Carol

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Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

zu zweit

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Ich möchte auch mal wieder jemanden haben, sagt die Freundin, als wir gemeinsam durch den Ringpark gehen, er vorneweg, große Stöcke für den Hund werfend, sie und ich im leichten Sommerkleid hinter ihm her schlendernd und das Muskelspiel seiner Waden und seiner Arme beobachtend, mein Körper getragen und beschwingt von den Tagen und den Nächten mit ihm. Das verstehe ich, sage ich.
Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.
Auch das kann ich gut verstehen und ich nicke, wenngleich mein Begehren gezielter ist als ihres.

Nachdem wir eine ganze Weile spaziert sind, und ich im Vorbeigehen immer wieder die botanischen Besonderheiten des Parks bewundert habe, kommen wir an den Sommer-Volieren im Schatten der Hofgarten-Mauer vorbei, und während Mann und Hund auf dem Rasen weiter toben, bleibe ich vor einem der großen Käfige mit zwei Graupapageien darin stehen und betrachte sie in ihrem kargen Gefängnis. Ich weiss nicht warum, aber ich muss unwillkürlich an meinen verstorbenen Großvater denken, und ich sehe ihn vor mir, wie er in seinem Arbeitszimmer sitzt und eine Predigt vorbereitet, derweil wir Enkelkinder im Garten spielen und die Großmutter in der Küche mit einem Sparschäler Kartoffeln schält. Die Erinnerung stimmt mich traurig und so versuche ich, sie beiseite zu schieben.

Mein Sohn hat mich von der Balkonbrüstung geholt, neulich nachts, erzählt die Freundin auf einmal, so schlecht ging es mir.

Und so breit warst du, denke ich mir im Stillen dazu und ich merke, wie Widerwillen  in mir aufsteigt.

Der war ganz schön schockiert, fährt sie fort, und nimmt, mit zusammen gekniffenen Augen, einen tiefen Zug von ihrer Selbstgedrehten, auch wegen seines Vaters. Er weiss ja, dass der C. auf Heroin ist und da macht es ihm Angst, wenn ich die Kontrolle verliere. Wenn ich jemanden hätte, der bei mir ist und mich unterstützt, dann würde so eine Scheiße nicht passieren, sagt sie, und nach einer kurzen Pause, zum Glück ist der Klenne da und passt auf mich auf.

Während des Sprechens steigt ihr ununterbrochen eine schmale Rauchfahne aus Nase und Mund und ich staune über das Lungenvolumen der zierlichen Frau.

Mir fällt nicht ein, was ich sagen könnte, ohne mich in einer ausufernden Diskussion wieder zu finden, und so wende ich mich den beiden Graupapageien in ihrem Verlies zu.

Na, ihr Grauchen, sage ich, und sie schauen mich interessiert an.

Scheiße hier drin, oder? mischt sich die Freundin ein, aber immerhin seid ihr zu zweit.

Ob das wenigstens ein Männle und ein Weible ist?, fragt sie mich oder sich selbst.

Keine Ahnung, ich zucke mit den Schultern und merke, dass ich genervter klinge, als ich möchte.

Sie schaut mich prüfend von der Seite an und ich versuche ein unbefangenes Lächeln. An ihrem strengen Gesichtsausdruck sehe ich, dass es mir nicht besonders gut gelungen ist.

Lass uns in den Biergarten gehen, auf ein Getränk, schlage ich vor und drehe mich zu dem Mann um, der ein Stück entfernt auf einer Bank Platz genommen hat und raucht, den müden Hund zu seinen Füßen. Er lächelt.

Du hast es gut, sagt sie, und blickt zu ihm herüber, du bist nicht allein.

Ja, das stimmt, sage ich und winke ihm zu.

Zu dritt gehen wir hinüber in den Hofgarten und trinken schweigend ein Bier. Der Mann legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Noch am gleichen Abend fahren er und ich mit dem Wohnmobil weiter in den Odenwald.

 

 

 

 

 

 

Bild: Stefan Eising, Duett (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Wie es begann

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Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Die Tränen der Maria

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Februar, endlich. Die Sonne scheint, im Garten raschelt der Bambus und Morgen ist bereits Mariä Lichtmess. Da kann der Bauer wieder bei Licht ess´, wie man in Franken sagt.

C. hatte an diesem Tag, von dem ich bis zu meinem Studium im katholischen Würzburg noch nie etwas gehört hatte, Geburtstag. Wir waren im gleichen Semester und sie erinnerte mich ein wenig an Louise Brooks, von der ich lange Jahre ein riesiges Filmposter hatte. Die gleiche skulpturale Frisur, das gleiche expressiv geschminkte Gesicht, beinahe wie modelliert.
Wenn sie den Mund aufmachte trat mit einem leicht quengelnden Ton, ein breites Österreichisch zutage, dass das Laszive, das ihr ohnehin anhaftete, noch unterstrich.

Ich erinnere mich genau wie wir uns zu Beginn des Studiums kennen lernten. Ich stand im Waschraum der Uni und wartete auf A., die sich die Hände wusch und die Augen nachschminkte. C. kam, die Türe weit aufreissend, mit großen Schritten herein und ging geradewegs auf das Waschbecken zu. Alles an ihr war Auftritt. Mit einem feinen ironischen Lächeln um den blutroten Mund stellte sie sich vor den Spiegel und zog ihren Lidstrich wie auch die Herzform der Lippen mit der größtmöglichen Sorgfalt und enormem darstellerischen Ausdruck nach. Es war faszinierend ihr dabei zuzuschauen und es fiel mir schwer mein Gespräch mit A. fortzusetzen. Ob sie Zuhause, wenn sie für sich war, mit kleineren Bewegungen und einem weniger theatralischen Gehabe auskam? Ich war beinahe sicher, dass dieser Gestus allein der Öffentlichkeit vorbehalten war und gerade das machte ihre Performance so interessant und wies alle anderen in die Rolle des Publikums.
Mein Gespräch mit A. war für einen Moment ins Stocken geraten. Als wir es wieder aufnahmen drehte C. sich plötzlich zu uns um, strahlte mich aus ihren blauen Augen mit den schwarz getuschten Wimpern und dem dunklen Lidstrich an, rang mit den Händen vor der Brust wie ein Stummfilmstar und rief laut aus: A geh! Aus Frankfurt kommst du! Ja, das ist ja ganz wunderbar! Gibt es dort viel Kriminalität, also Verbrechen, solche Sachen?“
Sie habe ein Jahr in Manchester (Mannschester, wie sie es aussprach) verbracht und die Armut, wie auch die Straßenkriminalität dort seien sehr beeindruckend gewesen.
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte und war so irritiert über diesen unvermittelten Gesprächseinstieg, dass ich lachen musste.
Nein, davon bekommt man gar nichts mit in Frankfurt. Das findet in bestimmten Milieus statt, aber nicht im Alltag.

