Microfight oder Ausgedachte Zipfel

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Über die Leipziger Straße brettert ein Krankenwagen und noch einer und gleich der nächste in Richtung Potsdamer Platz. Das Gellen ihrer Sirenen legt sich über das Tosen der dicht befahrenen achtspurigen Piste. Der Tag flimmert und gleißt auf den kochenheißen Autodächern.

Was ist passiert? Ist es passiert?

In der Hauptstadt erwartet man den ersten Anschlag, schon lange, doch nach den Attentaten und dem Amok in Bayern verdichtet sich die Sorge zu Angst.

Der Bruder hat sich einen ehemaligen Bahnhof gekauft, irgendwo in Brandenburg. Sollte ich es ihm gleich tun und die Flucht auf´s Land antreten, wo ich dann bei der Gartenarbeit auf den Rechen trete, mir der Stiel mit solcher Wucht gegen den Kopf knallt, dass ich rücklings auf das gusseiserne Tor stürze und von einer der schön gedrehten Spitzen durchbohrt werde. Vielleicht ist es auch ein Jäger,  bei der Treibjagd, der mich für eine Sau hält und mich mit Schrot durchsiebt. Kann passieren.

Wahrscheinlich käme es ganz anders, aber nicht minder qualvoll und ich stürbe den Tod der ewigen Langeweile, weil für mich, als Stadtkind durch und durch, das Land nur kurzzeitig Erholung bringt, langfristig aber den Untergang bedeutet.

Am sichersten ist man derzeit wahrscheinlich auf dem Kotti, scherzen der Eine und ich, als wir abends im Bett liegen. Wenn da einer mit einer Machete auftaucht ist er eine Minute später erstochen. Die haben da keine Lust auf solche Leute.

Wer hat schon Lust auf die, denke ich. Vielleicht muss man noch fertiger oder irrer sein, als jemand, der gewillt ist sein eigenes Lebenslicht auszuknipsen und dabei zusätzlich das Blut möglichst vieler Menschen vergießen möchte, um sich mit diesem Selbstmordfatzken auch noch anzulegen. Desperados unter sich.

Selbst Glauben schützt in diesen Tagen nicht mehr zuverlässig. Nicht mal einen 86jährigen Priester. Die Attenäter machen keine Unterschiede, sowenig wie die Bomber, die ihre Städte in Schutt und Asche legten.

Micromort heisst die Maßeinheit für Risiko und bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million zu sterben. Eine Mikrowahrscheinlichkeit (microprobability) ist eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt; ein Mikromort ist entsprechend die Mikrowahrscheinlichkeit des Todes.       (Wikipedia)

Die Wahrscheinlichkeit durch ein terroristisches Ereignis zu Tode zu kommen, ist in Europa in den letzten Monaten messbar gestiegen.

Was waren das für Zeiten, als man es im urbanen Leben mit ganz normalen Säufern und Schlägern zu tun hatte, die noch halbwegs an ihrem Leben hingen und deren Risikoeinheit der alkohol- oder betäubungsmittelinduzierte Microfight war.

Hier und da uferte eine Schlägerei untereinander mal aus, ein paar Nasen brachen, dreckige Flüche wurden ausgespuckt und am nächsten Tag stand man zugerichtet wie Bolle wieder gemeinsam auf dem Platz, rotzte ab und an auf den Boden und versuchte, soviel Rauschmittel wie möglich in seinen gemarterten Körper hinein zu bringen.

Früher war alles schöner.

 

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zuhause, oder Selbstmord und Silberrücken

English: Thunderstorm in front of Taunus, Nied...
Auf der Rückfahrt durch sternlose Nacht sprechen wir über den Abend, der hinter uns liegt.
Ihr seid so harmonisch, sagt die Freundin. Alles scheint geklärt zwischen euch.
Findest du?
, frage ich erstaunt.
Ja, schon, du nicht? Worüber ihr euch unterhalten könnt!
Was meinst Du?
Na, über´s Kiffen und über Popstars, über Selbstmord, über das Sterben. Über Essstörungen, Liebeskummer, Politik, Religion.
Tatsächlich haben wir, dort im lauschigen Gärtchen der Gaststätte, bei Grüner Soße mit Salzkartoffeln und sauer Gespritztem, so ziemlich jedes große Themengebiet zumindest kurz gestreift. Bezüglich der angenehmsten Art Selbstmord zu begehen waren die drei Ärzte am Tisch sich allerdings nicht ganz einig. Der Eine findet Ersticken durch Plastiktüte gut, die Andere das Ausbluten und der Nächste gibt Kohlenmonoxid den Vorzug. Anästhesisten, so erzählt der Schwager, bevorzugten den Tod, den auch Michael Jackson starb. Eine Überdosis der weißen Milch befördere sicher und mit sanften Träumen auf die andere Seite des großen Flusses.
Mir erscheint die Plastiktüten-Variante am besten. Einfach, lautlos, sauber, und noch für den kleinsten Geldbeutel erschwinglich.

