Serienmörder

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Der Unterfranke fragt, ob der Bruder, der seine feudale und saugünstige Wohnung mitten in Kreuzberg aufgibt und Anfang des Jahres Brandenburg zieht, um dort mutterseelenallein und fernab dessen, was man gemeinhin Zivilisation zu nennen pflegt, zu hausen, ob also der Bruder eventuell plane Serienmörder zu werden.

Keine Ahnung, sage ich, vielleicht züchtet er auch Katzen oder Schäferhunde oder wird Reichsbürger. Wat weeß icke. Oder er wird selbst Opfer eines Serienmörders und niemand wird dort, in der Einöde, seine Schreie hören.

Also wird er nicht Serienmörder, sondern Serienopfer, schlussfolgert der Unterfranke.

Naja, ne. Opfer eines Serienmörders wird man nur genau ein Mal, sage ich und lache.

Wieso denn?

Na, weil man dann tot ist. Es gibt keine Serienopfer.

Doch, die gibt’s.

Aha, und was sind Serienopfer?

Das sind Opfer in Serien.

 

 

Der Weihnachstabend war sehr kurz aber schöner als erwartet. Die Kekse schmeckten vorzüglich und das Chili war auch nicht schlecht.
Beim Einschlafen hörte ich Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.

Heiraten

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Ich soll den Unterfranken fragen, wenn ich heiraten will, sagst du und ich sage das will ich aber nicht, frage ihn aber doch und er sagt: Soll das jetzt ein Heiratsantrag sein, und ich sage Ja, und er sagt auch Ja, und fügt: aber nur sehr ungern hinzu. Geritzt, sage ich, ich sag dir dann bescheid, wenn´s soweit ist und er zieht ein Gesicht und sagt: Ok.

Wer wollte nicht auch ein so romantisches Leben führen wie ich? Die Antwort ist ganz leicht: du nicht auch und der Unterfranke auch nicht.

 

 

 

 

 

 

Bild: Hannes Mauerer, Lämmer am Deich, flickr
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Wundersame Wendung, oder Die Irre an der Scheibe

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Manchmal, wenn wir zusammen auf dem Bett liegen und die Hunde gemütlich auf ihren Schlafplätzen schnarchen, zieht der Unterfranke seine Strümpfe aus, greift dann mit den Zehen nach meinen Socken und zuppelt auch diese mit viel Geschick herunter. Im Anschluss klemmt er der Reihe nach meine Zehen zwischen seine und zieht sie lang, einen nach dem anderen, bis es ganz leicht und wohlig in den Gelenken knurpselt. Dieses kleine intime kuschelige Ritual bereitet mir immer wieder ein solches Wohlgefühl und ich mag es so gerne, wenn seine warmen Zehen meine eiskalten Füße bearbeiten und kraulen, dass ich anfange zu kichern und zu lachen bis das Grinsen meinen ganzen Körper erfasst und zu einem inneren Juchzen und Jauchzen wird. Dabei bin ich gar nicht kitzlig, zumindest nicht dort. Wenn ich dann so vor behaglicher Zufriedenheit leuchte, freut sich auch der Unterfranke, der diesen Effekt natürlich gut kennt, und schon haben wir die schönste Harmonie, und der Unterfranke, der immer gerne so tut, als wäre er ein harter Brocken, in Wahrheit aber ein äußerst lieber und sensibler Mensch ist, wird ganz weich und kommt ins Erzählen.

Eine der Lieblingsgeschichten des Unterfranken ist, wie er mich zum ersten Mal gesehen hat, in der Wrangelstraße, gleich um´s Eck. Damals war er mit einem Kollegen im Auto unterwegs als dieser ihn plötzlich aufgeregt von der Seite anrempelte: Haste das geseh´n! Guck mal was die Frau da macht! Nicht zu glauben! Eine Irre!

