Ein klitzekleines Kind übergab man mir. Eingewickelt in eine wattierte Decke, hatte es nur knapp die Größe eines Zeigefingers. Das zerknautschte rote Gesichtchen und die geschlossenen Augen zeugten von der nur wenige Stunden zurück liegenden Geburt.

Ich solle es zu seiner Mutter bringen, sagte man und obwohl mir unwohl dabei war, tat ich wie mir geheißen.

An den Weg zu der mir unbekannten Frau erinnere ich mich kaum, nur daran, dass das Kind, ein Mädchen, in meiner heissen Hand und dick eingepackt wie es war, zu schmelzen drohte, und sein winziger Körper eine solche Hitze abstrahlte, dass ich es kaum mehr zu halten vermochte.

Am Ziel, einem fünfstöckigen Gründerzeitwohnhaus, angekommen, trug ich es eine endlos lange  Wendeltreppe empor. Die Stufen waren so hoch und so tief, dass ich sie trotz meiner langen Beine nur unter Zuhilfenahme der freien Hand erklimmen konnte. Unterdessen ging es dem Kind in meiner Linken  immer schlechter. Doch oben angekommen, befand sich neben der letzten Stufe, eingelassen in einen Holzpfosten, eine Steckdose in die ich sogleich, als lebensrettende Maßnahme, ein Ladekabel steckte. Während ich, in der einen Hand das glühende Kind, in der anderen den Stecker, dort kniete, versammelte sich eine Gruppe Frauen in cremefarbenen Leggings, mit kurzem Flatterröcckchen und engem Spaghettitop an der Balustrade und begann einen stummen Tanz. Es war das Stasiballett und sofort fiel mir auf, dass eine der Frauen sich nicht synchron  zu den anderen bewegte. Auch ihr Körper verriet, dass sie nie und nimmer eine Tänzerin war.
Nun wusste ich auch, wer die Mutter des Kindes war: es war Frau Dr. Angela Merkel.
Das kleine Mädchen in der Hand stieg ich vorsichtig die Treppe wieder herunter und verließ das Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traum nach einer Dokumentation über sexuellen Missbrauch in der Familie

 

Zweite Reihe

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Du und ich sind bei der Beerdigung meiner Mutter (oder war es Dein Vater).

Ich bin beinahe sicher, dass es meine Mutter gewesen sein muss, denn die Frauen, die in der ersten Reihe des düsteren Raumes mit rotschwarzem Hochflorteppich stehen und klagen, sind Russinnen, zumindest singen sie auf russisch und sie sehen auch so aus.

Eine große Vase steht auf dem Boden, darin befinden sich pinkfarbene, voll aufgeblühte Lilien. Ihr Aussehen ist auf eine merkwürdige Weise obszön, ihr Duft betäubend wie Aas.
Sie sind sehr lang und stehen so dicht vor mir, dass ich nicht an ihnen vorbeischauen kann um einen Blick auf den eichefarbenen Sarg meiner Mutter zu werfen.

Ich bitte die Frau, die links vor mir steht, und die ich wegen ihres Auftretens für die Anführerin der Gruppe halte, die Blumen beiseite zu stellen, doch sie hört mich nicht und lamentiert, den Blick geradeaus, singsangend weiter. Da greife ich selbst nach der Vase und schiebe sie ein Stück nach links. Augenblicklich rückt die Klagende sie zurück und blickt dabei unbeirrt nach vorne.

Während der Trauerfeier erfahre ich, dass ich im Lotto gewonnen habe. 17 Millionen. Ich kann es kaum fassen und schaue immer und immer wieder auf meinen Kontoauszug. Es stimmt. 17 Millionen steht dort. Zur Sicherheit gehe ich sofort zum Bankomaten und ziehe 200.000 in Hunderternoten. Ich blättere die Scheine durch, wie ein Daumenkino. Dann lege ich mir die Bündel in den schwarzen Schoß.

So erleichtert bin ich, dass ich darüber ganz vergesse wo ich bin. Ich habe im Lotto gewonnen! Ich bin reich!
Das vertreibt zwar nicht alle meine Sorgen, aber doch einen großen Teil davon. Die Katzen können bei mir bleiben, ich kann mir die Behandlung des Hundes problemlos leisten. Doch allem voran werde ich mich nicht weiter der Missgunst meines Bruders aussetzen müssen. Ganz im Gegenteil. Ich werde dem neidgemarterten Menschen Scheine zu essen geben, bis er Muh macht und ich ihn an einem Nasenring durch die Arena führen kann, die rote.

Den weiteren Verlauf der Trauerfeier habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur, dass Du irgendwann, nach dem soundsovielten Hin- und Herrücken, die Vase umgetreten und die Blumen auf den Boden geworfen hast. Mir zuliebe.

