vorbei mit den Katastrophen. Das mit den Kulleraugen ist ein verdammt kleines Malheur. Bleib in dieser Kategorie, meinetwegen!

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    • Seit einem Jahre verweigere ich der Katze die vom Arzt angeratene Behandlung, das Cortison. Nun habe ich mich, nach dutzenden Tierarztbesuchen, einige davon in der Notaufnahme wg. gefährlicher Austrocknung und massivem Gewichstverlust, nach blutiger Kotzerei und schlimmem Durchfall, entschlossen es zu versuchen. Minimalste Dosierung, auf den kürzestmöglichen Zeitraum, ausschleichend. Schlagartig geht es ihr gut, die Entzündung im Bauch klingt ab.
      Ich kenne die Gefahren des Cortisons. Die Erkrankung meiner Katze aber führt unbehandelt zu Tumoren.
      Dass Cortison ein Teufelszeug ist, kann ich so nicht unterschreiben. Ohne Cortison lebte meine liebe Freundin, deren Körper eine Autoimmunerkrankung entwickelt hat, bei dem das eigene Lungengewebe zerstört wird, nicht mehr. Cortison ist ein Segen, wenn man sorgsam damit umgeht. Ich hoffe so sehr, dass das gelingen wird.

      Wie ich überhaupt auf eine ruhige Zeit hoffe.

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