Richtig kennengelernt haben wir uns aber erst ein paar Jahre später, als er auf Empfehlung einer Bekannten mein Dogwalker und Hundetrainer wurde.
Diesen Teil der Geschichte finde ich immer am Lustigsten, denn, wie ich natürlich sehr schnell herausfand, hatte der Hundetrainer zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens null, wirklich null, Ahnung von Hundeerziehung, war also in Wahrheit eher ein ambitionierter Canidenfreund. Den Umgang mit Hunden habe ich ihm später erst nahegebracht, nachdem ich mich, angespornt durch anfängliche Fehlschläge, mit Verve in das Thema eingearbeitet und bei meinem Hund große Erfolge damit erzielt hatte. Inzwischen habe ich eine äußerst gut erzogene Hündin an meiner Seite und er einen sehr liebenswerten Rüpel, der immerhin Pfötchen gibt, manchmal sogar Sitz macht und ansonsten vor Lebensfreude wie ein Springbock durch die Gegend tollt und jedes Mal, wenn der Unterfranke mich freundschaftlich in den Arm nimmt eifersüchtig losbellt.

Ich werde nie vergessen, sagt der Unterfranke jetzt, wie du damals vor diesem Schaufenster gehockt hast und ich nicht fassen konnte, was ich da sah.
Jetzt lachen wir beide, der Unterfranke nimmt mich in den Arm und Rüpel bellt dazu.

Die Geschichte ging so: in der Wrangelstraße hatte mal wieder irgendeine Kaschemme dicht gemacht. Wahrscheinlich wegen einer Schießerei. Jedenfalls war sie eines Tages geschlossen, und in der Fensterscheibe fanden sich mehrere Einschusslöcher. Zu dieser Zeit führten meine Aktivitäten mich täglich an dem Laden vorbei und jedes Mal warf ich einen bedauernden Blick auf die dort verdurstenden Pflanzen.
Der Sommer verging, es kam der Herbst und dann der Winter, ich vergaß die Kneipe und das Siechtum darin und erging mich in den alljährlichen, düsteren Winterverstimmungen. Erst im darauffolgenden Mai führte mich mein Weg wieder an dem geschlossenen Lokal vorbei. Eher zufällig schaute ich in das vollkommen verdreckte und von Kugeln durchschlagene Schaufenster und blieb abrupt stehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Die gesamte Fensterbank lag voll mit vertrockneten Blättern und in den Töpfen steckten traurige, tote Strünke. Doch eine Pflanze, eine einzige trug nach Monaten, die sie inzwischen ungegossen und unbeachtet herumstand und einstaubte, tatsächlich noch immer grüne Blätter. Zweieinhalb genau. Der Anblick dieses kleinen lebenshungrigen Mitgeschöpfes bewegte mich derart, dass ich noch eine Weile dort stehen blieb und es mit zärtlichem Blick betrachtete. Ein Wunder der Natur!
Dich rette ich, sagte ich schließlich mehr zu mir selbst, machte auf dem Absatz kehrt und ging schnurstracks nach Hause. Dort telefonierte ich solange herum, bis ich die Hausverwaltung ermittelt hatte, die für das Objekt zuständig war, und rief diese an. Rasch skizzierte ich die Situation: geschlossene Kneipe, sterbende Pflanze, monatelanger Todeskampf und unerschütterlicher Lebenswille.

-Und wat wollnse da jetzt von mir? fragt mich die Frau am anderen Ende der Leitung.
-Ich hätte gerne die Pflanze, um sie gesund zu pflegen.
-Dit jeht nüsch. Die jehört uns ja nüsch. Dit kann nur der Besitza bestümm, wat damit passiern soll.
-Der Besitzer ist aber doch verschwunden und außerdem kann er nicht einmal ahnen, dass da überhaupt noch irgendwas lebt, und wenn doch, dann ist ihm das offenbar vollkommen gleichgültig und die Pflanze stirbt!
sage ich und registriere, wie mein Ton haarscharf an klinisch manifester Hysterie vorbeischrappt.
-Ick kann Ihn´ die Pflanze nüsch jehm, wiederholt die Frau und ist inzwischen hörbar genervt.
-Bitte!
-Nein!
-Ich gebe Ihnen 50 Euro.
-Nein.
-Hundert!
-Nein!
-200!
rufe ich siegessicher.
-Nein!
beharrt sie.
-Bitte!
-Nein!
-Sie sind so gemein und herzlos
, rufe ich schließlich in den Hörer und lege wütend und enttäuscht auf. Leider werde ich mein Erlösungsversprechen nicht halten können, aber ich habe es zumindest versucht, denke ich, mehr geht eben nicht.
Doch halt! Natürlich geht mehr! Na klar!
Schnell schnappe ich, was ich für meinen Plan benötige und verlasse das Haus. In der nächstgelegenen Apotheke besorge ich mir das fehlende Zubehör und mache mich damit auf den Weg zu dem Lokal. Dort angekommen treffe ich die letzten Vorbereitungen, gehe in die Hocke, stecke die gefüllte Katheterspritze in eines der Einschusslöcher, versuche zu zielen und drücke durch. Das Wasser spritzt in das Innere des Ladens, verfehlt die Pflanze jedoch knapp und läuft auf die Fensterbank. Oh nein!

