Drosophila

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Frühling, Himmel, Sonne.
Seidenweicher Flow.
Nut und Feder.
Geöffnete Türen, Nachmittagsdösen.

Lust.

Nur Obstfliegen, die kleinen Malaisen.
Verweilen auf der Scholle, ehe sie schmilzt:

ich kann schwimmen.

Photo: jon feinstein, creative commons 4.0 https://www.flickr.com/photos/jonfeinstein/

Anmut und Gleichmut, oder Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und Kilometer sind nichts weiter als eine
physikalische Größe, für echte Nähe ohne Relevanz. Wer sich jetzt fragt,
wie die Bebilderung dieses Textes mit seinem Inhalt zusammenhängt,
tut Recht daran. Das Treiben der possierlichen Tiere ist eine der
Freuden, die mich bei Laune halten, während die räumliche
Distanz qua Fernreisebus wächst. Kein Koffer
in Berlin. Alles andere schon.

Seufz.

Photos: VmH

Hafenwelle

Epiphanien-Kirche_(Berlin)_Orgel
Es ist ja mal so
, beginne ich gerne die Sätze, deren Aussage ich mit einem freundlich lächelnden Unterton Nachdruck verleihen möchte oder wie man gemeinplatzig sagen könnte: in denen ich augenzwinkernd größere und kleinere Anliegen aufs Tapet zu bringen mich anschicke.

Es ist ja mal so, dass das vergangene Jahr, das ich klugerweise, bzw. aus schierer Erschöpfung und dem unbedingten Willen zum Neuanfang (so to say: Uhren auf Null stellen) bereits am 4. November, dem 521. Jahrestag der Entdeckung Guadeloupes durch Christóbal Colón, für beendet erklärte und mit dem Lieblingsmenschen ganz still und beinahe stumm ausklingen ließ, dass also dieses Jahr 2014 in Wahrheit (bemerkenswerte Floskel) erst jetzt seine letzten Wellen ans abflachende Ufer schlägt und stetig ins Nowhereland zwischen den Jahren, diese nicht-existente aber fühlbare Zeit, hinein drängt und im unbestellten Boden weich versickert.

Caminante, son tus huellas el camino

Eine Zeit, so leer wie die mongolische Steppe und vom gleißenden Licht eines Zwischenhochs überblendet, ein korrespondierender Temperatursturz, mit klammen Fingern an der Eiger Nordwand.

Die Künstlerin, die die nicht genutzten und unbeachteten Räume durch Abguss sichtbar macht. Den Platz unter der Treppe als deren negativer Abdruck. Leerraum in Volumen verwandeln.
Der nach innen gestülpte Erker.
Alles einmal anders herum denken und sehen. Überraschend und erhellend zugleich.

Und während draußen die Spatzen am gut gefüllten Futterhaus zetern, zum Zeitvertreib oder um in das tiefe Grollen der Feuerwerkskörper weiter südlich einzustimmen, schaue ich aus dem Fenster, dem vergehenden Tag hinterher, der ganz unerwartet zum Symbol für das vergangene Jahr geworden ist. Einer wie viele und doch so schwer und bedeutungsvoll und traurig.
Am blauen Himmel eine große Wolke, golden hinterleuchtet wie feinstes Porzellan.

Und ich denke an Blaubarts achte Frau. Den kleinen Schlüssel, der ihr zum Verhängnis wurde und an das, was sie zu gewinnen suchte, ehe sie alles verlor.
Und natürlich ist es Zufall, dass sich heute die Tsunami-Katastrophe zum zehnten Mal jährt und ich mich zurück erinnere an diesen Tag, an dem die Tränen mich beinahe erstickten.
Meine Gedanken sind bei Castorp, wie sie neben mir liegt, ihr Atem so schwer, und wie ich weine über diese unvorstellbare Anzahl an Toten und den Schmerz, der mit ihrem Verlust in die Welt gekommen ist, wo doch alles so friedlich schien und das Wasser sich zunächst zurückzog, um kurz darauf mit unvorstellbarer Kraft als Walze der Zerstörung zurückzukehren.

Ist doch nur Wasser, wenn ein Fremder weint

Und wie ich so sitze, das kleine Getüm neben mir und weine und weine, weil der Tod auch bei uns im Raum steht und auf den Tag einen Monat später durch diesen hindurch schreiten und sie mit sich nehmen wird, nachdem die letzten tiefen kehligen Schreie ihren Körper verlassen haben und sie daliegt ganz still und klein, bitte ich inständig, dass ich das werde tragen und ertragen können und ich weiss, dass ich gar keine Wahl habe: das ist das Muster des Lebens, in das ich eingewoben bin, ganz gleich welche Fluchtversuche ich auch zu unternehmen trachte. Wertvolle Zeit, die dabei verloren geht und so ist es das Schwerste und zugleich Einfachste, das Unveränderbare hin- und anzunehmen, den Negativabdruck, den unsichtbaren Raum, der das Leben umgibt.

