Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

nur eine Stunde

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Genau eine Stunde hatten wir zusammen und wir haben sie genutzt.

Eine Stunde im Leben, mit allen Möglichkeiten, die diese kurze Zeitspanne eröffnete, eine Stunde, in der wir alles ausprobierten, alles was zwischen uns hätte sein können andeuteten und es dadurch wahr machten. In diesen gezählten Minuten legten wir uns einander in die Arme, im ersten Blick bereits, als Du über den Platz auf mich zukamst, unter all den anderen Menschen, schnurgerade auf mich zu, und wir uns in die Augen schauten, von weitem schon, die Ovale unserer Gesichter einander zugewandt wie die Masken der Fechter auf der Planche, während der Hund am Brunnen in die Fontäne beisst und die Gruppe dänischer Touristen ihm applaudiert.

Ein Nachmittag im September, der Staub steht golden in der Luft, leise plätschert der Brunnen, Gelächter, Rufe, der kleine Boule-Platz, ein paar alte Männer, träge wabernder Zigarrenrauch, und Du kommst auf mich zu und siehst mich an, wir beide in der gleichen Zeit, dem gleichen Tempo, slow motion, verdichtet, herausgestanzt aus dem Verschwommenen, voreinander gestellt, mitten in der Bewegung, im Leben, hier bin ich.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Dir zugenickt habe, oder ob mein Blick sich senkte, für den Bruchteil einer Sekunde. Ich frage mich, ob ich Deine Hand nahm und unsere Finger sich ineinander verschränkten, als Du schließlich vor mir standest, noch immer auf den Planken, die Dich zu mir geführt hatten, an diesem Spätsommernachmittag. Ich weiß es nicht mehr, aber ich glaube, wir berührten uns nicht, obwohl es so selbstverständlich gewesen wäre, als Deine Augen in die meinen tauchten und das Spiel begann.

Hast du als erster gesprochen oder war ich es? Was haben wir gesagt, wie klang Deine Stimme. Ich weiß, wie es war, wie es sich anfühlte, in der Wärme, im Licht, in Deiner Anwesenheit, doch beim Versuch sie mit Worten zu fassen verliert sich die Erinnerung, sie erzittert, wie das spiegelnde Wasser, in das ich meine Hand tauche. Dein Bild verblasst und mit ihm unsere Zeit. Die Tür zu ihr ist lange schon verschlossen. Sie war und bleibt.

Das Unvermittelte, das Augenblickliche war es, da sein, einfach so, ohne Umschweife. Zusammensein, mittendrin. Kein Vorwort, kein Vorspiel.

Ich sehe Dich im Gegenlicht, Dich als Ganzes, Deine Kontur. Eine Art Parka trugst Du – der Abend würde kühl werden, die ersten Vorboten des nahenden Herbstes – neben Dir der alte graue Hund, mit wackligen Hinterbeinen, während der meine am Brunnen in der Fontäne spielt.

In den letzten Sonnenstrahlen des ausklingenden Tages wirst Du mich zum Lachen bringen, eine Stunde lang. Du wirst mir erzählen, wie Du Deinem Hund die Angst vor hinkenden Menschen genommen hast, damals, als er noch jung war, wie Du nachts mit ihm spazierengingst und einen Freund batest Euch entgegenzukommen, humpelnd, im langen dunklen Mantel, in einem Park, am anderen Ende der Stadt. `So!´, Du machst ein paar Sätze rückwärts und zeigst es mir, ganz selbstvergessen hinkst Du mir entgegen, bucklig wie der Glöckner von Notre Dame. Der alte Hund schaut Dich an, mit schief gelegtem Kopf und trüben Augen, und ich sehe Dich und lächle, so nah bist Du, als wäre dies nicht unsere erste Begegnung und die letzte dazu. Als würde ein lange vorbereitetes Stück nun endlich zur Aufführung gelangen und wir sind Protagonisten und Publikum zugleich, einer dem anderen, und viel mehr als das, sind wir Komplizen in der Zeit. Ein Stück, uns auf den Leib geschrieben, den Menschen, die wir sind, in diesem Augenblick, in dieser Stunde, die uns geschenkt wurde, die uns an diesen Ort führte, und die uns mit wenigen Requisiten alle Möglichkeiten eröffnete, in unserem schmalen Korridor.
Zwei Menschen, zwei Hunde, der Brunnen, der Platz, im September.

