lieferando

20160816_200054

Aus einer Wut mit Tränen heraus spaziert es sich anders durch den Regen, durch das Wetter an sich, ganz gleich welches, als es das täte, also man selbst, wäre man voll duldender Kraft und bei Sinnen und damit in weitestmöglicher Entfernung zu sich selbst (again), sofern mit Sinnen Vernunft oder Verstand gemeint ist, wovon ich ausgehe.
Ein anderes Begreifen.

Ich gehe ebenso davon aus, dass dieser Text miss-verstanden werden könnte, (Miss Geburt nannte der Kanzler früher insgeheim und vor seinen lernwilligen und gefallsüchtigen Töchtern Frauen, die er besonders hässlich fand. Eine Ponyfrisur genügte schon, Flachbrüstigkeit war ebenso unerwünscht (DoppelD, de mindste) Misogyn war er schon immer, ein Frauenverehrer eben) von mir, wie von jedem anderen un- und missverstanden (der Text immer noch, der sich ganz unerwartet aus meinem verrauchenden Ärger entwickelt), weil nicht der Funken noch der lodernde Verstand ihn speist (lodern hatte ich im letzten Text schon, so wie ich gerne trotten und tapsen, en passant und Kontur verwende, wie der Eine bemerkte, dem meine Texte auch schon besser gefielen, früher, als die Liebe noch frisch und die Worte noch weniger technisch und mehr von Gefühl gelenkt waren, bzw strömten. Der Horizont schien noch waagerecht damals, nicht auf der Kippe, eine Rutsche, wie heute. Nicht nur für uns beide, sondern für die Welt und wir eine Miniatur darin, die Geschichte einer Vignette, um auch mal diesen Ausdruck zu gebrauchen, möglicherweise ganz falsch, aber schön, anstelle eines Gartenschlauches, regnet ja eh. Faden verloren. Spannender so, auch für mich.

Ich solle mich mal hinsetzen und richtig arbeiten. Mich auf etwas fokussieren, konzentriert und voller Energie, sagt er, dann klappte das auch wieder mit dem Schreiben. In der Hasenschule.

Dieser Text also geschrieben in blinder Wut, wegen eines an sich läppischen Streites, einer Auseinandersetzung um nichts weniger als Autonomie, der auch der Regen, der prasselnde nichts anzuhaben vermag, weil sie, die Auseinandersetzung, herrührt von einer Hilflosigkeit, die das Gefährlichste ist, was mir widerfahren resp. zustoßen kann, und die sich nicht abwaschen lässt. Hilflosigkeit bedeutet Rage und Angst zugleich. Während Huflosigkeit bedeutet, zumindest kein auskeulendes Pferd zu sein, Tiere, die dem Einen zutiefst zuwider sind, ob´s an Napoleon liegt oder was anderem, weiss ich nicht, er spricht ja nicht drüber, wie er sich sowieso bedeckt hält, bis zur totalen Seelenburka, ein Gitter vor den Augen, man sieht sich.

Mich ausliefern, lieferando auf Esperanto, nicht nur eine Sache des Vertrauens. Das hätte ich übrig, andere haben es eher über oder sogar unter. Eine Wesensfrage.  Manch einer pustet zurück, wenn er angeblasen wurde (na,na!), der Nächste dreht sich um (kein Gegenwind).
Der Kuss als Kontaktexzess.

Irgendwann kommt dann Reziprozität ins Spiel.

Ein neues Thema, ein so großes Thema. Nicht hier, nicht heute. Bin schon fast weg.

Abreise also jetzt: adieu la montagne, adieu les Hungerkuhlen shaped like Toblerone, au revoir lovely cows and goats, pfüadi Murnau with the weird woman using her vogue mag as Fernrohr. Bye bye invisible Münterhaus, collective illusion of thousands of tourists in the past and in the future. We loved the Vexierspiel.

 

 

 

 

 

Weniger Ärger, mehr Wut

20140613_194008-1Ehe ich eine längere Reise antrete, räume ich oft tagelang auf, wasche, putze, bringe meinen Papierkram in Ordnung, lasse mir die Haare schneiden und hinterlasse meine Wohnung so, dass selbst meine Mutter, wenn sie denn überhaupt ein Interesse daran hätte, bzw. geistig noch dazu in der Lage wäre, sie betreten könnte, ohne schon am Eingang oder beim weiteren Vordringen in mein Privatestes einen Anfall zu bekommen.
So begleitet sie mich nach über zwanzigjähriger Abwesenheit noch als Wächterin der äußeren Ordnung meines Lebens. Immerhin.