C. wollte mir nicht recht glauben. Sie hatte gelesen, dass Frankfurt in der bundesweiten Kriminalitätsstatistik an der Spitze stand und für Kriminalität interessierte sie sich wirklich sehr, seit sie in Manchester war. Sie schien den Eindruck zu haben, dass ich mit irgend etwas hinter dem Berg hielt, denn sie blickte mich weiterhin voller Erwartung an, beinahe als wäre ich eine Heilsbringerin, die durch ihre schiere Herkunft und Anwesenheit Glamour und den Ruch der Großstadt in den langweiligen Trott der Provinzstadt bringen konnte, in der bereits ein Sturz vom Fahrrad genügte um in die Lokalnachrichten zu kommen.
Ich war in ihren Augen ein Star und von diesem Tag an suchte sie meine Nähe.

C. war immer auf der Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, tat sie alles, was sie tat, mit einer raumgreifenden körperlichen Präsenz und mit großem Pathos. Beinahe jeder Satz geriet zum Ausruf, wenn nicht zur Deklaration und ihr Dialekt unterstrich den Eindruck eine veritable Burgschauspielerin vor sich zu haben. Ihre Zeichen standen auf Verführung und sie schmeichelte den Menschen, indem sie fast jeden mit einem Titel belegte: den Herrn Hausmeister, den Herrn Bäcker, den Herrn Klienten und den Herrn Wachtmeister.
Letzteres sagte sie besonders gerne und wenn wir während eines gemeinsamen Praktikums beim Landratsamt Würzburg in der städtischen Kantine zu Mittag aßen, genoss sie es mit ihrem herausfordenden Blick aus halbgeschlossenen Augen ein „Mahlzeit Herr Wachtmeister“ zu hauchen und dabei ein vieldeutiges Lächeln aufzulegen.

Essens net soviel Eier, Herr Wachtmeister, davon bekommens bloß a Verstopfung, raunte sie einmal einem zu, der neben ihr am Buffet stand und sich bei den Salaten bediente. Tatsächlich ließ der so Ertappte das hartgekochte Ei, das er gerade zu den beiden anderen auf seinem Teller legen wollte, zurück in die große Schale fallen. Dann nahm er sein Tablett von der Ablage, mied jeden weiteren Blickkontakt mit ihr und spähte nach einem freien Platz in dem großen Saal.
Schau´ns, lobte C. Ihn, als er an ihr vorbei ging und ein spöttischer Zug spielte um ihre Mundwinkel, zwei Eier reichen doch.

Die Tage werden wieder länger und morgen hat C. Geburtstag.
C., die, Jahre nachdem ich Würzburg verlassen hatte, einen Frontalzusammenstoß auf der Landstraße hatte, den sie trotz schwerster Verletzungen überlebte.
Zwei gute Gründe zu feiern.

 

(gif: fanpop.com)

Hase, Zen und hohe Berge

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Großer Mann und kleiner Hase.
Ein gemeinsamer Cappuccino. Blick auf die wolkenverhangenen Alpen. Es regnet.

Was ich seit Tagen für Sandflecken halte sind in Wahrheit Schneefelder. Ende Juli! Das lerne ich. Und noch manch anderes. Sprachliche Feinheiten zum Beispiel.
Einmal heisst es Schrank, Zuhause aber sagt man Schank. Bloß nicht verwechseln. Wie intim der Gebrauch von Dialekt sein kann, wenn er nur en famille gesprochen wird.
Auch Sprache ist Heimat.

In Würzburg waren wir beide eine Zeitlang. Ich vergaß zu fragen in welchen Jahren er dort war. Vielleicht saßen wir sogar an einem Regentag nebeneinander im Café oder leerten gar im Zauberberg einen Humpen Würzburger Hofbräu zu schrammelnder Grungemusike.
Eher nicht.

Zen am Fuße des Frauenlandes

Aber in Berlin, da hätte man sich begegnen können. Irgendwo in Kreuzberg.
Hätte.
Stattdessen im Landgasthof Rubihorn am Fuße der Alpen.
Im Hintergrund deutsche Schlager, die Kellnerin im feschen Dirndl mit rauer Stimme und Allgäuer Slang.
Der Emil, der eigentlich Augustin heisst, so erzählt sie mir am Vortag als mich Gewissensbisse wegen der unterlassenen Rettung im Vorjahr plagen und ich mich nach dem Verbleib des bezaubernden Grauchens erkundige, der Emil also, lebt nun mit einem Beistellpferd auf einer Alm. Den Sommer über. Gottseidank! Ich befürchtete er sei längst verpackt und auf der anderen Seite der Alpen verspeist worden. Antipasti. Nein, das sind anständige Leute. Da hat er es gut.
Ich zweifle keine Sekunde daran.

Unsere Taschen liegen schon im Wagen. Wir sind auf dem Sprung. Abreise in den Odenwald.
Die tödliche Doris zeigt den Hunden noch ein Mal den Wald, die rauschende Iller im hellen Kiesbett und die grasenden, karamellfarbenen Kühe mit den friedlichen Gesichtern und dem kastigen Rumpf.
Es hat sich ordentlich eingeregnet. Zeit zu gehen.
Schön war es. Das machen wir wieder. Hier oder dort.
Der große Mann und der weiße Hase (ein promovierter Doktor!) verlassen den Gasthof.

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Pfiat aich!

