Meine Schuld, meine große Schuld

Tabletten

Tabletten (Photo credit: Alina_Edinburgh)

Seit zwei Tagen schon befindet sie sich in diesem Zustand.
Auslöser war ein Wortwechsel mit meinem Bruder, in dessen Verlauf er sie für das, aus einer Laune heraus verhängte, Besuchsverbot eines Freundes kritisiert hatte.
Mit einem ironischen Mea culpa, mea maxima culpa hatte sie die Diskussion erstickt.
Bald darauf schlug ihre Stimmung um. Von offener Härte zu weinerlichem Selbstmitleid.

Erlkönig hat mir ein Leids getan

Seitdem hängt sie auf einer gefährlichen Mischung aus Alkohol, Valium und Schlaftabletten fest.
Mit schwarz geschminkten Augen, bekleidet mit einem transparenten Negligé, sitzt sie rauchend und trinkend vor dem Fernseher. Ihr Blick ist matt, die Mimik entgleist, ihre Bewegungen verlangsamt.
Keiner von uns wagt es mit ihr zu sprechen. Sie ist ein Pulverfass. Jedes Wort kann zur Eskalation führen.
Wir wissen, dass etwas geschehen wird, wir wissen, dass es schlimm sein wird, aber wir wissen nicht wann es sein und wen es treffen wird.

Vor einer Stunde ist sie endlich von der Couch aufgestanden und ins Bad gegangen, um sich für die Geburtstagsfeier einer Freundin fertig zu machen, die im Haus gegenüber wohnt.
Es ist der 1. Mai. Die Sonne scheint, draußen ist es sommerlich warm.
Sie hat ein knielanges, schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt aus dem Schrank geholt, dazu schwarz-weiße Pumps mit Bleistiftabsatz.
Mein Vater, Benny und ich werden gleich zu einem Familientreffen in die Pfalz aufbrechen.
Die beiden warten unten beim Auto auf mich.
Ich suche ein Haargummi und finde keines.
Unentschlossen stehe ich vor dem Bad. Ich habe nicht den Mut zu klopfen.
Was, wenn genau das das Fass zum Überlaufen bringt? Sie hasst es, wenn sie gestört wird.
Andererseits möchte ich nicht mit offenen Haaren los. Immerhin werden wir den ganzen Tag unterwegs sein.
Eine Weile stehe ich vor der angelehnten Tür, lege mir die Worte zurecht und probe innerlich den richtigen Tonfall.
Möglichst unbekümmert und selbstverständlich soll er klingen.
Einmal durchatmen.
Ich bin soweit.
Mama?“ sage ich und klopfe leise an.
Keine Antwort.
Mama, ich muss mal kurz reinkommen, bitte. Hab was vergessen, geht ganz schnell.“
Von drinnen höre ich ein leises Surren, sonst bleibt es still. Sie ist so stur.
Papa wartet unten, ich muss mich beeilen.“
Als sie noch immer nicht antwortet, drücke ich vorsichtig gegen die Türe und sehe ihre Schuhe, die ordentlich nebeneinander stehen.
Wie klein sie sind, denke ich und erfasse erst den Bruchteil einer Sekunde später die ganze Situation.
Meine Mutter liegt leblos in der Badewanne, ihr Frisierstab zuckt im Wasser, auf dem Boden liegen zahllose leere Tablettenblister.
Sie ist tot!
Ich renne aus dem Bad, aus der Wohnung die Treppe hinunter, durch den Hof zur Straße, wo das Auto steht.
Papa, komm schnell! Mama ist tot!“ rufe ich und sehe meinen Vater, wie er auf mich zu und an mir vorbei ins Haus läuft, mit riesigen Schritten die Treppe hinauf stürzt, mein Bruder und ich ihm dicht auf den Fersen.
Iris!“ ruft er und seine Stimme überschlägt sich vor Angst.
Drei Sekunden nach ihm betrete ich das Badezimmer und sehe, wie er mit ausgestrecktem Arm ins Wasser und nach dem vibrierenden Frisierstab greift.
Papa!“
Der Augenblick in dem ich das Wort Vollwaise denke, ist der gleiche in dem ich erleichtert aufatme, weil mein Vater seine Hand mit dem Gerät unbeschadet heraus zieht.
Dann legt er seine Finger an ihren Hals und tastet nach dem Puls.
Notarzt!“ ruft er und läuft in den Flur zum Telefon.
Ich bleibe mit Benny im Bad und schaue sie an. Sie ist wachsweiss im Gesicht, die Lippen farblos. Ihre dunklen Haare schwimmen wie Algen im Wasser. Die Augenbrauen wirken aufgemalt, die Wimperntusche ist bis weit unter die Augen verlaufen.
Sie trägt noch immer ihr Negligé. Ihre großen Brüste liegen darunter wie zwei plattgedrückte Krapfen, in der Mitte die dunklen Brustwarzen.
Wieder fällt mein Blick auf ihre kleinen Schuhe. Das schwarz-weisse Design erinnert mich an ein Bajazzo-Kostüm.
Draußen im Flur die Stimme meines Vaters.
Ja, hier X. Genau. Ja. Bitte schicken Sie einen Rettungswagen. Selbstmordversuch. Meine Frau. Ja. Danke.“
Kurz darauf höre ich das Martinshorn. Mein Vater läuft den Sanitätern entgegen.
Nachdem sie Atmung und Puls überprüft haben, sammeln die Helfer sämtliche Blister ein und bringen meine Mutter auf einer Trage nach draußen.
Ich bleibe im Haus.
Von oben sehe ich, wie sie sie in den Wagen schaffen und die Türen hinter ihr schließen.
Sie haben sie nicht einmal zugedeckt.
Dann fahren sie mit Blaulicht davon.
Im Garten gegenüber stehen die Partygäste am gusseisernen Zaun. Einer schaut zu mir herauf.
Ich trete vom Fenster zurück.
Ich kann nicht weinen.
Der Abschiedsbrief, den ich wenig später finde, gibt mir den Rest.Enhanced by Zemanta

