Behinderte gucken gehen

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In meinem Studium lernte ich, dass wenn man Menschen mit Down-Syndrom eine kleine Aufgabe zuwies, sie diese mit besonderer Akribie, wenn nicht Pedanterie erledigten. Einmal gingen wir sogar in eine Werkstatt für Behinderte und schauten uns welche an. Der Dozent, ein erzkatholischer, aalglatter Typ, blieb am Tisch eines etwa fünfzigjährigen Mannes stehen der im Rollstuhl sitzend eine Thermoskanne zusammensetzte.
Das ist der Herr Sch., sagte er, der  Herr Sch. hatte einen Schlaganfall. Seither ist er halbseitig gelähmt, das Sprachzentrum ist auch betroffen. Reden kann er nimmer, aber verstehen tut er alles. Herr Sch. lebt im Wohnheim und kommt jeden Tag hierher zur Arbeit. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der seine Arbeit ruhen ließ und mit hängenden Schultern und müdem Gesicht zu unserer Gruppe aufblickte und ich schämte mich in Grund und Boden.

Ich finde das nicht in Ordnung, dass wir hier Behinderte angucken wie im Zoo, sagte ich zu unserem Dozenten.

Das stört die Behinderten nicht, antwortete der Dozent und winkte, um seine Behauptung zu untermauern, zwei junge Männer mit Down-Syndrom heran, die interessiert hinter uns getreten waren. Jovial legte er den Arm um einen der Beiden.
Fühlst du dich wohl hier, fragte er ihn und der Umarmte lächelte verlegen und nickte.

Manchmal, erklärte der Dozent, haben die Behinderten natürlich auch keine Lust zu arbeiten, das ist nicht anders als bei uns. Aber der Heimplatz ist an den Werkstattplatz gekoppelt und sie wissen, wenn sie bei ihren Freunden bleiben wollen, müssen sie dafür arbeiten. Gerade Menschen mit Down-Syndrom können sehr stur und faul sein, denen tut ein bisschen Druck ganz gut. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der sich längst wieder seiner Arbeit zugewendet hatte, drehte mich um und verließ die Werkstatt.

 

 

 

 

 

Bild: Nadja Varga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

abverheit

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When too perfect lieber Gott böse

Nam June Paik

Ist das bei Ihnen eigentlich ein Dauerzustand, fragt der Dozent während einer Schreibübung.
Alle heben den Blick von ihren Texten, ich auch. Er schaut mich an. Er schaut tatsächlich mich an.
A. sitzt neben mir und ich spüre, wie ihr der Atem stockt. Ganz ruhig sitzt sie da. Ohne sich zu rühren.
Das Rascheln und Kritzeln und Räuspern hat aufgehört. Es ist still im Raum. Draußen parkt ein Auto ein, man hört das leichte Aufjaulen des Getriebes im Rückwärtsgang, dann ist es wieder still. Nur die Heizung gluckert leise.
Der Dozent schaut mich an und wiederholt seine Frage in dem charmanten Schweizerdeutsch, an dem ich mich in den letzten beiden Tagen so erfreut habe.

Ischt das bei Ihnän ein Daurzustand? will er wissen

Unwillkürlich richte ich mich auf und ziehe die Schultern zurück.
Zu meiner eigenen Verwunderung wird mir nicht heiß oder kalt, ich spüre weder Wut noch Ärger noch Scham. Im Gegenteil, ich bin derart verblüfft, dass ich so etwas wie eine belustigte Heiterkeit empfinde.
Wie er es wagen kann. Wie er so ohne mit der Wimper zu zucken seine Befugnisse überschreitet am hellichten Tag im Beisein von zwei Dutzend Menschen.
Auch ohne mich umzudrehen, weiss ich, dass alle Blicke im Raum auf mich gerichtet sind. Jeder ist gespannt, was jetzt passieren wird. Werden sie endlich hinter mein Geheimnis kommen? Werde ich etwas über mich preis geben?
Und ich enttäusche sie nicht.

Ja, sage ich, sieht so aus.

