Mittwoch-Scheune

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Als Kind war für mich Punsch und Putsch in etwa dasselbe: eine Erwachsenensache.
Für uns Kleinen gab es Matsch und Quatsch, oder Bratwurst mit Pommes. (Schranke war in unserem Teil Deutschlands unbekannt oder überhaupt noch nicht erfunden).
Manchmal gab man uns auch Uhu und Pattex, oder war´s Pritt, was so köstlich duftete, wie Sprit aus der Zapfsäule?
Neben der Chevron-Tankstelle arbeiteten Männer mit blauen Einteilern in einer Mittwoch-Scheune oder einer Dienstage-Montage-Halle? Rätselhaft.

Auch Touristen und Terroristen konnte ich nicht so recht auseinanderhalten, schließlich kannte ich keine, obwohl es viele zu geben schien, vor allem in Frankfurt, wo wir lebten. In jedem Postamt hingen Plakate, auf denen sie abgebildet waren. Schwarz-weiß-Porträts, rot eingekastelt, schön nebeneinander. Und wenn die Polizei einen Touristen gefangen hatte, wurde er durchgestrichen, wie beim Schiffe-versenken.

Als ich schon etwas älter war und mich in einer Mansardenwohnung vergnügte, tat es  plötzlich einen Knall und bald darauf hörte man das Martinshorn, bzw. eine sich nähernde Martinshornsinfonie. Der Ziegenhirte und ich warfen uns etwas über, liefen zum Fenster und schauten hinaus. Ein Tourist hatte im Haus gegenüber seine Knarre gereinigt und dabei versehentlich in die Zimmerdecke geschossen. Möglicherweise war´s auch ein Terrorist, der sich da so ungeschickt angestellt hatte (wie es die Berlin-Touristen auf der Rolltreppe tun). Oder wollte er etwa Selbstmord begehen, bei einer Partie Russisch Roulette, und war selbst dazu zu unbeholfen?

Unbeliebt schienen jedenfalls beide Menschengattungen zu sein, Terroristen, wie auch Touristen, soviel war klar. Die einen mehr, die anderen weniger.

Renitent war ich, wenn ich zu lange nachfragte oder frug, wenn ich es unbedingt wissen wollte, und zwar genau, mich für Feinheiten und Details interessierte oder Synonyme sammelte (nicht zu verwechseln mit Anonymen). Manchmal insistierte ich sogar (ohne zu wissen, was das bedeutete), wenn ich nämlich darauf bestand, dass es genauso gut Zebrastriche heissen könne. Zebrastreifen!, schimpfte meine Mutter dann, und ich weiss nicht beim wievielten Durchgang dieses Tauziehens sie die Nerven verlor. Zu Strichen kann man auch Streifen sagen, behauptete ich unbeirrt  weiter und plötzlich  gong! wackelte mein Kopf wie ein trudelnder Kegel und ich blickte in ihre zornigen Augen.
Der Preis der Renitenz a.k.a Eigenwilligkeit.

Weil sie es so schwer mit mir hatte, erwog meine Mutter beinahe täglich, mich ins Kinderheim zu stecken (Stecken? Hä, wie soll das denn gehen?), während mein Bruder für die Nervenheilanstalt vorgemerkt war.
Doch was ist eine Drohung wert, der keine Taten folgen? Nüschte!

Das hätten auch die Putschisten wissen können, die erst eine Ausgangsperre verhängen, das Kriegsrecht ausrufen und dann tatenlos zugucken, wie die Bevölkerung ihnen auf der Nase den Panzern herumtanzt.

Übrigens sind auch Putschisten Terroristen, solange sie keinen Erfolg haben. Mit der Übernahme der Macht ändert sich das. Doch so, wie es für sie ausgegangen ist, können sie jetzt nicht darauf hoffen, anderswo Asyl zu bekommen. Ihre Revolte ist gescheitert. Sie werden den gestohlenen Hubschrauber zurückgeben müssen. Persönlich.

Über den Amokläufer, der Touristen und Einheimische totfährt und nach Bekanntwerden seiner Glaubenszugehörigkeit augenblicklich  zum Terroristen erklärt wird, schreib ich nichts.

(Ich versuche hier nicht etwas zu verharmlosen und ich mache mich keinesfalls lustig über die grauenvollen Geschehnisse und die vielen Toten in diesen Tagen. Ich bin eher ungeschickt und unbeholfen im Umgang damit).

Meine Renitenz hat sich übrigens über die Jahre verwachsen, bzw. eine altersadäquate Entwicklung genommen und irgendwann war ich dann zu alt für´s Kinderheim (würden die Augen machen, säße ich heute noch auf ihren kleinen Stühlchen und äße von ihren winzigen Tellerchen, wie einst Schneewittchen, favourite Identifikationsfigur of my childhood).

Bei meinem Bruder kam es, nach Anstieg des Testosteronspiegels, zu einer Erstverschlimmerung seines Zustandes, die bis heute anhält.

Glauben Sie nicht alles, was sie hier lesen.
Ich weiss es besser.

 

 

 

 

 

 

Bild: Sludge G, flickr, Playground apparatus,Toadstool slide, Lloyd Park E17
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Call Me Spießig

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Hab ich schon mal erwähnt, wie ich es finde, dass mit zunehmendem touristischen Andrang hier auch immer mehr zertrümmerte Flaschen (Bier/ Wodka/ Club Mate) auf den Wegen, und vorzugsweise den Radwegen, rumliegen, weil jeder dahergelaufene Röhrenhosenträger mit Fusselbärtchen glaubt, dass es irgendwie Berlin-Style wäre alles zu Boden zu fallen lassen, was man nicht mehr gebrauchen kann?
Isses aber nicht! Das ist einfach nur bad style und führt zu den kiez-weiten Aufklebern auf denen
Berlin doesn´t love you!
steht.
Interessiert keinen. Fühlen sich trotzdem alle sauwohl hier. Ich weiß.
Berghain, Party, Stumpfsinn.
Schön auch, dass die umsichtige Berliner Stadtreinigung (BSR) ihre Glascontainer vorzugsweise an Radwegen aufstellt. Zumindest hier in Kreuzberg. Macht ja nix, wenn die eine oder andere Flasche beim Einwerfen auf dem Boden landet und dort zerbirst.
Barfuß will man ja gar nicht durch die Stadt spazieren. Schon wegen der Hundescheiße nicht. Sind ja nicht auf dem Dorf. Aber ohne einen Platten nach Hause zu kommen, muss schon drin sein.
Kleinkinder sollte man besser immer an die Hand nehmen um zu verhindern, dass sie hinfallen und Scherben sich in die kleinen Hände und Kniee bohren.
Dass Töle sich nichts eintritt ist meine persönliche Hauptsorge.
Wenn ihr, werte Besucher der Stadt, vielleicht ein klitzekleines Bisschen auf euer Leergut acht geben würdet, und es eventuell netterweise irgendwo sicher abstellen könntet, wo die vielen Menschen, die mit Flaschenpfand ihr Hartz oder die kleine Rente aufstocken, es einsammeln können; wenn ihr darüber hinaus in eurer obligatorischen Feierstimmung noch ein wenig die Lautstärke runterpegeln würdet, damit die Einwohner, die noch Arbeit haben morgens aufstehen und den Tag bewältigen können, und wenn ihr zudem nicht ständig in großen Gruppen die Gehwege blockieren und saufenderweise die U-Bahn verstopfen würdet, dann würde Berlin euch wahrscheinlich mögen. Sofern Berlin in der Lage ist irgendwen zu mögen.
Eure Rollkoffer mit all den iGadgets möchte ich hier auch bitte nicht mehr rattern hören, wenn ich versuche in den Morgenstunden etwas Ruhe zu finden, ehe die BSR zu Sonderschichten ausfährt, um noch vor  6 h eure Scherben zu beseitigen.

Nichts für ungut, call me spießig.

Grütze, verhagelte (Sbst., f.)

Hail Hagel

Abgesehen davon, dass meine Friseurin gestern irgendwie nicht verstanden hat, was ich mit „nicht so kurz“ meine, hat sie mir zusätzlich noch den verregneten Tag mit ihrem berechtigten Geunke verhagelt.

Soll ja warm werden jetzt bald, sagt sie.

-Das behaupten die schon die ganze Zeit. Durchhalteparolen, entgegne ich.

-Na, im Süden isses warm. Mein Vater wohnt da.

-Prima. Wo ist denn Süden?

-Minger.

-Naja. München. Dafür muss man halt dann da leben.

-Ja, das will ich auch nicht mehr. Aber ist ja eigentlich auch gar nicht so gut, wenn es bei uns warm wird.

-Isses nich?

-Ne. Dann sind die Touristen wieder ü-b-e-r-a-l-l.  Davor graut es mit jetzt schon.

-Scheiße! Stimmt. Hatte ich fast vergessen. Sind ja so schon genug.

-Und für dieses Jahr werden noch mehr erwartet, als für das letzte.

-Ja, hab´s auch gelesen. Schlimm.

-Wenn es dann nachts warm ist, kann ich nicht mehr schlafen, weil die auf dem Spielplatz am Weichselplatz durchfeiern. Und die Bullen will man ja auch nicht rufen.

-Ich kenn´ welche, die das inzwischen machen. Zwei  Ferienwohnungen im Haus und jede Nacht Party bis Anschlag. Immer wieder neue Leute. So oft kann man gar nicht die Treppe hochlatschen und um Ruhe bitten, weil man am nächsten Tag arbeiten muss. Das hälste nich aus.

-Die rufen jetzt jeden Tag die Bullen?

-Ja. Aber es kommen ja immer neue Touristen, die Kreuzberg für ein Bierzelt halten. Bringt also nix.

-Scheiße.

-Ja. Meinst du nicht meine Haare sind ein bisschen kurz geworden?

-Bisschen vielleicht. Aber die wachsen ja eh so schnell.

Kurze Haare, schlechte Laune.

Danke.

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Nachtrag: Heute scheint die Sonne, und die Haare sehen

“ awesome!!“ aus.

Vulpus vulpus

Vorgestern Nacht höre ich wieder dieses merkwürdig raue Kläffen. Es kommt vom Grundstück gegenüber. Töle schreckt auf und knurrt in den dunklen Garten, der von einem einzigen Fenster erhellt wird. Ein Hund ist das nicht. Vielleicht ein Fuchs? Aber können Füchse bellen?

Ja, das können sie.

Ich belese mich flüchtig zu Vulpus vulpus. Na klar, die haben jetzt Junge!

Mein Tierschutzherz ist voller Mitgefühl: wahrscheinlich sind die Kleinen in Gefahr und die Fähe warnt sie mit ihrem heiseren Bellen! Sicher wird sie von einem Hund verfolgt,-  ein abgerichteter Staffordshire-Rüde, der ihr ans Leder will!

Wie schwer die Tiere es durch diesen langen Winter haben, denke ich. Sogar die Zugvögel sind wieder umgekehrt und verursachen jetzt Zugvogelstau in Nordhessen.

Aber der Fuchs? Ist der nicht ein echter Ubiquist, der überall leben kann?

Was, wenn die Tiere ständig  gestört werden und nicht genügend Nahrung für sich und ihre Jungen besorgen können? Immerhin werden seit einiger Zeit die Mülltonnen da drüben weg geschlossen.

Von der Putenbrust für die Katzen ist doch noch ein großes Stück übrig.

Ja, ich weiß, Wildtiere soll man nicht füttern und zahm machen.Wenn gar ein anderer Hund das Fleisch findet und frisst, glaubt sein Besitzer bestimmt, dass es vergiftet war und sorgt sich sehr. Morgen ist dann wieder der ganze Kiez voll mit Warnungen vor Giftködern, die es noch nie gegeben hat. Ein paar Tage danach folgen Berichte über die ersten Todesopfer, die der Giftnotruf, wie immer, nicht bestätigen kann.

Aber wiegen die Nöte der Fuchsfamilie, diese Einwände nicht auf?

Ich schlüpfe in meine Jacke und schleiche hinaus in den nächtlichen Garten. Töle bleibt in der Wohnung. Mit Schwung werfe ich/ mit Verve schwinge ich, den großen Fleischlappen über den Zaun, höre ihn satt aufklatschen, und fühle mich wie Lady Gaga, die heimlich ihre Altkleider entsorgt.

Gestern Nacht dann, beim Einschlafen, lausche ich mal wieder einem Rollkoffer, der die Straße entlang rattert. Kurz darauf folgt das heisere Bellen.

Die Vision des Fuchses,  der am Hosenbein des Touristen hängt, begleitet mich in meinen heiteren Traum.

Morgen Nacht füttere ich ihn wieder.

 

Mariannenplatz

Der Mariannenplatz liegt eingebettet zwischen der Mariannenstraße im Osten, der Waldemarstraße im Süden, dem Bethaniendamm, der ihn im Norden begrenzt und der Adalbertstraße im Westen.

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Er führt den Namen Platz zu Recht, anders als zum Beispiel der nahe gelegene Heinrichplatz, der einfach ein Plätzchen ist.
Marianne von Oranienburg-Nassau, Tochter Wilhelm des I., ist die Namenspatin meines Lieblingsplatzes in Berlin.
Ich liebe es von der Mariannenstraße aus die Stufen zum Bethanien zu nehmen und zu dem alten schönen Gemäuer mit seinen beiden Türmen und der dazwischen angebrachten Glocke, die an Missionskirchen in Lateinamerika erinnert, empor zu schauen.
Ein Blick nach links: in der Ferne, der Feuerwehrbrunnen von Kurt Mühlenhaupt, der 1981 an derselben Stelle errichtet wurde, an dem schon sein Vorgänger dem Krieg zum Opfer fiel. Ich weiß, dass dieser Brunnen die Arbeit und die Opferbereitschaft der Feuerwehrleute würdigen soll. Ein Blick in die Gesichter der Bronzefiguren, lässt einen dann aber doch an der hehren Absicht zweifeln: die sehen mit ihren dicken, geschwollenen und überdimensionierten Nasen und ihrem dümmlichen Gesichtsausdruck allesamt aus wie schwere Säufer.
Man könnte glauben, dass der Brunnen aus Hass auf Feuerwehrleute dort steht, und einzig ihrer Verunglimpfung dienen soll.
Um den Brunnen herum, gruppieren sich im Halbkreis rosafarben getünchte Alt- und Neubauten.
Auf Luftaufnahmen nach 1945 ist deutlich zu erkennen, welche Häuser im Block durch Bomben ausradiert wurden.
Eines davon stand direkt auf der Ecke Waldemar-/ Mariannenstraße.
Dort befindet sich jetzt ein großer Neubau, der sich gut ins Bild einfügt, und dessen Erdgeschoss eine Eckkneipe beherbergt, in der schon Rio Reiser gerne und häufig zu Gast war.
Vielleicht haben durchzechte Nächte zu der ersten Zeile des Rauchhaussongs geführt.

