Adieu, Henninger-Turm!

 

Wieso sagt mir eigentlich keiner, dass der Frankfurter Eiffelturm abgerissen wird?  In dem Drehrestaurant ganz oben, habe ich schon als Kind gegessen und auf die Stadt geschaut. Zur Henninger-Brauerei mit den riesigen Kupferkesseln haben wir einen Ausflug mit der Schule gemacht. Hat das gestunken!
Um das Bier ist es nicht schade. Um den Turm schon.
Und stattdessen? Ein Wohnturm mit Luxuslofts, was sonst.
Kennen wir ja aus Berlin.
Ganz oben soll es dann ein Restaurant für alle Bürger_innen der Stadt geben.
Ob das mal nicht ein zweites „Lafleur“ wird. Ein Gourmetrestaurant nämlich, das sich kein Normalverdiener leisten kann.

Afterwork Punkrock

afterwork punkrock

afterwork punkrock (Photo credit: mkorsakov)

Manchmal bin ich überrascht, wie erwachsen ich reden und schreiben kann.

Dass ich zu vielen Dingen eine eigene und häufig sogar fundierte Meinung habe.

Dass ich 3sat und arte schaue, Lyrik liebe, Zeitschriften abonniert habe, Wein trinke, Tischsitten beherrsche, kochen kann. Verschiedene Sprachen erlernt habe. Einen eigenen Hund habe, der zudem noch ziemlich gut erzogen ist.

Die Katzen nicht so.

Dass ich mich um alle Belange meines Lebens selbst kümmern kann, und mich wie ein gut programmierter Robot durch diesen Gemischtwarenladen bewege.

Dass ich Rechnungen bezahle und eine Steuernummer habe.

Dass ich große Lieben und Verluste hatte.

Dass der erste Liebeskummer  lange zurückliegt, und der letzte auch.

Dass ich schon 6 Haus- und Wohnungsbrände, einen Autobrand, einen Hotelbrand, 1 Kinobrand, 1 Geisterfahrer, 1 Flugzeugabsturz, 1 bewaffneten Raubüberfall, Autounfälle, Krankheiten und diverse andere Katastrophen erlebt habe und so oft unversehrt davon gekommen bin.

Dass ich Patenkinder habe, denen ich Dinge schenke, über die ich mich als Kind gefreut hätte.

Dass ich das kleine Mädchen mit den kurzen Zöpfchen links und rechts war, dass auf der Weide steht und Angst vor einem Schaf hat.

Dass ich die 14Jährige war, die sich die Haare absäbelt, Punkrock hört und mit Substanzen regelmäßig das Gehirn ausschaltet.

Dass ich tatsächlich ein Studium abgeschlossen habe.

Dass ich ins Casino gehe und dort Roulette spiele.

Dass ich große Entscheidungen ganz alleine treffen und dann auch durchziehen kann.

Dass ich die war, die immer bei mir war, und die ganz unbemerkt erwachsen wurde.

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Lyrik: Gottfried Benn,  Nur zwei Dinge

Musik: Cat Stevens, Child For A Day

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Faszinierend, wie eigentümlich sind die Filmchen auf Youtube, die aus einer Aneinanderreihung von täglichen Selbstporträts bestehen, die über Jahre aufgenommen, einen im Zeitraffer ablaufenden Lebensfilm ergeben. Daumenkino der Vergänglichkeit.

Zwischendurch gibt es immer wieder lustige, weil überraschende Momente, wenn z.B. ein Bart plötzlich verschwunden ist, oder, wenn aus einer Langhaarmatte eine Kurzhaarfrisur wird.

Trotz der Kurzweil der Bilderfolge, denke ich daran, das hinter solcher Veränderung oft der Wunsch steht, das Ende einer schwierigen Lebensphase auch optisch zu markieren.

Als ich vor Jahren in Barcelona erwachte, nachdem ich am Vorabend entschieden hatte auf Nimmerwiedersehen abzureisen, blickte ich in ein frisch rasiertes Gesicht, dessen freigelegte, blasse Züge mir kantig und starr wie die eines Nussknackers erschienen.

Eines unserer Lieblingsspiele war es gewesen, Gegensatzpaare zu bilden. Liebe-Tod. Glück-Leere. Schokolade-Senf. Bei „Bart“ konnten wir uns nicht einigen. „Clarity“ war seine, „Gilette“ meine Idee.

Wir hatten wohl beide recht.

Merkwürdig traurig macht mich ein Video auf youtube, bei dem Eltern ihre kleine Tochter vom Windelalter, über einen Zeitraum von 4 Jahren geknipst, und diese Privataufnahmen schließlich ins Netz gestellt haben. Das Kind lächelt nie und scheint mit blicklosen Augen in seinem wehrlosen Kindheitskokon erstarrt.

Ob es sich irgendwann darüber freuen wird, dass Tausende Menschen weltweit die Dokumentation seiner frühkindlichen Entwicklung verfolgen durften?

Es ist drei Uhr nachts. Ich kann wieder nicht schlafen. Im Fernsehen läuft eine Sendung über den Lagerarzt von Auschwitz, Josef Mengele, dessen besonderes Interesse der Zwillingsforschung galt. Überlebende berichten von seinen Grausamkeiten, den bestialischen Menschenversuchen, die der stets adrett gekleidete, arienpfeifende Mediziner mit äußerster Kälte und wissenschaftlichem Eifer durchgeführt und akribisch dokumentiert hat.

Zwischendurch immer wieder Aufnahmen aus dem Konzentrationslager.

Das Tor, einfahrende Züge, die Rampe, Sträflingskleidung, ausgemergelte Menschen, von Tod und Verzweiflung gezeichnet.
In einer Baracke liegen Todgeweihte in ihren Stockbetten.

Mein Blick bleibt an einer alten Frau hängen, deren Augen unbeteiligt ins Nichts zu starren scheinen, und mich dabei auf unerklärliche Weise an das Kind auf Youtube erinnern.

Ich schalte das Licht an.