Was dann geschah weiss ich nicht mehr.
Ist auch nicht so wichtig, denn ich habe  im Lotto gewonnen. Da kann ich mir künftig soviele Beerdigungen leisten, wie ich will.

Ach, und Käse kam noch drin vor, in meinem Traum.
Schließt den Magen und macht dick, wenn man jeden Abend 18 reichlich damit belegte Brote isst. Zwanzig Kilo würdest Du auf Dauer zunehmen, wenn Du das nicht berücksichtigtest. Und ich hätte Dich nicht weniger gern. Weisst du ja.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Lilien, Ting Chen, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Verwechslung

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In der Nacht träume ich, dass ich nach Hause komme und die Vermieterin in meiner Wohnung steht, die sie während meiner Abwesenheit unbewohnbar gemacht hat. Bad und Küche liegen in Trümmern.
Anstatt sie zu fragen, wie sie sich Zutritt zu den Räumen verschafft hat, beschimpfe ich sie auf vulgärste Weise. In ihrem Gesicht zeichnet sich große Genugtuung über meine Entgleisung ab. Sie lächelt zufrieden. Erst da erkenne ich, dass sie meine Mutter ist.

 

 

 

 

Bild: diadàLizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Allein

 

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Us could not be
the earth could not stand it

Seit frühen Tagen beunruhigen mich Hochspannungsmasten. Die stoische Anmut. Schwebend, gewaltig und drohend ihre manifeste Einsamkeit. Erhabener, als jene des bleischweren vollgesogenen Kieses unter den Füßen. Knirschende Verlorenheit, zum Sterben irdisch. Ein verwaister Biergarten, ein schnurgerader Friedhofsweg.

Eine sich öffnende Aufzugtür, die beinahe lautlos hinter mir schließt. Zwei schneeweisse Arme schieben sich durch  die metallene Kabinenwand. Zarte Hände halten die Waffe, wie ein Instrument. Eine Geisha im seidigen Kimono schießt mir mit einer Armbrust in den Rücken. Es splittert. Unbewegt ihr Gesicht im stummen Gehorsam. Unentrinnbarkeit. Ich falle.

Ich bin allein.

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/okinawa-soba/4408376406/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Fels

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In meinem Traum sehe ich das Haus zwischen zwei Felsen auf eine Nehrung gebaut. Ein schwarzer Ozeandampfer steht mit Schlagseite in der Bucht, sein Schornstein ein stummer Zylinder. Bald wird er sinken.

 

 

 

 

 

Bild: flickr kevbreiz https://www.flickr.com/photos/kevbreiz-photo/4211510832/in/photostream/Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Port de plaisance

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Der Weltenriegel (kurz vor dem Einschlafen/ hoffentlich weiß ich das morgen noch). Irgendein geniales Konzept in Richtung Weltformel, Weltrettung, Erlösung. Glück durch Vernunft.
Am Morgen ist nichts übrig, als dieses Wort und ein wolkenschwerer Hochsommertag mit tropischfeuchtem Grün. (Schleimig wie ein Neugeborenes).
Gemeinsam in der Küche, jeder für sich. Das Humboldt-Lab in Dahlem lassen wir. Stattdessen lieber B Movie Berlin.

Wer sich an die Achtziger erinnert hat sie nicht erlebt

Später träume ich wieder diesen riesigen leeren Dachboden, weitläufig wie ein Ballsaal. Schrägen, Balken, Bretterboden, ein paar Überseekisten. Erinnerungen.
Sonnenstrahlen fallen durch die Ritzen im Gebälk, Staub tanzt in den Stelen aus Licht.
Heimelige Dunkelheit. Es riecht nach Eichenholz. Eine Seilbahn führt quer durch den abschüssigen Raum. Ich strecke die Arme nach oben und gleite lautlos zum anderen Ende. Licht trifft auf meine Netzhaut. Ich komme niemals an.
So ist es immer.

Phantasie mit F ist Disney, sagt der Eine.

Roter Samt, Messing, lange Flure, Läufer, knarrender Boden, Geheimnisse.
Ein Hotel in Lorient, in meiner Kindheit oder lange davor.

Bild: „Beverley Minster roof space above the nave“ von Richard Needham – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beverley_Minster_roof_space_above_the_nave.JPG#/media/File:Beverley_Minster_roof_space_above_the_nave.JPG

Zeppelin

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Aus der Mitte des sandfarbenen Papierblattes dreht eine Spitze sich heraus,
ein Bleistift oder eine Schraube, langsam zu mir hin.
Ganz dicht, beinahe bis an die Iris kommt sie, und ich blinzle nicht. Der Tränenkanal.

