Stranded

Kahler_See_Privatufer.JPG

Ich verstehe in Etwa was mir Andere über ihre Arbeit und ihr Leben, über Indien, Cricket und über die Ferne erzählen. Gleichzeitig verstehe ich nichts von all dem. Ich höre nur Worte.

Einmal sah ich einen Bericht über Menschen, die in Sri Lanka am Strand schlafen müssen, weil sie kein Obdach haben. Überall auf dem nächtlichen Sand gab es dunkle Flecken, von Tüchern bedeckte Erhebungen, die sich dann und wann ein wenig bewegten. Ich sah diese Bilder und auf einmal durchfuhr es mich und ich dachte: wie wenig ich von der Welt und vom Leben weiss.
Die Kamera begleitete die Schlafenden durch die Nacht, bis sich wieder Leben unter den leichten, bunten Tüchern regte, und eine warme Sonne die Erwachenden beschien. Hell wie Mehl war das Licht des Morgens, staubig und trocken das Licht des Tages. Alles sah aus wie aus angebackenem und mit Mehl bestäubtem Pizzateig geformt. Die Lehmmauern, die Straßen, die gekalkten Häuser, die Handflächen der Menschen. Traurig wurde ich, denn mich dauerten die Menschen, die kein Obdach haben, die tagein und tagaus arbeiten und doch immer hungrig bleiben, die im Kielwasser einer gefräßigen Welt umhergewirbelt werden und die kämpfen müssen, um nicht rettungslos unterzugehen in diesem mächtigen Strudel..

Oft macht mich diese gleichgültige Welt sehr traurig und oft überlege ich, was ich tun könnte um einzugreifen, und als ich vor zwei Tagen Selma das Amselkind fand und in meine Obhut nahm, erinnerte ich mich auf einmal an folgendes Erlebnis:
Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, meine Eltern verbrachten den Tag mit uns am Kahler See, eine gute halbe Autostunde von Frankfurt entfernt. Wir lagen am Strand, im weißen Sommerlicht und ich blickte auf das Wasser. In Ufernähe planschten schreiende Kinder. Ein Vergnügen das mir fremd war. Noch nie hatte ich Spaß daran in der Gruppe laut zu sein und auch wenn der Lärm mich nicht störte, war ich doch lieber alleine oder hielt mich in der Nähe Erwachsener auf.

Es war ein sehr heißer, ein friedlicher Tag. Im Hintergrund dudelte Jazz. Ein paar Amerikaner saßen biertrinkend im Sand und kauten fremde Worte. Das Wasser glitzerte in der Sonne, die Luft in der Ferne verdichtete sich allmählich diesig und wie ich da am Ufer saß und auf den See blickte, bemerkte ich plötzlich, inmitten der tobenden Kinder und des wogenden und spritzenden Wassers, etwas Kleines, das auf der Oberfläche hin und hergeschaukelt wurde. Es war ein Schmetterling, ein Pfauenauge, der wahrscheinlich von einem Wasserschwall erfasst und in den See gerissen worden war, aus dem er nun nicht mehr heraus fand. Keines der spielenden Kinder, noch deren Eltern, schienen den Überlebenskampf des kleinen Pfauenauges zu bemerken, das wieder und wieder versuchte sich mit Flügelschlägen in die Luft zu retten, während neben ihm kleine Arme ins Wasser patschten, es um Haaresbreite verfehlten und  fröhliche Rufe seine Not übertönten.
Auf einmal verstand ich was passieren würde: das kleine Tier würde sterben. Es würde untergehen und ertrinken und ich allein konnte das verhindern. Dieser Gedanke und die mit ihm einhergehende Verantwortung, diese dringende und schicksalhafte Notwendigkeit zu handeln, ließen mich erschauern, sie schmerzten und euphorisierten mich zugleich und wie ferngesteuert sprang ich auf, rannte zum Ufer und lief so schnell ich konnte in den See hinein. Mit aller Kraft schob ich meinen Körper durch das kühle, schwere Nass und schlängelte mich, den Schmetterling nicht aus den Augen lassend, an den wild rudernden Kinderarmen vorbei. Die Reflektionen der Sonne blendeten mich und es rauschte in meinen Ohren, dahinter, weit entfernt, brandete das Lachen der Kinder, der Sommer, das Leben.
Als ich meinen Schützling endlich erreichte, formte ich mit beiden Händen eine Schale, mit der ich ihn zunächst von oben beschirmte und die ich schließlich unter ihn schob, um ihn vorsichtig abzuschöpfen. Als ich ihn sicher in den Händen hatte, spreizte ich die Finger, ließ das Wasser  ablaufen und stakste anschließend mit weit nach oben gestreckten Armen an den schreienden Kindern vorbei ans Ufer, wo ich mir einen ruhigen Fleck suchte und mich setzte. Ganz still wurde es um mich, die Zeit, die eben noch in schnellem Takt getrommelt hatte, tickte auf einmal ganz langsam, der Tumult in meinem Inneren legte sich und das Rauschen in den Ohren ließ nach. Der Falter auf meiner Hand saß erst wie tot, nur seine Fühler bewegten sich, dann aber breitete er seine Flügel aus und ließ sie von der Sonne bescheinen. Nach einer Weile klappte er die Flügel zusammen, um auch die Unterseiten trocknen zu lassen und verharrte ansonsten auf der Innenfläche meiner Hand. Ich schaute ihm zu, fühlte seine Füßchen auf meiner Haut, atmete vorsichtig und war sehr froh. Irgendwann, es mochten fünf oder zehn Minuten vergangen sein, bewegte er seine Flügel etwas schneller, flatterte ein wenig, wie zur Probe, und flog schließlich davon. Während ich ihm nachblickte, überkam mich  der gleiche tiefe Schmerz und die gleiche Euphorie, wie ich sie in jenem Moment empfunden hatte, als ich mir meiner Verantwortung für sein Leben bewusst geworden war.