Suicide made by Lidl

Wer immer sie mir dereinst reichen wird, macht sich zum Sterbehelfer.
Später erklärt mir der Neffe, warum er Abends keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt. Es hat zu tun mit Muskelaufbau und vor allem auch mit Muskeldefinition. Wie genau das nun zusammenhängt weiß ich nicht mehr. Über seine Pommes und die gebratenen Zwiebeln jedenfalls freut sich die Schwester, das Rumpsteak verleibt der große, kräftige Kerl mit der Kinderseele sich ganz alleine ein. Danach raucht er eine Parisienne bleue. (Filterkippen stinken)
Interessanter finde ich die Frage, wozu er, den ich noch als eher trägen Teenager mit ausgeprägter Vorliebe für hochkalorische Süßspeisen in Erinnerung habe, seinen Körper so derartig auftrainieren möchte. Ist es, um den Mädchen zu gefallen, oder will er damit eher andere Jungs beeindrucken? Denn das weibliche Geschlecht, da sind wir drei Frauen am Tisch uns einig, steht ja eigentlich gar nicht auf muskelbepackte Hulks.
Nicht? Da staunt er. Nein, eher nicht.
Ich erzähle ihm von dem Silberrücken im Frankfurter Zoo, der die konkurrierenden Männchen der Gruppe mit martialischem Gehabe und breitschultrigem Brusttrommeln beeindruckt und im Zaum hält. Die Gorillaweibchen kümmert das wenig. Im Gegenteil. Bei einem Zoobesuch vor vielen Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder, führte der Gorillachef sich gerade wieder lautstark und gewaltbereit auf, derweil die Gorilladamen hinter der dicken Glasscheibe mit dem Publikum flirteten. Eine von ihnen hatte ganz offensichtlich ein Auge auf meinen Bruder geworfen, der den zähen Körper eines Marathonläufers, nicht aber eines Kraftprotzes hat. Benny fand meine Beobachtung wenig schmeichelhaft. Zum Beweis, nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange, was das Weibchen derartig in Rage brachte, dass sie an die Scheibe herantrat und mit schwarzen Augen und wildem Gesichtsausdruck laut und gefährlich dagegen trommelte. Hätte sie gekonnt, hätte sie mich getötet, da war ich mir sicher.
Auf einmal tat sie mir ungeheuer leid, und ich zog Benny aus dem Affenhaus ins Freie.
Nie wieder habe ich diesen Ort danach aufgesucht.
Der Neffe hat meinen Ausführungen interessiert gelauscht und schenkt mir nun ein nettes Lächeln mit bezaubernden Grübchen.
Er kann schon sehr charmant sein, denke ich, und ich hoffe, dass die Frau, die er eines Tages ins Herz schließen wird, ihn genau für seine weiche und zuvorkommende Art, nicht aber für seine Muckis und sein Großmannsgetue lieben wird. Mein goldiges Näffchen.
Der Abschied ist warm und ein kleiner Schmerz sitzt mir in den Nasennebenhöhlen. Nicht weinen. Ich kämpfe die aufsteigenden Tränen nieder und mein Abgang gerät viel sachlicher als gewollt.

Die Freundin hat Recht, wir sind schon sehr harmonisch miteinander, inzwischen.
Das mit der Herzlichkeit wird auch noch. Ich übe.

Kamikaze oder Schlingernde Fische

English: Ny Carlsberg Glyptothek, Copenhagen. ...

Ajax begeht Selbstmord. (Photo credit: Wikipedia

(Teil I  > Save Our Souls. oder schluchzende Fische)

Am nächsten Morgen komme ich nur schwer aus dem Bett, trinke zwei große Instantkaffee -schwarz- hobele mir unter der Dusche mit dem Rasierer ins Schienbein, und blute anschließend wie ein Schwein. Erst mittags komme ich los. Trotz reichlich Platz im Auto, reise ich mit minimalem Gepäck.

(Entsagung, Askese, Aufopferung/
Stabat mater dolorosa/ Gewissensbisse bei allem, was nicht Mangel ist/ Woanders verhungern die Menschen)

Das Auto ist vollgetankt und springt problemlos an. Zwei Mal in den letzten Monaten, hat der Marder im Motorraum gewütet und dabei Zündkabel und Kühlwasserschlauch zerbissen. Es gibt viele hier draußen,  und sie werden gejagt.
Mitten im Foyer der neurologischen Klinik haben sie sogar einen gefangen, und anschließend in die Tierversuchslabore im Keller gebracht.
Er war auf unerklärliche Weise in den rundum verglasten Patio mit der einsamen Pinie geraten, und schließlich von zwei Männern, in weißer Schutzkleidung, mit einem Käscher gefangen worden.
Ich kam zufällig dazu, als sie gerade versuchten das verschreckte Tier vom Baum zu holen. Auf der eleganten Sitzgruppe unmittelbar vor dem Glashof, unterhielt sich eine Frau, mit langen, wulstig-roten Narben auf dem kahlen Schädel, völlig unbeteiligt von dem was gerade geschah, mit ihrem Besucher.
Schon vor ein paar Tagen war sie mir wegen ihres merkwürdig verformten Kopfes aufgefallen.
Der Krankengymnast erklärte mir, dass ihr Gehirn nach einem operativen Eingriff geschwollen war, und ein Teil des Knochens, der normalerweise die Stirn bis zu den Schläfen bedeckte, in einer Knochenbank gelagert würde, bis er wieder eingesetzt werden könne.
Bei der Vorstellung, mit einem ungeschützten, nur von Haut ummantelten Hirn unterwegs sein zu müssen, zog sich mir der Magen zusammen. Sofort hatte ich die Vision offenstehender Küchenschranktüren und den grauenhaften Folgen einer kurzen Unachtsamkeit.

Jede Verletzung, bei der ein Fremdkörper in Gewebe eindringt und es durchstößt, erschreckt und ekelt mich. Messerstiche, Munition, Splitter.
Dann schon lieber stranguliert oder mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen werden, ertrinken, ersticken. Sauber und unversehrt von außen.
Außen hui, innen pfui, wie meine Mutter sagen würde. Meine Mutter.

Inzwischen bin ich durch die halbe Stadt gefahren, und nehme in Heidingsfeld die Ausfahrt zur Autobahn.
120 km bis Frankfurt.
Die Strecke geht durch den Spessart und führt mich vorbei an Orten wie Rohrbrunn, Weibersbrunn und Mespelbrunn. Letzteres berühmt für sein Wasserschloss.
A.s Verehrer könnte erklären, wie diese Ortsnamen entstanden sind.
Keine Ahnung, wo sie diesen verknöcherten Typ, mit der Kopfhaltung eines fliehenden Huhnes, aufgegabelt hat.
Kürzlich erzählte er ihr und mir vom etymologischen Ursprung alter Flur- und Siedlungsnamen. Das Suffix -ach, zum Beispiel, verweise immer auf einen Fluss. So wie in Eisenach, oder Schwarzach. Culm, kulm oder col bezeichne einen Berg, eine Anhöhe, während die Endung -hart einen Wald benenne. Spessart, der Spechtswald.
Das wusste ich schon von meinem Vater, der regelmäßig, auch gerne mitten in einer Unterhaltung, das Standardwerk der deutschen Etymologie, den Wasserzieher, hervorholte und uns belehrte.
Manchmal kotzten mich seine Ausführungen an. Besonders dann, wenn ich gerade im Erzählfluss war, er mir mit der unnötigen Unterbrechung die Pointe versaute und zudem sein totales Desinteresse an dem, was ich zu sagen hatte, zeigte. Form vor Inhalt.