Dr. B schaut mich einen Moment aus seinen lustigen Augen an. Dann legt er den Kopf ein wenig zur Seite , senkt den Blick bedeutungsvoll und schwyzerdütscht

Da sind Sie ja ein ganz armes Schwein. Da werden Sie ja niemals jemanden finden, der so ist wie Sie. Da werden Sie ja immer allein bleiben.

Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet.
In meinen Ohren fangen die Glocken an zu läuten, meine Kiefermuskeln verspannen sich und mir wird heiß.
Ohne nachzudenken, sage ich:

Da geht es mir nicht anders als allen anderen Menschen auf der Welt . Niemand findet jemanden, der so ist wie er. Und ich suche auch nicht nach jemandem, der so ist, wie ich.

Immer noch sieht er mich an, wiegt den Kopf hin und her, so sehr bezweifelt er, was ich eben gesagt habe, seufzt und richtet den Blick wieder auf sein Manuskript. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre.

Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt.

 

 

 

 

 

Die liebe Friederike hat eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ initiiert. Dies ist mein (verspäteter) Beitrag.

Bild: Wikimedia Commons, keine Einschränkung

 

 

 

 

 

Die Tränen der Maria

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Februar, endlich. Die Sonne scheint, im Garten raschelt der Bambus und Morgen ist bereits Mariä Lichtmess. Da kann der Bauer wieder bei Licht ess´, wie man in Franken sagt.

C. hatte an diesem Tag, von dem ich bis zu meinem Studium im katholischen Würzburg noch nie etwas gehört hatte, Geburtstag. Wir waren im gleichen Semester und sie erinnerte mich ein wenig an Louise Brooks, von der ich lange Jahre ein riesiges Filmposter hatte. Die gleiche skulpturale Frisur, das gleiche expressiv geschminkte Gesicht, beinahe wie modelliert.
Wenn sie den Mund aufmachte trat mit einem leicht quengelnden Ton, ein breites Österreichisch zutage, dass das Laszive, das ihr ohnehin anhaftete, noch unterstrich.

Ich erinnere mich genau wie wir uns zu Beginn des Studiums kennen lernten. Ich stand im Waschraum der Uni und wartete auf A., die sich die Hände wusch und die Augen nachschminkte. C. kam, die Türe weit aufreissend, mit großen Schritten herein und ging geradewegs auf das Waschbecken zu. Alles an ihr war Auftritt. Mit einem feinen ironischen Lächeln um den blutroten Mund stellte sie sich vor den Spiegel und zog ihren Lidstrich wie auch die Herzform der Lippen mit der größtmöglichen Sorgfalt und enormem darstellerischen Ausdruck nach. Es war faszinierend ihr dabei zuzuschauen und es fiel mir schwer mein Gespräch mit A. fortzusetzen. Ob sie Zuhause, wenn sie für sich war, mit kleineren Bewegungen und einem weniger theatralischen Gehabe auskam? Ich war beinahe sicher, dass dieser Gestus allein der Öffentlichkeit vorbehalten war und gerade das machte ihre Performance so interessant und wies alle anderen in die Rolle des Publikums.
Mein Gespräch mit A. war für einen Moment ins Stocken geraten. Als wir es wieder aufnahmen drehte C. sich plötzlich zu uns um, strahlte mich aus ihren blauen Augen mit den schwarz getuschten Wimpern und dem dunklen Lidstrich an, rang mit den Händen vor der Brust wie ein Stummfilmstar und rief laut aus: A geh! Aus Frankfurt kommst du! Ja, das ist ja ganz wunderbar! Gibt es dort viel Kriminalität, also Verbrechen, solche Sachen?“
Sie habe ein Jahr in Manchester (Mannschester, wie sie es aussprach) verbracht und die Armut, wie auch die Straßenkriminalität dort seien sehr beeindruckend gewesen.
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte und war so irritiert über diesen unvermittelten Gesprächseinstieg, dass ich lachen musste.
Nein, davon bekommt man gar nichts mit in Frankfurt. Das findet in bestimmten Milieus statt, aber nicht im Alltag.