Ein Zigarrenstumpen, träger Käfer, brummt im Tiefflug lautlos vorbei. Ganz nah. Überraschende Schwerelosigkeit. (Der Vater) . Sein Schatten auf dem Papier wie ein landender Zeppelin.

Endloser Raum, weißes Licht. Solides Schweben.

In einer anderen Nacht sind es Buchstaben, tiefe Lettern, ochsenblutfarben, die sich freihändig vor mir bewegen, wie der Abspann eines Filmes. Einzeln, nacheinander. Bis etwas sie zurückschnellen lässt, eine elastische Kraft sie an die Rückseite des falzlosen Raumes zieht, wo sie geräuschlos anhaften auf dichtem Weiß:

A und M und O.

Es ist still hier.

Bild: By …trialsanderrors [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Heimweh

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Sehnsucht ist die Nabelschnur des höheren Lebens.

Søren Kierkegaard

Die Glasraupe krümmt und streckt sich im Wechsel.
Jede Dehnung bringt sie ein Stückchen vorwärts.
Durch ihren Körper hindurch sehe ich die Schrift, wie durch eine Lupe; in der Mitte groß, zu den Rändern hin kleiner werdend.
Ich kann nicht lesen was dort steht. Es gelingt mir nicht, mehr als nur einen Buchstaben zur gleichen Zeit zu erkennen. Es gelingt mir nicht, die Buchstaben zu Worten zusammen zu setzen.

Die Statik hat sich verändert. Ein wachsendes Haus.
Von der Kehldecke zur Kuppel. Eine Kirche.
Ich bin noch nicht mitgewachsen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf ins Gebälk.
Der alte Kindheitstraum: oben, von der Empore seilt sich eine große graue Spinne ab. Schnell zurrt der Faden aus ihrem Leib, beinahe im freien Fall stürzt sie auf mich zu, ihre Beine greifen ins Leere wie tastende Fühler, ich stehe gelähmt, will schreien, bleibe stumm, öffne Augen und den Mund, spüre, wie sie meinen Rachen berührt, landet, Halt findet auf meiner Zunge. Der Fallschirmspringer. Sie läuft ins Dunkle, ich schlucke.
Dieser unvorstellbare, markerschütternde Ekel. Würgen. Verzweiflung über meine Unachtsamkeit, auch über ihren Tod. Ich bin vergiftet. Jedes Mal aufs Neue.

Mein Großvater im Talar, das dunkle Holz der Kanzel.
Cola und Chips, der Leib und das Blut.
Armer Jesus.
Wieso opfert der Vater seinen Sohn?

Der schwule, junge Pfarrer mit der Beule im Schritt.

Die Schildkröte gräbt einen Fluchttunnel zum Nachbargarten.
Wir finden sie und bringen sie zurück in ihren Käfig.
Am Morgen sehe ich meine Mutter mit verweinten Augen. Während wir schliefen hat sie die kleine Tusnelda mit dem Absatz ihres Stilettos aufgespießt.
Ich hasse sie dafür.

Ende des Monats werde ich sie wiedersehen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren.
Ich fürchte mich nicht mehr davor.
Ich habe eine unerwartete, beinahe ungeduldige Sehnsucht nach ihr. Nach stiller Versöhnung. Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Ein Menschenkind wie ich. Ihre Hand nehmen, die pergamentdünne Haut spüren. Der Rest an Leben, der durch ihre geduldigen Adern fließt.
Sie wird mich nicht erkennen.

Mama, werde ich zu ihr sagen, vielleicht zum letzten Mal.

Töle nehme ich mit. Sie ist so freundlich zu jedem Lebewesen.

Bild: By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Hitler und die Pornomaus

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Gleich mit der ersten Silbe verschwimmen die Konturen und die Erinnerung verflüchtigt sich. Was bleibt: Hitler und die Pornomaus.
Sonst nichts. Zwei Subjekte, kein Prädikat, kein Objekt.
Keine Bilder, keine Ahnung.
Typisch Du, sagt das Leihkind, als ich ihr davon erzähle.
War´s ein Abzählreim für Erwachsene?

Hitler und die Pornomaus
ziehen sich die Hosen aus
zieh´n sie wieder an
und du bist dran

Diese Maus ist kein Nagetier. Wie Hitler den Weg in meine Träume fand bleibt ein Rätsel.
(Ich sehe ihn vor mir in rosa Reithosen und denke seltsamerweise an Frank Wedekind.
Abrichten oder hinrichten.)

Bild: „Mus-DSC 2459“ von CostaPPPR – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mus-DSC_2459.jpg#mediaviewer/File:Mus-DSC_2459.jpg