Als das hagere Huhn uns in die Etymologie der Siedlungsnamen einführt, stößt es bei A. auf stirnrunzelnde Langeweile. Aus Mitgefühl eile ich ihm mit ein paar Fragen zu Hilfe, die er aber eher unwillig beantwortet. Schließlich bin ich nicht das Korn, das er picken möchte. Vor den Kopf stoßen will er mich auch nicht. Weiß man ja: Freundinnen als Türsteherinnen zum Paradies.

-Vielleicht sollte man manchmal einfach gleich mit offenen Karten spielen, denke ich, ehe einer sich verrennt und unglücklich wird.

Das Huhn hat keine Chance. Heute nicht, morgen nicht und überhaupt niemals. A.wird ihn aber nicht aufklären. Ist doch peinlich, wenn man jemandem erst einmal unterstellen muss, dass er scharf auf einen wäre. Wahrscheinlich streitet er es ab, und schon steht man da und weiß nicht was man sagen soll.
Ich denke an den Galan. Der würde mir fehlen, wenn er weg wäre, obwohl mir seine übertriebene Verzückung lästig ist, wenn er, wie neulich erst, mit großen Worten und Gesten vor mir auf die Knie fällt. Im Supermarkt. Auch peinlich.
Die Trennung von C. liegt erst wenige Monate zurück. Auch meine Mutter ist noch nicht lange weg. Kurz nach dem Infarkt meines Vaters hat sie heimlich gepackt und ist verschwunden. Einfach so, ohne Nachricht.
Überall lose Enden, denke ich, während der Nissan durch den schattigen, kühlen Spessart gleitet. Auf dem Sitz neben mir kauert das kleine Getüm in seinem Körbchen und maunzt. Ich drehe das Radio auf und wechsle wegen des schlechten Empfangs zu Cassette. Der Sound bleibt miserabel, die Boxen in den Seitentüren scheppern, die Katze klagt noch lauter.
Gitarrengeschrammel, der unverkennbare Sound von Hüsker Dü.

Hey little girl, do you need a ride?
Well, I’ve got room in my wagon why don’t you hop inside
We could cruise down Robert Street all night long
But I think I’ll just rape you, and kill you instead

Als ich aus dem Wald heraus fahre, öffnet sich vor mir das schönste Tal des Spessarts, und gleich darauf führt meine Lieblingsbrücke mit einer leichten Linkskurve über eine tiefe Schlucht.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück
Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Eine große Traurigkeit und die Sehnsucht nach einem intakten Leben überkommt mich, Schmerz drückt sich aus dunklen Tiefen wie eine dicke, zähe Teerpaste nach oben, und wickelt sich wie eine Anaconda um meinen Brustkorb. Die Nase geht zu; mit geöffnetem Mund versuche ich meine Tränen weg zu atmen. Die Augen schwimmen.
Ich trete das Gaspedal durch.180 km/h, Seitenwind. Der Nissan fängt an zu schlingern, die Katze schreit. Wütend schlage ich gegen ihren Korb. Sie soll ihr verfluchtes Maul halten, das Scheißvieh!
Sofort tut es mir leid. Was mache ich da?
Jetzt schüttelt es mich so sehr, dass die Straße verschwommen vor mir liegt.
Ich könnte das Lenkrad loslassen. Bei der nächsten Kurve wäre alles vorbei. Ich würde in die Leitplanke brettern und abstürzen, oder von einem nachfolgenden, schwer beladenen LKW zermalmt werden. Sekundentod.
Das würde meinem Vater den Rest geben.
Ich löse den Gurt.

You’re the cutest girl I’ve ever seen in my life
It’s all over now, and with my knife

Eine Weile noch heule ich weiter, bis ich vollkommen leer und erschöpft bin. Kurz vor Aschaffenburg fallen mir beinahe die Augen zu. In das hiesige Museum für alte Sportwagen wollte der Fernsehmann auch unbedingt mit mir gehen.
Wie vieles andere, haben wir es immer wieder vertagt.
Bis zum Offenbacher Kreuz ist es nicht mehr weit. Danach fährt es sich wie von selbst. Heimweg.
Als ich ankomme, schaue ich auf die Uhr im Auto, die ganzjährig Sommerzeit anzeigt.
Eine Stunde von Haustür zu Haustür. Rekord.
Mein Vater kommt raus, wundert sich, das ich so schnell da bin, und nimmt mir den Weidenkorb mit der Katze ab.
Die nächsten drei Tage verbringe ich nur mit ihm. Koche für ihn, rede mit ihm, tröste ihn. Treffe niemanden sonst. Auch nicht C., den Fernsehmann.
Ich habe ein neues Leben angefangen, dort in der kleinen Verwaltungsstadt, in der ich solange in der Klinik lag. Mit meinem alten Leben will ich nichts mehr zu tun haben.