Es muss just dieser Moment gewesen sein, in dem der Unterfranke mit seinem Kollegen vorbeifuhr und die beiden eine knieende Frau sahen, die sich gegen ein Schaufenster lehnt, mit einer überdimensionalen Spritze herumhantiert und eine unbekannte Flüssigkeit durch ein Loch in der Scheibe drückt.

Ich war gescheitert, die Rettungsaktion missglückt, denn auch die nächsten Versuche führten lediglich dazu, dass das Wasser auf der Fensterbank landete und nicht in meinem Pflänzchen.
Nach weiteren fruchtlosen Versuchen gab ich es auf und fügte mich traurig in unser Schicksal. Dann war das eben so, dann sollte das wohl so sein. Nothing left to do. Mit hängenden Schultern ging ich nach Hause. Ich würde das kleine Leben nicht retten können.

Als ich am nächsten Tag erneut an dem Ort des Sterbens vorbeigehe, und schuldbewusst in den Laden schaue, ist die Pflanze verschwunden. Weg! Verdutzt bleibe ich stehen und weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein soll. Was mag bloß mit ihr geschehen sein? Wahrscheinlich haben sie sie, aufmerksam geworden durch meinen Anruf, entsorgt, um so einem weiteren Gespräch mit der Irren vorzubeugen. So muss es gewesen sein, denn alle anderen Pflanzenleichen stehen noch da, nur mein Zögling fehlt. Möglicherweise, so überlege ich weiter, hat es der Frau aber auch leid getan, sie hat unverhofft ihre innere Florence Nightingale entdeckt, das Büro abgeschlossen und ist in die Wrangelstraße geeilt, um das tapfere Pflänzchen zu befreien, es mit nach Hause zu nehmen und dort gesund zu pflegen.
Bestimmt war es so, versuche ich mir einzureden, doch ich kann mich selbst nicht so recht überzeugen von dieser Variante. Nachdenklich gehe ich weiter die Straße entlang in Richtung Hochbahn und denke über das Leben nach, über Schicksalswendungen und über die Verrohung der Menschheit. Wie ich so vor mich hinsinniere, die Augen fest auf den Boden geheftet um kreuzende Hundehaufen rechtzeitig wahrnehmen zu können, bleibt mein Blick plötzlich an der Eingangsstufe des nächsten Hauses hängen und mir fällt vor Überraschung der Schlüssel aus der Hand. Da steht sie! Sie ist es, ich erkenne sie wieder! Die zweieinhalb Blätter. Mein Pflänzchen!
Glücklich stürze ch zu ihr hin, und betrachte sie von allen Seiten. Verändert sieht sie aus, denn irgendjemand hat sämtliche vertrocknete Blätter entfernt, die Pflanze aus dem Topf heraus gelöst und die Erde vom Wurzelballen beseitigt, so dass dieser nackt daliegt wie ein Knäuel dicker, bleicher Würmer.
Wahrscheinlich, so wird mir schlagartig klar, dachte die Frau am Telefon, dass sich in der Pflanze ein Schatz verbergen müsse, wenn ich bereit war derart viel Geld für die Rettung von zwei (einhalb) Blättern auf den Tisch zu legen. Deswegen hat sie das arme Geschöpf regelrecht auseinander genommen.
Mit beiden Händen greife ich jetzt meinen Schützling, hebe ihn auf, eile zurück nach Hause und stelle ihn auf die Terrasse, wo ich den Topf mit Erde befülle und ihn gründlich wässere.
Nach getaner Arbeit stiefele ich leichten Herzens los und stoße vor der Bar auf der Skalitzer Straße mit einem Glas gutem Barbera auf das wundersame Leben an.