Damals gab es die beiden Silberpappeln noch, ein Tor. Zwischen ihren langen Schatten, in dem Streifen des spätnachmittäglichen Lichtes, stehen wir voreinander und spielen. Du Dich, ich mich.

Und während ich lächle und hin und wieder lachend den Kopf in den Nacken werfe, führst Du unser Stück auf, tanzt auf dem gleißenden Band, der immer schmaler werdenden Bühne, unserer Planche, in die Erschöpfung, den letzten Akt.

Einen Spazierstock gebe ich Dir in die Hand, in meiner Phantasie, und Du bewegst Dich um ihn herum, wie um eine Achse. Zeiger und Ziffernblatt. Elegant schnürst Du, setzt Fuß vor Fuß, schleichst katzenhaft vor und zurück, einem geheimen Takt folgend, den linken Arm ausgestreckt, während du erzählst und fabulierst, die Handfläche zum Himmel, das Licht fängt sich in Deinen Locken.

Ich sitze auf den Stufen zum Brunnen, zwischen den alten Pappeln, und schließe die Augen, die Sonne bricht sich bunt in meinen Wimpern, Du bewegst Dich, ich atme, ich spüre Dich näher kommen, Deine Lippen murmeln mit dem Wasser, ich höre Dich nicht mehr, aber ich kann Dich fühlen. Durch meine Lider schimmert rot das Netz feiner Adern.

 

 

 

 

 

 

Bild: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/26892417 (Rumtreibär)

Stundenglas

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Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
Diese Frage stellt Frau Brüllen jeden Monat auf´s Neue, und ich glaube, ich mochte sie bislang vor allem deswegen nicht beantworten, weil das minutiöse Auflisten meiner Verrichtungen mir beinahe so zwanghaft vorkommt wie Kalorienzählen und mich dadurch an meine (vor langer Zeit überwundenen) Essstörungen erinnert.
Zum anderen graut mir ein wenig davor das Verrinnen der Zeit sichtbar aufs Papier zu bringen, einzutragen, wie in ein Haushaltsbüchlein, in dem sämtliche Ausgaben vermerkt werden. Nur Einnahmen gäbe es in diesem Falle leider keine, es sei denn, man interpretierte Zeitersparnis als Zeitgewinn und versähe diese mit einem Pluszeichen.

Was, um auf´s Thema zurück zu kommen, mache ich denn nun den ganzen Tag, was auch nur irgendwie erzählenswert sein könnte? Das wusste ich schon als Kind nicht so genau, wenn ich, zum Beispiel, einen Brief an meinen Großvater schrieb. Und weil mir das meiste, was mich betraf irgendwie wichtig vorkam, erzählte ich ihm kurzerhand so ziemlich alles, was ich erlebt hatte und was mir dazu in den Sinn gekmmen war.