(Mutter, Mutter, warum hast du mich verlassen?)

Ehe ich ins Krankenhaus gehe, mache ich es ähnlich.
Zusätzlich verfasse ich noch ein Testament, in dem ich regele, wer sich um Hund und Katz kümmern möge, was aus meiner großen Musiksammlung wird, und wer den Ginkgo, den mein Vater mir geschenkt hat, in Zukunft wässern soll.
Gerne würde ich ihn im Garten irgendwo in Franken, oder im Odenwald wissen.
Meine Tagebücher würden selbstverständlich alle ungelesen verbrannt, und das Blog als Nachlass könnte meinetwegen stehen bleiben. Nur kommentieren wäre dann halt nicht mehr.

No tikerscherk, no comments

Erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme.
The nine lives of Tomas Katz
Wieso mag ich jetzt nicht erklären. Zu anstrengend, und mit meiner Kraft ist es ja augenblicklich nicht besonders weit her. Wer den Film kennt, weiss es vielleicht. Wer nicht, sollte ihn sich unbedingt anschauen.
Die Antwort findet sich in den letzten Minuten.

No cameras, no legs, no Dave

Ansonsten scheine ich gerade staubige Erinnerungen nach oben zu holen, mir die Hosentaschen aus zu leeren und mein Leben in seine Sequenzen zu zerlegen, um es dann wieder zusammen zu setzen und festzustellen, dass es plötzlich klappert. Was mich wiederum an die weisen Worte des Unterfranken erinnert, der mir seit Jahr und Tag vorbetet, ein altes Motorrad werde in erster Linie zusammen gehalten durch Schmiere, Öl, Fett und Dreck.
Die Patina eines richtigen Maschinenlebens eben.
Ohne echten Anlass daran herum zu schrauben, einfach mal so anzufangen es zu warten oder zu reinigen sei dumm und fahrlässig und brächte nichts als Ärger und Verdruss, vulgo: nerviges Geklapper mit sich.

Never touch a working system

Zu spät, zu viel, zu schnell.
Es klappert und ich kann nur hoffen, dass sich bald wieder Schmiere, Staub und Vergessen in die Zwischenräume setzen und alles zu einem stabilen Ganzen verbacken werden.
Ich jedenfalls klappere inzwischen innerlich wie äußerlich. Sorge mich und grübele, gleichwohl die beste aller Schwestern vollkommen gelassen bleibt.
So ist sie eben. Die Gute.

Aber die Narkose, die habe ich doch schon beim letzten Mal nicht gut verkraftet.
Ob ich nicht doch besser nur Lokalanästhesie?
Ach was, wer nicht wagt.

Es gilt noch immer das Jahresmotto: aktives Zuwarten, das ich in der Hoffnung auf höhere Wirksamkeit gerne steigern möchte zu einem fulminanten aggressiven Zuwarten.
Denn wenn schon warten, dann wenigstens aggressiv, anstatt in einer nervigen und unangebrachten Zimpersusenpienzigkeit selbstmitleidig und dramatisch herum zu lamentieren und zu greinen.
Ojemine, ojemine
Wir kennen das.

Und wenn ich mich so in der Welt umschaue, und nach dem Friseurbesuch durch meinen Gentrifizierungskiez stiefele, dann wird das noch was mit der Wut.
Und zwar ruck zuck. Stante pede. Hoppi galoppi. Zack zack.
Arschgeigenetablissements spratzen weiter aus dem Boden wie Selbstschussanlagen.
Fusselnde Bärte, gähnende Tattoos, Vintagegedöns und triefende Dummheit allüberall.
Verdrängung, wo das Auge hinreicht.

Passend dazu das Graffito des klugen Sprayers am Erkelenzdamm:

Weniger Ärger, mehr Wut. Einfach mal was kaputtschlagen.

Inzwischen leider fast vollständig übersprüht.

