Sabotage

Nach der gewohnten Tour durch den Tiergarten, der einzige Ort, an dem Töle die Hitze gut und gerne wegsteckt, trat ich gestern mal wieder auf den Vorplatz des Bahnhof Zoo, und blickte auf das Waldorf Astoria Hotel. Für Berliner Verhältnisse ein Wolkenkratzer, der das Gesicht des Breitscheidplatzes und der Hardenbergstraße komplett verändert hat.
Wie ich zugeben muss, ist das Areal luftiger und weniger verwinkelt, zugig und verbaut als vorher. Über die neuen Anrainer, und die voraussichtlichen Konsequenzen für das Viertel, möchte ich jetzt mal nicht nachdenken.
Über 30 Stockwerke zähle ich beim Blick nach oben, als ich gegenüber dem 5 Sterne Hotel stehe und mein schuldfreies, gefrorenes Joghurt löffele.
Auch der Zoo Palast und das Bikini-Haus sind zur Zeit im Umbau. Messingfarbene Fenster, eingebettet in schwarzglänzende Platten, werden mit mobilen Kranen an den Fassaden befestigt. Nobel, nobel.
Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, deren zerstörter Turm wie ein karieszerfressener Zahn in den tiefblauen Berliner Himmel ragt, ist eingerüstet, und wird ebenso generalüberholt.

saturday evening, 5 minutes from Bahnhof Zoo

(Photo credit: sunside)

Auf der Ostseite des Breitscheidplatzes, dort wo das denkmalgeschützte Schimmelpfeng-Haus als Riegel den Platz begrenzte, wird noch gebaut.
Upper Westside steht auf dem Bauzaun. Drunter geht´s nicht.
Die Gegend ist nicht mehr wieder zu erkennen. Aber die Junkies, Stricher und Alkies, die rund um den Bahnhof Zoo ihre Lebenszeit verbrennen sind noch da. Bis jetzt hat keiner sie vertrieben.
Vielleicht gehört diese Szene zum Flair eines Bahnhofes, so wie sich häufig auch die organisierte Prostitution dort ansiedelt. Die Bedürfnisse Bahnreisender und Matrosen scheinen in manchen Aspekten ähnlich gelagert zu sein.
Auch in Frankfurt ist der Hauptbahnhof das Tor zum Rotlichtbezirk. Für den Berliner Hauptbahnhof war sogar die explizite Einrichtung eines solchen Viertels im Gespräch. Dies wurde jedoch schnell verworfen.
Stattdessen entsteht jetzt die Europacity. Allein der Name.
Neben dem sogenannten Kunstcampus, finden dann auch Sheraton, Steigenberger und der französische Mineralölkonzern Total, mit seiner Tour Total dort ein Zuhause.
Als ich mit dem Joghurt fertig bin, mache ich mich auf den Heimweg. Dieses Mal durch die City West, also Charlottenburg, über Schöneberg nach Kreuzberg. Immer schön im Schatten, versteht sich.
Beim Überqueren der Hardenbergstraße bleibe ich auf der Mittelinsel zwischen den Fahrstreifen stehen und schaue nach Westen, in die Abendsonne. Es ist immer noch sehr heiß. Das Waldorf Astoria steht da wie ein riesiger Tanker, der lange Schatten wirft.
Es fällt mir schwer zu rekonstruieren, wie der Straßenverlauf hier früher einmal gewesen ist. Eine Zeitlang gab es einen Tunnel für die Autofahrer, irgendwie war da auch ein Übergang, der vom Schimmelpfeng-Haus quer über die Straße führte. Aber wohin genau? Wie sah das bloß aus? Ich weiß es nicht mehr. Nur das Gefühl dazu ist noch da.

Deutsch: Zoopalast in Berlin

Deutsch: Zoopalast in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Eine zugige, dunkle und dreckige Ecke war das. Unwirtlich. Man wollte bloß weg. Trotzdem hatten sich ein chinesischses Restaurant, und eine typische Berliner Stampe hier nieder gelassen. Die Kneipe, wie meist, eher deprimierend als heimelig. Besucht von den üblichen Zille-Desperados, die ich aus irgendeinem Grunde immer in dem Schauspieler Wolfgang Völz verkörpert sehe.
An der Hauswand leuchtete eine Neonreklame. Der bekannte Schultheiss-Schriftzug. Zusammengesetzt aus Einzelbuchstaben, von oben nach unten zu lesen.
Irgendwann, als ich in der Gegend zu tun hatte, bemerkte ich, dass gleich mehrere Buchstaben ausgefallen waren. SCH EISS BIER  stand da (wahrheitsgemäß).
In dieser trostlosen Ecke schien das niemandem weiter aufzufallen. Die verdreckte Leuchtreklame, deren verbliebene Lettern zudem noch unterschiedlich schwach funzelten, jedenfalls wurde monatelang nicht in Stand gesetzt. Im Gegenteil. Es kam noch ärger:
wieder einmal war ich am Zoo unterwegs. Leichte Vorfreude beflügelte meine Schritte. Da wurden alle Erwartungen noch ein Mal übertroffen. Als ich um die düstere und laute Ecke bog stand dort:

SCH ISS BIER
Im Ernst.
Der einzige Buchstabe, der noch hätte ausfallen können, um weiterhin Sinn zu ergeben, war nun auch futsch.
Heute steht gar nichts mehr da.
Aber der Stern, auf dem alten Mercedes-Haus, der dreht sich noch. immerhin.