Schweigen

Krematorium Berlin

Krematorium Berlin (Photo credit: Chris.Jeriko)

Oben auf der Station gibt es keine Gespräche.
Weder in den Gängen, noch im Speisesaal oder im Aufenthaltsraum.
Im Schweigen zeigt sich die Übereinstimmung, das stumme Verständnis füreinander.
Nur in den Räumen der physikalischen Abteilung sprechen wir.
Wer hier unten behandelt wird ist noch nicht ganz verloren.
Unter den Händen der Physiotherapeuten erzählen wir uns von unserem Leben.
Ruth von ihrem Unfall und der rätselhaften Erkrankung.
Ich vom Fernsehmoderator und von meiner Krankheit.
Manchmal lachen wir laut.
Wir wissen nicht, dass nur eine von uns beiden die Klinik lebend verlassen wird.

*

Dunkle Gänge führen zum Patientenkiosk im Keller der Neurologie.
Unter der Decke unzählige aluminium-ummantelte Rohre neben- und übereinander.
Links und rechts verschlossene Türen.

Pathologie, Tierversuchslabore, Heizung

Vor dem Kiosk wirbt ein Aufsteller für Würzburger Stein im Bocksbeutel.
Am Eingang des fensterlosen Raumes sind Tische aufgestellt.
Im fahlen Neonlicht trinken die Patienten Kaffee. Aus den fahrbaren Infusionsständern tropft Gift in ihre Adern.
Da sitzt Ruth. Ihr Schädel ist kahl, der Hinterkopf rund, das Gesicht und die Schläfen für die Bestrahlung mit bunten Strichen, Kreisen und Kreuzen markiert.
Aus grünen Augen schaut sie zu mir herüber und nickt.
Ihre Lippen lächeln leicht. Die Beine sind mit Klettbändern am Rollstuhl fixiert. Ein Schlauch aus der Bauchdecke mündet in den halb gefüllten Urinbeutel.
Sie ist sehr zart und schön.
Vom Verkaufstresen im hinteren Teil des Raumes, tanzt ein Fünfzigjähriger einen arm- und beinschleudernden irren Tanz, begleitet von heftigem Grimassieren.

Chorea Huntington

Mit jedem Schritt schwappt Kaffee aus seinem Becher.
Am Tisch angekommen, versucht er das Verschüttete aus der Untertasse zu schlürfen, schlägt sich dabei die Keramik gegen die Zähne, und die dünne braune Flüssigkeit läuft über Kinn und Hals in den Kragen seines hell-gestreiften Morgenmantels. Sein Gesicht findet keine Ruhe.
Ohne etwas zu kaufen, verlasse ich das Kiosk.

*

Auf dem schmalen Patientenbalkon sitzen der Galan und ich rauchend nebeneinander.
Vor uns der schiefe Schornstein des Krematoriums. Dahinter die Stadt im Sonnenlicht. Ein milder Tag Anfang Juni.
Links von mir steht der große, massige Mann aus dem Speisesaal. Er sieht aus wie ein Totschläger, einer der Welpen beim Streicheln das Genick bricht.
Auch er raucht in schnellen Zügen. Seine wimpernlosen Augen sind dunkel umrandet, die Glatze schimmert violett.
Plötzlich stürzt er um. Einfach so. Wie ein gefällter Baum.
Sein Kopf schlägt gegen die Betonbrüstung, die Beine treten ins Nichts, die Augen sind weiß nach oben verdreht.
Er krampft. Er röchelt. Das Gesicht wird rot.
Auf dem Boden bildet sich in Sekundenschnelle eine Blutlache.
Sein Infusionsständer liegt sperrig über ihm. Der Beutel hängt noch.
Der Galan springt auf, will helfen und weiss nicht wie.
Die anderen Patienten schauen ihm zu. Ich auch.
Zuckend liegt der Totschläger vor der Balkontüre und blockiert den Zugang zur Station.
Seine Beine schlagen gegen das Glas. Er hat Schaum vor dem Mund.
Das Röcheln wird zum Grunzen, schließlich zum Schnappen.
Er bekommt keine Luft.
Er stirbt.
Auf einmal ein wortloser Schrei.
Ein hoher langgezogener Ton aus tiefer Kehle.
Eine lebende Sirene.
Die Patienten auf dem Balkon schauen mich an.
Auch der Galan wendet seinen Blick von dem Krampfenden zu mir hin.

Kamikaze oder Schlingernde Fische

English: Ny Carlsberg Glyptothek, Copenhagen. ...

Ajax begeht Selbstmord. (Photo credit: Wikipedia

(Teil I  > Save Our Souls. oder schluchzende Fische)

Am nächsten Morgen komme ich nur schwer aus dem Bett, trinke zwei große Instantkaffee -schwarz- hobele mir unter der Dusche mit dem Rasierer ins Schienbein, und blute anschließend wie ein Schwein. Erst mittags komme ich los. Trotz reichlich Platz im Auto, reise ich mit minimalem Gepäck.

(Entsagung, Askese, Aufopferung/
Stabat mater dolorosa/ Gewissensbisse bei allem, was nicht Mangel ist/ Woanders verhungern die Menschen)

Das Auto ist vollgetankt und springt problemlos an. Zwei Mal in den letzten Monaten, hat der Marder im Motorraum gewütet und dabei Zündkabel und Kühlwasserschlauch zerbissen. Es gibt viele hier draußen,  und sie werden gejagt.
Mitten im Foyer der neurologischen Klinik haben sie sogar einen gefangen, und anschließend in die Tierversuchslabore im Keller gebracht.
Er war auf unerklärliche Weise in den rundum verglasten Patio mit der einsamen Pinie geraten, und schließlich von zwei Männern, in weißer Schutzkleidung, mit einem Käscher gefangen worden.
Ich kam zufällig dazu, als sie gerade versuchten das verschreckte Tier vom Baum zu holen. Auf der eleganten Sitzgruppe unmittelbar vor dem Glashof, unterhielt sich eine Frau, mit langen, wulstig-roten Narben auf dem kahlen Schädel, völlig unbeteiligt von dem was gerade geschah, mit ihrem Besucher.
Schon vor ein paar Tagen war sie mir wegen ihres merkwürdig verformten Kopfes aufgefallen.
Der Krankengymnast erklärte mir, dass ihr Gehirn nach einem operativen Eingriff geschwollen war, und ein Teil des Knochens, der normalerweise die Stirn bis zu den Schläfen bedeckte, in einer Knochenbank gelagert würde, bis er wieder eingesetzt werden könne.
Bei der Vorstellung, mit einem ungeschützten, nur von Haut ummantelten Hirn unterwegs sein zu müssen, zog sich mir der Magen zusammen. Sofort hatte ich die Vision offenstehender Küchenschranktüren und den grauenhaften Folgen einer kurzen Unachtsamkeit.