Epilog:

Die Pflanze wuchs und gedieh, und wie ich irgendwann heraus fand handelte es sich um eine Klivie, die äußerst giftig für Katzen ist. Um etwaigen Unfällen vorzubeugen stellte ich sie an einen unzugänglichen, aber leider auch dunklen Ort, wo es ihr dennoch gut zu gehen schien. Jedes neue Blatt entlockte mir kleine Jublerufe. Sie hatte es geschafft!

//

Jahre später lerne ich den Unterfranken kennen, dem ich eines Tages, wir liegen auf dem Bett und er zuppelt an meinen Zehen herum, die Geschichte der wundersamen Pflanzenrettung erzähle, was zu einem, mir unerklärlichen, Lachanfall  bei ihm führt.
Du warst das, prustet er los und lässt von meinen Füßen ab, du bist die Verrückte, die ich vor Jahren gesehen habe. Na klar!
Dann erzählt er mir, wie die Szene sich ihm damals dargeboten hatte und wie lange dieser seltsame Anblick der knieenden Frau mit der riesigen Spritze ihn noch beschäftigt hatte.
Und heute, so schließt er die Geschichte, bist du mein Schnuckilein.

//

Inzwischen lebt die Klivie lange schon beim Unterfranken, der sie durch konsequente Nichtachtung und seltene Wassergaben immer und immer wieder zum Blühen bringt, was mir, vor lauter überbehütender Sorge, niemals gelungen war.

In die Räume der stillgelegten Kneipe haben nun auch die Medienmenschen Einzug gehalten, die seit ein paar Jahren den Kiez mit ihrem Geld und ihrer sprudelnden Kreativität fluten.

Time goes by.

 

 

 

 

 

 

Bild: Rotational – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7085668

Mobbing

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Der Unterfranke wird gemobbt. Von seiner nächsten Vorgesetzten.
Nachdem ihre Avancen ins Leere gingen und aus dem angebotenen Du kein Wir wurde, zog der Ton zunächst an, pendelte sich dann aber in einem halbwegs tragbaren Bereich ein. Kleine Sticheleien hier und da, ein scharfer Witz, eine abfällige Bemerkung.
Seit einiger Zeit nun aber wird er von ihr vor seinen Kollegen angezählt und in seiner Abwesenheit rühmt sie sich, wie sie ihn zusammen gefaltet und ihn zu Tätigkeiten gezwungen habe, für die eigentlich der Hausmeister zuständig ist, der sich auch erbot diese zu übernehmen, doch, nein, das soll mal schön der Unterfranke machen, als Erziehungsmaßnahme, und zwar vor seiner eigentlichen Arbeitszeit.

Sie verbreitet falsche Behauptungen über ihn, unterstellt ihm (auf kleinen Zettelchen, die sie auf seinen Platz legt) Aufgaben, die er quittiert hat in Wahrheit nicht erfüllt zu haben. Und immer wieder erklärt sie ihm, dass die nächsthöhere Chefin ihn mit Argusaugen beobachte und er aufpassen müsse, wenn er seinen Job nicht verlieren wolle.

Unlängst wurde ein Kollege (und Freund) des Unterfranken ins dessen Abwesenheit in der Teamsitzung als Krebsgeschwür bezeichnet, das es aus der Gruppe heraus zu reissen gelte. Akzeptable Gründe für diese Formulierung gab es nicht. Der Kollege würde ab und an Privatgespräche auf seinem Handy führen, hieß es, eine Behauptung, der der Unterfranke und weitere Kollegen deutlich widersprachen. Unmittelbar nach der Sitzung wurde dem Mann gekündigt und er wurde abgefunden.
Der Unterfranke aber wurde von seiner mobbenden Vorgesetzten wegen seines unloyalen Verhaltens gerügt. Seine Parteinahme für den Freund bei der Teamsitzung nehme man ihm im Hause sehr übel. Er solle fortan aufpassen.

Derzeit werden mehrere neue Kollegen eingearbeitet, die höher qualifiziert sind als der Unterfranke und das (ehemalige) Krebsgeschwür, und deren Tätigkeiten deshalb mit den zuständigen Kostenträgern zu einem lukrativeren Satz abrechenbar sind. Honni soit qui mal y pense.

Der Unterfranke hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Es gibt keinen Betriebsrat in dem Unternehmen.

Irgend jemand eine Idee, was man da tun kann?

