Thriller

Beim letzten Besuch in Frankfurt übernachteten wir in einem bekannten 4-Sterne-Etablissement im Bahnhofsviertel, das sich über 5 Etagen eines Gründerzeitaltbaus erstreckt.
Beim Betreten des Zimmers schlug uns der Gestank von kaltem Rauch entgegen. Dunkelbraune, abgescheuerte Möbel auf dunkelbraunem Teppichboden. Das Doppelbett 140 cm breit. Ein verklebter Wasserkocher, Instantkaffee, Dosenmilch. Bügeleisen. Minibar.
Verschimmelte Silikonfugen und 2 lagiges, raues Toilettenpapier im Bad.
Der Ausblick: Eurotower und andere Geldtürme. Das Euro-Denkmal, vor dem die letzten Occupy-Veteranen harren, um im Schatten der Glaspaläste die Banken in die Schranken zu weisen, beinahe in Wurfweite.
Das Frühstück wurde im benachbarten libanesischen Lokal aufgetischt, worauf wir allerdings verzichteten, nachdem wir am ersten Abend unseres Aufenthaltes dort so dürftig, wie auch überteuert gespeist hatten, und dabei von einer sehr jungen barfüßigen Blondine mit etwas unterhalten worden waren, was ihr irgendein Stümper als orientalischen Bauchtanz gelehrt haben mochte.
Sie bewegte sich ungelenk, unmotiviert und scheinbar ohne jeden Bezug zum Takt der orientalischen Musik, die aus billigen Boxen in voller Lautstärke auf uns herunter schepperte, während wir schweigend das Abendessen zu uns nahmen.
Dem Chef des Lokales schien ihr lärmender, arhythmischer Auftritt ebenso wenig zu gefallen wie uns, denn plötzlich stoppte die Musik und die Blondine zog ab, um allerdings kurze Zeit später in Bollywoodverkleidung, und mit einem hüfttiefen Münz-und Glöckchengürtel zurück zu kehren, und die Anwesenden mit klimperndem Torsowackeln zum Mitmachen aufzufordern. Zunächst leisteten nur ein paar männliche Gäste dieser Einladung Folge und ließen mit weingeröteten Wangen die steifen Hüften kreisen. Es dauerte nicht lange, da gesellten sich auch die Gattinnen hinzu und versuchten mit ihren Armen verführerisch anmutende Schlangenbewegungen zu vollführen, während die geschwollenen Füße, die in viel zu engen Schuhen steckten, von links nach rechts trippelten und die tunika-verhüllten Hüften alles gaben, was sie ihnen abverlangen konnten.
Wer jetzt noch saß, fing an in die Hände zu klatschen. Karnevalsstimmung Anfang September.
Zeit für uns zu gehen.

 

Im Zimmer warteten bereits die Hunde.
Wir versprühten das nach unserer Ankunft gekaufte Raumspray großzügig auf dem Teppich sowie den bodenlangen Vorhängen, öffneten wir das Fenster, und machten uns auf in Richtung Fluss.
Nach einem heißen Tag hatte sich eine milde Spätsommernacht über die Stadt gesenkt, und auf den Mainwiesen lagerten kleine Grüppchen junger Menschen. Es wurde gelacht, geraucht, getrunken. Pärchen lagen sich in den Armen und schauten auf den Main und das gegenüberliegende Ufer.
Die Hunde hefteten ihre Nasen an den Boden und trabten konzentriert neben uns her.
In der Nähe der Ufermauern kampierten Obdachlose, deren schmutzige Matratzen wir tagsüber schon in den Bäumen hatten hängen sehen. Sie lagen dicht beieinander, wie in einer dieser Notunterkünfte, die man aus dem Fernsehen kennt; ihre Habseligkeiten in abgeriebenen, löchrigen Discountertüten neben ihnen, wie altvertraute Komplizen.

 

Die Nacht war sternenlos, und so hatten wir sie erst bemerkt, als wir mit den Hunden direkt an ihren alkoholschweren, ruhenden Körpern vorbei liefen. Um niemanden zu wecken, stahlen wir uns mit angehaltenem Atem davon, sorgsam darauf achtend über keine der herumliegenden Schnapsflaschen zu stolpern. Wir verließen das Mainufer und traten zurück in das Licht des Untermainkai.
Auf dem Rückweg zum Hotel passierten wir die Gutleutstraße, im Mittelalter ein Rückzugsort für Leprakranke. Zwei Männer kauerten auf dem Gehweg. Beide ausgemergelt, beide hatten kleine nässende Wunden auf den Wangen. Schleppscheiße.
Mit fahlen Gesichtern und hohlem Blick kochten sie im Schein der Straßenlaternen ihren Stoff auf, banden die Arme ab und injizierten sich die Dosis, die sie über die nächsten Stunden bringen würde.Ich fühlte mich wie ein Voyeur.

