Spandau bei Berlin

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I bought a ticket to the world but now I´ve come back again

 

Vergeblich versuche ich, mich an den Namen des baumlangen Mitschülers zu erinnern, der während der Mittelstufe mit dürren Kranichbeinen hinter mir saß und auf dessen Federmäppchen Lasst Heß frei geschrieben stand. Auf meine Frage wer Heß sei, zeigte er mir ein schmales Druidenlächeln und erzählte mit leiser Stimme von Verschwörungen und von Abschaum. Vorne an der Tafel zeichnete unterdessen unser braun becordhoster Physiklehrer die Flugbahn eines Basketballs und meine Härchen stellten sich beim Quietschen der Kreide auf.

Viel später, lange nach Heß Tod, las ich irgendwo, dass der schon sehr alte Mann sich während seiner Haft allerlei Gedanken gemacht habe. Beispielsweise soll er, der seit Jahrzehnten hinter Gittern saß, sich empört haben über die maßlose Energieverschwendung außerhalb der Gefängnismauern. Um dem abzuhelfen, schlug er vor nachts alle Straßen hell zu erleuchten, anstatt irrwitzigerweise jedes Automobil sein eigenes Lichtlein entzünden zu lassen.

Ein wenig erinnert mich diese Geschichte an einen andere, die ich auch nur vom Hörensagen kenne, dass nämlich in Norwegen die Gehsteige und Ausfahrten im Winter beheizt werden, um den Menschen das Schneeschippen und den Oberschenkelhalsbruch zu ersparen.

Wenn sie kein Salz haben. sollen sie Strom nehmen

Ich weiß nicht, ob das stimmt, doch mich fasziniert die Vorstellung dieser nebeneinander aufgereihten Schüttelgläser, der abgeschlossenen kleinen Welten, in denen Jeder gewissenhaft und mit großem Ernst seinen täglichen Verrichtungen nachgeht, ganz gleich ob es sich um einen Seelsorger handelt oder um einen Kannibalen.

Denke ich an Heß, habe ich zwangsläufig auch Spandau und damit, neben den 80er Jahre Popsofties, natürlich auch die berühmte Zitadelle und die Fledermäuse im Kopf. Vor allem aber erinnere ich mich an die Begegnung mit einem Taxifahrer, den ich vor vielen Jahren, ich war erst einige Monate zuvor nach Berlin gezogen, an einem Sommerabend in Schöneberg heran gewunken hatte und der sich, ehe er mich einsteigen ließ, nach meinem Ziel erkundigt hatte. Bei Neukölln willigte er schnarrend ein und während wir durch die sonnenvergoldete Stadt glitten und bei geöffneten Fenstern ein Zigarettchen pafften, erklärte er mir, dass er mich überall hingefahren hätte, außer nach Spandau. Kurz vor seinem verdienten Feierabend gab er mir noch einen Rat mit auf den Weg, an den ich mich bis heute gehalten habe. Wenn es sich irgend vermeiden ließe, empfahl er, solle ich mir auf gar keinen Fall einen Liebhaber in Spandau zulegen, denn:

Wennse sich da ma inne Haare kriejn mitten inne Nacht, da kommt keen Taxi se wieder zurück zu bringn nach Balin.

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-direktlink, Spandau Ballet „True“)

 

 

 

Bild: Duckafterduck, flickr
Lizenz:  All rights reserved/ Alle Rechte vorbehalten (with friendly permission of the artist. Thank you!)

Vencerán!