Und so will ich es auch heute halten:
wenn ich also nicht schlafe, dann mache ich Sachen. Und viele dieser Sachen haben im Augenblick mit meinem, immer noch kranken, Hund zu tun. Zum Beispiel 5 mal am Tag Spezialfutter anrühren und 4 Mal am Tag Medikamente geben. Zuerst Antramups, dann Metimazol. Was auf mups endet, denke ich mir, wird schon nicht so besonders giftig sein und bestenfalls neutralisiert es sogar die Schädlichkeit des -zols.
Dann aber lese ich, dass sich hinter Antramups nichts anderes verbirgt als der Wirkstoff Omeprazol, den auch ich manchmal gegen Magen nehme. Und Omeprazol, so lese ich weiter, ist ein sogenannter Protonenpumpenhemmer. Ein was? Ja, ein Protonenpumpenhemmer. Da staunt man, wa? Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, dass es überhaupt Protonen und Pumpen in mir drin gibt, womöglich sogar in direkter Nachbarschaft zu meiner Seele, der Unsterblichen.
Hier wird gepumpt, dort geliebt und mit ein bisschen weniger Protonenflow hat die arme Seele Ruh.
Mein Körper, so lerne ich, gleicht einem Maschinenraum, und wie Hirnforscher, die Popstars der Wissenschaft, heraus gefunden haben, ist unser Denkorgan tatsächlich durch die Anwendung von Magnetismus steuer- bzw. beeinflussbar. Einen Magnet aufs Gehirn gehalten, genau an die Stelle, wo religiöse Überzeugungen und Vorurteile wohnen, soll diese vorübergehend abstellen.
Ganz so einfach wird es schon nicht sein, aber so in etwa. Auf jeden Fall (de todos modos) birgt diese Methode viel Potenzial, das, in Verbindung mit Werbung und anderen Suggestionen, endlich den perfekten Bürger schaffen könnte.

Der kranke Hund kriegt also zwei mal täglich den Protonenpumpenhemmer, dessen einzige ernst zu nehmende Nebenwirkung Erblindung ist, was bei einem nasenorientierten Wesen, das ohnehin so kurzsichtig ist, dass es Fahrräder erst dann erkennt, wenn es bereits deren Reifen berührt, eigentlich ziemlich wumpe ist.
Mich hingegen hatte diese mögliche Komplikation zunächst abgeschreckt, denn die in meiner Kindheit durchlebte Erblindung hatte ich als sehr einschränkend und deswegen nicht wiederholenswert empfunden.
Dann aber sagte die Schwester, der Teufel schisse (Konjunktiv Präsens, 3. Person Singular) nicht zwei mal auf den gleichen Haufen, und auch, wenn sie in hier irrt, so höre ich diesen beruhigenden Satz doch immer wieder gerne.
Meine Schwester ist zwar wirklich keine Expertin in Glaubensfragen, dafür aber eine ausgezeichnete Ärztin. Ihre medizinsichen Empfehlungen treffen gemeinhin mitten ins Schwarze und mit Omeprazol aka Antramups war mein schmerzhaft geplagter Magen schnell kuriert. Jetzt tut das Mittel am Hund kleine Wunder und ich verabreiche es Töle nicht einfach nur zwei Mal am Tag, ich hoffe und glaube auch noch, was das Zeug hält an ihre Genesung und meide derweil Magneten.

 

 

 

 

Dieser Text entstand vor den Attentaten in Paris. Ihn gestern zu veröffentlichen kam nicht in Frage, weil ich angesichts einer solchen Katastrophe nicht derartige Banalitäten in die Welt tragen wollte. Auch heute, einen Tag später, hat sich daran nichts geändert. Ich habe es jetzt trotzdem getan, weil das, was geschehen ist, morgen und übermorgen noch genauso furchtbar sein wird.
Beim nochmaligen Lesen stellte ich fest, dass der Abschnitt über Religiosität und Magnetismus sich durch die Ereignisse ganz anders liest. Ich habe mich entschlossen den Text dennoch so bei zu behalten, wie er ist.

 

 

 

 

 

steady state

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Der Augenblick ist jenes Zweideutige, darin Zeit und Ewigkeit einander berühren.

Søren Kierkegaard

Und wieder Frühling.
Das rostig-schräge Lied der Meise – wie die Schaukel in unserem Garten, damals. Nebenan der modrigsüße Duft der hauseigenen Kelterei. Bergeweise Äpfel im schattigen Hinterhof. Der alte Herr W. im Feinripp winkt mir von drüben zu und nickt dabei.
Sein Neffe lebt noch. Wir treffen ihn auf der Straße. Zur Begrüßung zieht er ein kleines Album aus der Jackentasche und zeigt uns die gelbstichigen Fotos seiner verstorbenen Schäferhunde.
Vergeblich suche ich in seinem Gesicht nach den Zügen des Onkels.