So geht das.
Man wird sehen.
Es bleibt spannend.
Wir lesen uns.

Rage

SAMSUNGVon Kreuzberg sind wir über die tosende Leipziger Straße bis zum Potsdamer Platz gegangen, und dann weiter Richtung Schöneberger Ufer.  Hier, zwischen Staatsbibliothek, Neuer Nationalgalerie, Kulturforum und Philharmonie ist es auf einmal ganz ruhig.

Nowhereland

Der Tiergarten ist nah, die Luft kühler als eben noch.
Ich bin müde.
Wir setzen uns vor den Imbiss gegenüber der Staatsbibliothek, schauen in die Sonne und schweigen.
Einige Meter entfernt, im Schatten des überwucherten Vordaches, sitzen ein Mittfünfziger und seine zwanzigjährige Tochter am Tisch und streiten leise. Die Tochter ist verägert, der Vater scheint abzuwiegeln. Jeder hat ein Bier vor sich stehen. Ein ungewöhnlicher Ort für ein familiäres Gespräch.
Ich schließe die Augen.
Der Unterfranke isst Kartoffelsalat. Der Geruch von Essig und Zwiebeln weht zu mir herüber.
Willst du?“ fragt er mich.
Ohne hin zu schauen schüttele ich den Kopf.
Nein, danke.“
Die Stimme der jungen Frau wird lauter, ihr Ton schärfer.
Du warst nie für mich da“ höre ich sie sagen.
Ich habe es immer versucht, das weisst du.“
Aber du warst nicht da, wenn ich dich gebraucht habe.“
Ich möchte nicht weiter zuhören und drehe mich zum Unterfranken.
Schmeckt das?“
Geht schon.“
Jetzt wird sie schriller, ihre Stimme aggressiver. Mein Nacken verspannt sich.
Alles ok?“ fragt der Unterfranke, und ich schaue durch ihn hindurch.
Nein.“
„Hör einfach nicht hin.“
Wie soll ich da nicht hinhören?“ sage ich und bin überrascht wie gereizt ich klinge.
Kalte Wut steigt in mir auf, und ich kann mir nicht erklären woher dieses Gefühl kommt. Aber es ist da.
Ich öffne meine Jacke.
Von drüben zetert es weiter. Als ich mich umdrehe sehe ich den Mann mit hängenden Schultern am Tisch sitzen. Er raucht und schaut dabei seine Tochter an, die ohne Pause auf ihn einredet.
Sein Gesicht ist zerfurcht, die Haut ledrig. Er sieht heruntergekommen aus.
Die Tochter sitzt ihm gegenüber in knappen Shorts auf der Stuhlkante. Ihre Körperhaltung ist Angriff, so wie auch ihre Stimme und ihre Worte Angriff sind.
Die Ergebenheit ihres Vaters, der ihr keinerlei Widerstand leistet, scheint sie aus der Fassung zu bringen. Sie wiederholt ihre Vorwürfe und wird dabei immer unbeherrschter.

Er war nicht da, der Idiot. Nie war er da.
Sie hat ihn gebraucht. Jetzt braucht sie ihn nicht mehr.
Er soll aus ihrem Leben verschwinden, sich verpissen.