Jede Verletzung, bei der ein Fremdkörper in Gewebe eindringt und es durchstößt, erschreckt und ekelt mich. Messerstiche, Munition, Splitter.
Dann schon lieber stranguliert oder mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen werden, ertrinken, ersticken. Sauber und unversehrt von außen.
Außen hui, innen pfui, wie meine Mutter sagen würde. Meine Mutter.

Inzwischen bin ich durch die halbe Stadt gefahren, und nehme in Heidingsfeld die Ausfahrt zur Autobahn.
120 km bis Frankfurt.
Die Strecke geht durch den Spessart und führt mich vorbei an Orten wie Rohrbrunn, Weibersbrunn und Mespelbrunn. Letzteres berühmt für sein Wasserschloss.
A.s Verehrer könnte erklären, wie diese Ortsnamen entstanden sind.
Keine Ahnung, wo sie diesen verknöcherten Typ, mit der Kopfhaltung eines fliehenden Huhnes, aufgegabelt hat.
Kürzlich erzählte er ihr und mir vom etymologischen Ursprung alter Flur- und Siedlungsnamen. Das Suffix -ach, zum Beispiel, verweise immer auf einen Fluss. So wie in Eisenach, oder Schwarzach. Culm, kulm oder col bezeichne einen Berg, eine Anhöhe, während die Endung -hart einen Wald benenne. Spessart, der Spechtswald.
Das wusste ich schon von meinem Vater, der regelmäßig, auch gerne mitten in einer Unterhaltung, das Standardwerk der deutschen Etymologie, den Wasserzieher, hervorholte und uns belehrte.
Manchmal kotzten mich seine Ausführungen an. Besonders dann, wenn ich gerade im Erzählfluss war, er mir mit der unnötigen Unterbrechung die Pointe versaute und zudem sein totales Desinteresse an dem, was ich zu sagen hatte, zeigte. Form vor Inhalt.

Als das hagere Huhn uns in die Etymologie der Siedlungsnamen einführt, stößt es bei A. auf stirnrunzelnde Langeweile. Aus Mitgefühl eile ich ihm mit ein paar Fragen zu Hilfe, die er aber eher unwillig beantwortet. Schließlich bin ich nicht das Korn, das er picken möchte. Vor den Kopf stoßen will er mich auch nicht. Weiß man ja: Freundinnen als Türsteherinnen zum Paradies.

-Vielleicht sollte man manchmal einfach gleich mit offenen Karten spielen, denke ich, ehe einer sich verrennt und unglücklich wird.

Das Huhn hat keine Chance. Heute nicht, morgen nicht und überhaupt niemals. A.wird ihn aber nicht aufklären. Ist doch peinlich, wenn man jemandem erst einmal unterstellen muss, dass er scharf auf einen wäre. Wahrscheinlich streitet er es ab, und schon steht man da und weiß nicht was man sagen soll.
Ich denke an den Galan. Der würde mir fehlen, wenn er weg wäre, obwohl mir seine übertriebene Verzückung lästig ist, wenn er, wie neulich erst, mit großen Worten und Gesten vor mir auf die Knie fällt. Im Supermarkt. Auch peinlich.
Die Trennung von C. liegt erst wenige Monate zurück. Auch meine Mutter ist noch nicht lange weg. Kurz nach dem Infarkt meines Vaters hat sie heimlich gepackt und ist verschwunden. Einfach so, ohne Nachricht.
Überall lose Enden, denke ich, während der Nissan durch den schattigen, kühlen Spessart gleitet. Auf dem Sitz neben mir kauert das kleine Getüm in seinem Körbchen und maunzt. Ich drehe das Radio auf und wechsle wegen des schlechten Empfangs zu Cassette. Der Sound bleibt miserabel, die Boxen in den Seitentüren scheppern, die Katze klagt noch lauter.
Gitarrengeschrammel, der unverkennbare Sound von Hüsker Dü.

Hey little girl, do you need a ride?
Well, I’ve got room in my wagon why don’t you hop inside
We could cruise down Robert Street all night long
But I think I’ll just rape you, and kill you instead

Als ich aus dem Wald heraus fahre, öffnet sich vor mir das schönste Tal des Spessarts, und gleich darauf führt meine Lieblingsbrücke mit einer leichten Linkskurve über eine tiefe Schlucht.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück
Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Eine große Traurigkeit und die Sehnsucht nach einem intakten Leben überkommt mich, Schmerz drückt sich aus dunklen Tiefen wie eine dicke, zähe Teerpaste nach oben, und wickelt sich wie eine Anaconda um meinen Brustkorb. Die Nase geht zu; mit geöffnetem Mund versuche ich meine Tränen weg zu atmen. Die Augen schwimmen.
Ich trete das Gaspedal durch.180 km/h, Seitenwind. Der Nissan fängt an zu schlingern, die Katze schreit. Wütend schlage ich gegen ihren Korb. Sie soll ihr verfluchtes Maul halten, das Scheißvieh!
Sofort tut es mir leid. Was mache ich da?
Jetzt schüttelt es mich so sehr, dass die Straße verschwommen vor mir liegt.
Ich könnte das Lenkrad loslassen. Bei der nächsten Kurve wäre alles vorbei. Ich würde in die Leitplanke brettern und abstürzen, oder von einem nachfolgenden, schwer beladenen LKW zermalmt werden. Sekundentod.
Das würde meinem Vater den Rest geben.
Ich löse den Gurt.