Kirchner Kleist Cobain

Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

Heute vor 15 Jahren hat sich meine Freundin B. erhängt. In ihrer Wohnung.
Nur zwei Stunden vor ihrem Tod habe ich mit ihr telefoniert. Wir besprachen ein Referat, das wir am nächsten Tag gemeinsam halten wollten.
Norbert Elias und John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter.
Sie war ruhig und konzentriert.

Am Tag vor ihrem Selbstmord hatte sie die EC-Karte sperren lassen, die ihr abhanden gekommen war. Kurz davor war sie beim Friseur gewesen, und wenige Wochen zuvor hatte sie aufgehört zu rauchen. Alles Dinge, die dem Leben zugewandt schienen, und die uns Freundinnen hoffen ließen. Hoffen, dass sie das Tal der Depression durchschritten hätte, und dass es von nun an aufwärts gehen würde. Dass es ihr sehr schlecht ging, hatte sie immer wieder gesagt. Geschluchzt.
B. befand sich in therapeutischer Behandlung, aber es hatte den Anschein, dass die Gespräche nur das in ihr aufwühlten, was sie dringend vergessen wollte.
B. starb im gleichen Alter und auf die gleiche Weise wie ihr Vater.

Keine zwölf Stunden nach ihrem Tod warte ich auf sie. Wir wollen zusammen zur Uni fahren und unser Referat halten.
An ihrer Stelle erscheint ihre Mitbewohnerin. Als ich die Tür öffne, senkt sie den Blick und betritt wortlos die Wohnung. Ich weiß sofort, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Und ich weiss instinktiv was es ist.
T. schaut in mein angespanntes Gesicht. Es rauscht in meinen Ohren, mir ist flau, ich habe Angst. Die Spannung ist unerträglich. Ich will wissen, was passiert ist, gleichzeitig möchte ich wegrennen, die Ohren zuhalten und  „Lalalal!“ rufen.
T. schließt die Wohnungstüre hinter sich.Gefangen.Wir stehen uns gegenüber.

-B. hat sich gestern aufgehangen, sagt sie ruhig und irgendwie verlegen.

-Aufgehängt,  korrigiere ich innerlich und warte darauf, dass sie –Wir haben sie einfach abgehangen und sie erholt sich gerade, hinterher schiebt.
Ich weiss, dass das nicht sein kann, aber B.´s Tod erscheint mir noch unmöglicher als diese hoffnungslose Utopie.