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Jeden Samstag all you can Mampf, steht auf einem Plakat. All you can mampf, sagt der Radfahrer neben uns. Seine Begleiterin nickt flüchtig. All you can Mampf, sage auch ich und spreche Mampf extra groß und supergefräßig aus, wie etwas, das sich über etwas anderes stülpt, es sich einverleibt, eine dicke fleischige Lippe oder ein Cuttlefish etwa. Wegen der drei guten Dinge, wegen Groß-Mampf und weil Substantiv wo eigentlich Verb sage ich es und lehne mich zufrieden zurück. Am Sonntagnachmittag im Fond des Wagens behaglich vor mich hin schlaubergern, summen und meckern während das Gespräch vor mir sich gedeihlich entwickelt. Sie unterhalten sich über Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie, über selbstreferenzielle Subjekte und sich überlagernde Muster, die man ist und nicht bloß lebt. Rumbalotte! rufe ich dazwischen, um an den Matrosenwitz zu gemahnen, den der Bekannte dereinst auseinander klamüserte, bis nichts davon übrig blieb als geografische Korrektheit. Der Hund liegt neben mir, spitzt die Ohren und hechelt ergeben. Seine verfärbte Zunge erinnert an die beiden Chow Chows meiner Kindheit. Pelzige, unheimliche Tiere, deren Besitzerin, eine hagere Frau, dem Alkohol verfallen war, so sagte man.
Blau ist auch die Havel ein paar Kilometer weiter im eisigen Wind bei Hennigsdorf. Aufgepeitschte dunkle Fluten vor einer im Werden befindlichen Neubausiedlung mit Rankgittern vom Baumarkt und Carports am Ende jeder Einfahrt. Ich stürbe, müsste ich hier leben. Plötzlicher Weltschmerz greift nach mir. Solche Reihenhaussiedlungen gibt es doch in jeder Stadt, entgegnet die Chinesin. – Eben deshalb! Kaffee auf nüchternen Magen macht mich einfach zu dünnhäutig. Ich möchte nicht irgendwo leben, hingewürfelt in die Beliebigkeit.

Um das Elend zu verstärken, steht am Ufer ein alter Wachturm, nicht weit davon entfernt die sanierte Dorfkirche auf gepflegtem Rasen im Sonnenschein. Wir beschließen umzukehren. Die Chinesin wendet den Wagen. Im Spandauer Forst atme ich auf.

Als wir die ersten Häuser erreichen sehe ich eine große Passagiermaschine wie eine dicke Hummel über die Dächer hinwegbrummen. Hinter der S-Bahn-Brücke biegen wir ab in Richtung Osten. Ein hupender Autocorso unter türkischer Flagge begleitet uns, bis linker Hand die blauen Eisenbahnwaggons auftauchen und Charlottenburg nicht mehr weit ist.
In der City West wachsen langstielige schwarze Tulpen. Durch das Elefantentor des Zoos schiebt sich Menschengewimmel ins Licht. Für den Sommer werden zwei chinesische Pandas erwartet. Die Leihgebühr pro Tier beträgt eine halbe Million Euro jährlich.

Als wir die Kurfürstenstraße entlang fahren, schaue ich nach dem kleinen Birkenwäldchen und bin erleichtert, es noch immer unentdeckt vor sich hinträumen zu sehen.  Vor der Betonkirche bieten Prostituierte wie gewohnt ihre drogengemarterten Körper feil. Der Parkplatz bei Möbel Hübner ist einer Baugrube gewichen. Eigentumswohnungen, schätze ich. Jenseits der Potse belagern flaumbärtige Weekend-Gallery Besucher die Gehwege. 30jährige Söhne und Töchter in Designklamotten, die perlende Getränke in ihren gepflegten Händen halten. Auf die Kunst!

In Kreuzberg angekommen, parken wir das Auto wegen des Maifest-Halteverbotes irgendwo jwd.  In der Wohnung gibt´s dann Cappucino und köstlichen Schokoladenkuchen, den wir schnurrend und mit halbgeschlossenen Augen genießen. Nur ein ganz kleines Stückchen hebe ich für den Tag der Arbeit auf, wenn 6000 Polizisten vor meiner Haustüre für Ordnung sorgen und  Helikopter mit wummernden Rotorblättern den tiefblauen Himmel über Kreuzberg zerpflügen werden.

Vencerán!