Auf eine unerklärliche Weise machen mich ihre Worte betroffen. Sie tun mir weh.
Zu diesem, für mich unbegreiflichen Gefühl, gesellt sich eine irrationale Verachtung für den Vater, der sich so etwas von seiner Tochter bieten lässt. Der seine Rolle nicht ausfüllt. Der die Tochter nicht einmal jetzt beschützt, indem er sie befreit von dem Hass und der Verzweiflung, die sie ihm entgegenschleudert.
Und mit ihrer Wut wächst auch meine Wut.
Hör einfach weg!“ wiederholt der Unterfranke, den die Veränderung in meiner Stimmung beunruhigt. Sein Versuch mich zu beschwichtigen bringt mich nur noch mehr in Rage. Mit einem Blick, der mir sofort leid tut bügele ich ihn ab und drehe mich wieder zu den beiden um.
Ich kann nicht anders.
Jetzt erst scheint sie überhaupt zu bemerken, dass sie  nicht alleine sind. Sie stoppt mitten im Satz, schaut zu mir herüber und lächelt freundlich. Ihr Gesicht ist offen und sehr hübsch, die Haare lang und glatt. Auch ihr Vater sieht mich nun an, senkt dann aber den Blick. Mit beiden Händen hält er die Flasche fest und wartet.
Tatsächlich dauert die Ruhe nur wenige Sekunden.
Du bist ein Arschloch,“ sagt sie plötzlich unvermittelt und mit kalter Stimme „ein beschissener Versager,“ und es klingt, als stünde sie mit einem modernen Stück auf der Bühne.
Meine Aufmerksamkeit scheint sie zu immer wüsteren Beschimpfungen anzustacheln.
Eine nach der anderen. Wie ein Maschinengewehr.
Wichser, blöde Sau, heruntergekommenes Schwein
Ich bin fassungslos und mir steigen die Tränen in die Augen.
Anstatt ihr irgend etwas entgegen zu halten, entschuldigt sich der Mann weiter bei ihr.
Es tut mir leid!“ Seine Stimme klingt jämmerlich.
Du Flasche,“ denke ich „was ist los mit dir? Wehr dich endlich!“
Ein unbeschreiblicher Zorn, der mich selbst erschreckt, und den ich nur ein einziges Mal zuvor in meinem Leben empfunden habe, steigt in mir hoch und überrollt mich wie eine glühende Walze.
Mein Herz rast, die Hände werden eiskalt.
Auf einmal bricht es aus mir heraus und ich höre mich laut schreien:
Ruhe jetzt! Ich ertrage das widerliche Gekeife nicht mehr!“
Mein Kinn zittert, als ich der völlig verdutzten Frau voller Hass in die Augen schaue.
Ich höre den Unterfranken, wie er meinen Namen sagt.
Ich höre das Rauschen in meinem Kopf.
Ich höre die Frau, wie sie behauptet, dass mich das alles nichts anginge,
und dann höre ich wieder meine eigene feste Stimme, die jetzt sehr hart klingt und die wie ein Orkan alles nieder mäht, das sich ihr in den Weg stellt.

Das geht mich nichts an?“ brülle ich. Meine Adern am Hals schwellen an.
„Und wie mich das was angeht, wenn ich hier deine gesprochene Gülle mithören muss.
Wie kommst du überhaupt dazu so respektlos mit deinem Vater zu reden. Bist du noch ganz dicht im Kopf?“
Statt ihre verfluchte Klappe zu halten, versucht sie noch einmal mir irgend etwas von einem Privatgespräch zu erzählen, was mich vollends aus der Fassung bringt und meine Wut ins Unermessliche steigert.
„Privat? Du behandelst deinen Vater wie ein Stück Scheisse, du demütigst und erniedrigst ihn, und belästigst uns damit. Ich will hier in Ruhe mein Wasser trinken, mich ausruhen und mir nicht dein asoziales Gewäsch anhören.  Hast du das kapiert? Natürlich geht mich das was an. Entweder hälst du jetzt deine verfluchte Schnauze, oder ich drehe durch!“
Als ich fertig bin, ist es so still, als ob ein Kanonenschlag neben mir explodiert und mein Trommelfell gerissen wäre.
Es klingelt in meinen Ohren, der Verkehr rauscht kaum hörbar im Hintergrund.
Auch der Unterfranke ist erstarrt. Der Imbissbesitzer stiert mich aus seinem dunklen Verschlag an. Vater und Tochter sind eingefroren. Ich bin zu Tode erschöpft.
Wenige Sekunden hält die Ruhe.
Dann springt die Tochter schluchzend auf, wirft dabei ihre Bierflasche um und rennt in Richtung Kulturforum davon.
Ihr Vater torkelt ihr mit schwachen Knien hinterher. Er ist betrunken.
Der Unterfranke legt den Arm um meine Schulter. Meine Zähne klappern, mir ist kalt.

