Bittere Asche

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Wir wollen nicht spalten – wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten

(Peter Glaser)

 

 

Das Wort Versöhnung bekommt einen ganz neuen Klang, wenn ausschließlich der Sohn (also mein Bruder) der Seebestattung der Mutter beiwohnen darf, weil der Mutterbruder, auch Onkel genannt, mutmaßt, die beiden hätten sich (nach über 20 Jahren)  wahrscheinlich doch noch irgendwann versöhnt, wenn nur der Mutter nicht die blöde Demenz dazwischen gegrätscht wäre.

Die Vorsilbe „ver“ deutet zwar oftmals auf etwas negatives hin – verloren, verirrt, verwirrt– in diesem Falle soll es aber wohl was Gutes sein, die onkelseits gestattete Versöhnung des Sohnes mit der toten Mutter.

Vertöchtern gibt’s leider nicht, das sehen der Duden und das Leben (und der Onkel) nicht vor, und deswegen müssen die beiden Töchter sich dem letzten Willen der Mutter beugen und an Land bleiben, während deren Asche verstreut wird.
Ihre völlige Auslöschung wollte sie, nichts sollte mehr von ihr übrig bleiben, um uns Kindern keinen Ort der Trauer zu geben. Das war ihr letzter Wille.

Ich glaube ich werde nie wieder im Meer schwimmen können, ohne Angst zu haben mich an ihr zu verschlucken.

 

 

 

 

 

 

Bild: Uwe, Die Rückkehr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Heimweh

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Sehnsucht ist die Nabelschnur des höheren Lebens.

Søren Kierkegaard

Die Glasraupe krümmt und streckt sich im Wechsel.
Jede Dehnung bringt sie ein Stückchen vorwärts.
Durch ihren Körper hindurch sehe ich die Schrift, wie durch eine Lupe; in der Mitte groß, zu den Rändern hin kleiner werdend.
Ich kann nicht lesen was dort steht. Es gelingt mir nicht, mehr als nur einen Buchstaben zur gleichen Zeit zu erkennen. Es gelingt mir nicht, die Buchstaben zu Worten zusammen zu setzen.

Die Statik hat sich verändert. Ein wachsendes Haus.
Von der Kehldecke zur Kuppel. Eine Kirche.
Ich bin noch nicht mitgewachsen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf ins Gebälk.
Der alte Kindheitstraum: oben, von der Empore seilt sich eine große graue Spinne ab. Schnell zurrt der Faden aus ihrem Leib, beinahe im freien Fall stürzt sie auf mich zu, ihre Beine greifen ins Leere wie tastende Fühler, ich stehe gelähmt, will schreien, bleibe stumm, öffne Augen und den Mund, spüre, wie sie meinen Rachen berührt, landet, Halt findet auf meiner Zunge. Der Fallschirmspringer. Sie läuft ins Dunkle, ich schlucke.
Dieser unvorstellbare, markerschütternde Ekel. Würgen. Verzweiflung über meine Unachtsamkeit, auch über ihren Tod. Ich bin vergiftet. Jedes Mal aufs Neue.

Mein Großvater im Talar, das dunkle Holz der Kanzel.
Cola und Chips, der Leib und das Blut.
Armer Jesus.
Wieso opfert der Vater seinen Sohn?

Der schwule, junge Pfarrer mit der Beule im Schritt.

Die Schildkröte gräbt einen Fluchttunnel zum Nachbargarten.
Wir finden sie und bringen sie zurück in ihren Käfig.
Am Morgen sehe ich meine Mutter mit verweinten Augen. Während wir schliefen hat sie die kleine Tusnelda mit dem Absatz ihres Stilettos aufgespießt.
Ich hasse sie dafür.

Ende des Monats werde ich sie wiedersehen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren.
Ich fürchte mich nicht mehr davor.
Ich habe eine unerwartete, beinahe ungeduldige Sehnsucht nach ihr. Nach stiller Versöhnung. Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Ein Menschenkind wie ich. Ihre Hand nehmen, die pergamentdünne Haut spüren. Der Rest an Leben, der durch ihre geduldigen Adern fließt.
Sie wird mich nicht erkennen.

Mama, werde ich zu ihr sagen, vielleicht zum letzten Mal.

Töle nehme ich mit. Sie ist so freundlich zu jedem Lebewesen.

Bild: By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons