3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Sechs Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Elektronische Post

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Auf der Suche nach alten Blutbildern, die ich zum Vergleich heran ziehen könnte, rufe ich den behandelnden Arzt an und frage ihn, ob er mir die Ergebnisse, die das Labor ihm via Mail geschickt hat, bitte ebenso per Mail zusenden könne.
Er bedauert, mir meinen Wunsch nicht erfüllen zu können, denn leider leider hängen die Ergebnisse  an meiner (elektronischen) Akte dran. Ausdrucken und per Post schicken ginge aber.

Ich mag den Mann.

 

 

 

 

 

Bild: By ArnoldReinhold – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34873313

 

Metacamunikation

His Master's Voice

His Master’s Voice (Photo credit: Walt Jabsco)

Wenn Du mit Töle zum Tierarzt gehst, denkst du bitte dran, dass sie kein Metacam kriegen darf?

Ok.

Soll ich Dir das aufschreiben?

Nein.

Metacam.

Ja, klar, Metacam.

Ist wichtig. Sie verträgt es nicht.

Verstehe.

Also: wenn er irgend etwas spritzen will, frag vorher nach, was es ist, bitte.

Hm.

Hörst du mir zu?

Logisch.

Denkst Du dran?

Bin doch nicht blöd.

Komm, ich schreibe es Dir auf. Es ist wirklich wichtig.

Klar.

Danke.

Nach dem Tierarzt

 

Na, was hat er gesagt?

Weiß ich nicht mehr.

Er muss doch was gesagt haben.

Ja, hat er.

Was denn?

Viel. Konnte ich mir nicht merken.

 Nichts davon? Hat er was gespritzt.

Ja.

Was denn?

Weiß nicht.

Aber kein Metacam?

Weiß nicht.

Hast Du denn nicht gefragt?

Vergessen.

Vergessen? Du hattest doch den Zettel.

Kann mir nicht alles merken.

Alles? Das war das Einzige, was du dir merken solltest!

Ich musste den Hund festhalten.

Ich habe dir doch extra gesagt und aufgeschrieben, dass sie kein Metacam kriegen darf.

 Ja, das stimmt.

Und?

Hat sie ja vielleicht auch nicht.

Vielleicht! Mann! Echt!

Reg dich nicht auf.

Wie beknackt kann man denn sein!

Kurzes Schweigen.
Der Unterfranke schaut mich an und grinst

Für ´nen Klügeren hat´s wohl nicht gereicht, was?

Magik

Die stark übergewichtige Mopsdame im Wartezimmer der Tierarztpraxis sitzt jämmerlich röchelnd unter einem Stuhl. Darauf das Herrchen.

Wilbur the pug

Ein baumlanger, athletischer Mann Ende dreissig, mit dunklen, zu einem Zopf gebundenen Haaren und markanten Gesichtszügen.
Er erinnert mich an Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers in seinen besten Zeiten. Viril, verwegen und weich.
Mit sehnigen und dennoch beinahe eleganten Händen (wie ein Klavierspieler) greift er unter die Sitzfläche und krault seinen Hund gekonnt hinter den Ohren.
Der Mops blickt mit feuchten, seelenvollen Augen hingebungsvoll nach oben und schnorchelt leise weiter.
Dann ruft die Tierarzthelferin den nächsten Patienten auf.
-Pity bitte in den Behandlungsraum Nr. 2.
Mann und Mops stehen auf und folgen der Angestellten nach hinten.
Ich bin verliebt.