Es war derselbe See, an dem ich nur wenige Wochen später in Not geriet. Ich war ohne  Schwimmärmelchen mit dem Schlauchboot hinausgepaddelt und hatte am gegenüber liegenden Ufer angelegt. Dort musste sich, von mir unbemerkt, ein Nagel durch die Bootshülle gestochen haben. Doch erst als ich wieder auf dem offenen Wasser war, entdeckte ich, dass ich Luft verlor und das Heck immer tiefer eintauchte. Da das Boot sehr schnell manövrierunfähig wurde, warf ich das Paddel ins Wasser, hielt mich an dem noch luftgefüllten Bug fest, strampelte mit den Beinen und schaute zum Strand herüber, wo ich meine Eltern vermutete, doch ich fand sie nicht. Zu weit entfernt war ich von ihnen.


An dem Ufer, an das ich kurz zuvor angelegt hatte, befanden sich, inmitten eines kleinen Wäldchens Holzhütten und Lauben. Einer der Männer, die dort mit ihren Familien das Wochenende verbrachten, musste mich gesehen und meine Situation erkannt haben. Beherzt sprang er ins Wasser, kam mit schnellen Zügen zu mir herüber geschwommen, griff nach der Kordel meines Bootes und hieß mich, mit beiden Armen den Bug zu umklammern und keinesfalls loszulassen. Dann schwamm er los und zog mein Boot und mich zurück zu unserer Badestelle. Ich dachte daran, dass meine Schwester mir von Zitteraalen erzählt hatte, die sich in den Tiefen des Sees tummelten und die mit Stromstößen Schwimmer töten konnten. Ich hoffte, dass die Aale den Mann verschonen und wir beide überleben würden. Tatsächlich schienen die Aale zu schlafen, denn wir erreichten das Ufer unversehrt und als wir im brusttiefen Wasser angekommem waren, ließ ich das Boot los und watete mit wackligen Beinen an Land. Statt mich zu meinen Eltern zu bringen, wie ich befürchtet hatte, hob der Mann nun die Hand zum Gruß, ging wortlos zurück ins Wasser und schwamm wieder zu seiner Laube.
Ich ließ das inzwischen vollkommen erschlaffte Schlauchboot liegen, machte mich auf die Suche nach  meiner Familie und fand sie in der Sonne dösend vor.  Wortlos legte ich mich zu ihnen, hielt mein Gesicht ins Licht und betrachtete durch halbgeschlossene Lider meine nassen Wimpern, die in Regenbogenfarben schillerten.

 

 

 

Musik: Stranded, The Saints

 

 

 

 

Bild: Wikipedia
Lizenz: == Beschreibung == {{Information| |Description = Kahler See, holiday home area, near Kahl/Main, Bavaria/Germany |Source = photo taken by Gabriele Delhey |Date = created July 12, 2005 |Author = [[:de:Benutzer:Reise-Line|Gabriele

Erlösung

English: poppy Deutsch: Mohn

„Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.“

Ich verlasse die öde Party im Tränenpalast.
Im Kofferraum des Wagens liegt das hölzerne Schaukelpferd für das Patenkind.
Als ich durch das Brandenburger Tor fahre hält mich die Polizei an.

Um zwei Uhr kehre ich in meine Wohnung zurück.
Ich bin noch immer hellwach und irgendwie euphorisch. Nachdem ich mir meine Bücher geholt und eine Zigarette angezündet habe, setze ich mich an den Rechner und gehe ins Forum. Ich will kurz schauen ob er geantwortet hat und dann noch ein bisschen arbeiten.
Das Modem knattert beim Einwählen laut, langsam baut sich die Seite auf.
Ich öffne den Bereich mit den laufenden Diskussionen.
Plötzlich geht ein Fenster auf, darin sein Name.
Are you online?“
Ich wusste nicht einmal, dass es hier eine Chatfunktion gibt.
Yes.“
Pause. Er schreibt.
Wo bist du?“
Ich zögere einen Moment, ob ich Berlin oder überhaupt nur Deutschland schreiben soll.
Germs, sind nicht bei allen willkommen.
Berlin, Germany.“ antworte ich schließlich.
Die Hauptstadt aller Totalitarismen!“ kommt als Antwort. Kurz darauf schon die Entschuldigung. „Sorry, kidding.“
Ich frage ihn, ob er mein letztes Posting gelesen hat. Ja, das hat er. Er wollte gerade etwas schreiben.