C. wollte mir nicht recht glauben. Sie hatte gelesen, dass Frankfurt in der bundesweiten Kriminalitätsstatistik an der Spitze stand und für Kriminalität interessierte sie sich wirklich sehr, seit sie in Manchester war. Sie schien den Eindruck zu haben, dass ich mit irgend etwas hinter dem Berg hielt, denn sie blickte mich weiterhin voller Erwartung an, beinahe als wäre ich eine Heilsbringerin, die durch ihre schiere Herkunft und Anwesenheit Glamour und den Ruch der Großstadt in den langweiligen Trott der Provinzstadt bringen konnte, in der bereits ein Sturz vom Fahrrad genügte um in die Lokalnachrichten zu kommen.
Ich war in ihren Augen ein Star und von diesem Tag an suchte sie meine Nähe.

C. war immer auf der Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, tat sie alles, was sie tat, mit einer raumgreifenden körperlichen Präsenz und mit großem Pathos. Beinahe jeder Satz geriet zum Ausruf, wenn nicht zur Deklaration und ihr Dialekt unterstrich den Eindruck eine veritable Burgschauspielerin vor sich zu haben. Ihre Zeichen standen auf Verführung und sie schmeichelte den Menschen, indem sie fast jeden mit einem Titel belegte: den Herrn Hausmeister, den Herrn Bäcker, den Herrn Klienten und den Herrn Wachtmeister.
Letzteres sagte sie besonders gerne und wenn wir während eines gemeinsamen Praktikums beim Landratsamt Würzburg in der städtischen Kantine zu Mittag aßen, genoss sie es mit ihrem herausfordenden Blick aus halbgeschlossenen Augen ein „Mahlzeit Herr Wachtmeister“ zu hauchen und dabei ein vieldeutiges Lächeln aufzulegen.

Essens net soviel Eier, Herr Wachtmeister, davon bekommens bloß a Verstopfung, raunte sie einmal einem zu, der neben ihr am Buffet stand und sich bei den Salaten bediente. Tatsächlich ließ der so Ertappte das hartgekochte Ei, das er gerade zu den beiden anderen auf seinem Teller legen wollte, zurück in die große Schale fallen. Dann nahm er sein Tablett von der Ablage, mied jeden weiteren Blickkontakt mit ihr und spähte nach einem freien Platz in dem großen Saal.
Schau´ns, lobte C. Ihn, als er an ihr vorbei ging und ein spöttischer Zug spielte um ihre Mundwinkel, zwei Eier reichen doch.

Die Tage werden wieder länger und morgen hat C. Geburtstag.
C., die, Jahre nachdem ich Würzburg verlassen hatte, einen Frontalzusammenstoß auf der Landstraße hatte, den sie trotz schwerster Verletzungen überlebte.
Zwei gute Gründe zu feiern.

 

(gif: fanpop.com)

Save our souls, oder Schluchzende Fische

Yūreisen (幽霊船, Ghost ship) from Hokuetsy-Kidan...

Ghost ship, Hokuetsy-Kidan

Zu Beginn des ersten Semesters, saß ich in der vordersten Reihe eines Seminarraumes.
Bereits während meiner Schulzeit hatte ich mir das angewöhnt. Dort fiel man weniger auf. Bei den letzten Reihen vermuteten die Lehrer gleich die Drückeberger. Der zweite positive Effekt war, dass man als Vornesitzer bei der mündlichen Bewertung meist eine Note besser abschnitt als verdient.
Im Studium erwartete ich diesen Effekt nicht.
Ich wollte einfach für mich sein.