Nach wenigen Minuten kommt der Mann alleine zurück. Er holt seine Packung Zigaretten vom Tisch schaut zu  mir herüber und geht zwei Schritte auf mich zu.
Seine hellen Augen sind traurig.
Danke,“ sagt er “jetzt haben sie meine Freundin endgültig vertrieben. Die kommt nie wieder.“

Ich kann nicht auf zu heulen hör´n oder Warum Charity wehtut

Ich habe 4 verschiedene Dauerspenden am Laufen: Amnesty, Tierschutzverein Berlin, Welthungerhilfe und Pro Asyl.
An Weihnachten und Ostern kaufe ich für jeweils zwei Arche-Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Geschenke, die sie auf einem Wunschzettel vermerkt haben.
Natürlich gibt es zahllose andere Organisationen, die es mindestens genau so verdient hätten unterstützt zu werden, aber manchmal hilft nur ein blinder Griff in die Menge.
Sich etwas aussuchen, sich entscheiden und dann dranbleiben.
Und ruhig drüber reden. Vielleicht regt es auch andere an sich zu engagieren.

Bettler in der Breiten Strasse

Die Not vor der eigenen Haustüre ist groß. Ich sehe sie überall.
In der S-Bahn, wo ich von Obdachlosen um Geld angeschnorrt werde.
Als Autofahrerin, wenn mir, mit gespielt guter Laune die Scheibe gereinigt, oder ein Kunststückchen vorgeführt wird. (Sie haben verstanden, dass Miesepetrigkeit nicht gut ankommt, egal wie sehr ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Und sie haben eine weitere Lektion begriffen: man muss etwas für sein Geld tun. Arbeiten).
Alte Menschen, die in jedem Papierkorb nach Leergut suchen.
Ein gehörloser Mann, der Gimmicks verteilt und auf ein kleines Geschäft hofft.
Auf dem Gehweg kauernde osteuropäische Frauen, mit Kleinkindern auf dem Schoß, die mir mit elendem Blick und quengeligem Singsang die Hand entgegenstrecken.
Immer häufiger sehe ich auch bedürftige Menschen, die ihre Behinderung zur Schau stellen, so wie früher in einem Kuriositätenkabinett. Der lebende Pschyrembel.
Der eine sitzt im Rollstuhl und legt seine entzündeten Oberschenkelstümpfe frei, der andere zeigt sein verbogenes, geschientes Bein mit klobigen Spezialschuhen. Auf dem Kottbusser Damm hockt ein kleinwüchsiger Mann vor der Bank und bittet in heiserem Falsett um eine Spende.

Man muss heutzutage schon was bieten, um einen Gönner zu finden, und auch hier gibt es Reviere, in denen man sich nicht in die Quere kommt. Jeder kämpft für sich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eine andere Geschichte ist natürlich auch die, dass man es grundsätzlich kritisch sehen kann und muss, dass in unserem reichen Land Menschen überhaupt auf Spenden oder Flaschenpfand. angewiesen sind, um durch zu kommen, und dass letztlich diese Spenden, wie auch die Tafel e.V. und jedes ehrenamtliche Engagement den Staat ein Stück weit aus seiner Verantwortung entlassen.

Zynisch fände ich es allerdings, daraus die Konsequenz zu ziehen, die Hände in den Schoß zu legen, in der Erwartung, dass bei Erreichen eines ausreichenden Elendspegels der Staat schon helfend eingreifen wird.
Da könnten wir bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, oder bis zur Revolution, die nicht stattfinden wird.

A beggar

Leider kann ich nicht jedem helfen. Deswegen habe ich auch im Alltag eine Art Dauerspendenauftrag eingerichtet. Ich gebe gezielt einem Obdachlosen, der vor einem Kaufhaus den Straßenfeger verkauft, und mit seinem eingefallenen, grauen Gesicht aussieht wie Gevatter Tod persönlich,   2-5 Euro, wenn wir uns begegnen.
Wir begrüßen uns, quatschen ein paar Takte, und fühlen uns beide wohler mit der Situation, als wenn ich ihm anonym ein paar Cent vor die Füße werfen würde.
Der alten, blinden, sehr hilflos wirkenden Frau auf dem Ku´damm drücke ich einen Schein in die Hand, wenn ich sie sehe.
Ich will ihr das Gefühl geben wahrgenommen und wert geschätzt zu werden, und nicht nur meine `Reste´, in diesem Fall Kupfergeld, zu bekommen, mit denen ich mein Portemonnaie nicht belasten möchte.
Es hat zu tun mit Würde und Respekt, und mit dem kategorischen Imperativ.