Ich schaue aus dem Fenster in den klaren Tag. Weisse Mittagssonne, raschelnder Bambus, kühle Luft. Das Schilf am Ufer, der See in Neuruppin.

Ausgebleicht der Waldboden. Vertrocknetes Laub, tonfarbene Blattfraktale. Waldmeistergrün schiebt der Bärlauch sich aus der Erde.
Umgestürzte Buchen, klaffende Stümpfe. Neue Lichtungen.
Irgendwann im Winter.

Ein dünner Zweig biegt sich unter meiner Bananenschale. Der Hund springt aus dem Stand.
Ganz langsam dreht das stillgelegte Riesenrad sich im Wind.
Die Waldschule.
Krokusse, Schneeglöckchen, Winterlinge. Vorbei der milchige Schlaf.

Für einen kurzen Moment denke ich über die Zeit nach, die unaufhaltsame.
Die Unmöglichkeit ihr etwas entgegen zu setzen.
Ich sehe mich Buster-Keaton-artig gegen eine Tür gestemmt, sie nicht herein zu lassen und auch diese kostbaren Wochen und Monate mit sich zu nehmen.
Und draußen, im hellen Jetzt steht Kater Ludwig Aug in Aug mit der getigerten Nachbarskatz. Der Schwanz buschig, voller Leben, mitten in der vergehenden Zeit.

Würde sie nicht vergehen, sagst du, dann könnten wir sie nicht zusammen erleben. Der Moment, der bliebe, wäre tot; das Lächeln, das nicht gesehen, nicht im Herzen ankommen kann. Nur was vergeht kann Schönheit besitzen.

Und sterben.

Wie ein Wellenkreis breitet  sie sich aus. Zeitringe.
Unsere Einschläge dicht nebeneinander.

 

Foto: Wikipedia, aquarius,cc, no attribution required

Zeit

Hubble_ultra_deep_field“ Warum ist der Anblick des Sternenhimmels so beruhigend? Und ich brauche nicht einmal den Anblick. Vorstellung und Beschreibung reichen. Als ich noch auf der Kunstakademie war, war das immer mein Einwand gegen die Abstraktion: Der Himmel. Leider war ich mit dieser Meinung ganz allein.

Gibt es in der Wissenschaft eigentlich Denkmodelle, die versuchen, die ungreifbare, nur an Sekundärphänomenen wie Veränderung und Bewegung meßbare und anstößige Größe der Zeit aus der Physik herauszurechnen?“

„Das Wesen der Zeit mag unerfindlich sein, und was ich über Präsentismus, Blockzeit und Possibilismus auf Wikipedia nachlesen kann, verstehe ich bestenfalls als Konzept. Aber in meinen täglichen und nächtlichen Gedanken gewinnt die Vorstellung der Unendlichkeit und des Nichts, zu dem unsere Existenz ihr gegenüber zusammenschrumpft, so sehr an Plastizität, daß ich manchmal glaube, alles verstanden zu haben. Alles verstanden zu haben. Die Gewißheit kommt schlaglichtartig und ist nicht so hundertprozentig wie in den Momenten der größten Verrücktheit. Aber irgendwas ist hängengeblieben. Gestern beim Fahrrad Reparieren alle zwei Minuten eine Erleuchtung.

Als Tony Soprano einmal im Krankenhaus liegt, ich glaube, wo er angeschossen wurde, liest er ein Kinderbuch über Dinosaurier. Er ist auf tonyhafte Weise sichtlich ergriffen, Christopher kommt rein:

TONY: “Get this … It says here that if the history of the planet was represented by the Empire State Building, the time that human beings have been on earth would only be a postage stamp at the very top. You realize how insignificant that makes us?”
CHRISTOPHER: (pauses for a second and then): ` I don’t feel that way.´“

„Neben mir ins Gras setzen sich vier junge Männer und unterhalten sich über die Begriffe Zweck und Absicht bei Kant und Hegel, und es ist eine grauenvolle Unterhaltung, ein grauenvoll verfehltes, sinnloses Leben, während um sie herum alles in schönster Blüte steht.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur

Musik: Fiona Apple, Across The Universe (Youtube Direktlink)

(Photo credit: Wikipedia, Hubble Ultra Deep Field)

time loop

English: Roller coaster "Teststrecke"...