Heute steht das Bethanien nicht mehr ganz leer.
Es beherbergt zahlreiche Ateliers für Künstler, eine Kita, das Restaurant
“3 Schwestern” und im Südflügel die ehemaligen Besetzer der Yorckstraße, die inzwischen ordentliche Mieter sind, den Betreibern des Künstlerhauses Bethanien aber aus Gründen des Renommées ein solcher Dorn im Auge waren, dass man sich entschloss in ein todschickes Haus auf dem Kottbusser Damm umzuziehen. Gut so.
Wo Kunst nicht nur apolitisch ist, sondern zum Erfüllungsgehilfen von Gentrifizierern und Gleichmachern wird und sich ausdrücklich von alternativen Lebensformen distanziert, ist sie eben auch nichts anderes mehr als ein Business. Dies allerdings gerne mit viel Chichi und Wichtigmeierei.
Kurz: ich bin froh, dass sie weg sind.
Der Südflügel beherbergt neben den” Yorckies” auch die Heilpraktiker Schule (selbstverwaltet), die mit einem lässig aus dem Fenster gehängten Transparent, verziert mit dem Yin-und-Yang-Symbol, ihren Standort kenntlich macht.
Sobald es warm genug ist, sitzen die SchülerInnen draußen und halten mit ihren gezähmten LehrerInnen im Freien Unterricht ab. Man erkennt sie sofort. Haare, Klamotten alles ein bißchen filzig und grob.
Am eindeutigsten sind sie aber an ihren Blicken auszumachen.
Da ist so etwas Wissendes drin. Da merkt man gleich, dass sie sich durch ihre spirituelle Offenheit Welten erschlossen haben, zu denen ich als verkopfter und ignoranter Mensch niemals Zugang haben werde.
Mit toleranzgeschürzten Gesichtern sitzen sie da, mit friedvoll hängenden Schultern und wachsamem Blick.
Eine kurze Irisdiagnose en passant. Ein Braunauge.
Mein verschlossen bis ablehnender Gesichtsausdruck lässt eine Spontandiagnose zu: “Sepia!, total Sepia! Verzweifelt oder verbittert!”
Das hat mir mal ein Homöopath mit auf den Weg gegeben. So würde ich enden.
Ob er am Ende recht behält?
Schnell die Schule und die glotzenden Gutmenschen hinter mir gelassen (ich spüre noch ihre kosmische, feinstoffliche Liebe im Nacken), und rechts abgebogen, vorbei am Freiluftkino und zum Nachbarschaftgarten.
Dort treffe ich fast immer auf den gleichen Trinker, der mit seinem Foxterrier Idefix Ball spielt.
Idefix ist der klassische Apportierhund. Er lebt einsam in der Welt seines Balles, Artgenossen interessieren ihn nicht, Menschen interessieren ihn nicht: der Ball muss fliegen, zurück gebracht werden um wieder zu fliegen.
Das alleine zählt, und das stimmt mich irgendwie traurig.
Auf dem Rasen stehen zwei übermuskulöse Typen mit ihrem übermuskulösen Staffordshire-Rüden.
Dieser hat sich derartig in einen Knüppel verbissen, dass sie damit das 50- Kilo-Tier immer im Kreise herumschleudern können.
Da freuen sich Mensch und Kreatur gleichermaßen.
Ich nehme den Weg durch den Nachbarschaftsgarten und bewege mich auf das Georg-von-Rauch-Haus zu.
Ich mag das alte Gebäude.
Von der Nordseite des Bethanien hört man Musikfetzen. Klavier.
Die Jugend-Musikschule.
Es riecht mal wieder nach geröstetem Brot und nach einem Feuerchen.
Aus den Schloten der Bauwägen vom Kreuzdorf raucht es behaglich.
Eine Gruppe Touristen kommt mir entgegen. Ein Reiseleiter erklärt ihnen alles, was man über das revolutionäre Kreuzberg wissen muss. Und natürlich muss der Rauch-Haus-Song herhalten.
Ich finde es respektlos, wie sie da vor der Wagenburg stehen bleiben um geiles Ghetto zu gucken.
Kein Blick zu diesen Deppen, und wenn sie noch so gerne mal Blickkontakt mit einem Ureinwohner hätten.

Zurück zur Vorderseite des Platzes.
Am nördlichen Ende steht die Engelskirche. Ein monumentaler, schöner Backsteinbau, den man architektonisch eher in der Toskana verorten würde.
Ich verweile einen Moment auf den Stufen vor dem Eingang und schaue einem großen Hunderudel beim Spielen in der Sonne zu.
Als das Ordnungsamt versucht sich anzuschleichen, flüchtet man in alle Richtungen.
Auch ich schnappe meine Töle und gehe nach Hause.
Nachher müssen wir eh nochmal raus. Zur Abendrunde auf dem Platz.

Das Baumhaus an der Mauer

Merry Crisis, Berlin, 2009

Das Baumhaus an der Mauer liegt im Bezirk Kreuzberg und nicht, wie manchmal fälschlicherweise behauptet, in Mitte.
Das war einmal, und so fängt die ganze Geschichte überhaupt erst an.
Denn Osman Kalin, gebürtiger Anatolier, verließ als 40 jähriger seine Heimat, ging nach Österreich und von dort über Stuttgart und Mannheim nach Berlin.
1980 kam er hier an und bezog eine Wohnung auf dem Bethaniendamm, mit Mauerblick.
Mit dem Eintritt ins Rentenalter 1983, begann auch die Langeweile und als Kalin mal wieder so aus dem Fenster auf die Berliner Mauer blickte kam ihm eine Idee.
Er krempelte die Ärmel hoch und fing an Schrott, Müll, Schutt und Steine von einer kleinen Brache zu schaffen, die vor seinem Haus im Schatten der Mauer lag.
Als diese Arbeit getan war, harkte er den Boden und bepflanzte ihn kurzerhand mit allerlei Gemüse und einigen Obstbäumen.
Ein Zaun drum herum, eine Holzhütte mitten drauf;- so wurde Kalin zum Schrebergärtner der eigenen Kolonie mit ihren eigenen Regeln.
Eines Tages aber öffnete sich eine Tür im antifaschistischen Schutzwall, und Uniformierte statteten dem Efendi Kalin einen Besuch ab.
Man erklärte ihm, dass der neu angelegte und prosperierende Schrebergarten, mitsamt Datscha, zum Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik gehöre, auch wenn er aus mauerbautechnischen Gründen (Mangel an Fertigteilen zur Errichtung der Grenzanlage aus Beton und Stahl) auf der anderen Seite des Walls lag.
Es soll eine Diskussion gegeben haben, in deren Verlauf Grenzer und Gärtner sich gegenseitig als Eselssohn betitelten (so der heute fast 50 jährige Sohn des Gartenbauers).
Man einigte sich: der Efendi durfte bleiben, sollte aber die tollkühne Baumhauskonstruktion nicht weiter aufstocken und die Mauer auch tunlichst nicht als Rankhilfe benutzen.
Das war also für´s Erste geklärt.
Unklar blieb weiterhin, wie der Efendi seinen Garten bewässern würde. Das Graben eines Brunnens wurde ihm untersagt, und die Berliner Wassergesellschaft stellte klar, dass sämtliches Wasser unterhalb des Straßenpflasters ihr allein, und nicht Allah gehöre.
So sprang der Pfarrer der gegenüberliegenden evangelischen
St. Thomas-Gemeinde ein, und bis heute verhilft der Quell der Nächstenliebe dem kleinen Eiland, zwischen Bethaniendamm und Mariannenplatz, Jahr für Jahr zur Blüte.