 

 

 

 

 

Bild: Dave Cube, black-white 07, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Coup de Schlumpf

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Der Unterfranke sammelt gerne und viel und er liebt die Ordnung. Im Prinzip. Heimisch wird sie bei so vielen Fundstücken allerdings nur schwer und da er nichts wegwerfen möchte, beschließt er einen Ebay-Account einzurichten und dort das ein oder andere zu verkaufen. Anfangen will er, versuchsweise, mit einem kleinen Schlumpf. Einem, den er doppelt, wahrscheinlich sogar drei-, möglicherweise auch vierfach besitzt, obwohl er nie vorhatte sowas zu sammeln. Es hat sich einfach so ergeben. Die Dinge liegen am Straßenrand und bitten regelrecht darum mitgenommen zu werden. Der Unterfranke hat ein großes Herz und gibt ihnen allen ein Zuhause. Dafür opfert er in seiner 3-Zimmer-Wohnung in bester Lage auch gerne einen ganzen Raum, der bis unter die Decke voll ist mit seinen Schutzbefohlenen. So voll, dass man nicht einmal eine Pritsche für einen Übernachtungsgast aufstellen könnte. Selbst sein braver Hund hat Mühe, sich zwischen all den Schätzen hindurch zu schlängeln, wenn er das Zimmer durchqueren will. Wer sich nicht zu dem Unterfranken ins Bett legen möchte, der kann leider nicht bleiben, falls er den letzten Bus verpasst hat und zu müde oder zu breit zum Laufen ist, denn in dem dritten Wohnraum stehen das Motorrad und jede Menge Werkzeug und Ersatzteile. Wer trotzdem bleibt, bekommt am nächsten Morgen einen starken Kaffee und kann diesen mit Blick auf Spree und Treptower Park genießen. Darüber hinaus kann der Besuch sich an dem Schwarz-weiß-Photo eines überaus wohlgeformten weiblichen Gesäßes in Netzstrumpfhosen erfreuen, der durch die knapp neben der Pofalte verlaufende Naht besonders raffiniert in Szene gesetzt ist.

Ein weiterer Blickfang sind der kleine Birnbaum, der aus einem alten Toaster herauswächst und der Apfelbaum, der aus einem Wasserkessel sprießt, den der Unterfranke gefunden hat.

Einmal hat der Unterfranke Flohmarkt gemacht. Das ist schon lange her. Unter anderem hat er damals ein Skelett verkauft, ein richtig teures, wie es zur Physiotherapieausbildung verwendet wird. Bis heute bedauert er, sich von einem solchen Prachtstück getrennt zu haben. Besser erstmal gar nichts weggeben, das wird ja alles immer wertvoller, Tag für Tag, und irgendwann braucht man dringend Geld und hat längst alles versilbert. Höchstens den Schlumpf könnte man mal verkaufen, bei Ebay. Sind ja noch 2 bis 3 gleiche übrig, falls sich auch hier der Wert überraschend steigern sollte, oder der Notfall eintritt.

Möööööööp

Ein Verkauf bei Ebay will gut vorbereitet sein, damit man sich hinterher nicht mit schlechten Bewertungen herumschlagen muss. Zuerst mal braucht man natürlich dringend gute Fotos und dafür wartet man am besten auf das richtige Licht. Im Winter wird das also nichts, verschieben wir es auf den Frühling. Der Unterfranke hat keine Eile, der Schlumpf sowieso nicht, er fühlt sich wohl unter seinesgleichen und in der Obhut seines Finders.

An einem Mittag im Frühjahr liegt der Unterfranke auf dem Bett, in der einen Hand den Schlumpf, über dessen Mütze er selbstvergessen mit dem Daumen streichelt, in der anderen ein Buch, und auf seinem Brustkorb die Tigerkatze.

– Wolltest du den Schlumpf nicht verkaufen?, frage ich ihn.
– Sicher.
– Wollen wir mal Fotos machen?
– Sicher.
– Wann denn?
– Sicher.
– Hörst du mir zu?
– Sicher.

So wird das nichts. Ich hole die Kamera und schieße ein paar Bilder von den Dreien.
Zu meiner Überraschung packt den Unterfranken, kaum, dass er die Fotos sieht, die Kaufmannslust. Mit frischem Mut legt er sein Buch beiseite, schält sich aus dem Bett, holt den Laptop aus dem Regal und öffnet die Ebay-Seite.