Nachts schlafe ich im Arbeitszimmer, unter dem gerahmten Plakat der New Yorker Bauarbeiter, die in schwindelnder Höhe auf hängenden Stahlträgern sitzen und frühstücken.
Immer wieder kommt mein Vater in den Raum, weckt mich und setzt sich an meine Bettkante.
-Kannst du mir was Gutes sagen?
-Es ist gut, dass sie weg ist, ihr habt euch sowieso nur zerrieben! Sie ist es nicht wert, dass du ihr nachweinst. Wenn es Liebe gewesen wäre, würde man nicht einfach so gehen und alle Konten abräumen. Du brauchst sie nicht. Erinnere dich, wie entspannt du warst, als sie im Krankenhaus lag. Du hättest sie doch auch am liebsten verlassen. Deine Trauer ist irrational. Jetzt fängt das schöne Leben an!
Mein Vater schreibt alles auf, was ich ihm sage. Damit er es nachlesen kann, wenn ihn die Einsamkeit und die Trauer anfallen, und er in seinem Gedankenkarussell kreist, bis ihm schwindelt.
Keine Stunde später steht er wieder neben meinem Bett und ist tief verzweifelt. Er hat das Notizbuch in der Hand und bittet mich ihm zu erklären, wie ich was gemeint habe, und warum es gut ist, dass sie gegangen ist.
So geht das 3 Tage lang. Tagsüber fühlt er sich besser, aber Nachts, wenn der ausgehöhlte Geist um Schlaf ringt, und die Lider einfach nicht geschlossen bleiben wollen, wenn es ruhig wird auf den Straßen, wenn der gewohnte Atemzug neben ihm fehlt, wenn ihn diese ganze Sinnlosigkeit des Lebens, des In-die-Welt-Geworfenseins, diese unabänderliche Einsamkeit umzingelt und sich wie ein schwerer Stein auf seine Brust legt, dann hält es ihn nicht auf dem Laken. Dann muss er reden. Wenn schon mal jemand da ist, in dem großen Haus, in dem wir früher zusammen gelebt haben und das er jetzt alleine bewohnt.
Ich bin froh, dass er nach seinem schweren Herzinfarkt und der Reha in Bad Orb überhaupt wieder arbeiten kann. Beschäftigt sein, abgelenkt sein, sich durch Sachlichkeit und Routine sedieren. Über Wasser halten.

Als ich ihn im Frühsommer in der Reha besuchte, war ich selbst noch Patientin in der Uniklinik in Würzburg, und fuhr heimlich mit dem Galan und dessen beige-braunem 1er Golf nach Bad Orb.
Bad Orb, der Ort, in den jedes Frankfurter Schulkind einmal auf Klassenfahrt geschickt wurde, und wo ich im Wald, der ans Schullandheim angrenzte, eine ganze Kiste voller verstörender, pornografischer Fotos gefunden hatte. Die Lehrerin war sehr ernst, als ich sie ihr zeigte, und kurz darauf kam die Polizei und durchkämmte das Waldstück. Ich schämte mich sehr. Damals war ich 8 Jahre alt.

Ich erlebe meinen Vater verändert, als ich ihn an diesem Nachmittag, bei schönstem Wetter, in dem kleinen Kurort besuche. Resigniert. Er redet über den Betrug, mit dem die Romantik Vorstellungen vom richtigen Leben nähre, denen keine Wirklichkeit je gerecht werden könne. Die Verheißung, hinter deren prächtigen Toren das Nichts lauerte. Die Jagd nach dem Glück, das man in einem Menschen zu finden hofft, dieser Mann für diese Frau, die Ernüchterung.
Jeder Schlager, jedes Gedicht künde von dem Großartigen, das einen erwarte, wenn man nur auf den richtigen Menschen treffe. Die Blaue Blume am Wegesrand. Gib´s auf, gib´s auf!
Er erzählt mir auch, wie sehr es ihn erschüttere, dass er sich nicht mehr auf seinen Körper, auf seine Gesundheit verlassen könne. Er war doch immer der Robuste der drei Brüder.
Der Infarkt ereignete sich nur wenige Tage nach einem Belastungs-EKG, das ihm uneingeschränkte Herzfunktionen bescheinigte. Das Vertrauen in seine eigene Unverwundbarkeit sei jetzt weg.
Geht mir nicht anders, denke ich, schweige aber und höre ihm zu. Es gelingt mir, so zu tun, als könne ich das Tonnengewicht seiner Trauer problemlos auf meine Schultern packen. Ich muntere ihn sogar auf, und fahre am Abend wieder zurück nach Würzburg, in mein Zimmer auf der Station 2 Nord, wo mir Schwester Silvia noch eine Kanne Fencheltee kocht.

Zwei Tage vor seinem Infarkt hatte er mich im Krankenhaus besucht. Allein, wie immer. An diesem Tag sagte ich ihm, wie dankbar ich ihm bin, dass er mich in all meinen Entwicklungen immer unterstützt und mir vertraut hat, dass ich meinen Weg gehen würde, auch wenn dieser nicht gerade ist und mehrere Anläufe erforderte. Es war ein besonders herzliches Treffen, in dessen Verlauf ich ihm sogar sagte, wie gerne ich ihn habe.

Als ich Frankfurt am späten Sonntagnachmittag verlasse bin ich erschöpft von soviel Trauer und den ständigen Schlafunterbrechungen. Es fällt mir schwer zurück fahren, aber Montag habe ich wieder Vorlesungen, und ich bin mit meiner Kraft am Ende.
Die Rückfahrt durch den Spessart tut mir gut, die Katze schläft in ihrem Korb, und als ich in Würzburg ankomme, rufe ich Ida an, um mit ihr nach Grombühl zu fahren und etwas zum Kiffen zu besorgen. Sie hebt sofort ab.