You’re the cutest girl I’ve ever seen in my life
It’s all over now, and with my knife

Eine Weile noch heule ich weiter, bis ich vollkommen leer und erschöpft bin. Kurz vor Aschaffenburg fallen mir beinahe die Augen zu. In das hiesige Museum für alte Sportwagen wollte der Fernsehmann auch unbedingt mit mir gehen.
Wie vieles andere, haben wir es immer wieder vertagt.
Bis zum Offenbacher Kreuz ist es nicht mehr weit. Danach fährt es sich wie von selbst. Heimweg.
Als ich ankomme, schaue ich auf die Uhr im Auto, die ganzjährig Sommerzeit anzeigt.
Eine Stunde von Haustür zu Haustür. Rekord.
Mein Vater kommt raus, wundert sich, das ich so schnell da bin, und nimmt mir den Weidenkorb mit der Katze ab.
Die nächsten drei Tage verbringe ich nur mit ihm. Koche für ihn, rede mit ihm, tröste ihn. Treffe niemanden sonst. Auch nicht C., den Fernsehmann.
Ich habe ein neues Leben angefangen, dort in der kleinen Verwaltungsstadt, in der ich solange in der Klinik lag. Mit meinem alten Leben will ich nichts mehr zu tun haben.

Nachts schlafe ich im Arbeitszimmer, unter dem gerahmten Plakat der New Yorker Bauarbeiter, die in schwindelnder Höhe auf hängenden Stahlträgern sitzen und frühstücken.
Immer wieder kommt mein Vater in den Raum, weckt mich und setzt sich an meine Bettkante.
-Kannst du mir was Gutes sagen?
-Es ist gut, dass sie weg ist, ihr habt euch sowieso nur zerrieben! Sie ist es nicht wert, dass du ihr nachweinst. Wenn es Liebe gewesen wäre, würde man nicht einfach so gehen und alle Konten abräumen. Du brauchst sie nicht. Erinnere dich, wie entspannt du warst, als sie im Krankenhaus lag. Du hättest sie doch auch am liebsten verlassen. Deine Trauer ist irrational. Jetzt fängt das schöne Leben an!
Mein Vater schreibt alles auf, was ich ihm sage. Damit er es nachlesen kann, wenn ihn die Einsamkeit und die Trauer anfallen, und er in seinem Gedankenkarussell kreist, bis ihm schwindelt.
Keine Stunde später steht er wieder neben meinem Bett und ist tief verzweifelt. Er hat das Notizbuch in der Hand und bittet mich ihm zu erklären, wie ich was gemeint habe, und warum es gut ist, dass sie gegangen ist.
So geht das 3 Tage lang. Tagsüber fühlt er sich besser, aber Nachts, wenn der ausgehöhlte Geist um Schlaf ringt, und die Lider einfach nicht geschlossen bleiben wollen, wenn es ruhig wird auf den Straßen, wenn der gewohnte Atemzug neben ihm fehlt, wenn ihn diese ganze Sinnlosigkeit des Lebens, des In-die-Welt-Geworfenseins, diese unabänderliche Einsamkeit umzingelt und sich wie ein schwerer Stein auf seine Brust legt, dann hält es ihn nicht auf dem Laken. Dann muss er reden. Wenn schon mal jemand da ist, in dem großen Haus, in dem wir früher zusammen gelebt haben und das er jetzt alleine bewohnt.
Ich bin froh, dass er nach seinem schweren Herzinfarkt und der Reha in Bad Orb überhaupt wieder arbeiten kann. Beschäftigt sein, abgelenkt sein, sich durch Sachlichkeit und Routine sedieren. Über Wasser halten.

Als ich ihn im Frühsommer in der Reha besuchte, war ich selbst noch Patientin in der Uniklinik in Würzburg, und fuhr heimlich mit dem Galan und dessen beige-braunem 1er Golf nach Bad Orb.
Bad Orb, der Ort, in den jedes Frankfurter Schulkind einmal auf Klassenfahrt geschickt wurde, und wo ich im Wald, der ans Schullandheim angrenzte, eine ganze Kiste voller verstörender, pornografischer Fotos gefunden hatte. Die Lehrerin war sehr ernst, als ich sie ihr zeigte, und kurz darauf kam die Polizei und durchkämmte das Waldstück. Ich schämte mich sehr. Damals war ich 8 Jahre alt.

Ich erlebe meinen Vater verändert, als ich ihn an diesem Nachmittag, bei schönstem Wetter, in dem kleinen Kurort besuche. Resigniert. Er redet über den Betrug, mit dem die Romantik Vorstellungen vom richtigen Leben nähre, denen keine Wirklichkeit je gerecht werden könne. Die Verheißung, hinter deren prächtigen Toren das Nichts lauerte. Die Jagd nach dem Glück, das man in einem Menschen zu finden hofft, dieser Mann für diese Frau, die Ernüchterung.
Jeder Schlager, jedes Gedicht künde von dem Großartigen, das einen erwarte, wenn man nur auf den richtigen Menschen treffe. Die Blaue Blume am Wegesrand. Gib´s auf, gib´s auf!
Er erzählt mir auch, wie sehr es ihn erschüttere, dass er sich nicht mehr auf seinen Körper, auf seine Gesundheit verlassen könne. Er war doch immer der Robuste der drei Brüder.
Der Infarkt ereignete sich nur wenige Tage nach einem Belastungs-EKG, das ihm uneingeschränkte Herzfunktionen bescheinigte. Das Vertrauen in seine eigene Unverwundbarkeit sei jetzt weg.
Geht mir nicht anders, denke ich, schweige aber und höre ihm zu. Es gelingt mir, so zu tun, als könne ich das Tonnengewicht seiner Trauer problemlos auf meine Schultern packen. Ich muntere ihn sogar auf, und fahre am Abend wieder zurück nach Würzburg, in mein Zimmer auf der Station 2 Nord, wo mir Schwester Silvia noch eine Kanne Fencheltee kocht.

Zwei Tage vor seinem Infarkt hatte er mich im Krankenhaus besucht. Allein, wie immer. An diesem Tag sagte ich ihm, wie dankbar ich ihm bin, dass er mich in all meinen Entwicklungen immer unterstützt und mir vertraut hat, dass ich meinen Weg gehen würde, auch wenn dieser nicht gerade ist und mehrere Anläufe erforderte. Es war ein besonders herzliches Treffen, in dessen Verlauf ich ihm sogar sagte, wie gerne ich ihn habe.