Erst im Juli war ich nach 6 Monaten aus der Klinik entlassen worden, und ich war noch derart verstört von dieser Welt des Siechens und des Sterbens dort oben auf dem Hügel der Neurologie, dass ich nur meine Ruhe wollte. Mit niemandem sprechen müssen, hier in dieser fremden Stadt, In diesem neuen Leben.
Der Galan, den ich als Besucher einer Zimmernachbarin im Krankenhaus kennengelernt hatte, hatte mir als einen seiner zahlreichen Bestechungsversuche  seine Jacke aufgenötigt. Sie war aus schwarzem, weichen Leder, klassischer Bikerschnitt, hinten eine Harley als Aufdruck und auf beiden Ärmeln sowie der linken Brust stand live to ride, ride to live.
Genau die richtige Montur um hart rüber zu kommen und jeden auf Abstand zu halten. Dachte ich.
Bei A. wirkte das nicht. Sie setzte alles daran mich kennen zu lernen, weil sie, wie sie mir viel später einmal erzählte, davon überzeugt war, dass ich eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Sie sollte Recht behalten.
Ich sitze also da und warte auf den Pater, der uns die nächsten 2 Stunden in das Wahlpflichtfach Religionspädogogik einführen soll. A. betritt den Raum, wirft einen Blick in die Runde, steuert auf meinen Tisch zu und fragt mich, ob sie sich neben mich setzen könne.
Der Raum ist weitestgehend leer, fast alle Plätze noch frei.
-Da ist meine Tasche. Ich zeige auf den Beutel, der neben mir auf dem Tisch liegt und glaube, der Fall habe sich damit erledigt. Sie lässt nicht locker.
-Die kann ich ja wegnehmen, sagt sie freundlich.
-Wenn´s unbedingt sein muss, antworte ich so mürrisch wie möglich.
Ja, es muss unbedingt sein. Sie nimmt den Beutel weg, setzt sich neben mich und lacht verlegen. Verärgert über ihre plumpe Ignoranz drehe ich mich weg, atme deutlich hörbar aus und schaue stur auf den Kollegblock, die Kaugummis und den Stift vor mir. Bloß nicht quatschen.
Hihi, kichert sie, ich habe auch Orbit-Kaugummis, aber in grün. Möchtest du einen?
Möchte ich nicht. In meiner Erinnerung bleibe ich abweisend und sage ich ihr, wie ekelhaft die Grünen schmecken. Vielleicht bilde ich mir das aber nur ein und ich lehne in Wahrheit mit einem passablen Nein, danke! ab. Erziehung halt.
Die nächsten Wochen hing sie mir dann sprichwörtlich auf der Pelle, war immer dort wo ich auch war und versorgte mich ungefragt mit jeder Menge Hintergrundwissen über ihr Leben. Ihre große Schwester, den kleinen Bruder, die Lehrer-Eltern, die Wohnmobilreisen, den Freund und den Ex-Freund, ihren ausgeprägten Kinderwunsch, über Taizé und ihre Aufenthalte dort. Nicht besonders interessant, nicht meine Schiene, aber nett war sie schon, wenn auch jünger als ich und blond und ein bisschen provinziell und albern. Irgendwie muss ich sie schließlich doch gemocht haben, denn zu ihrem Geburtstag, Anfang November, schenkte ich ihr eine Karambola, weil sie einmal beim Anblick dieser Frucht völlig aus dem Häuschen geraten war. Vermutlich gefiel ihr die Exotin nur deshalb, weil sie ungewöhnlich aussah und allein der feurige Name etwas Glamour in ihr behütetes Kleinstadtleben brachte. Aus dem gleichen Grund mochte sie wahrscheinlich auch mich: ich fiel auf dort in Würzburg,
Ich weiß nicht, ob ich ihr ein Geschenk gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, wie sehr sie sich darüber freuen würde. Ich glaube eher nicht. Ich war nicht auf de Suche nach einer Freundin oder netten Kontakten.
Erst einmal wollte ich ein neues Leben anfangen. Allein, nur mit mir selbst.
Zu verdauen war das Ende der langjährigen Beziehung mit dem Fernsehmoderator. Der Herzinfarkt meines Vaters, das Auseinanderbrechen meiner Familie, das Verschwinden meiner Mutter, mein Klinikaufenthalt, die Krankheit.
Da war kein Platz für das blonde Mädchen aus Unterfranken, das infantil wie Otto Waalkes daher quatschte, gegen Drogen war, an Gott glaubte und sich einer französischen Christensekte verbunden fühlte. Die Vorlesungen und die Pause verbrachten wir zusammen, aber danach zog ich mich zurück in mein 1-Zimmer-Apartment weit draußen in Lengfeld mit Blick auf das Müllheizkraftwerk.