-Hallo?
-Ja, ich bin´s. Was machst du gerade?
Mit dem, was dann kommt, habe ich nicht gerechnet.
-Wo warst du? herrscht sie mich an.
-Äh, ich war bei meinem Vater.
-Wieso hast du mir nicht Bescheid gesagt?
-Ich sage doch nie Bescheid, wenn ich mal 3 Tage weg fahre. Außerdem hattest du Frühdienst.
-Und die Katze hast du allein gelassen?
-Nein, die habe ich mit genommen, wie immer.
-Hast du niemandem gesagt, dass du wegfährst?
-Doch, der A.
-Du bist so ein Arschloch!
-Hä, was´n los?
-Du bist so rücksichtslos und egoistisch, ich hab keinen Bock mehr auf dich!
Fieberaft überlege ich, ob ich irgend etwas getan habe, was sie so in Rage bringen konnte. Mir fällt absolut nichts ein.
-Jetzt hör aber mal auf! Was hab´ ich denn gemacht?
Plötzlich zittert Idas Stimme. Die harte, coole Ida, die aussieht wie Frida Kahlo mit dem ironisch-bohrenden Augen Salman Rushdies, weint.
Ich bin platt.

-Was ist denn passiert? Ist irgendwas mit Edo? Idas Freund ist Gelegenheits-Junkie, der mit Taxifahren seinen Stoff finanziert und immer häufiger auch in ihre Tasche greift.
-Nein, was soll mit dem sein! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Wir haben dich überall gesucht.
-Wieso denn? Wer denn?
Sie erzählt mir, dass der Galan völlig außer sich, bei ihr auf Station erschienen sei. Von einem Klassenkameraden, der im gleichen Haus wie ich wohnte, hatte er erfahren, dass die Feuerwehr mit der Rettungsleiter in meine Wohnung eingestiegen sei, und mich schließlich auf einer Bahre, oder in einem Sarg, da war er sich nicht sicher, rausgetragen habe. Das hatten andere Nachbarn bestätigt. Jeder erzählte, was er über mich wusste. Dass ich so zurück gezogen lebte und viel alleine war, dass ich keine Kontakte aufnahm, und dass man mich immer wieder durch die Rohre im Badezimmer schluchzen hörte.
Ida und der Galan hatten dutzende Male versucht mich telefonisch zu erreichen, waren dann zu meiner Wohnung gefahren, und fanden dort zwei dicke Blutstropfen vor meiner Türe.
Sie hatten gegen die Tür gehämmert, die Katze gerufen, waren anschließend sämtliche Krankenhäuser abgefahren und hatten bei Polizei und Feuerwehr angerufen. Ohne Ergebnis.
A.s Nummer hatten sie genau so wenig, wie die Privatnummer meines Vaters.
Der Galan hatte sich schwere Vorwürfe gemacht meinen schlimmen Zustand nicht erkannt zu haben, als wir uns zwei Tage zuvor noch kurz gesehen hatten. Das schwule Pärchen erzählte ihm von meinen Tränen und dem endlos läutenden Telefon. Alles passte zusammen.
Nach dem Gespräch mit Ida rufe ich beim Galan an. Er ist nicht Zuhause, und ich hinterlasse eine Nachricht.
Zwei Stunden später klopft er an meine Tür. Als ich öffne bleibt er kurz stehen und schaut mich mit rot geäderten Augen an. Dann drückt er mich so vorsichtig, als würde ich sonst kaputt gehen.
-Sowas darfst du nie wieder machen, sagt er leise,  ich bin so froh, dass du noch lebst!
-Ich auch.
Zusammen rauchen wir eine Tüte und hören Musik.
Spät in der Nacht geht er nach Hause.

Musik zum Text: Hüsker Dü, Diane

Save our souls, oder Schluchzende Fische

Yūreisen (幽霊船, Ghost ship) from Hokuetsy-Kidan...

Ghost ship, Hokuetsy-Kidan

Zu Beginn des ersten Semesters, saß ich in der vordersten Reihe eines Seminarraumes.
Bereits während meiner Schulzeit hatte ich mir das angewöhnt. Dort fiel man weniger auf. Bei den letzten Reihen vermuteten die Lehrer gleich die Drückeberger. Der zweite positive Effekt war, dass man als Vornesitzer bei der mündlichen Bewertung meist eine Note besser abschnitt als verdient.
Im Studium erwartete ich diesen Effekt nicht.
Ich wollte einfach für mich sein.