*
Seit einigen Wochen geht das so. Tag für Tag.
Entdeckt habe ich seine Beiträge in der Rubrik Judaism, wo sie überhaupt nicht hinpassen.
Unter dem Titel „The Curved Universe“  hat er eine Reihe von Zitaten und selbst verfassten Texten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, in einen losen Zusammenhang gestellt. Die Auswahl, die er dabei getroffen, und die Verknüpfungen, die er hergestellt hat, gefallen mir gut. So gut, dass ich schließlich alles lese, was er schreibt, und mir irgendwann ein Herz fasse und auf einen seiner Einträge mit einem passenden Zitat antworte.
Seitdem werfen wir uns den Ball hin und her. Eine Unterhaltung in Aphorismen und Versen.
Ich bin erstaunt, als er mich jetzt fragt, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Ich dachte wir hätten geflirtet.
Ich bin eine Frau.“
Jüdisch?“
Nein.“
Wie alt?“
Und selbst?“
Wir stellen fest, dass er nur 10 Tage älter ist als ich.
Das Gespräch entwickelt sich sehr schnell.
Er fragt mich, was ich in dem Forum mache, und ich erzähle ihm von meiner geplanten Diplomarbeit über Täterinnen im NS, er mir von der Flucht seiner Familie aus Österreich und Polen nach Lateinamerika. Wir unterhalten uns über die Thesen Goldhagens. Über die Politik Israels. Über die orthodoxen Juden und ihr Frauenbild.
Nein, er glaubt so wenig an Gott wie ich.
Noch später scherzen wir miteinander, erzählen uns von unserem Leben, den Freunden, der Familie. Der Musik und der Literatur Lateinamerikas und Europas.
Den Katzen. Er hat drei, ich zwei.
Um fünf Uhr morgens fragt er mich schließlich, ob er mich anrufen darf. Ich bin müde, und eigentlich muss ich ins Bett. Aber, ja, wir können kurz reden. Als das Telefon läutet springt mein Herz.
Seine Stimme gefällt mir auf Anhieb. Sie ist weich und männlich zugleich. Auch sein Lachen mag ich.
Wir sprechen drei Stunden lang, mir einer Vertrautheit und Selbstverständlichkeit, die mich überrascht und regelrecht elektrisiert. Dann verabschieden wir uns. Ich muss schlafen.
Ich erwache mit 5 Katzen im Bett.

*
Am nächsten Tag schon schreiben wir uns Emails. Es sind die Worte Verliebter, die zum Gipfel stürmen und dabei alle Stufen auf einmal nehmen. Ein Rausch.
Die nächsten Wochen bestehen nur aus Mails und Telefonaten. Aus Vermissen und Fantasien.
Er ist ein Poet, und die Worte, die er für seine Gefühle findet, treffen mich wie Giftpfeile.
Ich bin betäubt. Wehrlos. Und es gefällt mir.
So etwas habe ich noch nicht erlebt.
Nicht mit dieser Intensität, nicht in diesem Gleichklang, und nicht in diesem Tempo.
Er tanzt meinen Tanz, und wir verschmelzen dabei.
Schon nach wenigen Tagen bittet er mich ihm treu zu bleiben, als ich abends einen Freund treffe.
Ich verspreche es ihm.
Bald darauf sagt er mir, dass er mich liebt.
Der Wind weht seinen Duft zu mir. Ich kann ihn fühlen. Er ist ein Teil von mir.
Alle Gesetze und alle Regeln sind ausser Kraft gesetzt. Raum und Zeit lösen sich auf.
Er fliesst durch meine Adern.
Volle Fahrt.
Ich sehe den Strudel, aber ich kann nicht mehr aussteigen.

*
Du wirst nie wieder allein sein, sagt er an einem Abend zu mir, und mit diesem Satz bricht der letzte Damm.
Der Wall, der das Innerste schützt.
Ich fließe, ich löse mich auf. Ich gehöre ihm. Ich bin er.
Hingebung ist das einzige Ziel.
Verschmelzung. Symbiose.
Erlösung.
Eins sein.
Wie habe ich nur all diese Jahre ohne ihn verbracht?

Von I. trenne ich mich am Telefon. Er weint.
*
Der Flug nach Barcelona ist die Reise in ein neues Leben.

Teil I hier und Teil II hier