Zu Weihnachten sollen die DDR-Grenzer dem Efendi, als volkseigenen Anrainer, sogar Gebäck und Spirituosen durch die Mauer gereicht haben, bis diese dann fiel und das Baumhaus plötzlich nicht mehr am Rande West-Berlins, sondern mitten in der wiedervereinigten Stadt stand.

Mit Bienenfleiß machte sich die Metropole mit Hauptstadtambitionen an die Umsetzung der Pläne Barths. Dieser hatte einen Grünstreifen als Naherholungsgebiet für Arbeiter enworfen, der entlang des ehemaligen luisenstädtischen Kanals, vom Erkelenzdamm bis zum Bethaniendamm angelegt werden sollte.
Das Geld ging aus. Efendi blieb von der Verschweizerung seines Gartens verschont.
Im Jahr 2004, fiel das kleine Anwesen von Osman Kalin durch eine Grenzbegradigung an Kreuzberg, zu dem es im Geiste ja all die Jahre schon gehört hatte.

Kalin hat nun auch offiziell Nutzungsrecht seiner Scholle auf Lebenszeit.
Der heute fast 90 jährige genießt dies in vollen Zügen.
An lauen Abenden sieht man ihn, nach getaner Arbeit, vor seinem Garten mit einem Glas Tee bei Tische sitzen.
(Dieser hat inzwischen einbetonierte Beine, weil seine Vorgänger alle weg gelaufen waren).
Und immer hat der Efendi ein freundlich lächelndes Kopfnicken für seine Nachbarn übrig. Er hebt die Hand zum Gruße und schaut zufrieden über seinen kleinen, schönen Garten, an dessen Zaun mannshoch Tagetes wuchert und Kürbisse gelbblühend ranken.
Auch wenn die Touristengruppen nerven, die regelmäßig um das aus Lattenrosten, Türblättern, Bauzäunen und anderem Wohlstandsmüll errichtete Haus mit seiner wagemutigen Balkonkonstruktion herumspazieren, oder mit ihren geliehenen Fahrrädern in großen Gruppen anhalten, um es tausendfach zu fotografieren, so bescheren sie der Familie Kalin doch ein kleines Zusatz-Einkommen. Denn durch das stetig gewachsene Interesse an dem Baumhaus berichten landesübergreifend Medien über dessen Geschichte.
Die Interviews mit der Familie sind inzwischen kostenpflichtig, und an den Tagen der offenen Tür wird Eintritt verlangt.
Recht so.
An der ehemaligen Datscha selbst, hängt seit einiger Zeit ein Schild mit der Aufschrift “Baumhaus an der Mauer”.
Eine Handy-Nummer ist beigefügt und links und rechts des Schildes weht je eine Fahne: die türkische und die deutsche.

Müsste ich das Baumhaus auf einer Skala von 1-10 bewerten, so bekäme es, zusätzlich zum türkischen Stern vor Halbmond, 10 Sterne von mir.