Erst im Juli war ich nach 6 Monaten aus der Klinik entlassen worden, und ich war noch derart verstört von dieser Welt des Siechens und des Sterbens dort oben auf dem Hügel der Neurologie, dass ich nur meine Ruhe wollte. Mit niemandem sprechen müssen, hier in dieser fremden Stadt, In diesem neuen Leben.
Der Galan, den ich als Besucher einer Zimmernachbarin im Krankenhaus kennengelernt hatte, hatte mir als einen seiner zahlreichen Bestechungsversuche  seine Jacke aufgenötigt. Sie war aus schwarzem, weichen Leder, klassischer Bikerschnitt, hinten eine Harley als Aufdruck und auf beiden Ärmeln sowie der linken Brust stand live to ride, ride to live.
Genau die richtige Montur um hart rüber zu kommen und jeden auf Abstand zu halten. Dachte ich.
Bei A. wirkte das nicht. Sie setzte alles daran mich kennen zu lernen, weil sie, wie sie mir viel später einmal erzählte, davon überzeugt war, dass ich eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Sie sollte Recht behalten.
Ich sitze also da und warte auf den Pater, der uns die nächsten 2 Stunden in das Wahlpflichtfach Religionspädogogik einführen soll. A. betritt den Raum, wirft einen Blick in die Runde, steuert auf meinen Tisch zu und fragt mich, ob sie sich neben mich setzen könne.
Der Raum ist weitestgehend leer, fast alle Plätze noch frei.
-Da ist meine Tasche. Ich zeige auf den Beutel, der neben mir auf dem Tisch liegt und glaube, der Fall habe sich damit erledigt. Sie lässt nicht locker.
-Die kann ich ja wegnehmen, sagt sie freundlich.
-Wenn´s unbedingt sein muss, antworte ich so mürrisch wie möglich.
Ja, es muss unbedingt sein. Sie nimmt den Beutel weg, setzt sich neben mich und lacht verlegen. Verärgert über ihre plumpe Ignoranz drehe ich mich weg, atme deutlich hörbar aus und schaue stur auf den Kollegblock, die Kaugummis und den Stift vor mir. Bloß nicht quatschen.
Hihi, kichert sie, ich habe auch Orbit-Kaugummis, aber in grün. Möchtest du einen?
Möchte ich nicht. In meiner Erinnerung bleibe ich abweisend und sage ich ihr, wie ekelhaft die Grünen schmecken. Vielleicht bilde ich mir das aber nur ein und ich lehne in Wahrheit mit einem passablen Nein, danke! ab. Erziehung halt.
Die nächsten Wochen hing sie mir dann sprichwörtlich auf der Pelle, war immer dort wo ich auch war und versorgte mich ungefragt mit jeder Menge Hintergrundwissen über ihr Leben. Ihre große Schwester, den kleinen Bruder, die Lehrer-Eltern, die Wohnmobilreisen, den Freund und den Ex-Freund, ihren ausgeprägten Kinderwunsch, über Taizé und ihre Aufenthalte dort. Nicht besonders interessant, nicht meine Schiene, aber nett war sie schon, wenn auch jünger als ich und blond und ein bisschen provinziell und albern. Irgendwie muss ich sie schließlich doch gemocht haben, denn zu ihrem Geburtstag, Anfang November, schenkte ich ihr eine Karambola, weil sie einmal beim Anblick dieser Frucht völlig aus dem Häuschen geraten war. Vermutlich gefiel ihr die Exotin nur deshalb, weil sie ungewöhnlich aussah und allein der feurige Name etwas Glamour in ihr behütetes Kleinstadtleben brachte. Aus dem gleichen Grund mochte sie wahrscheinlich auch mich: ich fiel auf dort in Würzburg,
Ich weiß nicht, ob ich ihr ein Geschenk gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, wie sehr sie sich darüber freuen würde. Ich glaube eher nicht. Ich war nicht auf de Suche nach einer Freundin oder netten Kontakten.
Erst einmal wollte ich ein neues Leben anfangen. Allein, nur mit mir selbst.
Zu verdauen war das Ende der langjährigen Beziehung mit dem Fernsehmoderator. Der Herzinfarkt meines Vaters, das Auseinanderbrechen meiner Familie, das Verschwinden meiner Mutter, mein Klinikaufenthalt, die Krankheit.
Da war kein Platz für das blonde Mädchen aus Unterfranken, das infantil wie Otto Waalkes daher quatschte, gegen Drogen war, an Gott glaubte und sich einer französischen Christensekte verbunden fühlte. Die Vorlesungen und die Pause verbrachten wir zusammen, aber danach zog ich mich zurück in mein 1-Zimmer-Apartment weit draußen in Lengfeld mit Blick auf das Müllheizkraftwerk.
Ich war viel allein in dieser Zeit. Freitags nach der letzten Vorlesung kaufte ich ein, fuhr nach Hause, zog dort den Telefonstecker aus der Wand und verließ das Haus erst wieder Montag früh, nach 2 ½ Tagen des Schweigens.
Ich las, schrieb, zeichnete, weinte, fraß und kotzte. Manchmal schminkte ich mich exzessiv und machte dann Fotos von mir. Wenn es mir besonders schlecht ging, setzte ich mich in die Badewanne, legte meinen Kopf an die Rohre und wimmerte hemmungslos vor mich hin. Irgendjemand im Haus würde mich hoffentlich hören und mit mir fühlen.
Unter mir wohnte ein schwules Pärchen mittleren Alters. Der eine groß und blond, mit ausgeprägten Nasolabialfalten, der andere sehr klein und zierlich mit schmalen Augen und großporiger Haut. Die beiden hatten regelmäßiig bei offenem Fenster Sex, wobei einer von ihnen, es klang wie der Große, ganz jämmerlich schrie. Wenn sie fertig waren, hörte man ihn noch lange laut schluchzen und weinen.
Die beiden hatten einen Narren an mir gefressen und immer mal wieder hängten sie mir eine Tüte mit selbstgebackenen Keksen oder sogar mit Lebkuchen an die Tür.
-Läbkuchen, Sälbstgemacht!
Diese landeten, so wie die meisten Lebensmittel, nach einem kurzen Umweg über meinen Magen, ganz schnell in der Toilette. Ich habe mich nie für ihre Geschenke revanchiert, obwohl ich die beiden gerne mochte. Ich konnte einfach nicht.
In der  gleichen Mietskaserne wohnte auch ein spät-erblindeter Mann um die Vierzig, der gerade eine Umschulung machte und ziemlich kontaktfreudig war. Manchmal, wenn ich Abends nach Hause kam und nach einem ganzen Tag unter Menschen noch weniger als sonst in der Lage war mit jemandem zu sprechen, versuchte ich mich geräuschlos an ihm vorbei zu drücken, während er gerade auf einen anderen Nachbarn im Hausgang einredete.
Nicht ein einziges Mal gelang mir das. Immer, wenn ich schon an ihm vorbei war, grüßte er mich aus dem Hinterhalt. Laut und namentlich. Ich erschrak und grüßte kleinlaut zurück. Über die Zeit gruselte mir regelrecht vor ihm und ich hatte den Verdacht, dass er vielleicht nur so tat, als könne er nichts sehen. Seine Versuche sich mit mir zu verabreden wehrte ich solange ab, bis er es aufgab.
Im Appartement links neben mir wohnte eine junge Frau. Ich habe sie nie gesehen, aber ihre Loggia grenzte an meine, und so bekamen wir ein wenig voneinander mit.
Auch aus ihrer Wohnung schluchzte es immer mal wieder. Oft klingelte das Telefon und sie hob nicht ab, obwohl sie zuhause war.
Eines Tages sitze ich auf meinem Bett, das in der Nische, gegenüber der offenen Balkontür steht.
Ich habe einen Joint geraucht, die Schwaden hängen im Raum und ich bin so breit, dass ich zu nichts mehr fähig bin. Nicht einmal zum Zeichnen.
Also sitze ich einfach so da, im Schneidersitz an die Wand gelehnt, und schaue auf das Müllheizkraftwerk, das in der Entfernung  in eine Senke im Wald gebaut ist und eine Lücke in die Linie der Baumkronen reisst. Seit ein paar Wochen steht, ein Stück näher zu mir hin, ein riesiger Kran, der im Ruhezustand so geparkt ist, dass der querauslegende Schwenkarm diese Lücke optisch überbrückt und von oben verschließt. Das gefällt mir.
Darüber und über vieles andere denke ich nach.
Linton Kwesi Johnson, der Poet und Soziologe singt- Fite Dem Back. Seine tiefe Stimme vibriert in meinem Kopf und in den Lenden. Es ist Hochsommer.
Nebenan klingelt das Telefon ohne Unterlass. Seit Tagen schon. Nach 4 Mal Läuten hört es auf, und der Anrufbeantworter springt an. Kurz danach klingelt es wieder.
Drei Stockwerke weiter unten rumpelt und rasselt es. Müllabfuhr? Ich bin zu träge um nachzuschauen. Nicht weiter wichtig.
Die Geräusche scheinen von der tiefer gelegenen Straße zu kommen. Möglicherweise wird auch der Belag erneuert. Dann höre ich laute Männerstimmen, die einander etwas zurufen. Die Müllabfuhr.
Mir ist heiß, ich öffne die Knöpfe meiner Bluse und ziehe den Rock nach oben. Selbst zum Ausziehen bin ich nicht in der Lage. Stattdessen zünde ich mir den Rest des Joints an, der im Ascher liegt. Ein, zwei Züge gehen noch.
Draußen schwillt der Lärm an. Die Stimmen werden immer aufgeregter und lauter. Wird da ein Wildschwein durch den Garten gejagt?

