Kundschaft

HEMS_Rettungshubschrauber_Christoph_Europa_2_Rheine_Germany
Kundschaft,
sagte der Kollege, ohne von seiner Tastatur aufzublicken, sobald der Rettungshubschrauber zur Landung auf dem Dach ansetzte und die flappenden Rotoren die Luft gegen die Jalousien drückten und auf diese Weise die Metalllamellen zum Vibrieren brachten.

Kundschaft bedeutete, neben Blut und Knochen und seidenen Fäden, vor allem die Tränen derer, denen das Schicksal die Rolle des bangenden Zuschauers zugewiesen hatte.

 

 

 

 

 

 

Bild: „HEMS Rettungshubschrauber Christoph Europa 2 Rheine Germany“ von Kaiwichmann aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HEMS_Rettungshubschrauber_Christoph_Europa_2_Rheine_Germany.jpg#/media/File:HEMS_Rettungshubschrauber_Christoph_Europa_2_Rheine_Germany.jpg

Boogie

awomanonawildride

Zwischen Angst und Hysterie. Aufgedreht ermattet, erschöpfend beschleunigt.

Ich hänge am Tropf*, der Hund sowieso, und dass heute erst mal Schluss ist damit beruhigt mich nicht, auch wenn es sollte (ab morgen täglich subkutan) es macht mir eher Angst. Jetzt trage ich die volle Verantwortung und nicht mehr die Praxis in der sie seit über einer Woche 6 Stunden täglich behandelt wird.

Überhaupt Verantwortung- ich mag und kann nicht mehr. Katze gefällig?

Die Behandlung hat bislang mehr gekostet als ein Stylomaten-Bugaboo-Cameleon 3.
Andere leisten sich Kinder, ich einen Hund. Uff.

Als nächstes verkaufe ich das Spielmobil und danach mich selbst aufm Bahnhof Zoo (mit Hausbesuch im Waldorf Astoria. Das Hotel soll sogar eine Bibliothek haben, hab ich mal gelesen, ich glaube bei Annika war´s. Die allerdings hat dort nur konsumiert und sich nicht konsumieren lassen. Mach ich auch nicht, keine Sorge bitte, ich geb nur an).

Ich würde so gerne mal resolut durchgreifen. Gegen alles und jeden. Einfach mal Nein sagen mit auf die Hüften gestemmten Händen (behauptet doch die V. kürzlich, dass wir Frauen deshalb schwere Gewichte auf unseren Hüften abstützten, statt sie allein mit den Armen zu halten wie ganze Kerle, weil unser Latissimus schwächer sei als der der der der der Männer. Deswegen geht sie bouldern, was wiederum die Pechmarie auf die Planken und somit jobmässig ins Aus befördert hat. So geht das: nach Stärke streben und dabei zu Fall kommen. Das Leben ist voller Bilder, man muss nur gewillt sein sie zu sehen. Ich kauf mir einen Aluhut.)

Am Wochenende kommt übrigens und à proposito (zum Zweiten) der Kanzler zu Besuch um seinen Sohn zur Einnahme von Psychopharmaka zu zwingen. Was mir gut tut, kann dir auch nicht schaden, Fleisch von meinem Fleisch und Psychiater sind sowieso überbewertet. Auch früher schon hat er gerne mal einen Waschlappen voller Lexotanilchen mitgebracht und die kleinen Tablettenbaguettes bröckchenweise in die aufgerissenen Kindsschnäbelchen hineingeworfen. Mit Schmackes und mit Bier nachspülen – passt – es geht nichts über elterliche Fürsorge.
(Wie ich aus der Schule nach Hause geschickt wurde nachdem ich mir sonstwas eingeworfen hatte/ Deine Augen sind so trüb, geht’s dir nicht gut? Doch, sehr sogar!/ Mandrax oder Vesprax, ich weiss es nicht mehr).

Es ist Oktober und eben habe ich eine Mitarbeiterin auf eigenen Wunsch verabschiedet.
Die nächste fängt im Januar an, in 10 Wochen, wie ich gerade errechnet habe. Zehn Wochen nur noch.
Tschu tschu tschu und schluck und schluchz.

* metaphorisch gesprochen. Es handelt sich hier schließlich um ein anspruchsvolles Literaturblog und à propos: ab Januar geht Tell an den Start und sucht noch MitschreiberInnen
Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

Warten

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Pas de bruit avec mes adieux
Pas pour nous les moments perdus
En attendant un uncertain au-revoir

 

 

Plötzlich war da dieses Loch unter dem Teppich in das Du und alles andere hinein gerutscht ist.
Und ich steh oben, alleine. Oder unten. Schwer zu sagen.
Was andere Fernbeziehung nennen ist unsere Art zu sein.
Getrennt zusammen. Erfrischend schmerzhaft.
(was wollte ich mit soviel Nähe/ wie könnte ich/ könnte ich?/
peux-tu: veux tu me recevoir sans trop te deranger?)
Erneuerung durch Abstand.  Zurücktreten um sich anschauen zu können.
Vorfreude.

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Was andere Herbst nennen, nenne ich Hölle.

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In meiner Straße haben Bauarbeiter ein Gerüst aufgestellt. Dacharbeiten bis Dezember.
Vier Tage Aufbau, drei Tage Ruhen und jetzt der Abbau.
Unverrichteter Dinge.

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Wie sehr mir der Hund ans Herz gewachsen ist merke ich, wenn ich sie nicht um mich habe.
Mein Tagesablauf ist ganz und gar auf sie abgestimmt. Vier Spaziergänge und zwei Mahlzeiten (in Zukunft sollen es 5 täglich sein, falls sie überhaupt eine Zukunft hat) geben einen Rahmen, der mir jetzt fehlt.

Für morgen erwarte ich den entscheidenden Blutwert. Ist es nur akut oder bereits chronisch?
Gerade ist sie wieder bei der Infusion, das liebeliebe Schätzchen.

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Draußen im Flur spricht die Nachbarin mit dem Tischler. Früher hat sie im Treppenhaus Tonleitern gesungen.
Jetzt sehe ich sie jeden Tag im tropfnassen Garten mit einem Stecken im Erdreich herumstochern.
Wie der Mann, der im Tiergarten auf den ordnungsgemäßen Abfluss des Wassers durch ein Brückengitter achtet und mit einem Stock jede Verstopfung und jeden Stau durch Laub und Unrat gewissenhaft beseitigt.
Wenn er nicht den Wasserlauf hegt, dann raucht er.

Die Nachbarin hatte Unterleibskrebs, sagt der Nachbar. Jetzt ist sie unglaublich dünn, trägt Turban und ansonsten nur noch Neonkleidung. Ganz so als müsste sie etwas tun um sich wieder sichtbar zu machen, ihr Leben zu beschreien.
Es beschwören, damit es bleibt.
Die erdbraunen Kleider ablegen um sich nicht gleich zu machen, nicht versehentlich verschluckt zu werden. Den Tod blenden.
Ich schließe sie in meine guten Gedanken mit ein.

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Draußen ist es trübe und das Laub zerfällt.
Der Herbst hat alle Farben und alle Freude weg gewischt.