Als ich Frankfurt am späten Sonntagnachmittag verlasse bin ich erschöpft von soviel Trauer und den ständigen Schlafunterbrechungen. Es fällt mir schwer zurück fahren, aber Montag habe ich wieder Vorlesungen, und ich bin mit meiner Kraft am Ende.
Die Rückfahrt durch den Spessart tut mir gut, die Katze schläft in ihrem Korb, und als ich in Würzburg ankomme, rufe ich Ida an, um mit ihr nach Grombühl zu fahren und etwas zum Kiffen zu besorgen. Sie hebt sofort ab.

-Hallo?
-Ja, ich bin´s. Was machst du gerade?
Mit dem, was dann kommt, habe ich nicht gerechnet.
-Wo warst du? herrscht sie mich an.
-Äh, ich war bei meinem Vater.
-Wieso hast du mir nicht Bescheid gesagt?
-Ich sage doch nie Bescheid, wenn ich mal 3 Tage weg fahre. Außerdem hattest du Frühdienst.
-Und die Katze hast du allein gelassen?
-Nein, die habe ich mit genommen, wie immer.
-Hast du niemandem gesagt, dass du wegfährst?
-Doch, der A.
-Du bist so ein Arschloch!
-Hä, was´n los?
-Du bist so rücksichtslos und egoistisch, ich hab keinen Bock mehr auf dich!
Fieberaft überlege ich, ob ich irgend etwas getan habe, was sie so in Rage bringen konnte. Mir fällt absolut nichts ein.
-Jetzt hör aber mal auf! Was hab´ ich denn gemacht?
Plötzlich zittert Idas Stimme. Die harte, coole Ida, die aussieht wie Frida Kahlo mit dem ironisch-bohrenden Augen Salman Rushdies, weint.
Ich bin platt.

-Was ist denn passiert? Ist irgendwas mit Edo? Idas Freund ist Gelegenheits-Junkie, der mit Taxifahren seinen Stoff finanziert und immer häufiger auch in ihre Tasche greift.
-Nein, was soll mit dem sein! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Wir haben dich überall gesucht.
-Wieso denn? Wer denn?
Sie erzählt mir, dass der Galan völlig außer sich, bei ihr auf Station erschienen sei. Von einem Klassenkameraden, der im gleichen Haus wie ich wohnte, hatte er erfahren, dass die Feuerwehr mit der Rettungsleiter in meine Wohnung eingestiegen sei, und mich schließlich auf einer Bahre, oder in einem Sarg, da war er sich nicht sicher, rausgetragen habe. Das hatten andere Nachbarn bestätigt. Jeder erzählte, was er über mich wusste. Dass ich so zurück gezogen lebte und viel alleine war, dass ich keine Kontakte aufnahm, und dass man mich immer wieder durch die Rohre im Badezimmer schluchzen hörte.
Ida und der Galan hatten dutzende Male versucht mich telefonisch zu erreichen, waren dann zu meiner Wohnung gefahren, und fanden dort zwei dicke Blutstropfen vor meiner Türe.
Sie hatten gegen die Tür gehämmert, die Katze gerufen, waren anschließend sämtliche Krankenhäuser abgefahren und hatten bei Polizei und Feuerwehr angerufen. Ohne Ergebnis.
A.s Nummer hatten sie genau so wenig, wie die Privatnummer meines Vaters.
Der Galan hatte sich schwere Vorwürfe gemacht meinen schlimmen Zustand nicht erkannt zu haben, als wir uns zwei Tage zuvor noch kurz gesehen hatten. Das schwule Pärchen erzählte ihm von meinen Tränen und dem endlos läutenden Telefon. Alles passte zusammen.
Nach dem Gespräch mit Ida rufe ich beim Galan an. Er ist nicht Zuhause, und ich hinterlasse eine Nachricht.
Zwei Stunden später klopft er an meine Tür. Als ich öffne bleibt er kurz stehen und schaut mich mit rot geäderten Augen an. Dann drückt er mich so vorsichtig, als würde ich sonst kaputt gehen.
-Sowas darfst du nie wieder machen, sagt er leise,  ich bin so froh, dass du noch lebst!
-Ich auch.
Zusammen rauchen wir eine Tüte und hören Musik.
Spät in der Nacht geht er nach Hause.

Musik zum Text: Hüsker Dü, Diane

Save our souls, oder Schluchzende Fische

Yūreisen (幽霊船, Ghost ship) from Hokuetsy-Kidan...

Ghost ship, Hokuetsy-Kidan

Zu Beginn des ersten Semesters, saß ich in der vordersten Reihe eines Seminarraumes.
Bereits während meiner Schulzeit hatte ich mir das angewöhnt. Dort fiel man weniger auf. Bei den letzten Reihen vermuteten die Lehrer gleich die Drückeberger. Der zweite positive Effekt war, dass man als Vornesitzer bei der mündlichen Bewertung meist eine Note besser abschnitt als verdient.
Im Studium erwartete ich diesen Effekt nicht.
Ich wollte einfach für mich sein.