Ich war viel allein in dieser Zeit. Freitags nach der letzten Vorlesung kaufte ich ein, fuhr nach Hause, zog dort den Telefonstecker aus der Wand und verließ das Haus erst wieder Montag früh, nach 2 ½ Tagen des Schweigens.
Ich las, schrieb, zeichnete, weinte, fraß und kotzte. Manchmal schminkte ich mich exzessiv und machte dann Fotos von mir. Wenn es mir besonders schlecht ging, setzte ich mich in die Badewanne, legte meinen Kopf an die Rohre und wimmerte hemmungslos vor mich hin. Irgendjemand im Haus würde mich hoffentlich hören und mit mir fühlen.
Unter mir wohnte ein schwules Pärchen mittleren Alters. Der eine groß und blond, mit ausgeprägten Nasolabialfalten, der andere sehr klein und zierlich mit schmalen Augen und großporiger Haut. Die beiden hatten regelmäßiig bei offenem Fenster Sex, wobei einer von ihnen, es klang wie der Große, ganz jämmerlich schrie. Wenn sie fertig waren, hörte man ihn noch lange laut schluchzen und weinen.
Die beiden hatten einen Narren an mir gefressen und immer mal wieder hängten sie mir eine Tüte mit selbstgebackenen Keksen oder sogar mit Lebkuchen an die Tür.
-Läbkuchen, Sälbstgemacht!
Diese landeten, so wie die meisten Lebensmittel, nach einem kurzen Umweg über meinen Magen, ganz schnell in der Toilette. Ich habe mich nie für ihre Geschenke revanchiert, obwohl ich die beiden gerne mochte. Ich konnte einfach nicht.
In der  gleichen Mietskaserne wohnte auch ein spät-erblindeter Mann um die Vierzig, der gerade eine Umschulung machte und ziemlich kontaktfreudig war. Manchmal, wenn ich Abends nach Hause kam und nach einem ganzen Tag unter Menschen noch weniger als sonst in der Lage war mit jemandem zu sprechen, versuchte ich mich geräuschlos an ihm vorbei zu drücken, während er gerade auf einen anderen Nachbarn im Hausgang einredete.
Nicht ein einziges Mal gelang mir das. Immer, wenn ich schon an ihm vorbei war, grüßte er mich aus dem Hinterhalt. Laut und namentlich. Ich erschrak und grüßte kleinlaut zurück. Über die Zeit gruselte mir regelrecht vor ihm und ich hatte den Verdacht, dass er vielleicht nur so tat, als könne er nichts sehen. Seine Versuche sich mit mir zu verabreden wehrte ich solange ab, bis er es aufgab.
Im Appartement links neben mir wohnte eine junge Frau. Ich habe sie nie gesehen, aber ihre Loggia grenzte an meine, und so bekamen wir ein wenig voneinander mit.
Auch aus ihrer Wohnung schluchzte es immer mal wieder. Oft klingelte das Telefon und sie hob nicht ab, obwohl sie zuhause war.
Eines Tages sitze ich auf meinem Bett, das in der Nische, gegenüber der offenen Balkontür steht.
Ich habe einen Joint geraucht, die Schwaden hängen im Raum und ich bin so breit, dass ich zu nichts mehr fähig bin. Nicht einmal zum Zeichnen.
Also sitze ich einfach so da, im Schneidersitz an die Wand gelehnt, und schaue auf das Müllheizkraftwerk, das in der Entfernung  in eine Senke im Wald gebaut ist und eine Lücke in die Linie der Baumkronen reisst. Seit ein paar Wochen steht, ein Stück näher zu mir hin, ein riesiger Kran, der im Ruhezustand so geparkt ist, dass der querauslegende Schwenkarm diese Lücke optisch überbrückt und von oben verschließt. Das gefällt mir.
Darüber und über vieles andere denke ich nach.
Linton Kwesi Johnson, der Poet und Soziologe singt- Fite Dem Back. Seine tiefe Stimme vibriert in meinem Kopf und in den Lenden. Es ist Hochsommer.
Nebenan klingelt das Telefon ohne Unterlass. Seit Tagen schon. Nach 4 Mal Läuten hört es auf, und der Anrufbeantworter springt an. Kurz danach klingelt es wieder.
Drei Stockwerke weiter unten rumpelt und rasselt es. Müllabfuhr? Ich bin zu träge um nachzuschauen. Nicht weiter wichtig.
Die Geräusche scheinen von der tiefer gelegenen Straße zu kommen. Möglicherweise wird auch der Belag erneuert. Dann höre ich laute Männerstimmen, die einander etwas zurufen. Die Müllabfuhr.
Mir ist heiß, ich öffne die Knöpfe meiner Bluse und ziehe den Rock nach oben. Selbst zum Ausziehen bin ich nicht in der Lage. Stattdessen zünde ich mir den Rest des Joints an, der im Ascher liegt. Ein, zwei Züge gehen noch.
Draußen schwillt der Lärm an. Die Stimmen werden immer aufgeregter und lauter. Wird da ein Wildschwein durch den Garten gejagt?