Die Straße gehört denen, die auf ihr leben

Nur wenige Hauseingänge weiter, fanden wir das Lager aus Kartons und Planen, das wir tagsüber bereits gesehen hatten, besetzt. Jemand schlief in dieser spätsommerlichen Nische. Unweit davon lag ein Mann mit dem Gesicht auf den Gehwegplatten. Die nächtlichen Pilgerer liefen roboterhaft und mit fiebrigem Blick an ihm vorbei.
Es war lange nach Mitternacht, als wir die Münchener Straße kreuzten. Dort herrschte immer noch Hochbetrieb. Bars, Spielhallen, Bordelle, Imbissbuden, Trinker, Nutten, Junkies, Obdachlose und ein paar Touristen, so wie wir. Das Kottbusser Tor in Berlin ist eine Sonntagsschule dagegen.
Als wir in die Weserstraße abbiegen wollten, schnitt ein frisch gewachster weißer Hummer, mit rotierenden Hochglanzfelgen, uns den Weg ab. Hinter seinen getönten Scheiben wummerte sexistischer Westküstensound. Wir blieben stehen und schauten ihm hinterher, wie er im Schritttempo durch den Kiez rollte.
Schließlich erreichten wir das Hotel und fuhren mit dem Lift in den vierten Stock. Als wir die Zimmertüre öffneten, schlug uns eine Mischung aus Frischespray, Tabakgeruch und altem Mief entgegen.
Müde gingen wir zu Bett.
Ich lauschte den Stimmen der Nacht, die von der Straße zu unserem Fenster aufstiegen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Galeria Kaufhof/ Ostbahnhof

Wenn der kalte Wind über die Plätze pfeift, und das welke Laub kreiselnd über den Boden tanzt, schnappe ich meinen Hund und stapfe los.
Auf der Schillingbrücke ein Blick nach Westen. In der glasklaren Herbstkühle sieht man das Rote Rathaus. Im Osten das Allianzhochhaus und die mickrigen TwinTowers. Möwen segeln kreischend die Spree entlang. In der Ferne die Oberbaumbrücke mit ihren schönen Türmen, über die gerade eine U-Bahn gen Friedrichshain juckelt. Ich widerstehe, mit verkrampft geballten Fäusten, dem Zwang meinen Schlüsselbund über die Brüstung in den kalten Fluss zu werfen.
Ein Punk radelt mit seinen zwei riesigen Hunden im Gefolge an uns vorbei, und wir ziehen weiter.
Die Luft riecht nach Kohleöfen. Herbst.
An solchen Tagen fühle ich mich rastlos. Unruhig. Suchend und irgendwie verloren. Der bevorstehende Winter steckt mir schon jetzt in den Knochen. Trauer über einen vergangenen Sommer. Melancholie.
Ein starkes Bedürfnis nach Selbstgeißelung überkommt mich. Und so beschließe ich, mir bei Galeria Kaufhof am Ostbahnhof den letzten Hieb zu verpassen. Ich überquere den Platz, auf dem rechterhand ein paar Buden ihren Kram feilbieten und linkerhand ein paar Penner auf dem Rasen siechen.
Hereinspaziert
Ich steuere die Schreibwarenabteilung an, als mein Blick auf das Kosmetikspiegelsortiment fällt.
Bis eben noch erschien mir meine Haut glatt und weich wie eine dieser „Plastiktüten“ aus Mais, die es früher bei der Bio Company gab. Aus masochistisch-naivem Interesse greife ich nach dem Spiegel mit 7facher Vergrößerung. Was ich da sehe ist geeignet das Selbstbewusstsein eines Menschen für immer zu zerstören: riesige Poren, talgiger Teint und bislang unentdeckte Falten, Furchen, Narbenmonster. Eine Mondlandschaft. Wofür braucht man solche Spiegel? Um sich einen besseren Überblick über den eigenen körperlichen Verfall zu verschaffen, den man mit bloßem Auge noch nicht wahrnehmen kann?
Ich schaue auf das großporige Konterfei von Jogi Löw, der mit ungetrübtem Selbstwertgefühl für Nivea-Produkte wirbt, und den viele Frauen gerne heiraten würden; zumindest wenn sie aus Baden-Württemberg kommen. Die Parfümecke vis à vis verspricht Abhilfe bei solchen Problemen.
Jede Menge Reparatursets und Spachtelkits verschiedenster Hersteller zum Minimieren, Aufpolstern, Kaschieren, Mattieren, Neutralisieren, Lackieren, Abdecken, Streichen, Pinseln und Tuschen.
Baumarkt für Frauen. Schnell weg. Vorbei an der Abteilung mit spießigen oder witzigen Taschen, Rucksäcken und Portemonnaies zum gut sortierten und nicht minder bedrückenden Regenschirmsortiment.