Akustische, optische und olfaktorische Halluzinationen durch THC

Nicht weiter besorgniserregend. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht schräg draufkomme. Ein falscher Gedanke und die Stimmung kippt von Entspanntheit in haltlose Verzweiflung. Neben mir liegt ein kleiner Spiegel. Ich nehme ihn zur Hand und schaue in große braune Augen. Glühsen. Mein Gesicht liegt ruhig da, wie ein See. Nichts regt sich. Kein Wimpernschlag. Nur stilles Lauschen nach innen und außen. Ich bin schön. LKJ singt, und ich bewege meine Lippen dazu.

Fashist an di attack / Wi wi‘ fite dem back

Es ist, als würde ich im Meer schwimmen.
Eine leichte Brandung schaukelt mich auf und ab.
Mein Körper besteht zu 90 % aus Wasser.
Mein Blut hat die Zusammensetzung der Ursuppe.
Ich bin ein elektrischer Fisch. Ein Butt. Gleichstrom/ Wechselstrom.

Draußen rumpelt, kracht und schreit es weiter, und ich muss mich konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Versuchen das Netz an einem Zipfel fest zu halten, ehe es sich auflöst. Der Traum gleitet vom Laken und verflüchtigt sich wie Hochprozentiges.

The dream is lost
Don’t let it slip away

Der Kran beim Müllheizkraftwerk bewegt sich.
Einsamer Beruf. Jeden Tag alleine da hoch und abends wieder runter. Höhenangst. Ich schließe die Augen und bewege mich ein wenig zur Musik. Plötzlich scheint sich der Krach zu nähern. Das Rattern wird lauter, dazu kommt ein trockenes Kratzen und Schaben. Dann ein harter Aufprall.
Ponk!
Ich öffne die Augen. Die Katze kriecht unter das Regal. Etwas bewegt sich an der Balkonbrüstung.  Zwei Stangen, eine Leiter! Handschuhe tauchen von unten auf, dann ein Kopf, ein Rumpf, Feuerwehr!
Scheiße! Brennt es? Der Ascher steht kalt und harmlos auf dem Bett, die Rauchschwaden haben sich aufgelöst. So ein Einsatz wegen eines Joints? Möglich, wir sind in Bayern.
Ein zweiter, dritter, vierter Uniformierter klettert über die Betonbrüstung in die Loggia, und ich kann mich nicht bewegen. Nicht einmal sprechen. Immer noch im Tran schlage ich die losen Seiten der Bluse übereinander und bemühe mich normal auszusehen. Einer hebt die Hand zum Gruß, ich nicke.
Nummer Fünf, Sechs und Sieben.
Die ersten hacken mit einer Axt auf die Blumenkästen am Nachbarbalkon ein, bis sie zerbersten und abstürzen. Dann sichern sie sich mit Seilen und klettern rüber. Einer nach dem anderen. Acht Mann.
Drüben klingelt wieder das Telefon. Eine Männerstimme. Schritte.
Bald darauf öffnet sich nebenan die Wohnungstür. Die Männer verlassen das Haus, die Leiter wird eingefahren.
Ich lausche noch eine ganze Weile den Geräuschen auf der Straße. Der Zug setzt sich in Bewegung, fährt den Hang herunter und verschwindet hinter der Kurve Richtung Gattinger, dem Straßenstrich. Im Treppenhaus unterhalten sich die Nachbarn, aufgeregte Stimmen klingen aus dem Garten nach oben.
Als ich erwache ist es dunkel. Ich füttere die Katze, bestelle mir eine Pizza und packe.
Am nächsten Tag fahre ich, mit der Katze, für ein paar Tage nach Frankfurt, meinen Vater besuchen.

Kirchner Kleist Cobain

Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

Heute vor 15 Jahren hat sich meine Freundin B. erhängt. In ihrer Wohnung.
Nur zwei Stunden vor ihrem Tod habe ich mit ihr telefoniert. Wir besprachen ein Referat, das wir am nächsten Tag gemeinsam halten wollten.
Norbert Elias und John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter.
Sie war ruhig und konzentriert.