Daran denke ich heute und es dunkelt schon bald, doch die Tage werden länger und so besteht Hoffnung.

 

 

 

(Bildquelle: Wikipedia, Epiphanien-Kirche Berlin, Orgel)

Wolken

WolkenBremen

Nach dem morgendlichen Zähneputzen (morgenlich, würde der Vater korrigieren, es ist der Morgen und nicht der Morgend) schauen mich heute nicht die Augen der Mutter an. Es sind meine eigenen, groß und braun. Darin und dahinter, wie zu allen Zeiten, die Blicke der Ahnen, aus dem Schatten heraus getreten, um durch mich auf die Welt zu sehen, die einmal die ihre war.

Was ihr seid, sind wir gewesen.
Was wir sind, werdet ihr sein.

Mein Gesicht liegt ruhig wie ein See, der Mund weich geküsst und entspannt.
Im Radio läuft ein Jingle-Klingel-Happynes-Song, den ich ohne Widerwillen zu verspüren an mir abperlen lasse. Lotusblüte. Silberbaum.
Meine Haare umfließen den Hals, eine Welle legt sich auf das Schlüsselbein. Clavicula
Im Spiegel schaue ich mir zu, wie ich eine Hand auf das Sternum lege, mein Leben, und ohne ein Empfinden von Schmerz steigt Wasser in meine Augen. Der Mund zieht sich, wie zu einem Lachen, auseinander, die Lider senken sich und ich lasse den Tränen ihren Lauf.
Es ist schön.

Weich bin ich, ganz weich und draußen ist es mild und stürmisch.
Die Straßen sind leer. Die Vögel sind ausgeflogen, gen Heimat.
Die Luft riecht nach Ankunft.

Alle Zuhause jetzt

Eine Gruppe Spatzen lässt sich im Bambus nieder und schaukelt dort hin und her.
Dann und wann ein freundliches Tschilpen. Es ist genug für alle da.
Den einen erkenne ich wieder. Auf seinem rechten Flügel trägt er einen weißen Streifen.
Jeden Tag kommt er hierher. Immer am gleichen Platz im Futterhaus.
Kleiner Freund.

Wie mich alles was lebt berührt und angeht. Jeder Halm. Und seit ich auferstehen durfte noch mehr und tiefer. Ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt, auch mit dem großen Nichts, und eine beinahe kitschige Rührung, ein Angefasst- und manchmal sogar Überwältigtsein von allem Irdenen und seinem Drang zum Licht.
Nach oben. Atmen. Hier bin ich.
Das ist meine Zeit.

Mir tun die Flöhe leid, und so behandele ich bloß die Schlafplätze der Tiere.
Nicht töten.
Ehrfurcht selbst vor dem kleinsten Leben.
Fegen, zur Seite fegen, mit Achtsamkeit und dem liebenden Blick.

Einmal sah ich eine Schnecke in den blauen Körnern eines Giftes vertrocknen.
Endlose Nachmittagsstunden im Hochsommer. Unvergessen. Mein Mitgefühl, der Schmerz darüber, wie sie unrettbar zusammenschrumpfte zu einem rindenähnlichen, unkenntlichen Stückchen Materie. Und alles, was sie war und dachte, wenn sie denn jemals etwas dachte, alles, alles ist verloren.
Verdunstet. Aufgestiegen, gen Himmel, der gar nicht oben ist, wie ich immer glaubte, sondern überall. Ringsum.

Wo sind unsere Erinnerungen, wenn wir sie gerade nicht denken? Wenn sie nicht in uns hausen?
Sind sie bei uns? Haben sie sich eingeschrieben oder entstehen sie jedes Mal aufs Neue, bei jedem Griff nach ihnen, und immer ein wenig anders? Verändert nur um winzige Details, für uns nicht wahrnehmbar, geschweige denn überprüfbar.

Gibt es eine Cloud, etwas außerhalb von uns selbst, in dem alle unsere Gedanken zusammen gefasst und gespeichert sind, gemeinsam mit den Ideen und Erinnerungen der anderen Menschen? Oder ist mit unserem Ableben all unser Wissen unwiederbringlich verloren? Verdichtet sich das, was auf der Erde gedacht wird, zu etwas Größerem, addiert oder multipliziert es sich vielleicht sogar?
Und eines Tages traumgleich greift einer danach und bringt es in die Welt. Etwas noch nie Dagewesenes. So wie alles, und doch viel mehr und weit darüber hinaus.
Und die Tiere? Wer nimmt sich ihrer Gedanken an? Sie selbst, ergeben und mit blindem Vertrauen?