Akustische, optische und olfaktorische Halluzinationen durch THC

Nicht weiter besorgniserregend. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht schräg draufkomme. Ein falscher Gedanke und die Stimmung kippt von Entspanntheit in haltlose Verzweiflung. Neben mir liegt ein kleiner Spiegel. Ich nehme ihn zur Hand und schaue in große braune Augen. Glühsen. Mein Gesicht liegt ruhig da, wie ein See. Nichts regt sich. Kein Wimpernschlag. Nur stilles Lauschen nach innen und außen. Ich bin schön. LKJ singt, und ich bewege meine Lippen dazu.

Fashist an di attack / Wi wi‘ fite dem back

Es ist, als würde ich im Meer schwimmen.
Eine leichte Brandung schaukelt mich auf und ab.
Mein Körper besteht zu 90 % aus Wasser.
Mein Blut hat die Zusammensetzung der Ursuppe.
Ich bin ein elektrischer Fisch. Ein Butt. Gleichstrom/ Wechselstrom.

Draußen rumpelt, kracht und schreit es weiter, und ich muss mich konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Versuchen das Netz an einem Zipfel fest zu halten, ehe es sich auflöst. Der Traum gleitet vom Laken und verflüchtigt sich wie Hochprozentiges.

The dream is lost
Don’t let it slip away

Der Kran beim Müllheizkraftwerk bewegt sich.
Einsamer Beruf. Jeden Tag alleine da hoch und abends wieder runter. Höhenangst. Ich schließe die Augen und bewege mich ein wenig zur Musik. Plötzlich scheint sich der Krach zu nähern. Das Rattern wird lauter, dazu kommt ein trockenes Kratzen und Schaben. Dann ein harter Aufprall.
Ponk!
Ich öffne die Augen. Die Katze kriecht unter das Regal. Etwas bewegt sich an der Balkonbrüstung.  Zwei Stangen, eine Leiter! Handschuhe tauchen von unten auf, dann ein Kopf, ein Rumpf, Feuerwehr!
Scheiße! Brennt es? Der Ascher steht kalt und harmlos auf dem Bett, die Rauchschwaden haben sich aufgelöst. So ein Einsatz wegen eines Joints? Möglich, wir sind in Bayern.
Ein zweiter, dritter, vierter Uniformierter klettert über die Betonbrüstung in die Loggia, und ich kann mich nicht bewegen. Nicht einmal sprechen. Immer noch im Tran schlage ich die losen Seiten der Bluse übereinander und bemühe mich normal auszusehen. Einer hebt die Hand zum Gruß, ich nicke.
Nummer Fünf, Sechs und Sieben.
Die ersten hacken mit einer Axt auf die Blumenkästen am Nachbarbalkon ein, bis sie zerbersten und abstürzen. Dann sichern sie sich mit Seilen und klettern rüber. Einer nach dem anderen. Acht Mann.
Drüben klingelt wieder das Telefon. Eine Männerstimme. Schritte.
Bald darauf öffnet sich nebenan die Wohnungstür. Die Männer verlassen das Haus, die Leiter wird eingefahren.
Ich lausche noch eine ganze Weile den Geräuschen auf der Straße. Der Zug setzt sich in Bewegung, fährt den Hang herunter und verschwindet hinter der Kurve Richtung Gattinger, dem Straßenstrich. Im Treppenhaus unterhalten sich die Nachbarn, aufgeregte Stimmen klingen aus dem Garten nach oben.
Als ich erwache ist es dunkel. Ich füttere die Katze, bestelle mir eine Pizza und packe.
Am nächsten Tag fahre ich, mit der Katze, für ein paar Tage nach Frankfurt, meinen Vater besuchen.