Da hat der Einkäufer seinem Fetisch freien Lauf gelassen: viele verschiedene Hersteller, Qualitäten, Aufspann- oder Falttechniken, Größen, Farben und Muster. Alles was nach Kittelschürze oder Raubtier aussieht erweckt mein Interesse, denn heute will ich leiden. Passend dazu spricht eine schmeichelnde Männerstimme die spärliche, aber werte Kundschaft (ich sehe hier nie junge Menschen) via Lautsprecher an und preist in monotonem Singsang die Köstlichkeiten des hauseigenen Dinea-Restaurants. Das Tagesgericht kostet 5 Euro. Wenn man aber beim „6-Tage-Rennen“ von Galeria Kaufhof mitmacht und aktuelle Angebote kauft, gibt es noch mal 10 Prozent Nachlass auf die Speisen.
Ich hab einmal dort gegessen, weil ich vorhatte einen Berliner Kantinen-Führer zu schreiben. Mach ich jetzt doch nicht.
Nach den Schirmen kommen die Koffer. Rollkoffer. Praktisch und rückenschonend. Bunt, kosmopolitisch und weltoffen. Am 1. April letzten Jahres, stand in einer Berliner Zeitung, dass die Benutzung der ratternden und schleifenden Dinger nun rund um den Hermannplatz und in Kreuzberg, zum Schutze der Anwohner, verboten wird. Es rattert und schleift unentwegt weiter.
Die Strumpfabteilung erkennt man, wie schon in den Kaufhäusern meiner Kindheit, an den kokett in die Luft gereckten Puppenbeinen mit Strick oder mit Nylons. Gute Auswahl, aber kein Bedarf heute.
Ich schlendere mit Töle zur Lebensmittelabteilung und hole Wasabi-Paste. (Kaufen Rentner grünen Meerrettich aus der Tube?) Als ich das Geld passend, zur Ware auf das Laufband lege blubbert mich der Gemeine Berliner voll.
„Der Hund darf hier nich rein!“
„Äch, dann zahle ich jetzt schnell und bin weg.“
Dit darf er nich zulassn. Leida. Nee, ooch nich wenn dit Jeld jezze schon abjezählt is. Tut ihm echt leid.
Mir ooch, du Depp.
Also ohne Wasabi den Gourmettempel verlassen. Für die Bücher-Welt fehlt mir die Kraft. Die Auswahl an Fotokalendern, Prosa, Kinderbüchern und Kochbüchern, wie auch Lebens- und Frauen-Ratgebern ist niederschmetternd. Genug für heute. Die Damen-Welt, Herren-Welt, Haushalts- oder Dessous-Welt spare ich mir.

Ich gehe zurück zum Haupteingang, vor dem der immer gleiche Obdachlose mit ausgemergeltem, grauen Gesicht steht und sich über das Wasabigeld freut.

Hässliches, du hast so was Verlässliches

Ich kehre der deprimierendsten aller Kaufhof-Filialen den Rücken zu und trotte Richtung Kreuzberg.
Der Schlüsselbund liegt fest in meiner Hand.
Für die sehr gut sortierte Haushalts-Welt, die solide Strumpf- und Schirmabteilung, für das alte Ost-Gebäude mit Mosaiksteinen auf der kompletten Außenfassade, sowie die sehr anständigen Toiletten, kann es sich lohnen, der Galeria einen Besuch abzustatten.
An einem dieser grauen Tage in Berlin.