– Wie soll ich mich denn nennen?, fragt er mich in euphorischer Stimmung.
– Wie wär´s mit Unterfranke?
– Ne. Was hälst du von Schrauber?
– Auch gut.
– Oder vielleicht Stier, mein Sternzeichen.
– Ja.
– Ich glaube aber nicht an Astrologie.
– Macht ja nix, ist ja nur ein Name.
– Wieso nur. Das bin ja auch ich, und am Ende denkt noch jemand ich wäre ein Bulle.
– Wieso das denn?
– Wegen Stier.
– Ist doch egal, was irgendwer, den du nicht kennst, von dir bzw deinem Namen denkt.
– Mit Bullen will aber keiner Geschäfte machen. Das riecht nach Ärger. Ich hab´s, ich nenne mich Husaberg.
– Super.
– Das sagst du nur damit ich mich beeile.
– Damit du dich wenigstens mal anmeldest.
– Also gut, dann Husar.
– Dufte.
– Husar?
– Ja!

Die weitere Anmeldung verläuft komplikationslos und nach 10 Minuten steht der kleine Plastikschlumpf, zusammen mit der Tigerkatze und der Hand des Unterfranken online.
Die Auktion läuft 12 Tage und an jedem einzelnen schaut der Unterfranke mindestens 3 mal nach ob schon jemand auf den Schlumpf geboten hat. Fehlanzeige. Niemand interessiert sich für den kleinen Kerl.

Am letzten Tag der Auktion liegen wir zusammen auf dem Bett und gucken eine DVD.

Wenn niemand den Schlumpf ersteigert und diese Auktion der Testlauf ist, um endlich die Wohnung zu entrümpeln, denke ich, dann wird der Unterfranke nie wieder versuchen etwas bei Ebay zu versteigern und irgendwann unter all den Fundsachen verschütt gehen.
Unter einem Vorwand verabschiede ich mich ins Nebenzimmer, eröffne auf die Schnelle einen Ebay-Account unter einem Phantasienamen, und ersteigere den Schlumpf in letzter Minute. Er wird sich so freuen!
Nach dem Film geht der Unterfranke an den Computer. Kurz darauf höre ich einen Schrei von nebenan.

– Aaaaargghhh! Das gibt’s doch nicht!
– Was denn,
frage ich scheinheilig.
– Der Schlumpf ist verkauft. Sauerei!
– Wieso Sauerei?
– Den kauft doch keiner, jetzt kauft den doch einer! Das gibt’s doch nicht!
– Aber du hast doch noch drei davon!
– Na und. Aber dieser hier ist trotzdem einmalig.
– Ich dachte du wolltest ihn loswerden.
– Aber doch nicht für einen Euro!
– Dann hättest du ein Mindestgebot verlangen müssen.
– Scheiße, echt! Ich verkauf nix mehr. Immer wird man über den Tisch gezogen.
– Guck mal, wer ihn gekauft hat,
schlage ich vor, vielleicht lässt sich mit dem demjenigen verhandeln. Du schickst ihm oder ihr einfach `ne Mail und sagst Du hast dich geirrt.
– Dann gibt das Arschloch mir eine schlechte Bewertung.
– Versuchs doch mal.
– Ich hasse den jetzt schon. Ist bestimmt ein Arztsohn.

Tatsächlich schickt der Unterfranke mir noch am gleichen Abend eine zerknirschte Mail,  mit der Bitte den Kauf rückgängig zu machen.
Später liegen wir zusammen im Bett, zwischen uns die Katze und der Schlumpf.

Es war eine bescheuerte Idee den Schlumpf bei Ebay einzustellen, sagt der Unterfranke und ich kann hören, wie schwer ihm um´s Herz ist.
Vielleicht wird doch noch alles gut, flüstere ich und streiche dem kleinen blauen Kerl über seine Mütze.

Bürzel

Leda
Manche Bloggerin und mancher Blogger übt sich in der Dichtkunst.
Ich versuche es erst gar nicht. Kein Talent.
Der Unterfranke aber, der hat´s drauf:

Dem frühen Tag die Nacht gewichen,

Dämm´rung sich an den Tag geschlichen,

Wohlweißlich nicht der Schwan sich fragt,

wer ihn da an den Bürzel packt.

Unterfranke, Sommer 2005

Beinahe Rilke, oder doch eher Eichendorff?