(Photo credit: Wikipedia)

Die Mathematik ist das Alphabet, mit dem Gott die Welt geschrieben hat.“

Galileo Galilei

Als mathematisch Hochbegabte, fand ich schon ziemlich früh in meinem Leben heraus, dass Altersunterschiede zwischen zwei Menschen durch aktives Zuwarten ganz von selbst dahin schmelzen.
War z.B. meine Mutter bei meinem ersten Geburtstag 26 Mal so alt wie ich, so hatte sich diese Differenz bei meinem zweiten Geburtstag schon beinahe halbiert. Bei meinem fünften Wiegenfest hatte ich bereits so stark aufgeholt, dass sie nur noch 6 Mal so alt war.
Zwar verstand ich nicht, wie dieser mysteriöse und irgendwie doch beinahe einseitige Zuwachs an Jahren vonstatten gehen konnte, aber ich nahm ihn hin, so wie ich in diesen ersten Jahren alles hin nahm und versuchte mich möglichst geschmeidig und unbeschadet durch das rätselhafte Leben zu lavieren.
Glücklicherweise galt die Gesetzmäßigkeit des progressiven Altersunterschiedschwundes auch für meinen Vater und mich: wir näherten uns also altersmäßig immer mehr einander an, während meine Mutter gleichzeitig jeden Tag älter wurde und sicher bald sterben würde.
Für diesen Fall, wenn mein Vater dann Witwer und ich endlich erwachsen sein würde, nahm ich mir vor ihn zu heiraten, damit er nicht so alleine sein musste.
Aber es kam ganz anders. Meine Mutter starb entgegen meiner Erwartungen bis heute nicht und mein Vater wurde deshalb auch nicht Witwer, sondern nur geschieden. Seine neue Freundin hatte glücklicherweise den gleichen Vornamen wie meine Mutter, so, dass mein Vater erst gar nicht mühselig umlernen musste. Ich alterte irgendwann nur noch so langsam, dass es mir sowieso niemals gelungen wäre ihn wirklich einzuholen, und außerdem trat eines Tages Donald in mein Leben und später dann richtige Matrosen, ohne Bürzel.
Geblieben aber ist mir die Liebe zur Mathematik. Diese macht, mit viel Tüftelei und einem gewieften inneren Abakus, aus 11 Tagen nur noch 9 (zwei im Sinn), und angesichts dieses rasend schnell herunter zählenden Countdowns schwindelt es mich, als säße ich in einer Achterbahn und stellte kurz vor dem ersten Looping fest, dass der Haltebügel meines Sitzes nicht richtig eingerastet ist.

Durchatmen und rechnen.

Kokon

Zons im Nebel

Zons im Nebel (Photo credit: Wikipedia)

Im Augenblick des Absendens einer Mail, an der ich länger gesessen hatte, weil ich jedes Wort, das ich hinzufügte sehr genau wog und prüfte, schaltet sich gestern plötzlich mein Handy, das ich über USB-Kabel am Laptop lud, überraschend aus.
Als ich es wieder einschalte, ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat gerade begonnen und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren habe. Sie möchte wissen, ob meine Nummer noch stimmt, und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung, noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefiel mir,und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suchte und ihn nicht fand, fragte ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.
Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Es war wie ein milder Nachmittag im November. Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben in Stille, und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel*
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel, kein Feuerwerk erhellte den mitternächtlichen Himmel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausend über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.
Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten, und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Musik zum Text: Liaisons Dangereuses, Mystère dans le brouillard

*meine Murmel