Erst im Juli war ich nach 6 Monaten aus der Klinik entlassen worden, und ich war noch derart verstört von dieser Welt des Siechens und des Sterbens dort oben auf dem Hügel der Neurologie, dass ich nur meine Ruhe wollte. Mit niemandem sprechen müssen, hier in dieser fremden Stadt, In diesem neuen Leben.
Der Galan, den ich als Besucher einer Zimmernachbarin im Krankenhaus kennengelernt hatte, hatte mir als einen seiner zahlreichen Bestechungsversuche  seine Jacke aufgenötigt. Sie war aus schwarzem, weichen Leder, klassischer Bikerschnitt, hinten eine Harley als Aufdruck und auf beiden Ärmeln sowie der linken Brust stand live to ride, ride to live.
Genau die richtige Montur um hart rüber zu kommen und jeden auf Abstand zu halten. Dachte ich.
Bei A. wirkte das nicht. Sie setzte alles daran mich kennen zu lernen, weil sie, wie sie mir viel später einmal erzählte, davon überzeugt war, dass ich eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Sie sollte Recht behalten.
Ich sitze also da und warte auf den Pater, der uns die nächsten 2 Stunden in das Wahlpflichtfach Religionspädogogik einführen soll. A. betritt den Raum, wirft einen Blick in die Runde, steuert auf meinen Tisch zu und fragt mich, ob sie sich neben mich setzen könne.
Der Raum ist weitestgehend leer, fast alle Plätze noch frei.
-Da ist meine Tasche. Ich zeige auf den Beutel, der neben mir auf dem Tisch liegt und glaube, der Fall habe sich damit erledigt. Sie lässt nicht locker.
-Die kann ich ja wegnehmen, sagt sie freundlich.
-Wenn´s unbedingt sein muss, antworte ich so mürrisch wie möglich.
Ja, es muss unbedingt sein. Sie nimmt den Beutel weg, setzt sich neben mich und lacht verlegen. Verärgert über ihre plumpe Ignoranz drehe ich mich weg, atme deutlich hörbar aus und schaue stur auf den Kollegblock, die Kaugummis und den Stift vor mir. Bloß nicht quatschen.
Hihi, kichert sie, ich habe auch Orbit-Kaugummis, aber in grün. Möchtest du einen?
Möchte ich nicht. In meiner Erinnerung bleibe ich abweisend und sage ich ihr, wie ekelhaft die Grünen schmecken. Vielleicht bilde ich mir das aber nur ein und ich lehne in Wahrheit mit einem passablen Nein, danke! ab. Erziehung halt.
Die nächsten Wochen hing sie mir dann sprichwörtlich auf der Pelle, war immer dort wo ich auch war und versorgte mich ungefragt mit jeder Menge Hintergrundwissen über ihr Leben. Ihre große Schwester, den kleinen Bruder, die Lehrer-Eltern, die Wohnmobilreisen, den Freund und den Ex-Freund, ihren ausgeprägten Kinderwunsch, über Taizé und ihre Aufenthalte dort. Nicht besonders interessant, nicht meine Schiene, aber nett war sie schon, wenn auch jünger als ich und blond und ein bisschen provinziell und albern. Irgendwie muss ich sie schließlich doch gemocht haben, denn zu ihrem Geburtstag, Anfang November, schenkte ich ihr eine Karambola, weil sie einmal beim Anblick dieser Frucht völlig aus dem Häuschen geraten war. Vermutlich gefiel ihr die Exotin nur deshalb, weil sie ungewöhnlich aussah und allein der feurige Name etwas Glamour in ihr behütetes Kleinstadtleben brachte. Aus dem gleichen Grund mochte sie wahrscheinlich auch mich: ich fiel auf dort in Würzburg,
Ich weiß nicht, ob ich ihr ein Geschenk gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, wie sehr sie sich darüber freuen würde. Ich glaube eher nicht. Ich war nicht auf de Suche nach einer Freundin oder netten Kontakten.
Erst einmal wollte ich ein neues Leben anfangen. Allein, nur mit mir selbst.
Zu verdauen war das Ende der langjährigen Beziehung mit dem Fernsehmoderator. Der Herzinfarkt meines Vaters, das Auseinanderbrechen meiner Familie, das Verschwinden meiner Mutter, mein Klinikaufenthalt, die Krankheit.
Da war kein Platz für das blonde Mädchen aus Unterfranken, das infantil wie Otto Waalkes daher quatschte, gegen Drogen war, an Gott glaubte und sich einer französischen Christensekte verbunden fühlte. Die Vorlesungen und die Pause verbrachten wir zusammen, aber danach zog ich mich zurück in mein 1-Zimmer-Apartment weit draußen in Lengfeld mit Blick auf das Müllheizkraftwerk.
Ich war viel allein in dieser Zeit. Freitags nach der letzten Vorlesung kaufte ich ein, fuhr nach Hause, zog dort den Telefonstecker aus der Wand und verließ das Haus erst wieder Montag früh, nach 2 ½ Tagen des Schweigens.
Ich las, schrieb, zeichnete, weinte, fraß und kotzte. Manchmal schminkte ich mich exzessiv und machte dann Fotos von mir. Wenn es mir besonders schlecht ging, setzte ich mich in die Badewanne, legte meinen Kopf an die Rohre und wimmerte hemmungslos vor mich hin. Irgendjemand im Haus würde mich hoffentlich hören und mit mir fühlen.
Unter mir wohnte ein schwules Pärchen mittleren Alters. Der eine groß und blond, mit ausgeprägten Nasolabialfalten, der andere sehr klein und zierlich mit schmalen Augen und großporiger Haut. Die beiden hatten regelmäßiig bei offenem Fenster Sex, wobei einer von ihnen, es klang wie der Große, ganz jämmerlich schrie. Wenn sie fertig waren, hörte man ihn noch lange laut schluchzen und weinen.
Die beiden hatten einen Narren an mir gefressen und immer mal wieder hängten sie mir eine Tüte mit selbstgebackenen Keksen oder sogar mit Lebkuchen an die Tür.
-Läbkuchen, Sälbstgemacht!
Diese landeten, so wie die meisten Lebensmittel, nach einem kurzen Umweg über meinen Magen, ganz schnell in der Toilette. Ich habe mich nie für ihre Geschenke revanchiert, obwohl ich die beiden gerne mochte. Ich konnte einfach nicht.
In der  gleichen Mietskaserne wohnte auch ein spät-erblindeter Mann um die Vierzig, der gerade eine Umschulung machte und ziemlich kontaktfreudig war. Manchmal, wenn ich Abends nach Hause kam und nach einem ganzen Tag unter Menschen noch weniger als sonst in der Lage war mit jemandem zu sprechen, versuchte ich mich geräuschlos an ihm vorbei zu drücken, während er gerade auf einen anderen Nachbarn im Hausgang einredete.
Nicht ein einziges Mal gelang mir das. Immer, wenn ich schon an ihm vorbei war, grüßte er mich aus dem Hinterhalt. Laut und namentlich. Ich erschrak und grüßte kleinlaut zurück. Über die Zeit gruselte mir regelrecht vor ihm und ich hatte den Verdacht, dass er vielleicht nur so tat, als könne er nichts sehen. Seine Versuche sich mit mir zu verabreden wehrte ich solange ab, bis er es aufgab.
Im Appartement links neben mir wohnte eine junge Frau. Ich habe sie nie gesehen, aber ihre Loggia grenzte an meine, und so bekamen wir ein wenig voneinander mit.
Auch aus ihrer Wohnung schluchzte es immer mal wieder. Oft klingelte das Telefon und sie hob nicht ab, obwohl sie zuhause war.
Eines Tages sitze ich auf meinem Bett, das in der Nische, gegenüber der offenen Balkontür steht.
Ich habe einen Joint geraucht, die Schwaden hängen im Raum und ich bin so breit, dass ich zu nichts mehr fähig bin. Nicht einmal zum Zeichnen.
Also sitze ich einfach so da, im Schneidersitz an die Wand gelehnt, und schaue auf das Müllheizkraftwerk, das in der Entfernung  in eine Senke im Wald gebaut ist und eine Lücke in die Linie der Baumkronen reisst. Seit ein paar Wochen steht, ein Stück näher zu mir hin, ein riesiger Kran, der im Ruhezustand so geparkt ist, dass der querauslegende Schwenkarm diese Lücke optisch überbrückt und von oben verschließt. Das gefällt mir.
Darüber und über vieles andere denke ich nach.
Linton Kwesi Johnson, der Poet und Soziologe singt- Fite Dem Back. Seine tiefe Stimme vibriert in meinem Kopf und in den Lenden. Es ist Hochsommer.
Nebenan klingelt das Telefon ohne Unterlass. Seit Tagen schon. Nach 4 Mal Läuten hört es auf, und der Anrufbeantworter springt an. Kurz danach klingelt es wieder.
Drei Stockwerke weiter unten rumpelt und rasselt es. Müllabfuhr? Ich bin zu träge um nachzuschauen. Nicht weiter wichtig.
Die Geräusche scheinen von der tiefer gelegenen Straße zu kommen. Möglicherweise wird auch der Belag erneuert. Dann höre ich laute Männerstimmen, die einander etwas zurufen. Die Müllabfuhr.
Mir ist heiß, ich öffne die Knöpfe meiner Bluse und ziehe den Rock nach oben. Selbst zum Ausziehen bin ich nicht in der Lage. Stattdessen zünde ich mir den Rest des Joints an, der im Ascher liegt. Ein, zwei Züge gehen noch.
Draußen schwillt der Lärm an. Die Stimmen werden immer aufgeregter und lauter. Wird da ein Wildschwein durch den Garten gejagt?