Vakuum Rauschen Watte Brennen

Ich schäme mich, dass sich selbst in diesem schrecklichen Moment mein pedantischer Sprachscanner zu Wort gemeldet hat. Gleichzeitig überrollt mich eine Welle der Panik und es schüttelt mich. Viel später erst kann ich weinen. Und dann lange nicht mehr aufhören. Beim Autofahren steuere ich Richtung Avus, höre Tocotronic, schreie und und trete das Gaspedal durch.

Jahre zuvor hatte sich schon Freund A. erhängt. Er hinterließ eine kleine Tochter.
Als wir uns das letzte Mal sahen, lebte ich bereits in einer anderen Stadt. Dort besuchte er mich für zwei Tage und erzählte von der Ruhe die er im Zen-Buddhismus gefunden hatte.
Tue was du tust
Nachdem er abgereist war, dachte ich oft an ihn, und was was er gesagt hatte und versuchte mich in der gleichen Gelassenheit zu üben. Fast beneidete ich ihn, diesen Anker im Leben gefunden zu haben.
Als meine Briefe und Karten, die ich schrieb unbeantwortet blieben, rief ich ihn an. Für gewöhnlich telefonierten wir nicht, sondern schickten uns regelmäßig Papiernachrichten.
Ich erwischte seine Mitbewohnerin.
-Hallo, kann ich bitte mit A. sprechen.
-Wer bist du?
-Eine Freundin.
Unheilvolles Schweigen. Und wieder weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.
A. ist tot. Wenige Tage nach seinem Besuch bei mir hat er sich erhängt.
Tue was du tust

Der dritte Selbstmörder in meinem Leben, ist mein über die Maßen geschätzter, lässiger Englisch- und Sportlehrer, der uns am ersten Tag als Klassenlehrer englische Namen gegeben hatte. Ich war Shirley.
Es gefiel mir, dass er uns die Möglichkeit eröffnete in eine andere Rolle zu schlüpfen. Englisch wurde mein Lieblingsfach. Nach dem Sportunterricht, den er gerne in den nahe gelegenen Ostpark verlegte, nahm er diejenigen, die nicht mit dem Rad unterwegs waren in seinem schwarzgoldenen Käfer-Cabriolet mit. Er war anspruchsvoll im Unterricht, forderte und mochte uns, und wir bewunderten ihn für sein souveränes Auftreten.

Johannes M.

Nach den Sommerferien gehe ich ins Sekretariat um das Klassenbuch zu holen. Als ich die Sekretärin danach frage, schaut sie auf und blickt mich sehr ernst an. Plötzlich wirkt sie angespannt. Unnatürlich. Betreten.
Sie schweigt einen Moment, scheint mit  sich zu ringen.
Mir wird heiss, ich fühle mich elend. Stickig hier.
Etwas Schlimmes hängt in der Luft.
Ich kann es förmlich greifen.
Mit einer Hand stütze ich mich an ihrem Schreibtisch ab.
Sie hustet, sammelt sich und dann sagt sie es: Der Unterricht für die Klasse 9a fällt heute aus. Euer Klassenlehrer ist tot. Es ist noch unklar wie es weiter geht.

Ich bedanke mich für die Auskunft und sichere zu dies der wartenden Klasse mitzuteilen. Ohne das Buch laufe ich aus dem Sekretariat. An der Aula vorbei renne ich in Zeitlupe das alte offene Treppenhaus herunter. Meine Knie sind weich. Trotz meiner Angst bin ich merkwürdig euphorisch und atemlos. Gleich werde ich 35 Menschen sagen müssen, was geschehen ist.
Wochen später schreibe ich seiner Mutter, die bei München lebt, einen Brief. Ich will sie wissen lassen, wie traurig ich bin, wie sehr ihr Sohn fehlt.  Sie antwortet sehr herzlich und legt ihrem Brief ein schwarz-weiss-Foto bei.
Er hatte sich aus Liebeskummer erschossen.

Musik: Peter Gabriel, Don´t give up

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Nachtrag: dass Kurt Cobain´s Tod sich am 5. April jährt, habe ich erst nach Veröffentlichung dieses Artikels gelesen.