Ich schaue in mein Gesicht im Spiegel, das ruhig da liegt wie ein See.

Draußen stürmt es, Hagel prasselt auf den Boden.
Weiße Körnchen, die nach oben springen, als wären sie kleine Bälle.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipedia, „WolkenBremen“ von Frisia Orientalis. Original uploader was Frisia Orientalis at de.wikipedia – Transferred from de.wikipedia; transferred to Commons by User:Jutta234 using CommonsHelper.(Original text : selbst fotografiert). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:WolkenBremen.jpg#mediaviewer/File:WolkenBremen.jpg

Whiteout

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Whiteout

Ununterschiedenes Oben und Unten.
Himmel und Erde, die weisse Wand.
Finis terrae. Unbestimmt, zum Nichts hin..
Welt ohne Übergang. Schattenlos und hell.
Oben ist unten. Hoch ist tief.

„Im Altus ist die Differenz des Anderen aufgehoben:
alter verschwindet im altus.“

Tischgespräche, mon coeur.
Dazu gibt es Rührei mit Brot und Haselnüsse.
Für Dich Kaffee, für mich Salbeitee.

 

 

 

(Bildquelle: Wikipedia, Whiteout)

Auf dem Rücken eines Tigers

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Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes, gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte, und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.

Friedrich Wilhelm Nietzsche,
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

Zwänge

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Der Tag an dem ich eigentlich leer ausgehen sollte ist der Tag, an dem die Sonne bereits am frühen Morgen den Nebel aufgelöst und die Welt in ein freundliches Licht getaucht hat.
Keine Schokolinse im Adventskalender, dafür aber große Vorfreude nach beinahe schlafloser Nacht. Immer wieder das Smartphone zur Hand genommen und eine Runde Solitaire gespielt. Stets der gleiche Score. Nur einmal, da muss ich irgend etwas anders gemacht haben, denn die Statistik zeigt für Mitte September eine dreimal so hohe Punktzahl wie gewöhnlich an. Das verstehe mal einer.
Aber um Rekorde geht es ja nicht beim Patiencen legen, sondern, wie der Name nahelegt, um Geduld. Patience eben. Davon habe ich in diesem Jahr derartig viel aufbringen müssen, dass man meinen könnte ich solle mich besser mit Ballerspielen in den Schlaf schunkeln, um wenigstens noch ein wenig Wut loszuwerden und mich so wieder herunter zu dimmen. Ganz falsch. Für mich gibt es in diesem Zustand zwischen Wachsein und Schlaf nichts besseres als Ordnung zu schaffen. Karten aufzunehmen und sie schön der Reihenfolge und Farbe nach auf 4 Stapel zu sortieren.
Ich räume eben einfach gerne auf.

Y. arbeitete in einem Café in Schöneberg. Ein sehr angenehmer, eleganter Laden, in dem ich viele Stunden meines Lebens verbracht habe, nicht zuletzt, weil Y. mir so gut gefiel mit seinen lackschwarzen Haaren, dem kräftigen Kinn, den hellbraunen Augen und der tragenden Stimme.
Jahre später trafen wir uns an einem anderen Ort wieder und saßen bald darauf zusammen in meiner Küche. Er lag mit dem Oberkörper auf der Tischplatte, beide Arme zu mir herüber gestreckt, jede seiner Hände umfasste eine meiner Brüste. So unterhielten wir uns.
Y. erzählte mir, dass ich in seiner Erinnerung die Frau war, die sobald sie im Café Platz genommen hatte anfing aufzuräumen, Salz und Pfeffer nebeneinander zu stellen, die Eiskarte quer statt hochkant, damit sie nicht mein Gegenüber verdeckte, die Speisekarte gerade vor mich hin und an der Tischkante ausgerichtet, den Ascher exakt in die Mitte. Meine Zigaretten, das Zippo und mein Porti legte ich aufeinander gestapelt links neben mich.
Gut beobachtet, dachte ich und genierte mich ein wenig.
Y. und ich verbrachten ein paar Wochen miteinander. Irgendwann hörten wir auf uns anzurufen. Das letzte Mal, als ich ihn sah stand er vor dem alevitischen Gemeindezentrum und unterhielt sich mit anderen Gläubigen. Wir nickten uns zu und lächelten.
Sein Zwang mir mit festem Griff die Brustwarzen umzudrehen, hatte die Beziehung bereits in einem frühen Stadium im Keime erstickt.