Und ich betrachte es nicht als Almosen, sondern als meine Pflicht, wenigstens einen minimalen Ausgleich zu schaffen, da wo der Staat bewusst und willentlich seine Bürger im Stich lässt.
Solidarität zu zeigen. Zu teilen.
Natürlich weiß ich, dass es viel zu wenig ist, und ich viel mehr tun müsste. So wie alle, denen es noch halbwegs gut geht.

Ich finde es bestürzend, dass es in diesem Land solche Not und materielle Armut gibt, und in Zukunft noch viel mehr geben wird, obwohl soviel Geld auf den Privatkonten liegt wie nie zuvor.

Doch der Vorstoß der Politik geht nicht etwa in Richtung Umverteilung. Iwo.
Vielmehr wird ungeniert und lautstark über eine geplante Flaschenpfanderhöhung  beraten, die helfen soll, das Einkommen von Rentner, Hartzern und anderen von Armut Betroffenen `aufzubessern´, ohne den Staatshaushalt zu belasten, oder Reiche höher zu besteuern.
Dass auf diese Weise weniger Müll (Flaschen) auf der Straße liegen wird, ist ein willkommener Nebeneffekt.
Vielleicht lassen sich gleich noch ein paar Stellen bei der Stadtreinigung streichen.
Die entlassenen Mitarbeiter sind Profis, und  sollten mit Flaschensammeln spielend über die Runden kommen.

Ganz ehrlich? Das alles treibt mir die Tränen der Wut und des Schams in die Augen.

Wut

 

Sous mon calme apparent la tempete fait rage

Wenn ich über unwichtige Belanglosigkeiten wie beispielsweise den Kauf eines BHs schreibe,
dann denke ich immer auch: wieso schreibe ich so einen Schrott, während es überall in der Welt brennt?
Es gibt wahrhaftig dringendere Themen, als die, über die ich mich hier auslasse.

Kapitalismus, Armut, Hunger, Umwelt, Polizeigewalt, Griechenland, Türkei, Syrien, Brasilien u.v.a.m.

Stattdessen schreibe ich über deprimierende Kiezkneipen, über Träume, über Berlin und über Gentrifizierung,
Themen, die ich als -vergleichsweise- unwichtig erachte.

Der Grund: ich weiß einfach nicht genug über all die Schweinereien und ihre Hintergründe,
um selbst darüber zu schreiben, und wenn ich etwas nicht leiden kann sind das Menschen,
die zu allem jede Menge Meinung haben, diese überall kundtun und ihr Halbwissen marktschreierisch unter die Leute bringen.
Andere wissen viel mehr als ich, sind sehr gut informiert, und sie fassen diese Informationen mit dem nötigen Pathos,
und zudem überaus trefflich in Worte.
Also lese ich dort mit, und schreibe über das was ich gut kenne, und die Dinge die ich weiß.
Aber während ich mitlese, werde ich immer wütender, und immer größer wird mein Bedürfnis all diese Informationen,
die ich bekomme weiter zu geben, weil sie meilenweit über das hinaus gehen, bzw. sich deutlich von dem unterscheiden, was Tageszeitungen und TV, also jene Medien aus denen die meisten ihr Wissen speisen, verbreiten.
Das tue ich auch in meinem persönlichen Umfeld. Aber bis jetzt nicht in diesem Blog.

Obwohl mir beispielsweise die Geschehnisse in der Türkei schwer unter die Haut gehen und mich rasend machen,
habe ich hier bislang dazu geschwiegen.
So, wie ich schon seit Monaten zu Griechenland, zu Ungarn, zu Syrien oder zu Frecking, Monsanto etc. schweige.
(Sicher habe ich jetzt viele andere wichtige Themen nicht benannt, die mir erst wieder einfallen,wenn dieser Text veröffentlicht ist)
Es ist mir ganz und gar nicht gleichgültig, was da an Grauenvollem in der Welt passiert.
Im Gegenteil: es brodelt in mir.
Denn in Wahrheit passieren die Dinge ja nicht einfach irgendwie.
Sie sind keine Naturereignisse, sondern sie werden gemacht, weil Menschen die Macht und den Willen haben sie zu tun.
Und das ist das Schlimmste daran.