Akustische, optische und olfaktorische Halluzinationen durch THC

Nicht weiter besorgniserregend. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht schräg draufkomme. Ein falscher Gedanke und die Stimmung kippt von Entspanntheit in haltlose Verzweiflung. Neben mir liegt ein kleiner Spiegel. Ich nehme ihn zur Hand und schaue in große braune Augen. Glühsen. Mein Gesicht liegt ruhig da, wie ein See. Nichts regt sich. Kein Wimpernschlag. Nur stilles Lauschen nach innen und außen. Ich bin schön. LKJ singt, und ich bewege meine Lippen dazu.

Fashist an di attack / Wi wi‘ fite dem back

Es ist, als würde ich im Meer schwimmen.
Eine leichte Brandung schaukelt mich auf und ab.
Mein Körper besteht zu 90 % aus Wasser.
Mein Blut hat die Zusammensetzung der Ursuppe.
Ich bin ein elektrischer Fisch. Ein Butt. Gleichstrom/ Wechselstrom.

Draußen rumpelt, kracht und schreit es weiter, und ich muss mich konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Versuchen das Netz an einem Zipfel fest zu halten, ehe es sich auflöst. Der Traum gleitet vom Laken und verflüchtigt sich wie Hochprozentiges.

The dream is lost
Don’t let it slip away

Der Kran beim Müllheizkraftwerk bewegt sich.
Einsamer Beruf. Jeden Tag alleine da hoch und abends wieder runter. Höhenangst. Ich schließe die Augen und bewege mich ein wenig zur Musik. Plötzlich scheint sich der Krach zu nähern. Das Rattern wird lauter, dazu kommt ein trockenes Kratzen und Schaben. Dann ein harter Aufprall.
Ponk!
Ich öffne die Augen. Die Katze kriecht unter das Regal. Etwas bewegt sich an der Balkonbrüstung.  Zwei Stangen, eine Leiter! Handschuhe tauchen von unten auf, dann ein Kopf, ein Rumpf, Feuerwehr!
Scheiße! Brennt es? Der Ascher steht kalt und harmlos auf dem Bett, die Rauchschwaden haben sich aufgelöst. So ein Einsatz wegen eines Joints? Möglich, wir sind in Bayern.
Ein zweiter, dritter, vierter Uniformierter klettert über die Betonbrüstung in die Loggia, und ich kann mich nicht bewegen. Nicht einmal sprechen. Immer noch im Tran schlage ich die losen Seiten der Bluse übereinander und bemühe mich normal auszusehen. Einer hebt die Hand zum Gruß, ich nicke.
Nummer Fünf, Sechs und Sieben.
Die ersten hacken mit einer Axt auf die Blumenkästen am Nachbarbalkon ein, bis sie zerbersten und abstürzen. Dann sichern sie sich mit Seilen und klettern rüber. Einer nach dem anderen. Acht Mann.
Drüben klingelt wieder das Telefon. Eine Männerstimme. Schritte.
Bald darauf öffnet sich nebenan die Wohnungstür. Die Männer verlassen das Haus, die Leiter wird eingefahren.
Ich lausche noch eine ganze Weile den Geräuschen auf der Straße. Der Zug setzt sich in Bewegung, fährt den Hang herunter und verschwindet hinter der Kurve Richtung Gattinger, dem Straßenstrich. Im Treppenhaus unterhalten sich die Nachbarn, aufgeregte Stimmen klingen aus dem Garten nach oben.
Als ich erwache ist es dunkel. Ich füttere die Katze, bestelle mir eine Pizza und packe.
Am nächsten Tag fahre ich, mit der Katze, für ein paar Tage nach Frankfurt, meinen Vater besuchen.