Am Tag vor ihrem Selbstmord hatte sie die EC-Karte sperren lassen, die ihr abhanden gekommen war. Kurz davor war sie beim Friseur gewesen, und wenige Wochen zuvor hatte sie aufgehört zu rauchen. Alles Dinge, die dem Leben zugewandt schienen, und die uns Freundinnen hoffen ließen. Hoffen, dass sie das Tal der Depression durchschritten hätte, und dass es von nun an aufwärts gehen würde. Dass es ihr sehr schlecht ging, hatte sie immer wieder gesagt. Geschluchzt.
B. befand sich in therapeutischer Behandlung, aber es hatte den Anschein, dass die Gespräche nur das in ihr aufwühlten, was sie dringend vergessen wollte.
B. starb im gleichen Alter und auf die gleiche Weise wie ihr Vater.

Keine zwölf Stunden nach ihrem Tod warte ich auf sie. Wir wollen zusammen zur Uni fahren und unser Referat halten.
An ihrer Stelle erscheint ihre Mitbewohnerin. Als ich die Tür öffne, senkt sie den Blick und betritt wortlos die Wohnung. Ich weiß sofort, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Und ich weiss instinktiv was es ist.
T. schaut in mein angespanntes Gesicht. Es rauscht in meinen Ohren, mir ist flau, ich habe Angst. Die Spannung ist unerträglich. Ich will wissen, was passiert ist, gleichzeitig möchte ich wegrennen, die Ohren zuhalten und  „Lalalal!“ rufen.
T. schließt die Wohnungstüre hinter sich.Gefangen.Wir stehen uns gegenüber.

-B. hat sich gestern aufgehangen, sagt sie ruhig und irgendwie verlegen.

-Aufgehängt,  korrigiere ich innerlich und warte darauf, dass sie –Wir haben sie einfach abgehangen und sie erholt sich gerade, hinterher schiebt.
Ich weiss, dass das nicht sein kann, aber B.´s Tod erscheint mir noch unmöglicher als diese hoffnungslose Utopie.

Vakuum Rauschen Watte Brennen

Ich schäme mich, dass sich selbst in diesem schrecklichen Moment mein pedantischer Sprachscanner zu Wort gemeldet hat. Gleichzeitig überrollt mich eine Welle der Panik und es schüttelt mich. Viel später erst kann ich weinen. Und dann lange nicht mehr aufhören. Beim Autofahren steuere ich Richtung Avus, höre Tocotronic, schreie und und trete das Gaspedal durch.

Jahre zuvor hatte sich schon Freund A. erhängt. Er hinterließ eine kleine Tochter.
Als wir uns das letzte Mal sahen, lebte ich bereits in einer anderen Stadt. Dort besuchte er mich für zwei Tage und erzählte von der Ruhe die er im Zen-Buddhismus gefunden hatte.
Tue was du tust
Nachdem er abgereist war, dachte ich oft an ihn, und was was er gesagt hatte und versuchte mich in der gleichen Gelassenheit zu üben. Fast beneidete ich ihn, diesen Anker im Leben gefunden zu haben.
Als meine Briefe und Karten, die ich schrieb unbeantwortet blieben, rief ich ihn an. Für gewöhnlich telefonierten wir nicht, sondern schickten uns regelmäßig Papiernachrichten.
Ich erwischte seine Mitbewohnerin.
-Hallo, kann ich bitte mit A. sprechen.
-Wer bist du?
-Eine Freundin.
Unheilvolles Schweigen. Und wieder weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.
A. ist tot. Wenige Tage nach seinem Besuch bei mir hat er sich erhängt.
Tue was du tust

Der dritte Selbstmörder in meinem Leben, ist mein über die Maßen geschätzter, lässiger Englisch- und Sportlehrer, der uns am ersten Tag als Klassenlehrer englische Namen gegeben hatte. Ich war Shirley.
Es gefiel mir, dass er uns die Möglichkeit eröffnete in eine andere Rolle zu schlüpfen. Englisch wurde mein Lieblingsfach. Nach dem Sportunterricht, den er gerne in den nahe gelegenen Ostpark verlegte, nahm er diejenigen, die nicht mit dem Rad unterwegs waren in seinem schwarzgoldenen Käfer-Cabriolet mit. Er war anspruchsvoll im Unterricht, forderte und mochte uns, und wir bewunderten ihn für sein souveränes Auftreten.

Johannes M.

Nach den Sommerferien gehe ich ins Sekretariat um das Klassenbuch zu holen. Als ich die Sekretärin danach frage, schaut sie auf und blickt mich sehr ernst an. Plötzlich wirkt sie angespannt. Unnatürlich. Betreten.
Sie schweigt einen Moment, scheint mit  sich zu ringen.
Mir wird heiss, ich fühle mich elend. Stickig hier.
Etwas Schlimmes hängt in der Luft.
Ich kann es förmlich greifen.
Mit einer Hand stütze ich mich an ihrem Schreibtisch ab.
Sie hustet, sammelt sich und dann sagt sie es: Der Unterricht für die Klasse 9a fällt heute aus. Euer Klassenlehrer ist tot. Es ist noch unklar wie es weiter geht.

Ich bedanke mich für die Auskunft und sichere zu dies der wartenden Klasse mitzuteilen. Ohne das Buch laufe ich aus dem Sekretariat. An der Aula vorbei renne ich in Zeitlupe das alte offene Treppenhaus herunter. Meine Knie sind weich. Trotz meiner Angst bin ich merkwürdig euphorisch und atemlos. Gleich werde ich 35 Menschen sagen müssen, was geschehen ist.
Wochen später schreibe ich seiner Mutter, die bei München lebt, einen Brief. Ich will sie wissen lassen, wie traurig ich bin, wie sehr ihr Sohn fehlt.  Sie antwortet sehr herzlich und legt ihrem Brief ein schwarz-weiss-Foto bei.
Er hatte sich aus Liebeskummer erschossen.

Musik: Peter Gabriel, Don´t give up

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Nachtrag: dass Kurt Cobain´s Tod sich am 5. April jährt, habe ich erst nach Veröffentlichung dieses Artikels gelesen.