Die Wanja

10186886736_8183a939c9_z

Was man alles hätte erreichen können, denke ich, und mein Blick schweift von den Ordnern auf dem Tisch zu den Krähen auf dem Baum.
Wäre ich nur ein bißchen weniger faul, hätte ich nur etwas mehr Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis oder wäre wenigstens meine Grundeinstellung materialistischer und ich auf Anhäufung irdischer Güter und das damit verbundene Ansehen bedacht, dann, ja dann hätte wahrscheinlich vieles oder zumindest manches aus mir werden können.
So aber, ist so ziemlich gar nichts aus mir geworden und es tut mir nicht einmal Leid darum, denn mir fehlt tatsächlich jede den Augenblick überdauernde Vision eines anderen Selbst, und jeder Versuch eines alternativen Entwurfes endet in samtvorhangschwerem Glam und Glimmer oder in an Schlichtheit nicht zu überbietender hölzerner Askese, was in etwa einen Eindruck meiner heillosen Ziel- und Perspektivlosigkeit vermittelt.

Manche Leute werden Eisschnellläufer und eilen und gleiten im Kreis herum. Andere schürfen oder schieben virtuelles Geld hin und her, einer reißt Karten ab oder tüftelt und grübelt sich unsichtbare Sachen zusammen, die er in Formeln fasst mit deren Hilfe irgendwann sichtbare Sachen hergestellt werden können.
Der Vater einer Bekannten, ein Mathematiker, hat solange gerechnet und formuliert bis ganz am Ende ein Atomkraftwerk dabei heraus kam, worauf er nicht stolz und worüber er irgendwann sogar sehr traurig war. Im vergangenen Jahr ist er schließlich gestorben und das Atomkraftwerk steht immer noch und niemand kann sagen wie lange das gut geht bis irgendwer durch austretende Strahlung zu Tode kommt. Solche Dinge passieren durchs Denken, es gibt zahllose Beispiele dafür.

Um überhaupt erstmal die Ruhe zu haben, konsequent zu denken, bräuchte es ein gutes Zeitmanagement, überlege ich, während ich eine Handvoll Kaffeebohnen in die Mühle werfe und den Startknopf drücke, dann wüsste man genau wie lange ein Vorgang oder eine Verrichtung im Schnitt dauert, würde die errechneten Zeitspannen aneinanderhängen, ein paar Sicherheitspuffer draufschlagen und sich, sofern man im Zeitplan wäre, alle 4 Stunden eine halbe Stunde Pause gönnen, statt wie bisher jede Stunde 10 Minuten. Falls man schneller war als erwartet, könnte man diesen Zeitgewinn als Guthaben auf ein Zeitkonto packen und würde damit schön viel Freizeit rausschinden, die ich auch so habe, allerdings ohne das Gefühl sie rechtschaffen verdient zu haben.
In jedem Fall wäre alles was man täte 1000 Mal effektiver als jetzt. Die stündlichen Unterbrechungen tun dem Flow nicht gut und fördern nur immer weiter den Müßiggang.
Alle 4 Stunden zu pausieren bedeutete aber auch auf ein Pensum von maximal 3 Cappucini vor 16 Uhr zu kommen, was meinem schwindelerregend niedrigem Blutdruck (85/65) gewiss nicht gut bekäme und meine ohnehin eher flache Leistungskurve nur noch mehr in den Keller drückte.

Mit der annähernden Koffeinkarenz gäbe ich zudem den letzten Pfand, den ich im Falle eines jemals abzulegenden Gelübdes in die Waagschale werfen könnte, um damit Schonung für mich oder einen geliebten Menschen zu erbitten, aus der Hand.
Was hätte ich der Göttin des Universums dann noch zu bieten? Schokoladenverzicht oder Schlafentzug?

Vieles hätte aus mir werden können, denke ich, als der fünfte oder sechste Kaffee des Tages mir heiss die Kehle hinunter rinnt und mein Blick wieder auf den riesigen Papierhaufen fällt, den abzuarbeiten ich mir als Tagewerk vorgenommen hatte. Doch da es draußen schon dunkelt und selbst die zänkischen Spatzen langsam Ruhe geben und Frieden einkehrt im winterlichen Garten, wische ich die Papiere beherzt vom Tisch in den Metallkäfig hinein und fange an, mir Gedanken über mein unverdientes Abendessen zu machen.

 

 

 

 

Bild: Yulya Evdokimova flickr Юля Евдокимоваj105_025s Республика Марий Эл, лето, 2013
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/